WamS: […] Intern hieß das Projekt bis vor kurzem „Projekt Halle“. Warum Halle?
Friedrich: Weil in Halle jetzt dieser Wiedervereinigungstempel gebaut wird, ein „Zentrum für Wiedervereinigung und europäische Perspektiven“. Für 300 Millionen Steuergeld mit jährlichen Betriebskosten von 30 Millionen. Es gibt keine unsensiblere Fuck-you-Geste der politischen Klasse gegenüber der ostdeutschen Gesellschaft als das. Ein bisschen wie der Schlossbau [in Berlin – W.S.] – gleiches Niveau. Und völlig unnötig.
WamS: Und die „Ostdeutsche Allgemeine“ ist Ihre „Fuck-you-Geste“ zurück?
Friedrich: Ja, schon.
Verleger Holger Friedrich,
Interview mit der Welt am Sonntag
Und es sind nicht zuletzt die überschießenden, teilweise hasserfüllten Reaktionen
auf die Person Friedrichs und sein Zeitungs-Projekt,
die mich mit ihm sympathisieren lassen. […]
Meine Lektüre der Berliner Zeitung, die ja als Mutter der OAZ gelten darf,
schwankt immer zwischen Zustimmung, Widerspruch, Neugier und Kopfschütteln.
Aber was will man mehr?!
Jürgen Kuttner,
Namensbeitrag im freitag
Am 20. Februar ist die erste Printausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung erschienen. Im öffentlichen Begrüßungstusch Töne wie diese: „Ostdeutsche Allgemeine Zumutung“ (Campact e.V.; „vereint“ – eigener Verlautbarung zufolge – immerhin „die Kraft von 4,25 Millionen Menschen“); „Mit Skepsis erwartet“ (Deutschlandfunk); und die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katrin Göring-Eckart hatte zwar noch „keine Ausgabe vorliegen“, sah aber schon „eine unangebrachte Pauschalisierung und Vereinnahmung, mit der zurecht viele Menschen im Osten des Landes fremdeln dürften“. Die FAZ erkannte: „Jetzt kommt die Revanche für 1989“. Und die Zeit fragte sich, ob „Debatten bei der Ostdeutschen Zeitung nach journalistischen Standards geführt werden“ …
Ein Motto im Kopf einer Zeitung ist heute ja eher selten, aber wäre „Plures hostes, maior gloria“ („Viel Feind, viel Ehr‘“) für die OAZ nicht ganz passend?
Dorian Baganz: Da kann ich Sie beruhigen – wir haben bei weitem nicht nur Gegenwind bekommen, ganz im Gegenteil. Der Sound von Leserbriefen und Kommentaren, die bei uns eingegangen sind, war ein ganz anderer als der mancher Medien. Nämlich wahnsinnig positiv. Viele Leute haben uns gesagt, toll, dass ihr das macht, es ist höchste Zeit. Von daher sind wir hochmotiviert.
Und was die andere Begleitmusik anbetrifft: Wir respektieren die Meinung der Kollegen, erlauben uns aber trotzdem, an dem festzuhalten, was wir uns vorgenommen haben: Wir wollen zum ostdeutschen Leitmedium werden.
Und zwar mit deutschlandweiter Ambition, wie OAZ-Gründer und -Herausgeber Holger Friedrich durchblicken ließ. In einer Arena, in der, O-Ton Friedrich, „die wenig vornehm agierenden Herausgeber der FAZ, der Süddeutschen, der Taz, der Zeit und des Spiegels“ die Platzhirsche sind. Damit könnte die Latte höher kaum gelegt sein. Wie soll dieses Ziel erreicht werden?
DB: Das ist eine berechtigte Frage und die Antwort darauf lautet: Man wird in Ostdeutschland Leitmedium, indem man die großen politischen Debatten, die in diesem Land geführt werden, in einer Art und Weise publizistisch begleitet, dass sich eine Mehrheit der Ostdeutschen davon angesprochen fühlt. Ich wünsche mir, dass die Leute morgens die Zeitung aufschlagen und nicht das Gefühl haben, hier wird, was der vorherrschende Tenor der Westmedien ist, vor dem Osten gewarnt, sondern dass die Leute merken – hier komme ich vor. Mit meinem Leben, mit meinen Erfahrungen und Meinungen, mit meiner vom westlichen gesellschaftlichen Mainstream gegebenenfalls deutlich abweichenden Haltung. Und zwar nicht nur ab und zu, sondern in tagtäglicher Selbstverständlichkeit.
Zugleich werden wir die typische Talkshow-Konstellation vier gegen einen, auf dessen gegensätzliche Position sich dann die Mehrheit konfrontativ einschießt, vermeiden. Wir wollen unseren Lesern ein pluralistisches Angebot machen, auf dessen Basis sie sich ihre eigene Meinung bilden können.
Eine ganze Seite in der Erstausgabe der OAZ ist einem Selbsterklärungstext gewidmet, untertitelt mit „Unser publizistischer Anspruch“. Darin heißt es einleitend, im heutigen Journalismus verschwämmen infolge von wirtschaftlichem, politischem und gesellschaftlichem Druck „zunehmend die Grenzen zwischen Meldung, Einordnung, Meinung und Haltung, Zuspitzung ersetzt Kontext, Framing tritt an Stelle von Erklärung, komplexe Wirklichkeit wird auf einfache Erzählungen reduziert“. Das ist offenbar als Beschreibung des medialen Allgemeinzustandes im Lande zu lesen. Woran konkret machen Sie diese Einschätzung fest?
DB: An dem, was von westdeutschen Medien, privaten wie öffentlich-rechtlichen, täglich so serviert wird. Und bei weitem nicht nur über den Osten. Zum Beispiel auch im Hinblick auf die inzwischen allgegenwärtige russische Bedrohung, wo zahlreichen Medien eine Behauptung bereits Beweis genug ist, während man nach sauber recherchierten Fakten vergeblich sucht.
Einer Umfrage vom vergangenen Herbst zufolge haben nur noch zehn Prozent der Befragten den Eindruck, dass ihr Lebensalltag und ihre Realität überhaupt in den Medien stattfindet.
All dies dürfte nicht zuletzt einer der maßgeblichen Gründe dafür sein, dass die Abo-Verkaufszahlen medialer Flaggschiffe des Westens im Osten so sind, wie sie sind: FAZ, wenn ich richtig informiert bin, 3,4 Prozent, Spiegel ungefähr vier Prozent.
Darüber hinaus besteht ein spürbares Manko der aktuellen Medienberichterstattung aber auch darin, dass vieles aus der täglichen Realität erst gar nicht thematisiert wird. Oder haben Sie, um ein Beispiel zu nehmen, irgendwo mal ein ausführliches Interview mit Jacques Baud gelesen? Das ist der Schweizer, jetzt in Belgien lebende frühere Oberst, Geheimdienst- und NATO-Mitarbeiter sowie Militäranalyst, der aufgrund seiner Analyse des Ukraine-Kriegs von der EU sanktioniert wird, inklusive Kontensperrung und Reisebeschränkungen. Ohne vorherige Anhörung wurde ihm das Etikett Verbreiter von Desinformationen angeheftet; über Nacht wurden ihm seine Grundrechte und seine wirtschaftliche Existenz genommen. Übrigens mit Zustimmung der Bundesregierung. Solches Vorgehen trägt totalitäre Züge. Die OAZ hat Baud in ihrer ersten Printausgabe auf einer Doppelseite zu Wort kommen lassen, und wird Vergleichbares immer wieder tun. Nicht ohne den Betreffenden, wo nötig, auch zu widersprechen. Halt ganz normale journalistische Arbeit.
Das, was im publizistischen Anspruch der OAZ quasi als Programm nachzulesen ist, und nicht minder die von Ihnen gerade skizzierte Art und Weise, die Leute im Osten anzusprechen, erlebe ich als Leser der Berliner Zeitung schon seit einigen Jahren. Nachdem die Friedrichs das Blatt 2019 übernommen hatten. Wäre es da nicht einfacher gewesen, die Berliner Zeitung auf Neufünfland auszuweiten? Ähnlich der Frankfurter Allgemeinen …
DB: Ihr Eindruck, was das publizistische Profil der Berliner Zeitung anbetrifft, ist einerseits völlig korrekt, andererseits ist das Blatt jedoch regional auf die Hauptstadt fokussiert und soll es auch bleiben. Die OAZ ihrerseits wird dieses publizistische Profil auf Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen ausweiten.
Im erwähnten publizistischen Anspruch heißt es unter anderem auch: „Wir tun mitunter Dinge, die auf den ersten Blick falsch wirken. Nicht, weil wir Irritation suchen, sondern weil wir überzeugt sind, dass Erkenntnis oft dort beginnt, wo Gewissheiten ins Wanken geraten.“ Könnten Sie das ganz praktisch konkretisieren?
DB: Ganz praktisch werden wir zum Beispiel mit der AfD anders umgehen, als es die anderen Bundestagsparteien und die Mehrheit der Medien tun. Sogenannte Brandmauern haben den Zulauf zur AfD ja faktisch bisher nur verstärkt. Wir halten Ausgrenzen und Kommunikationsverweigerung gegenüber einer Partei, die in Sachsen-Anhalt in den Umfragen bei knapp 40 Prozent liegt und dort demnächst vielleicht den Ministerpräsidenten stellt, für den grundsätzlich falschen Weg. Wir werden mit der AfD kritisch und distanziert umgehen, mehr dann aber auch nicht.
Wirksamkeit und Reichweite haben nicht nur, aber auch mit Auflage zu tun. Medienberichten zufolge soll die Startauflage der OAZ bei 40.000 liegen. Das ist, gemessen an den 12,4 Millionen Menschen, die noch im Osten leben, nicht eben üppig. Was sind die nächsten Etappenziele?
DB: Die werde ich Ihnen, vor allem aber den Wettbewerbern auf dem Markt, jetzt nicht verraten. Die Anzahl für die Print-Startauflage kann ich Ihnen allerdings bestätigen. Die Exemplare waren, nach allem, was wir erfahren haben, rasch vergriffen; das Publikumsinteresse, die Nachfrage war offenbar höher als das Angebot. Wer wünschte sich das nicht für den Auftakt! Und natürlich haben wir Etappenziele, wollen entschieden mehr Zeitungen und Abos, digital wie Print, verkaufen, um die OAZ auch wirtschaftlich auf ein solides Fundament zu stellen.
Es mache „Spaß, sich gegen Widrigkeiten durchzusetzen und denen, die einen scheitern sehen wollen, das Gegenteil zu beweisen“, hat Ihr Verleger unlängst geäußert. Dass Blättchen-Team wünscht maximalen Erfolg.
Das Gespräch führte Wolfgang Schwarz am 27. Februar 2026.
Dorian Baganz, Jahrgang 1993, studierte Politikwissenschaft sowie Geschichte in London, Berlin und in Oslo. Ab 2019 war er Lokalreporter für die Süddeutsche Zeitung. Daneben schrieb er Politikartikel für die taz. 2022 wechselte Baganz zum Wochenblatt der freitag, wo er vornehmlich mit Klimathemen und sozialen Umbrüchen befasst war, bevor er ab Mai 2024 das Wirtschaftsressort leitete. Im Februar 2026 wurde er Chefredakteur der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung.