Feiner Dunst breitet sich wie ein durchscheinendes Tuch über die große Stadt. Eine Warmfront hat die eisige Kaltfront erreicht und bringt auf Straßen, Plätzen und Wegen das Leben ins Rutschen. Ein Schwarm Krähen punktet die kahlen Bäume und der Ostwind nimmt ihnen die letzten welken Blätter. Die Kinder holen ihre Schlitten heraus, die viele Winter keinen Schnee gesehen hatten, und sie nutzen auch die kleinste Erhebung zum Hinunterfahren. Auf den zugefrorenen Gewässern tummeln sich, noch etwas unbeholfen, weil ungeübt, die Schlittschuhläufer. Schnee liegt auf den Dächern. Die Menschheit fröstelt und geht, eingehüllt in wärmendes Überzeug und mit kleinen Dampfwölkchen vor dem Gesicht, ihren Geschäften nach. – Es ist ein ernstzunehmender Winter.
Er war es auch, besonders in der Kernperiode der „Kleinen Eiszeit“ (16.-17. Jahrhundert). Schnee und Dauerfrost. Dickes Eis auf Seen und Teichen. Das „Eisvergnügen“ feierte Hochsaison, nicht nur bei den Kindern. – Die stillen Schneelandschaften und das lebhafte Alltagstreiben in der kalten Jahreszeit regten die Maler an, es in bunten Szenen einzufangen. Es begann eine Blütezeit in der niederländisch-flämischen Malerei, geprägt von der berühmten Künstlerfamilie der Brueghels.
Pieter der Ältere (um 1525/1530-1569), das Familienoberhaupt und seinerzeit hochgeschätzt, verhalf neben anderen Themen dem Wintermotiv zur begehrten Vorlage. – Seine Söhne Pieter der Jüngere und Jan der Ältere setzten die Tradition des Vaters fort, verliehen ihren Werken jedoch eigenes Stilempfinden. Der Enkel Jan der Jüngere (1601-1678) übernahm die väterliche Werkstatt und folgte im Wesentlichen der künstlerischen Linie seiner Vorfahren. – Er schuf eine winterliche Darstellung, an deren Stimmung man gern teilhaben möchte:
Sonntagnachmittagsgewimmel beim „Eisvergnügen“ auf der zugefrorenen Wasserfläche. Mit weit ausholenden Schwüngen ziehen die Schlittschuhläufer ihre Bahn. Das Eis knirscht unter den Kufen. Vorsicht! Die drei eifrig diskutierenden Männer nicht umfahren, das könnte Ärger geben. Ein ungeübter Läufer ist gestürzt und liegt jammernd auf den Knien. Sein Hund bellt. In dieser Stellung hatte er seinen Herrn noch nicht gesehen. Zwei Nachbarn im Gezänk, ihre Lautstärke steigert sich. – Man spielt „Kolf“, ein dem Eishockey ähnlicher Sport. Das puckartige Gebilde schießt zischend übers Eis. Eine Familie hat sich vorsichtig trippelnd auf die glatte Fläche gewagt. Die Kinder sind misslaunig. Sie hätten lieber den Schlitten mitgenommen. – Kaum zu glauben, es befindet sich ein Pferd zwischen den Spaziergängern und wird von allen Seiten begutachtet. Soll etwa ein Handel abgeschlossen werden? Eingefrorene Kähne liegen fest. In einem Zelt kann man sich mit heißen Getränken aufwärmen. Vor dem verschneiten Haus am Ufer warten die Hühner auf Futter. Und aus dem Schornstein kräuselt sich zarter Rauch. Der kühle Ostwind weht nur schwach. Er hat dem hohen Baum schon das letzte welke Blatt genommen und lässt den Krähen in seinen kahlen Zweigen die weite Sicht. – Der Winterhimmel mit dem blassen Licht neigt sich der Dämmerung zu und breitet feinen Dunst wie ein durchscheinendes Tuch über das bunte Bild.
Jan Brueghel d.J.: „Dorf im Winter mit Bauern auf dem Eis“, Öl auf Eichenholz, 61 x 85,5 cm, datiert 1640-1650, Gemäldegalerie Alte Meister, Kassel