Jarosław Kaczyński legt frühzeitig vor. Anfang März ließ er Przemysław Czarnek zum Spitzenkandidaten der oppositionellen Nationalkonservativen ausrufen: Der soll im Herbst 2027 die Parlamentswahlen gewinnen. Czarnek, getreuer Parteisoldat im besten Alter (Jahrgang 1977), ist für einen harten Rechtskurs bekannt, er gilt als gewiefter Mann fürs Grobe. Obendrein ist Czarnek nie verlegen, wenn es im nationalkonservativen Kampfgetümmel zur Würze zusätzlich den rhetorischen Schuss gegen den deutschen Nachbarn braucht. Kaum gekürt, teilte er mit „deutschem Argument“ kräftig gegen Ministerpräsident Donald Tusk aus: Die bislang getarnte deutsche Option sei mittlerweile zur offenen Option ausgewachsen: „Wir müssen Polen gewinnen, Polen muss zurückgewonnen werden.“ Der angegriffene Regierungschef reagierte prompt: „Bange machen gilt nicht, aber sie dürfen nicht unterschätzt werden. Eines aber steht fest: Auf Polen wartet 2027 ein Endspiel.“
Das derzeitige Kräfteverhältnis verrät: Die von Tusk geführte Partei Bürgerkoalition (KO) liegt zwischen 30 und 35 Prozent Wählerzuspruch, die Nationalkonservativen platzieren sich eine Stufe darunter zwischen 25 und 30 Prozent, der Abstand beträgt also meistens um die fünf Prozentpunkte. Beide Gruppierungen bräuchten für eine Regierungsmehrheit Koalitionspartner, was die Sache zuspitzt. Im Augenblick könnte Tusk mit guten zehn Prozent auf der linken Flanke rechnen. Allerdings bliebe die so überaus wichtige gemäßigt-konservative Flanke verwaist, der offen ausgebrochene Streit dort zwischen den einzelnen Gruppierungen verschreckt die Wählerschaft – die vereinzelten Optionen scheiterten an der Fünfprozenthürde. Bliebe es so, dann wäre im Herbst 2027 jede liberale Regierungsoption vom Tisch, Tusk wäre ein gescheiterter Mann.
Dies ruft Wahlstrategen bei den Nationalkonservativen auf den Plan, denn die Situation im rechten Oppositionslager stellt sich so dar: Rechts von den Nationalkonservativen haben sich im zurückliegenden Jahr zwei nationalistische und offen EU-feindliche Richtungen festgesetzt, die zusammengenommen regelmäßig 20 Prozent auf die Waage bringen. Eine solche Zustimmung würde ausreichen, um ein Bündnis aus Nationalkonservativen und Nationalisten an die Regierungsmacht zu bringen. In vielen innenpolitischen Fragen ist man sich sogar einig, außerdem würde der Kampf gegen den als Feind angesehenen Gegner, das von Tusk geführte Regierungslager, zusammenschweißen. Die Crux liegt aber in der Außenpolitik, denn das Kaczyński-Lager hält an der EU-Mitgliedschaft fest, auch wenn es einen Rückbau der politischen Union zu einem locker verbundenen Wirtschaftsverband souveräner Vaterländer fordert, während die Gruppierungen der Nationalisten mit einem Austritt Polens drohen. Und bei der Israel-Kritik verstehen die Nationalkonservativen keinen Spaß, sie halten fest zu Benjamin Netanjahu.
Zwei Richtungen haben sich bei den Nationalkonservativen inzwischen ausgebildet. Die eine wird unter anderen von Mateusz Morawiecki angeführt, dem Ministerpräsidenten von Ende 2017 bis Ende 2023. Unter seinen Gleichgesinnten spielen Überlegungen eine stärkere Rolle, dringend benötigte Stimmen in der Mitte der Gesellschaft zu gewinnen, nicht am rechten Rand, der sich gegen die EU-Mitgliedschaft radikalisiert. Das Wegbrechen von Wählerzustimmung für den konservativen Flügel im Regierungslager hat derartigen Berechnungen zusätzlichen Rückenwind verschafft. Das Konzept wäre folglich, zu den Parlamentswahlen gemäßigt-konservativer anzutreten als bisher, sich deutlicher von den nationalistischen Gruppierungen abzugrenzen und im eigenen Auftreten die bürgerlich-konservativen Farben stärker zu betonen, ohne die zentrale nationalkonservative Ausrichtung auf die Bewahrung von nationaler Identität und die Verteidigung von staatlicher Souveränität aufzugeben. Das Ziel hieße, dem Tusk-Lager ausgerechnet im bürgerlich-konservativen Spektrum die entscheidenden Stimmen abzuringen.
Kaczyński hat anders entschieden. Die frühe Ernennung Czarneks zum Spitzenkandidaten ist ein deutliches Signal. Morawieckis Schlenker zur bürgerlichen Mitte wäre ein riskantes Spiel, man würde die nationalistische Flanke leichtfertig aufgeben, ohne festen Grund in der Mitte zu gewinnen. In der Mitte, davon ist Kaczyński überzeugt, ist für die Nationalkonservativen nicht viel zu holen. Das deckt sich mit dem scharfen Kurs, den Staatspräsident Karol Nawrocki seit der Amtsübernahme im August 2025 eingeschlagen hat. Während Amtsvorgänger Andrzej Duda im Kern immer nationalkonservativ blieb, treibt Nawrocki mit seiner störrischen Haltung, die im Parlament verabschiedeten Gesetzesvorlagen mit dem Präsidentenveto zu blockieren, weil das Interesse Polens entschlossen verteidigt werden müsse, immer auffälliger zur nationalistischen Flanke. Ein künftiger Ministerpräsident Czarnek wäre das von Kaczyński gewollte Pendant am Regierungshebel. Eine solche Machtkonstellation wäre eine dramatische Niederlage für das liberal ausgerichtete Polen und zugleich eine ernsthafte Gefahr für Polens EU-Mitgliedschaft. Dies meint Tusk, wenn er auf das Endspiel um Polen einstimmt.