Peter S. Goodman, Weltwirtschaftskorrespondent der New York Times – Seit Jahren beobachten Sie das sogenannte Weltwirtschaftsforum in Davos aus der Nähe und haben ein Buch darüber geschrieben: „Davos Man: How the Billionaires Devoured the World“ (Deutscher Titel: „Die Männer von Davos: Wie eine kleine Gruppe Milliardäre die Welt beherrscht“) Jetzt konstatierten Sie in einem Interview mit dem Newsletter The World Ihrer Zeitung: „Die Männer von Davos pflegten uns zu erzählen, sie seien hier oben auf dem Berg versammelt, nicht nur um Geschäfte abzuschließen und sich zu bereichern, sondern um die Welt zu verbessern. Sie wollten uns glauben machen, dass sie sich um Klimawandel, Geschlechterungleichheit und soziale Ungerechtigkeit kümmern würden, wenn wir nur weiter deregulieren, die Steuern senken und ihnen mehr Freiraum für ihre Vorhaben geben.“ Es sei von Anfang an eine völlig absurde Idee gewesen, „dass die größten Nutznießer des Status quo diejenigen sein würden, die ihn ändern.“ Inzwischen gehe es nur noch um Deals, ums Geschäft. So seien denn auch alle früheren Schlagwörter – soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit – verschwunden. Ihr Fazit: „Ist die alte Tugendposerei also Geschichte? Ja, soweit es überhaupt noch Tugendposen gibt, dann richten sie sich an Trump.“ Selten so eine treffende Analyse gelesen!
Donald Trump, bei dem jede Apostrophierung von der Realität übertroffen wird – Dass der Friedensnobelpreis mit der Verleihung an Maria Machado, die venezolanische Herbeibeterin einer militärischen US-Intervention in ihr Heimatland, endgültig zur Ulknummer degradiert wurde, stört Sie als Ulknummer sui generis natürlich nicht im Geringsten. Sie hätten ihn, den noblen Preis, trotzdem gern selbst empfangen und nicht bloß von Machado geschenkt bekommen. Daher haben Sie Norwegens Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre wissen lassen, Sie fühlten sich nun „nicht mehr verpflichtet, ausschließlich an den Frieden zu denken“. (Als ob mit Ausnahme deutscher und anderer westlicher Spitzenpolitiker nach der Bombardierung Irans und dem Kidnapping des venezolanischen Präsidenten daran noch irgendwer gezweifelt hätte.) Grund dafür sei die Tatsache, dass „Ihr Land mir den Friedensnobelpreis für die Beendigung von acht Kriegen und mehr nicht verliehen hat“.
Wird nun also womöglich Norwegen noch vor Kanada als 51. Bundesstaat in die USA inkorporiert?
Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Immerhin ist Randle McMurphy („Einer flog über das Kuckucksnest“) für weit weniger weitreichende (und zugleich spürbar sympathischere) zerebrale Abnormitäten lobotomiert worden. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten …
PS: Zur Erbauung des Publikums noch ein Schmankerl aus Ihrem Auftritt in Davos, hier in der Wiedergabe durch die Springer-Gazette Welt: „Kanada gebe es gar nicht ohne die USA. Und Dänemark und Grönland seien nicht dankbar genug dafür gewesen, dass die USA eine Grönland-Invasion Nazi-Deutschlands verhindert habe – und auch die ganze Welt stehe hier in der Schuld Amerikas. ‚Ohne uns würdet ihr alle Deutsch sprechen‘, sagte der US-Präsident beim Weltwirtschaftsforum. ‚Und wie undankbar sind sie jetzt.‘“
María Corina Machado, gerade erwähnt – Ihre „wundervolle Geste gegenseitigen Respekts“ (Donald der Große) erinnerte an die Tat eines anderen Nobelpreisträgers, der seine Medaille wider den ursprünglichen Geist der Ehrung weitergab: Knut Hamsun, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1920, später überzeugter Anhänger des deutschen Faschismus, hatte 1935 die Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky massiv kritisiert und die Errichtung von Konzentrationslagern gerechtfertigt. 1943 schließlich überreichte er seine Medaille Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Vergleiche sind freilich oft problematisch. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Hamsun und Ihnen soll nach Ansicht von Hamsun-Lesern darin bestehen, dass der norwegische Literat seinen Preis 1920 verdient habe.
Friedrich Merz, Kanzler der Deutschen – Bei Ihrem Auftritt in Davos haben Sie mit Blick auf die Absicht des Herrn im Weißen Haus, Grönland den USA einzuverleiben, erklärt: „Wir begrüßen es, dass die Vereinigten Staaten die Bedrohung durch Russland in der Arktis ernst nehmen.“
Egal ob Ihnen das bloß wer aufgeschrieben hat oder Sie selbst der Autor sind und an das Sprüchlein auch noch glauben – uns lässt der Sachverhalt, dass Donald Trump zur Mitgliedschaft in seinen sogenannten Friedensrat auch seinen Moskauer Kollegen eingeladen hat, eher vermuten, dass der Anspruch auf Grönland mit einer russischen Bedrohung, wenn überhaupt, nur sehr am Rande zu tun hat.
Im Übrigen sei hier der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom zitiert, der aus seiner Sicht auf die unterwürfige Haltung europäischer Politiker gegenüber seinem Präsidenten keinen Hehl machte: „Ich kann diese Komplizenschaft nicht mehr ertragen“, sagte er dem britischen Sender Sky News in Davos. „Es ist Zeit, aufzustehen, standhaft zu sein und Rückgrat zu zeigen.“
Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU – Anlässlich des völkerrechtswidrigen Venezuela-Coups der USA warnten Sie im Bayrischen Rundfunk noch: „Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir jetzt ein vorschnelles Urteil treffen und damit in Streit mit dem US-Präsidenten geraten, den wir ja gewinnen wollen.“ In Sachen Grönland gaben Sie sich dagegen kühn und brachten gar einen Boykott der Fußball-WM ins Gespräch, die im Juni in Mexiko, Kanada und den USA ausgetragen werden soll. Und zwar, wie Sie Bild verrieten, „um Präsident Trump in der Grönlandfrage zur Vernunft zu bringen“. Gar so ernst wird es Ihnen mit dem Vorstoß nicht gewesen sein, aber wenigstens sich selbst haben Sie mit dem massenwirksamen Thema Fußball ins mediale Gespräch gebracht.
Raphael Schmeller, Kollege von der Berliner Zeitung – Sie mokieren sich über die doppelte Riesenplakatierung der Bundeswehr am Berliner Alexanderplatz [1]: „Weil Frieden nicht selbstverständlich ist.“ und „Frei. Will. Ich.“, jeweils unterlegt mit dem Satz „Wehrdienst machen. Frieden sichern.“
Besonders perfide sei die rhetorische Verschiebung, die diese Werbung betreibe. Die Slogans suggerierten Moral und Alternativlosigkeit; die Logik laute: Wer Frieden will, muss Soldat werden. Dass Frieden vor allem politisch hergestellt werden müsse, bleibe unerwähnt. Ebenso wie das Töten und Sterben, das mit militärischem Handeln verbunden sei. Auch die ästhetische Inszenierung sei problematisch. Die Bundeswehr-Kampagne komme ohne Krieg aus, ohne Waffen, ohne Verletzte. Stattdessen erinnere sie an ein Start-up-Plakat. Gewalt werde ausgeblendet, das Militär erscheine als normaler Arbeitgeber unter vielen.
Schön und gut, lieber Kollege, aber eines müssen Sie schon konzedieren: Würbe die BuWe mit anderen Slogans – etwa „Einmaliges Angebot: Himmelfahrtskommando!“ oder „Schon mal an Heldentod gedacht?“ –, dann kämen wohl wirklich nur die Allerdümmsten. Das kann’s doch auch nicht sein …