In vielen Medien Deutschlands wird orakelt, was Donald Trump mit dem Krieg gegen Iran beabsichtige. Immer wieder heißt es, Trump und seine Regierung hätten keinen Plan, weder für die militärischen Abläufe noch in Bezug auf die Kriegsziele. Kriegsberichterstatter, die auch nur in ihren Redaktionsstuben sitzen, machen in der Regel eine Szenarien-Liste mit drei bis sechs Punkten auf, die völlig gegensätzliche Ausgänge beschreiben. Wenn einer davon am Ende eintritt, hatten sie immer Recht. Besonders beliebt ist auch der Terminus „imperialer Größenwahn“.
International gehen die Bewertungen gleichfalls weit auseinander. So meint die Istanbuler Tageszeitung Karar, ohne Bodenoffensive werde Trump nicht zum Ziel kommen. Jeder wisse, „dass die US-Armee in Iran keinen wirklichen Erfolg erzielen kann, solange sie keine Bodenoffensive startet. Allerdings kann sie von der amerikanischen Öffentlichkeit keine Zustimmung für einen Landkrieg erwarten. Vor allem die Anhänger von Trumps Maga-Ideologie wollen unter keinen Umständen, dass sich die USA in Angelegenheiten außerhalb des Kontinents einmischen.“ Die Lage des angegriffenen Iran sei nicht besser als die Trumps. Auch die Führung in Teheran brauche einen Ausweg, um sich zu behaupten.
Die slowenische Wochenzeitung Mladina spricht von einem gefährlichen Militärabenteuer, für Israel und die USA laufe es nicht wie geplant. Militärisches Ziel sei die Zerstörung der strategischen Waffen Irans, das politische Ziel der Sturz der derzeitigen Regierung. Die militärische Intervention solle einen internen politischen Umsturz ermöglichen. „Diese groteske Einfachheit wurde zunächst durch die iranische Reaktion zunichte gemacht, die zu einer raschen Ausweitung der Kämpfe auf die Golfstaaten und zur Schließung der Straße von Hormus führte. Innerhalb kürzester Zeit entstand ein chaotischer regionaler Kriegsschauplatz mit globalen politischen und auch wirtschaftlichen Folgen.“ Das amerikanisch-israelische Militärabenteuer sei „diesmal gefährlicher, als es scheint“.
Der ukrainische Blogger Karl Woloch dagegen sieht bereits jetzt einen Sieg für den US-Präsidenten. „Da dieser Krieg überhaupt keine Bodenoperation vorsieht, lässt er sich relativ einfach beenden – indem man die Angriffe einstellt. […] Sowohl dieser Umstand als auch die Ergebnisse, die die Kräfte der Koalition in Iran erzielen, ermöglichen es Trump schon jetzt, diese Operation als klaren Sieg darzustellen: Das Atomprogramm wurde weit zurückgeworfen, das Raketenprogramm erheblich getroffen, die finanziellen Möglichkeiten zur Unterstützung regionaler Proxys wurden untergraben, Luftwaffe, Luftverteidigung und Marine sind nahezu vollständig zerstört, andere Teilstreitkräfte geschwächt, und die repressiven staatlichen Institutionen haben erheblichen Schaden erlitten.“
Der jetzige Krieg der USA und Israels gegen Iran hat mehrere Vorgeschichten. Eine in den USA. Am 4. November 1979 stürmten junge Anhänger der Islamischen Revolution die US-amerikanische Botschaft in Teheran und setzten Botschaftsangehörige fest, 52 Diplomaten waren 444 Tage, bis zum 20. Januar 1981, Geiseln Irans und wurden zum Teil gefesselt und mit verbundenen Augen den Medien vorgeführt. Iran forderte die Auslieferung des gestürzten und ins Ausland geflohenen Schahs Reza Pahlevi sowie die Freigabe iranischer Auslandsguthaben.
Am 4. April 1980 brachen die USA die diplomatischen Beziehungen zur Islamischen Republik Iran ab – sie wurden bis heute nicht wieder aufgenommen. Zugleich wurden Wirtschaftssanktionen verhängt. Präsident Jimmy Carter (Demokraten) hatte im Dezember 1979 eine gewaltsame Befreiung der Geiseln öffentlich ausgeschlossen, tatsächlich jedoch den Befehl dazu gegeben. Der Versuch im April 1980 scheiterte jedoch kläglich in der iranischen Wüste. Carter galt nun als schwach und verlor die Präsidentenwahl 1980 gegen den Republikaner Ronald Reagan.
Aufmerksam recherchierende Trumpologen teilten mit, Trump habe das Geiseldrama von 1979 bereits damals – 33-jährig und weit davon entfernt, jemals Präsident zu werden – als große Schmach für die Vereinigten Staaten empfunden. In diesem Sinne ergibt sich aus dem Angriff auf Venezuela, dem verschärften Druck auf Kuba und dem Krieg gegen Iran eine gewisse Logik: Trump will historische Ereignisse ausbügeln, in denen die USA schmähliche Niederlagen erlitten hatten. Das könnte man auch als symbolische Politik innerhalb der veränderten Weltordnung ansehen.
Am 22. September 1980 begann Irak seine Angriffe auf Iran. Der irakische Präsident Saddam Hussein wollte die Grenze zu Iran zu seinen Gunsten verändern und geopolitisch regionale Dominanz erringen. Dieser „Erste Golfkrieg“ dauerte bis zum 20. August 1988. Hussein fühlte sich überlegen und hielt Iran nach der Islamischen Revolution für geschwächt. Beide Seiten erlitten große Verluste, die iranischen werden auf bis zu einer halben Million Menschen geschätzt. Irak setzte auch Chemiewaffen ein und wurde erst indirekt, dann direkt durch die USA unterstützt. Der Krieg endete mit einem Waffenstillstand, der den Status quo ante wiederherstellte.
Vor diesem Hintergrund schrieb der Schweizerische Tages-Anzeiger: „Trump und seine Berater wundern sich seit Wochen öffentlich darüber, warum das Regime in Teheran nicht einfach aufgibt. Sie verkennen, dass die Mullahs sich seit Jahrzehnten genau auf diesen Fall vorbereitet haben, der Kampf gegen den ‚großen Satan‘ ist Teil ihrer Identität. Den sie aus ihrer Sicht gar nicht verlieren können – sterben sie, dann als Märtyrer. Militärisch ist der Iran hoffnungslos unterlegen. Es braucht aber nur ein paar Treffer auf die Ölförderung oder die Wasserentsalzungsanlagen der Golfstaaten, und die Weltwirtschaft schaut in den Abgrund.“
Israel folgt seiner eigenen Logik, um die letzte verbliebene kampfstarke Macht in der Region auszuschalten und seine Rolle als Regionalmacht für längere Zeit zu befestigen. Die polnische Polityka schreibt: „Israel handelt so, als wolle es eine unwiederbringliche Gelegenheit ausnutzen. Es greift alle Ziele an, die irgendeinen Bezug zum iranischen Regime haben, aber auch solche, deren Beschädigung soziale Unruhen auslösen könnte. Das Ziel Israels scheint die Zerstörung der iranischen Machtstruktur zu sein, selbst wenn dies Chaos, Bürgerkrieg oder sogar den Zerfall des Iran bedeuten würde. Eine ähnliche Strategie verfolgt Israel auch gegenüber den Palästinensern und derzeit gegenüber dem Libanon.“ Auch der ukrainische Politologe Olexij Kopytko sieht Israel auf der Gewinnerseite: „Israel hat bei diesem Feldzug einen starken Verbündeten an Bord geholt und zerstört systematisch das militärische Potenzial Irans. Sobald es an seinen Grenzen für mehr Ordnung gesorgt hat, kann es die Gewinne der aktuellen Phase verbuchen.“ Das bedeute, „schon jetzt hat Israel zweifellos gewonnen. Jeden Tag sammelt es zusätzliche Pluspunkte. Der Begriff ‚Israels Krieg gegen Iran‘ entspricht voll und ganz dem, was gerade geschieht.“