Nachts schleicht ein Mann, an seiner Kleidung als Gulag-Häftling zu erkennen, aus der Baracke, klettert über einen Stacheldrahtzaun, um seiner Tochter, die zusammen mit ihrer Mutter in der benachbarten Frauenzone des Lagers eingesperrt ist, zum zwölften Geburtstag gratulieren. Auf dem Rückweg wird er von einem Wachposten, dem er vergeblich zu erklären versucht, nicht fliehen zu wollen, erschossen. Seine Frau Antonia Berger, als Mitglied der „Kolonne Links“ in die Sowjetunion gekommen und zwei ihrer Leidensgefährtinnen, darunter Wilhelm Piecks Sekretärin, werden 1952 entlassen, weil sich dessen Sohn mit Erfolg, gegen Einwände des Vaters, bei den sowjetischen Genossen für sie eingesetzt hatte. Die „drei Gäste aus Moskau“ treffen auf dem Bahnhof in Fürstenberg ein. Mit diesen Szenen beginnt der Film von Bernd Böhlich „Und der Zukunft zugewandt“.
Als der Film in die Kinos kam, war an Erinnerungen und Interviews von Überlebenden des Gulags kein Mangel. Es gab Bücher, Dokumentarfilme, Tagungen, Ausstellungen über Familiengeschichten von vor Hitler geflohenen und von Stalin verfolgten deutschen Kommunisten. Das den Überlebenden in der DDR von der SED-Führung verordnete Schweigen über ihr Schicksal in der Sowjetunion gehörte zu angesprochenen Themen.
Es gab eine Unmenge an Material, auf das die Macher des Films bei ihren Recherchen hätten zurückgreifen können, denn das eigentliche Thema des Streifens, dessen Handlung zwischen 1952 und dem Mauerfall spielt, ist das Warten auf die Zeit, in der es endlich möglich wird, über das in der Sowjetunion Erlebte reden zu können.
Auch wenn es sich hier nicht um einen Film über Workuta handelt, greift Böhlich den Ort als Chiffre für stalinistischen Terror schlechthin auf. Nur mit den Fakten nimmt er es nicht allzu genau. Im von 1938 bis 1960 existierenden Lagerkomplex Workuta wurden 1948 Lagerabteilungen mit verschärftem Haftregime eingerichtet. Im Unterschied zu den anderen Gulags gab es in Workuta allerdings keine benachbarten Frauen- und Männerzonen. Die gefangenen Frauen in Workuta konnten auch nicht zum Holzfällen in den Wald getrieben werden, weil es nördlich des Polarkreises keinen Wald gibt. Das Bild das Böhlich dem Zuschauer präsentiert, trifft eher auf die Kolyma zu.
Die Arbeit der Workutahäftlinge unter Tage war hart, ihre Isolation vollkommen. Der Haftordnung entsprechend, wurden die Unterkunftsabaracken nachts verschlossen, die Fenster waren vergittert. Ein Recht auf Korrespondenz gab es nicht. Papier und Stifte waren verboten und wurden bei den ständigen Filzereien abgenommen. Die Häftlinge der Lager mit verschärftem Haftregime – darunter auch Antonia Bergers Ehemann – trugen auf Mützen, Hosen und Jacken Aufnäher mit der Häftlingsnummer.
Gemeinsam mit den Eltern verhaftete oder im Lager geborene Kinder konnten, solange die Frauen stillten, bei ihren Müttern bleiben. Danach kamen sie, wenn die Kleinkinder nicht von Angehörigen aufgenommen wurden, in speziell hierfür eingerichtete Kinderheime des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD), erhielten neue Namen und konnten zur Adoption freigegeben werden. Die entsprechenden Beschlüsse des Politbüros der KPdSU (B) und die Folgebefehle des NKWD, die das alles bis ins kleinste Detail regelten, sind publiziert und von Historikern in der Fachliteratur kommentiert. Böhlich müsste das eigentlich bekannt sein.
Doch er wollte für den Schrecken und das Grauen des Stalinschen Terrors einen in der Bundesrepublik bekannten Namen finden. Daher entschied er sich für Workuta und nicht für eines der anderen über 470, in der gesamten Sowjetunion verstreuten Lager. Da Böhlich dem Untersuchungsführer des MfS, einem ehemaligen Buchenwaldhäftling, gespielt von Peter Kurth, beim Verhör von Antonia Berger die Worte in den Mund legt, nur er sei in einem richtigen Lager gewesen, wäre eine präzise Darstellung der Haftzeit der Protagonistion des Films wichtig.
„Ich habe, wie gesagt, eine ganze Reihe von Biographien dann genauer kennengelernt“, bemerkte Böhlich in einem Interview für Deutschlandfunk Kultur. „Ich habe versucht, aus diesen vielen Biographien, die ich gelesen, gehört, recherchiert habe, drei […] zu formen für den Film.“
Böhlichs Versuch, die zahlreichen Erzählungen der Zeitzeugen über die Gulags auf einen Nenner zu bringen, ist jedoch gründlich misslungen. Im Gulag, anders als in den KZs, wurden die Wachposten ausschließlich zur Bewachung der Häftlinge eingesetzt. Im Film gibt es eine kurze Szene, in der ein Posten die Frauen beim Holzfällen zur Arbeit antreibt. Nur war das nicht Aufgabe der Wache, sondern anderer Häftlinge, der Brigadiere. Deren „Motivation“? Von der Erfüllung der Arbeitsnorm hing die Brotration der gesamten Brigade ab, und damit das Überleben.
Frauen, im Film wird die Verhaftung von Antonia Berger auf 1938 datiert, wurden in den Jahren des Großen Terrors in spezielle, für „Angehörige von Verrätern an der Heimat“ eingerichtete Lager verbracht; es gab derer drei – in Kasachstan, Sibirien und Moldawien. Als diese überbelegt waren, wurden die im Regelfall wegen konterrevolutionärer Propaganda oder antisowjetischer Agitation verurteilten Frauen auch auf andere Lager verteilt. In Workuta waren 1355 Frauen inhaftiert.
Das von Antonia im Lager verfasste sehr großformatige Tagebuch – ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit – wäre für die NKWD-Leute, die ihre Befehle in Ermangelung von Papier oft auf Banderolen von Konservenbüchsen schrieben, ein weiterer Beleg für konterrevolutionäre Propaganda gewesen.
Böhlichs Versuch, neben dem spezifischen Terror in der UdSSR das im Verschweigen in der DDR zum Ausdruck kommende systemische Moment zu zeigen, ist, wenn auch mit Abstrichen, gelungen. Er führt die gesamte Palette der SED-Funktionäre vor, die die drei Frauen misstrauisch beäugen. Die von Barbara Schnitzler gespielte Frau geht schließlich in den Westen … Die Charaktere der drei Frauen bleiben im Übrigen, verglichen mit denen ihrer Gegenspieler, eher blass. Nicht zuletzt deshalb setzte Angelika Nguyen ihre Filmkritik in telegraph insgesamt zurecht unter die Überschrift „Hölzernes Lehrstück“.
Das Ende des Schweigens fällt mit dem Mauerfall zusammen. Antonia Berger gehört erneut zu den Verlierern. Ihr Versuch, in der DDR einen besseren Sozialismus aufzubauen, ist gescheitert. „Gescheitert auch an der Lüge, am Schweigen über all die Irrtümer und Verbrechen?“ Die von Gunnar Decker in dessen Filmkritik im nd aufgeworfene Frage kann nur mit einem Ja beantwortet werden.
Im Abspann des Films fehlt leider ein Dank an jene Frauen und Männer, die Böhlich mit ihren Erinnerungen den Stoff für den Film geboten haben. Swetlana Schönfeld, sie spielt im Film die Mutter von Antonia Berger, gehört zweifellos zu ihnen. Swetlana wurde in einem sowjetischen Arbeitslager in Magadan geboren, ihr Vater im Lager ermordet. Ihre Geschichte diente dem Regisseur als Vorlage.
Angelika Nguyen hob in ihrer Filmkritik die Leistung von Swetlana Schönfeldt hervor: „Wie Mutter und Tochter sich nicht umarmen können, wie die Mutter sich nicht freut, sondern nur Vorwürfe parat hat, wie die Tochter sich mit dem Rücken zu ihr setzt und blind ihre Hand ergreift. Hier kommt wirklich spürbar das Verbrecherische der Gulags, die Tragik in den Familien, die Folgen langen Getrenntseins zum Tragen, und nur hier gibt es eine Entwicklung. Die Besetzung der Mutter mit der 68jährigen gestandenen Ost-Theaterfrau Swetlana Schönfeld ist ein Glück für den Film. Leider nur viel zu kurz. Was der aufwendige Rest des Films nicht schafft, schaffen die zwei, drei Szenen mit ihr: es geht einem nahe.“
„Und der Zukunft zugewandt“, Deutschland 2019, Regie und Drehbuch: Bernd Böhlich; DVD, 12,90 Euro.