Diesmal: „Eine Minute der Menschheit“ – Deutsches Theater / „Sabotage“ – Schaubühne / Italiens wichtigster Theaterpreis an Thomas Ostermeier für „changes“ – Schaubühne Venedig, Bologna, Berlin
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DT: Zuviel Zucker für den Affen
Verrückte Idee, eigentlich unmöglich, aber spannend: Nämlich statistisch zu erfassen, was die gesamte Menschheit in einer Minute so alles tut – sich antut. Alles von ganz schlimm und böse über gut bis wunderbar; von Gebären bis Sterben. Und das gebannt in Zahlen, Tabellen, Computern. Das wissenschaftlich forschende Autorenduo Johnson und Johnson hat‘s getan und in ihr Buch „Eine Minute der Menschheit“ gepackt, erschienen bei Darkside from he Moon Publishers.
Der grandiose polnische Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem hat über dieses fiktive Statistik-Werk eine Rezension, einen satirisch-depressiven Essay verfasst; veröffentlicht anno 1983. Natürlich unter dem Titel „Eine Minute der Menschheit“. Eine teils amüsante, teils erschreckende Lektüre.
Nun hat die Regisseurin Anita Vulesica gemeinsam mit der Dramaturgin Lily Busch aus den hundert Druckseiten dieser Besprechung eines Buchs, das, wie gesagt, nur im genialischen Hirn von Lem existiert, ein Theaterstück gebastelt.
Erstmal tolle Sache, denn Vulesica ist zuständig für aberwitzig abgründiges Entertainment. DT-Stammgäste erinnern sich gern an ihre Arbeiten mit Ionescos „Die kahle Sängerin“ oder mit Perecs „Die Gehaltserhöhung“ (Theaterberlin vom 21. Oktober 2024). In diese Spezialstrecke passt Lem.
Seine beiden Bearbeiterinnen sind die Sache zunächst pfiffig angegangen: Mit einem „Literarischen Septett“! Mit sieben skurril angelegten Figuren unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, die auf einem „76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik“ aneinander geraten beim rezensorischen Durchblättern einzelner Kapitel des Johnson-Johnson-Skripts. – Darin geht es um Zukunftsprognosen, totale Technisierung, Vernichtung grundlegender Daseinsressourcen, um die großen und die kleinen privaten Kriege, um die massenhaft irrationalen und eher wenig rationalen Verhaltensmuster, ums Selbstzerstörerische und Selbsterhaltende.
Man darf sagen: Die an ihrer Borniertheit, Verzweiflung, Hoffnung schier verrückt werdenden Kongress-Experten geben ein adäquates Menschheitsbild. Ohne rechte Antwort auf die alle bewegende Frage: Ist nun das Buch „Eine Minute…“ zynischer Schmäh oder doch irgendwie Trostgeber. Siegt da womöglich das nur mit Drogen aushaltbare Destruktive über das Erbauliche? Fehlt in der Gesetzlichkeit der Zahlen womöglich statistisch nicht Erfassbares wie Liebe, Solidarität, Schönheit, Kunst?
Prima Problemkatalog. Was jedoch davon bleibt ist die unglaubliche Menge Zucker, den die Regisseurin ihrem außer Rand und Band geratenen Affen hemmungslos verabreicht. Denn die atemlos übereinander herfallende Diskutanten-Meute rast wie besessen durcheinander auf ihrem Kongress. Keine feine Satire. Kein Schrecken. Stanislaw Lems aufregende Metaebenen versinken nahezu im Klamauk schweißtreibender Redeschlachten. Wenigstens wird zuweilen hübsch gesungen. Das immerhin sorgt für Momente zum Luftholen. Und Nachdenken.
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Schaubühne: Opportunismus und Protest
Jona Lubnik, Filmemacher, hockt hilflos in einem Haufen Ikea-Einzelteile. Doch er kriegt die Sitzmöbel einfach nicht zusammen. – Große Slapstick-Nummer für Schaubühnenstar Dimitri Schaad als liebenswert nervöser Komiker im Outfit von – unverkennbar – Stadtneurotiker Woody Allen.
Schon das Vorspiel von Yael Ronens neuem Stück „Sabotage“ signalisiert Komödie. Und setzt zugleich ein plakatives Sinnbild. Denn Jona sitzt nicht nur hier, im aufgeregten Berlin, das ihn längst schon mit antisemitischen Attacken bedrohte, „als deutsch-israelischer Jude mit ukrainisch-russischen Wurzeln“ zwischen sämtlichen (unverschraubbaren) Stühlen.
Aber auch sonst steckt der bis dato eher erfolglose Filmfritze in der Klemme. Midlife-Krise, weil seit längerem arbeitslos. Und Ehekrise, weil seine Frau, Neurologin, beruflich stramm auf Spitzenpositionen zusteuert. Und obendrein natürlich die Verzweiflung angesichts geopolitischer Krisen, speziell der in Nahost. Wenn er mal nicht mit Freundin Chatty von der KI plaudert, nervt er seine Therapeutin Pia (Eva Meckbach) mit gesammelten Depressionen. Er sollte sich Balsam verschaffen für sein „zerrissenes Herz“. Durch Handeln! Aber: Er sei eben nicht der „demonstrierende Typ“. Findet, existentielle Verzweiflung über den Zustand der Welt sei eher eine Indoor-Aktivität.
Da kommt ihm die Idee: Einen Film drehen über den israelischen Rechtsphilosophen Jeschajahu Leibowitz (1903-1994), der gleich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 seinen siegreichen Landsleuten lautstark ins Gewissen redete: „Die Besatzung wird enden mit Hass auf die Menschen, mit Grausamkeit und moralischem Verfall.“ Sein vernichtendes Verdikt: „Die Siedler sind Judäa-Nazis.“
Solcherart Ansagen will Lubnik mit seinem Film aller Welt und sonderlich den Deutschen ins Gesicht schleudern. Will ihren „blinden Fleck“ treffen: Kritik an Israel – auch nach dem infernalischen Angriff der Hamas 2023. Doch Jonas‘ biodeutsch blonde Gattin Gloria (Caroline Haupt) findet das gar nicht gut. Befürchtet Antisemitismus-Vorwürfe und Karriereprobleme. Immerhin steht ihre Berufung an die Führungsspitze der Charité bevor.
Was für ein Thema, das die 1976 in Jerusalem geborene und seit Langem in Berlin arbeitende Autorin und Regisseurin Ronen da anfasst. Immer wieder sticht sie mit klarem Bewusstsein für akute Krisen, mit viel Mut und geschliffenem Witz in „blinde Flecken“. Stellt hemmungslos Verdrängtes, Verlogenes, Abgründiges bloß, das da schwelt und wuchert in den prallen Lebensgeschichten ihrer Figuren. – Erschütternd in der Schaubühne: Ihre tieftraurige musikalisch-theatralische Reaktion „Bucket List“ auf die Hamas-Massaker von vor zwei Jahren.
Und jetzt Lubnik, unser Indoor-Aktivist „mit einem Oskar Schindler in der Seele“, der mittels einer arg umstrittenen Autoritätsperson wie Leibowitz den Israel-Diskurs aufmischen oder sabotieren will. Und, wer hätte es gedacht: Sein Film läuft sogar im TV, freilich zu sehr später Stunde. Doch, so die Erzählung, ohne eine Reaktion. Windstille!
Ronen ergeht es ähnlich. Weil: Sie bekommt keinen belastbaren Stuhl auf die Bühne. Ihre ungeheure, so brisant komplexe Geschichte verläppert sich im sarkastischen Geplänkel und Herumstochern im psychoanalytischen Gedöns, garniert mit allerhand Situationskomik. Zum Schluss fliegen Pia und Gloria Hals über Kopf und frisch verliebt weit weg nach Mexiko ins Glück. Jona Lubnik guckt in die Röhre. Ohne Liebe. Ohne Shitstorm. Aber mit Krise.
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Salute!
Kurz vor Weihnachten, am 15. Dezember, großer Bahnhof im Teatro Arena del Sole zu Bologna: Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier erhält für die Inszenierung des Zwei-Personen-Kammerspiels „changes“ seiner Haus-Dramaturgin Maja Zade den „Premio Ubu“. (Siehe Theaterberlin vom 10. Februar 2025.) Das Stück mit Anna Schudt und Jörg Hartmann wurde im Sommer 2025 in Venedig zur Theaterbiennale gezeigt; der Preis ist die wichtigste Theaterauszeichnung Italiens. Gratulation! – Das Ausland weiß den Meister eher zu schätzen als die Heimat …
Jetzt wieder im Spielplan vom 29. Januar bis zum 3. Februar.