Das neueste Buch des Germanisten Carsten Gansel beschäftigt sich mit der Frage, was mit der DDR-Literatur nach 1990 geschah, mit der Ignoranz ihr gegenüber und warum das so war. Die Erzählung, die Analyse, hat wie eine Zwiebel mehrere Schichten und die Wertungen sind häufig so scharf, dass einem das innere Auge vor Freude tropft. Gleich zu Anfang wird ein „Entwicklungsvorsprung der Ostdeutschen“ behauptet, der sich natürlich aus der Kenntnis zweier Welten, aber auch aus der notwendigen Selbstreflexion der DDR-Bürger in ihrem vormaligen Staat ergibt, die nicht zuletzt durch die literarischen Störfälle jener Jahre ermöglicht wird. Gansel beschreibt die Störungen, die von literarischen Werken ausgehen konnten als Chance zum Lernen. Eine Chance, die die Herrschenden ausschlugen – im Unterschied zu Teilen der ostdeutschen Leserschaft. Das sechste Kapitel seines Buches wendet sich exemplarisch solchen Störungen zu: Siegfried Pitschmanns „Erziehung eines Helden“, Werner Bräunigs „Rummelplatz“, Fritz Rudolf Fries‘ „Der Weg nach Oobliadooh“. Letzterer Roman konnte erst spät zu einer Störung im ostdeutschen Publikum führen, weil er zuerst 1966 im Suhrkamp-Verlag erschien und erst 1989, als die Gesellschaft sich auf anderen Wegen bereits deutlich gewandelt hatte, in einem DDR-Verlag. In diesem Kapitel werden auch die jungen Autoren beschrieben, die sich nicht mehr in die Öffentlichkeit der DDR einordnen wollten, sondern bewusst oppositionell wurden oder sich, wie etwa in der „Prenzlauer-Berg-Szene“, deren Regeln gänzlich verweigerten.
Gansels Buch ist aber auch eine Geschichte der politischen „Einschnitte in der DDR und [deren] Folgen für die Literatur“: der 17. Juni 1953, 1956, der Mauerbau und die Zeit danach bis zum 11. ZK-Plenum im Dezember 1965, die Phase der Prager Reformen und ihrer gewaltsamen Beendigung, sowie der Kölner Auftritt Wolf Biermanns 1976, der Protest der Schriftsteller gegen dessen Ausbürgerung und die Folgen. Rückblickend stellte Christa Wolf 1982 fest, dass durch die Reaktionen der SED-Führung ein Band zerschnitten wurde zwischen der Politik und der Literatur: „Das reine Zurückgeworfensein auf die Literatur brachte den Einzelnen in eine Krise, eine Krise die existentiell war.“ Zuvor sahen sich nicht wenige Schriftsteller, gerade diejenigen, die gegen die Behandlung Biermanns protestierten, als Weggefährten und Schrittmacher jenes utopischen Projekts des Staates, jenes Sozialismus.
Beim Lesen des Buchs wird es denn auch möglich, eine Geschichte der DDR zu rekonstruieren – eine Geschichte, die nicht auf das Diktum der „zweiten deutschen Diktatur“ reduzierbar ist. Gansel nähert sich dieser Geschichte von ihrem Beginn her, die Kapitelüberschrift lautet: „Zukunftshoffnungen und die Visionen des Anfangs in der DDR“. Solches Herangehen hatte schon Hans Mayer in seinem „Turm von Babel“ (1991) gewählt. Auf diese Weise erfährt man auch, dass der heute vielgescholtene „Bitterfelder Weg“ damals etlichen Autorinnen und Autoren ernst genommen wurde und auch beachtliche Ergebnisse hervorgebracht hat, wenn man etwa an Brigitte Reimann und ihre „Franziska Linkerhand“ denkt. Viele weitere Autoren – Christa Wolf, Siegfried Pitschmann, Werner Bräunig, Erik Neutsch, Karl-Heinz Jakobs – werden genannt. Sie alle konnten mit der Orientierung auf die Arbeiterschaft und die materielle Produktion damals durchaus etwas anfangen.
Das Buch ist eine durchgängige Geschichte der Literatur, ihrer verschiedenen Phasen und ihrer wichtigen Vertreter. Erinnert wird etwa an die Akademielesung Stephan Hermlins 1961 und an die Lyrikwelle, öffentliche Lesungen von Gedichten – unter Bezug auf ähnliche Erscheinungen jener Zeit in der Sowjetunion. Überschrieben ist das mit dem Titel eines Gedichts von Volker Braun: „Kommt uns nicht mit Fertigem!“ Sehr treffend schreibt Gansel: „Diese jungen Autorinnen und Autoren wollten – vereinfacht gesagt – mit künstlerischen Mitteln in gesellschaftliche Belange eingreifen, wohl wissend, dass in der DDR etwas Neues in Aussicht gestellt war…“ Das auch war es, was mich mit Volker Braun und seinen Gedichten verband, als ich im Studium in Berlin Anfang der 1970er zu eigenen Perspektiven auf den Sozialismus fand.
Gansels Urteil über die geschichtsauslöschende Haltung der hegemonialen bundesdeutschen Öffentlichkeit zur DDR-Literatur nach 1990: Sie sei insgesamt affirmativ gewesen zum Staat und sauber in zwei Schubladen zu stecken, „staatstreu“ oder aber „kritisch“. Es habe in der Bundesrepublik auch einmal eine andere Sicht auf die DDR und ihre Literatur gegeben, nämlich nach der „Kulturrevolution von 1968“, doch nach 1990 sei die bundesdeutsche Öffentlichkeit wieder in alte Muster aus der Zeit der Systemkonfrontation zurückgefallen. Die Ursache dieses Rückfalls sucht der Autor ausgehend vom „deutsch-deutschen Literaturstreit“ 1990 zu ergründen, der eigentlich nur ein westdeutscher war, „weil außer den oppositionellen Autoren Chaim Noll und Martin Ahrends, die aus der DDR kamen, ausschließlich Vertreter des westdeutschen Feuilletons zu Wort kamen“ – beide Autoren waren im Übrigen 1984 aus der DDR ausgereist. Anderen DDR-Autorinnen und -Autoren sei nach 1990 die Rolle als moralisch-politische Instanz abgesprochen worden. Auch deshalb, weil die entscheidenden Kräfte der Opposition sich für einen demokratisch-sozialistischen Weg eingesetzt hatten, was mit dem, was die Mehrheit der DDR-Bevölkerung wollte, ab Beginn des Jahres 1990 sichtbar divergierte.
Schließlich zeigte der Elitenaustausch im Gefolge der deutschen Einheit seine Wirkung. Nach der Umstrukturierung an den Universitäten gab es dort nur noch wenige Ostprofessoren, also Wissenschaftler mit Erfahrungen aus dem verschwundenen Staat, die sie auf ihrem jeweiligen Gebiet in eine Darstellung der DDR-Geschichte hätten einbringen können. Zumindest gilt das für die Bereiche, die in der DDR als „Gesellschaftswissenschaften“ bezeichnet wurden.
Der Literaturstreit, begonnen im Juni 1990, wurde in der (west-)deutschen Öffentlichkeit noch Jahre weitergetrieben. Nach dem Streit um Christa Wolf gab es Auseinandersetzungen um Jurek Becker (1992), Alfred Andersch (1993), Stephan Hermlin (1996) und Erwin Strittmatter (2008). Gansel stellt fest: „Es ging hier um vermeintliche Retuschen an der eigenen Biografie, die nicht hinreichende Kritik an diktatorischen Verhältnissen oder die Rolle in der Diktatur.“ Das alles wird gut recherchiert dargestellt. Wie auch die Tatsache, dass Gegenreden von DDR-Intellektuellen wie Dieter Schlenstedt von den westdeutschen überregionalen Medien ignoriert wurden. Sie wurden allerdings im Blättchen veröffentlicht. Als Spitze dieses Prozesses und Nachweis des weiteren Wirkens der Abwertung der DDR-Literatur wird der „Antikanon“ von Denis Scheck präsentiert, der 2021 Christa Wolfs „Kassandra“ in eine Reihe mit Hitlers „Mein Kampf“ und Paulo Coelhos „Der Alchimist“ stellte. Scheck zählt zu seinem „Antikanon“ Bücher, die man vergessen solle. Christa Wolf gerät darein mit folgendem Argument: „Ernst ist der Grundton ihrer Literatur, stets und nur ernst, bitter ernst.“ Eine Einordnung des literarischen Textes in die Weltlage zur Entstehungszeit bleibt aus, folglich bleibt er unverständlich.
Schließlich kommt Gansel noch einmal auf die Frage zurück, was es bedeutet, wenn die Erfahrungen aus einem Teil der deutschen Geschichte in der relevanten Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Und er erläutert, was dadurch verloren zu gehen droht: Es ist nämlich danach zu fragen, „in welcher Weise das Leben in der DDR und das Zurechtfinden unter gänzlich anderen Verhältnissen nach 1989 fit für die Gegenwart gemacht haben …“ Mit solchen Erfahrungen ist man nach Gansel besser vorbereitet auf den Vergleich zwischen medialer Propaganda und eigenem Erleben. Und darauf komme es heute, in einer Zeit der Krisen, an. Ob das so ist, muss sich noch zeigen.
Zuletzt sollen zwei Abschnittsüberschriften aus dem Schlusskapitel genannt werden, um die Neugierde der Leserschaft anzuregen: „Ostdeutsche als Beobachter und Aufstörer?“ und „Ostdeutsche als Seismographen der Demokratie“. Das Buch enthält auf zwei Seiten auch 50 Lektüreempfehlungen: Gedacht als Vorschlag für einen positiven Kanon der DDR-Literatur für nachkommende ostdeutsche Generationen und neugierige westdeutsche Leser.
Carsten Gansel: Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand. Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2026, 383 Seiten, 28 Euro.