Wien, 30.April 1799: An den Proben beteiligte Musiker erzählen „von den Herrlichkeiten dieses Tonwerkes so Außerordentliches und Niegehörtes…, daß die Kunde davon gleich einem Lauffeuer in der ganzen Stadt sich verbreitete und die Erwartungen auf den Kulminationspunkt steigerte“. So wusste es Georg Feder 200 Jahre später in seiner Einführung in Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ wiederzugeben.
Die Fiaker vor dem – heute nicht mehr existierenden – Stadtpalais Schwarzenberg standen im Stau: Hier erlebte Haydns Werk über die biblische Schöpfungsgeschichte seine umjubelte Uraufführung, ehe es den Siegeszug um die Welt antrat – trotz zahlreicher Bedenkenträger in den damaligen musikalischen Hochburgen. Selbst Goethe schrieb an Zelter: „Töne durch Töne zu malen; zu donnern, zu schmettern, zu plätschern und zu patschen ist detestabel (abscheulich).“ Was schon verwunderlich ist, denn im „Schöpfungslobgesang“ der Erzengel Raphael, Gabriel und Michael im „Faust“ finden sich durchaus Parallelen zum Text der „Schöpfung“, den Gottfried van Swieten nach John Miltons „Das verlorene Paradies“ schuf.
Der Wiener Volkschriftsteller Joseph Richter ließ seinen Bauern Eipeldauer beziehungsweise dessen „Gmahlin“ feststellen, sie hätte sich die Erschaffung der Welt ganz anders „vorgstellt. Sie hat glaubt, daß d’Sonn und der Mond wirklich aufgehn wird, und daß die Thier alle, wie in unserm Pferdballet, wirklich aufs theater kommen, und daß d’ Vögel in Loschen herumfliegen, und d’ Schlangen und sogar d’ Mehlwürm aufn Theater herumkriechen, und daß der Schöpfer auf d’letzt den Adam aus ein Lambatzen (Lehmklumpen) und d’Eva aus seinem Rippen macht … so nennt’s jetzt d’ Cantati aus Verdruß eine Kirchenmusik.“
Schlechte Erinnerungen an die Aufführung der „Schöpfung“ hatte auch Napoleon: Auf dem Weg in die Pariser Oper im Januar 1801 explodierte unmittelbar vor ihm in der Rue Saint-Nicaise eine Tonne mit Sprengladung. Es gab Tote und Verletzte, er selbst entging dem Attentat der Royalisten nur knapp.
Aufführungen, auch in Massenbesetzungen, folgten im 19. Jahrhundert weltweit. Am 4. Oktober 1855 wirkten unter Franz Lachner in München 800 Sänger und 200 Orchestermusiker mit …
Mit gerade einmal 40 Leuten sang Ende Februar und am 1. März der RIAS-Kammerchor, begleitet vom Konzerthausorchester unter der wie immer emotionalen wie konzentrierten Leitung von Joana Mallwitz – und, um es vorwegzunehmen: nicht nur das immer mit Spannung erwartete „Und es ward Licht!“, das im zartesten Piano beginnt, dann im Forte und im C-Dur-Akkord erstrahlt, dass man meint, auch die Kronleuchter seien heller geworden!
Dazu sangen Elsa Dreisig einen tremoloreichen Gabriel, Kieran Carrel den Raphael, Julia Grüter eine wunderbare Eva und Michel Nagel als Adam das Niederfallen und Staunen vor den Wundern der Natur, die uns nicht nur in jedem Frühjahr aufs Neue berührt.
Das Stück spielt ausschließlich im Paradies, weil die Protagonisten den Rat des Uriel befolgen: „O glücklich Paar, und glücklich immerfort, wenn falscher Wahn euch nicht verführt, noch mehr zu wünschen als ihr habt, und mehr zu wissen als ihr sollt!“ Noch …
In einem Handzettel zur Aufführung 1799 im Wiener Hoftheater konnte man lesen: „Nichts kann für Haydn schmeichelhafter seyn, als der Beyfall des Publikums. Den zu verdienen hat er sich stäts eifrigst bestrebt, und ihn bereits oft, und mehr, als er es sich versprechen durfte, zu erwerben das Glück gehabt…; doch wünscht er noch, daß auf den Fall, wo zur Aeußerung des Beyfalls sich etwann Gelegenheit ergäbe, ihm gestattet seyn möge, denselben wohl als ein höchstschätzbares Merkmahl der Zufriedenheit, nicht aber als einen Befehl zur Wiederhohlung irgend eines Stückes anzusehen, weil sonst die genaue Verbindung der einzelnen Theile, aus deren ununterbrochenen Folge die Wirkung des ganzen entspringen soll, notwendig zerstöret … werden müßte.“
Im Klartext: Klatschen dürft´s ihr, aber erwartet keine Wiederholungen. Leider.