Hans-Jochen Vogel, 2020 verstorbener vormaliger OB von München und Regierender von Berlin, Bundesminister (erst Wohnungsbau, dann Justiz), SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat – Aus Anlass Ihres 100. Geburtstages (3. Februar 2026) hat Ihnen, dem „Karajan der Kommunalpolitik“ (O-Ton Weltwoche) Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung ein Loblied gesungen, aus dem zu zitieren sich eigentlich erübrigte, wenn man die Headline zur Kenntnis genommen hat: „Ein Politiker, wie ihn die SPD so dringend bräuchte“: brillanter Jurist, „holte die Olympischen Spiele“ 1972 nach München, „arbeitete mit pedantischer Lust, mit bürokratischer Genialität und elitärem Anspruch“ und „brachte gestandene Abteilungsleiter und Staatssekretäre zum Weinen, weil sie seinem Tempo, seiner Akribie und seinem Wissensdurst nicht gewachsen waren“.
Ab 1983, als SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, setzten Sie der damaligen Zuspitzung der Ost-West-Konfrontation einen pragmatischen Entspannungskurs entgegen, der auch regelmäßige jährliche Arbeitstreffen mit dem Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, einschloss, – ein Kriegsverhütungskurs, für den Sie seitens der heutigen SPD-Führung wahrscheinlich mit einem Parteiausschlussverfahren rechnen müssten.
Andererseits, und das mag in den Augen mancher Ihrer Parteigenossen die Scharte damals wieder ausgewetzt haben, waren Sie das Zünglein an der Waage, das dafür gesorgt hat, dass Honecker (und anderen DDR-Politikern) nach der Eingliederung des Landes in die BRD der Prozess gemacht werden konnte.
In den „Erinnerungen 1990 – 1994“ von Helmut Kohl liest sich das folgendermaßen: Im Juli 1990, auf dem Flug in den Kaukasus, sei er, Kohl, von Gorbatschow gefragt worden, „was aus den großen Führern der DDR werden würde“. Er habe erklärt, dass er „persönlich nicht sonderlich daran interessiert sei, eine große Verfolgungsjagd zu inszenieren“. Und dann heißt es weiter: „Später versuchte ich bei einem Vieraugengespräch mit Hans-Jochen Vogel dieses Thema vorsichtig anzusprechen und musste sofort einsehen, dass ich beim SPD-Oppositionsführer […] auf Granit stieß. Wie aus der Pistole geschossen verwies er auf die Regeln des Rechtsstaats, die es unmöglich machten, politisch irgend etwas zu bewirken. Ich brach das Gespräch sofort ab. Hans-Jochen Vogel, der dem Staatsratsvorsitzenden jahrelang politisch wie menschlich mit großem Entgegenkommen begegnet war, zeigte Honecker jetzt die kalte Schulter.“
Harald Martenstein, Kolumnist – In der Welt am Sonntag stellten Sie dieser Tage die Frage, was Deutschland denn tun könnte, wenn US-Präsident Trump „nach der ja lediglich aufgeschobenen Besetzung Grönlands als Nächstes den Dänen als Ersatzgrundstück Schleswig-Holstein schenkt“, und gaben selbst die einzig realistische Antwort: „Nur hoffen, dass Dänemark ablehnt.“
Genau darin, so scheint uns einerseits, besteht ein Hauptmerkmal der neuen „Ära der Großmachtpolitik“, vor der Kanzler Friedrich Merz beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos gewarnt hat. Und andererseits: Wer solchen Verbündeten wie Washington immer noch am Rockzipfel hängt, der kann sich weitere Feinde eigentlich gar nicht leisten.
Jane Zahn, Kabarettistin, Liedermacherin und Ossietzky-Autorin – Sie haben kommentiert: „Das Unwort des Jahres 2025 ist: ‚Sondervermögen‘. Dabei wurde dieses schöne Wort ja schon 2022 erfunden, von der damaligen Ampel-Regierung. Immerhin hat es nur drei Jahre gedauert, bis Sprachwissenschaftler herausfanden, dass es sich gar nicht um ‚Vermögen‘ handelt, sondern um Schulden. Wie lange wird es dauern, bis die Medien das auch herausfinden, und danach die Bevölkerung, die damit verarscht werden sollte?“
Was letztere, also die Bevölkerung, anbetrifft, so hoffen wir auf wenigstens noch vier Jahre. Anderenfalls stellte die AfD womöglich bereits nach der nächsten Bundestagswahl, also in drei Jahren, die Bundeskanzlerin.
Tim Engadner, Professor für Sozialwissenschaften an der Uni Köln und Mitglied im Vorstand des Interdisziplinären Zentrums für empirische LehrerInnen- und Unterrichtsforschung – Eine der zentralen Ursachen für die allgemeine Misere im deutschen Bildungswesen sind überlastete, ständig am Limit und darüber hinaus arbeitende Lehrer. Es gäbe überdies, so haben Sie ermittelt, keine akademische Berufsgruppe, die höhere krankheitsbedingte Fehlzeiten aufweise als Lehrkräfte, was im System wiederum dazu führe, dass diejenigen, die permanent ihren beruflichen Verpflichtungen nachkämen, weitere zusätzliche Aufgaben übernehmen müssten. Was, so ergibt sich, zu noch höherer Überlastung sowie gesteigerter Krankheitsanfälligkeit führt. Und so weiter, und so fort …
Sie haben das mit einem Vergleich illustriert: Wenn man wisse, „dass Lehrkräfte im Schnitt pro Unterrichtsstunde mehr Entscheidungen treffen müssen als Tornadopiloten im Landeanflug, dann kann man sich vorstellen, dass das in besonderer Weise auch herausfordernd ist“.
Kann man.
Ohne Weiteres.
Das bringt uns auf eine Idee: Sollte man nicht zumindest die 46 Tornado-Kampfbomber auf dem Bundesluftwaffenfliegerhorst Büchel in der Eifel, die dort auf ihren Einsatz mit nebenan gelagerten US-Atombomben gegen Russland warten, ab sofort überlasteten Lehrkräften zum Landeanflug zur Verfügung stellen?
Da schlüge man zwei Fliegen mit einer Klappe.
Die zweite wäre, dass die Tornados endlich einer vergleichsweise vernünftigen Verwendung zugeführt würden …