Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler – Während Ihrer fast noch jungen Kanzlerschaft mussten Sie sich vom politischen Gegner und von den Medien bereits einiges unter die Nase reiben lassen, das in so unbefriedigende Rubriken wie Pleiten, Pech & Pannen, Inkompetenz und „Ruhmesblätter werden dafür nicht vergeben“ fällt. Da ist es doch höchst erfreulich, dass wir seit neuestem wissen: Richtig rechnen können Sie aber gut!
Jüngst haben Sie in Ravensburg jungen Menschen den Weg zu einer sorgenfreien Zukunft durch private Vorsorge gewiesen. Und das geht so: „Man muss nur mit kleinen Beträgen früh genug anfangen und darf es nie unterbrechen.“ Wenn man „50 Euro im Monat“ spare, winke „eine sechsstellige Altersversorgung, wenn Sie dann mit 65, 68 in den Ruhestand gehen“.
Wir haben nachgerechnet und sind dabei von 40 Jahren ausgegangen, in denen gespart wird. Ergibt nach Adam Ries 24.000 Euro. Bei einer siebenprozentigen Traumrendite pro Jahr am Aktienmarkt könnte daraus tatsächlich – wir haben die KI von Google befragt – eine Endsumme von 123.577,10 Euro werden.
Wow. Zwar nur gerade so, aber doch – sechsstellig!
Macht bei 20 Rentenjahren pro Monat immerhin satte 514,90 Euro.
Gut – leider vor Steuern und Inflation.
Und irgendwelche Downs am Aktienmarkt müssen in den 40 Jahren natürlich ausgeblieben sein. Doch etwas Optimismus hat noch nie geschadet.
Besondere rührend nicht zuletzt Ihre aufmunternde Mahnung an die etwa 5,4 Millionen Bürgergeld- und demnächst Grundsicherungsempfänger im Lande: „[…] sag […] bitte niemand: Das könnten wir ja nicht [50 Euro im Monat zurücklegen]. Natürlich können wir das.“
Guido Westerwelle, ehemals Bundesaußenminister und FDP-Vorsitzender – Am 18. März 2026 jährte sich Ihr Todestag zum zehnten Male. Normalerweise und allein wegen der sehr knappen Zeitspanne wäre uns das keine Erwähnung wert. Doch in Ihrem Falle machen wir unbedingt eine Ausnahme.
Allein Ihrer Hartnäckigkeit war es nämlich zu danken, dass in der am 26. Oktober 2009 unterzeichneten Koalitionsvereinbarung der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung (zweites Kabinett Merkel, 2009 bis 2013) zum ersten und bisher einzigen Mal der Abzug der letzten US-Nuklearwaffen aus Deutschland als Regierungsziel fixiert wurde: „[…] werden wir uns im Bündnis sowie gegenüber den amerikanischen Verbündeten dafür einsetzen, dass die in Deutschland verbliebenen Atomwaffen abgezogen werden.“
Ein damaliger Abzug der ursprünglich und nun schon seit Jahren wieder zum Einsatz gegen Moskau vorgesehenen Atomwaffen würde heute das Risiko signifikant verringern, dass Deutschland im Falle eines Krieges mit Russland, den Politik, Geheimdienste, Medien und Militär hierzulande für die Zeit spätestens ab 2029 herbeireden, frühzeitiges Ziel russischer nuklearer Präventiv- oder Gegenschläge wäre.
Schon für den Versuch, ein atomwaffenfreies Deutschland zu erreichen, bewahren wir Ihnen ehrendes Angedenken!
Dies umso mehr, als wahnfrohe Debatten pro Verstärkung der westlichen Atomrüstung und auch um eine nukleare Bewaffnung Deutschlands längst wieder Konjunktur haben. Zu dieser Entwicklung passt übrigens, dass Der Spiegel Ihnen aus Anlass Ihres zehnten Todestages zwar einen vierseitigen Beitrag widmete, Ihrer Haltung zu den US-Kernwaffen jedoch kein einziges Wort.
PS: Auf einem anderen Blatt steht, dass Merkel Sie damals klandestin gelinkt hat. Bereits am 10. November 2009 empfing Christoph Heusgen, Merkels sicherheitspolitischer Adlatus im Kanzleramt, hinter verschlossenen Türen zwei offizielle Emissäre der USA. In deren später geleakter Gesprächsnotiz es heißt: „Auf Gordons [eines der US-Vertreter – die Redaktion] Frage, wie die Regierung die in der Koalitionsvereinbarung enthaltene Verpflichtung, sich für die Entfernung aller verbleibenden Atomwaffen aus Deutschland einzusetzen, umsetzen wolle, distanzierte sich Heusgen im Namen des Kanzleramts von diesem Vorschlag und behauptete, dieser sei ihnen von Außenminister Westerwelle aufgezwungen worden.“
Dieses, mit Verlaub, hinterfotzige Finassieren, hielt Merkel offenbar selbst vor den Spitzen ihrer eigenen Partei geheim, denn am 26. März 2010 stimmte auch die Unionsfraktion im Bundestag einem parteiübergreifenden Antrag von Union, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen zu, in dem es hieß: „Der Deutsche Bundestag begrüßt die Absicht der Bundesregierung, […] sich im Bündnis sowie gegenüber den amerikanischen Verbündeten dafür einzusetzen, dass die in Deutschland
verbliebenen Atomwaffen abgezogen werden“.
Nicole Büttner, FDP-Generalsekretärin – Zunächst ist uns der Schrecken gehörig in die Glieder gefahren: Wenn das jetzt Schule machte …
Anfang Januar 2026, vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, hatten Sie im Interview mit der Schwäbischen Zeitung verkündet: „Ich rasiere mir eine Glatze, wenn wir den Einzug in den Landtag verpassen. Alles weg. Radikal.“ Dann kam die Klatsche am Wahlsonntag: Mit 4,4 Prozent flog Ihre Partei hochkant aus dem Stuttgarter Parlament. Und Sie waren wenig später tatsächlich mit blankem Haupt zu sehen.
Daher unser Schrecken: Wenn das jetzt Schule machte, dass Politiker nach Wahlen dazu stehen, was sie vor den Wahlen versprochen hatten – nicht auszudenken! Das wäre das Sterbeglöcklein des kritischen Journalismus.
Doch dann blickten wir einmal in die Runde, und die Sorge war schneller wieder verschwunden, als sie sich eingestellt hatte: Kritischen Journalismus gibt es hierzulande, von wenigen Ausnahmen abgesehen, schon lange nicht mehr. Und im Übrigen – eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, denn dass Politiker ab sofort Wort hielten. Ihre Glatze fällt ganz klar in die Sparte: Exception makes the rule.
Jan Fleischhauer, erzkonservativer Kolumnist beim FOCUS – Wahrlich ist es nicht so, dass uns schon jemals politisch besonders zugesagt hätte, was Sie allwöchentlich in Ihrem Burda-Blatt von sich geben. Doch jetzt haben Sie den Staatsanwalt auf dem Hals. Nach der Neu-Gründung eines Jugendverbandes durch die AfD hatten Sie öffentlich gefragt, wie diese Truppe – zuvor waren mehrere Namensideen lanciert worden – denn nun eigentlich heiße: „‚Generation Hoffnung‘ oder ‚Generation Deutschland, ausgepennt!‘“ Wir können die dabei von Ihnen treffgenau verwendete SA-Parole hier leider nicht wörtlich wiedergeben, denn, so hat die Staatsmacht Sie amtlich wissen lassen: „Beim o. a. Wortlaut handelt es sich um eine verbotene Parole gem. § 86a StGB.“
Paragraph § 86a StGB verfügt: Das „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen“ wird mit „Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe“ geahndet.
Das gilt natürlich völlig zu Recht für Parolen, Symbole und dergleichen der Nazi-Bewegung unter Hitler und ihrer diversen Gliederungen, um dem Treiben heutiger Faschisten einen Riegel vorschieben zu können. Doch ebenso völlig zu Recht gelten Ausnahmetatbestände, etwa für Historiker und Journalisten.
Dass Sie von Letzteren jetzt offensichtlich ausgenommen werden, erscheint uns als weiteres höchst beunruhigendes Indiz dafür, wie sehr die Demokratie selbst hierzulande bereits unter Druck geraten ist.
Inzwischen geht es auch schon, da sind wir ganz bei Ihnen, „um die Verteidigung der Demokratie vor ihren Rettern“. Weswegen wir Sie ganz ausdrücklich unserer journalistischen Solidarität versichern!
Zugleich haben Sie Veranlassung anzunehmen, dass „der Polizei wohl ein kleines Vöglein zugetragen“ habe, „dass ich verbotene Sätze im Munde führte“. Dazu bemerken Sie: „Ich komme aus einer Zeit, als der Zuträger noch als Denunziant galt. Der Nachbar, der am Zaun lauschte, das war das Letzte. Heute ist der Lauscher in den rot-grünen Adelsstand erhoben. Heute heißt er ‚Trusted Flagger‘ [„vertrauenswürdiger Hinweisgeber“ – die Redaktion] und wird im Zweifel von der Regierung für seine Hilfsdienste bezahlt.“
Wir unsererseits kommen aus einer anderen Zeit, in der sich das Zuträgertum zwar in einer Aura staatlichen Wohlwollens sonnte, in der sich unter der Hand gleichwohl Hoffmann von Fallerslebens Diktum hoher Wertschätzung erfreute: „Der größte Schuft im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“
Daran halten wir – Aura hin, Adelsstand her, welcher Kolorierung auch immer – unverdrossen fest.