Bald nach dem Machtantritt vor einem Jahr polterte Donald Trump los: Grönland müsse Teil der USA werden! Viele Beobachter trauten den Ohren nicht – was, ausgerechnet Grönland! Rasch machten böse Witze die Runde auf Kosten des Schelms im Weißen Haus: Er könne Grönland haben, sollte er in der Lage sein, die Insel auf der Weltkarte zu zeigen! Anfang 2026 gestand Wolfgang Ischinger, jetzt wieder Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, damals schnell abgewinkt zu haben, denn Trump trieben wohl andere, ernsthaftere Dinge um – jedenfalls nicht Grönland. Er hielt das Treiben um die gewaltige Arktisinsel für eine Marotte, die kaum tieferen Sinn ergab.
Trump aber ging es um schnöden Landgewinn, um Landnahme, sein „America first“ sollte um 2,17 Millionen Quadratkilometer wachsen. Er will als derjenige Präsident in die Geschichte der USA eingehen, der den größten Landgewinn für die Vereinigten Staaten zuwege gebracht hat. Es wäre mehr Fläche als beim legendären Kauf Louisianas 1803, damals kamen auf Kosten Frankreichs mit einem Schlag gewaltige 2,14 Millionen Quadratkilometer hinzu. Mexiko trat 1848 nach dem verlorenen Krieg gegen die USA ein Gebiet von „lediglich“ 1,36 Millionen Quadratkilometern ab, wenig später kam noch ein weiteres kleineres Gebiet dazu. Das dem Russischen Reich 1867 abgekaufte Alaska erstreckt sich über eine Fläche von 1,72 Millionen Quadratkilometern. Und Hawaii ist der Fläche nach mit 28.300 Quadratkilometern in dieser Aufzählung gewaltiger Landmassen kaum noch der Rede wert. Die USA wären, so Trumps geografische Rechnung, nach dem Anschluss Grönlands das nach Fläche zweitgrößte Land der Erde, größer als Kanada, größer als China. Es ist verlockend genug, jede Lüge scheint da gerade recht.
Als Popanz baute er chinesische und russische Schiffe auf, die in ihrer Vielzahl Grönlands Küsten bedrängten und die eine große Gefahr für ganz Nordamerika signalisierten. Spaßig reagierte ein Einwohner der grönländischen Hauptstadt Nuuk auf diese Trumpsche Erfindung, als er in die laufende Kamera sagte, der einzige Chinese, der sich da herumtreibe, sei der Betreiber des Asia-Restaurants da hinten. Jedenfalls behauptete der Präsident der USA lauthals, das kleine und ferne Dänemark sei gar nicht in der Lage, die gewaltige nordamerikanische Insel vor Chinesen und Russen zu verteidigen, man habe dort höchstens ein paar Hundeschlitten stationiert, nur die US-Streitkräfte könnten so etwas, wie der Coup in Caracas am 3. Januar bewiesen habe. Dass Grönland ein NATO-Gebiet ist, interessierte den Haudegen nicht, auch nicht, dass Dänemark als NATO-Mitglied seit vielen Jahrzehnten zu den treuesten und zuverlässigsten Verbündeten der USA zählt.
Trump spielte die historische Karte, denn wieso gehöre Grönland überhaupt zu Dänemark? Doch nur, weil sie in Kopenhagen behaupteten, vor etlichen Jahrhunderten mit einem Schiff vorbeigekommen zu sein. Jetzt aber gingen die nationale Sicherheit der USA und der Weltfrieden vor, die Grönlandfrage müsse völlig anders entschieden werden – im Sinne Amerikas. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos orakelte er am frühen Nachmittag des 21. Januars noch einmal etwas vom Weltfrieden, für dessen Erhalt das „Stück Eis“, das er jetzt beanspruche, wegen der zentralen arktischen Lage zwischen den USA, Russland und China (!) unabdingbar sei. Man verteidige nur, was einem als Eigentum auch gehöre, alles andere sei Geschwätz. Es folgte die größte Absage an die NATO, die von einem US-Präsidenten vorstellbar ist: Jedes Land müsse überhaupt in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen! Es genügt, in diesem Zusammenhang an Island zu denken, ein NATO-Mitglied ohne eigene reguläre Streitkräfte, oder an Litauen, Lettland und Estland, deren nationale Souveränität ohne das NATO-Bündnis in der augenblicklichen Lage wohl nur schwer zu verteidigen wäre.
Trump hatte, um seinen Anspruch auf Grönland zu untermauern, kurz vor Davos Strafzölle gegen acht europäische Staaten verhängen wollen, die solange in Kraft bleiben sollten, bis eine Übereinkunft zu Grönland mit ihm unterzeichnet werde. „Es gibt kein zurück“, ließ er die Welt wissen. In Davos nahm er während der überlangen und improvisierten Rede nichts von den Besitzansprüchen auf die Eis-Insel zurück. Im Gegenteil – er machte die NATO und Europa nach Strich und Faden herunter, alle würden überhaupt sein Amerika – das gefragteste Land der Welt – nur immer auszunutzen suchen, ohne etwas zurückgeben zu wollen. Er werde Grönland nun nach Amerika holen, auch wenn er den Einsatz militärischer Mittel einstweilen ausschließe. Großspuriger kann ein Präsident gar nicht auftreten!
Es dauerte allerdings nur wenige Stunden, dann war der Spuk vorbei. Plötzlich verkündete ein aufgewühlter Trump, jetzt werde ein „Deal“ vorbereitet, man sei sich mit Dänemark und den Europäern einig geworden, die angedrohten Strafzölle seien aufgehoben, aber die Vereinigten Staaten bekämen alles, was sie verlangt hätten. Die Europäer hatten einen verblüffenden Trumpf aus der Tasche gezogen, ein Überbleibsel längst vergessener Kolonialzeiten – Akrotiri und Dekelia. Als Zypern 1960 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, behielten die Briten als vormalige Kolonialmacht nicht nur diese beiden Militärstützpunkte, sondern die dazugehörigen Territorien blieben britisches Hoheitsgebiet. So ist es bis heute, kaum jemand nimmt an den 254 zu Britannien gehörenden Quadratkilometern auf der Mittelmeerinsel einen größeren Anstoß, auch deshalb nicht, weil die außenpolitische Situation der faktisch geteilten Insel sowieso komplizierter ist. Dieses abgenutzte Modell könnte jetzt in Grönland zu neuen Ehren kommen. Selbst eine Fläche wie die der Insel Rügen (926 Quadratkilometer) täte weder den Grönländern noch der dänischen Krone weh. Und wie viele seiner Soldaten könnte Trump dort stationieren, um nach Lust und Laune russische wie chinesische Schiffe von den arktischen Küsten Nordamerikas fernzuhalten!
Donald Trump bekäme, wie er so hartnäckig fordert, sein „kleines Stück Eis“ – und Grönland wäre gerettet.