Almas schwärmerische Backfisch-Verliebtheit zu Gustav Klimt endete in einer Enttäuschung, was sie später nicht davon abhielt, sie als „große Liebe“ zu verklären. Über Männer, die sie traf oder mit denen sie ein Verhältnis hatte, insbesondere die Juden unter ihnen, schrieb sie oft drastisch. Elias Canetti (1905-1994), den späteren Nobelpreisträger, nannte sie einen „halbverkrüppelten nihilistischen Juden“, was sie später abgeschwächt hat. Als Alma, 20-jährig, Alexander von Zemlinsky (1871-1942) das erste Mal am [Wiener] Carltheater erlebte, schrieb sie über ihn: „Eine Carricatur – kinnlos, klein, mit herausquellenden Augen und einem zu verrückten Dirigieren“, aber als sie ihn kurz danach auf einer Soiree kennengelernt hatte, fand sie ihn immer noch „furchtbar hässlich, hat fast kein Kinn – und doch gefiel er mir ausnehmend“.
Aber die gemeinsame Liebe zu Richard Wagner machte ihn in ihren Augen aus dem hässlichen Frosch zu einem „ordentlich hübschen“ und sie wollte fortan bei ihm Musikunterricht haben. Zemlinsky stimmte zu. Allerdings fand er in ihren ihm vorgelegten Kompositionen von drei Liedern „unerhört viele Fehler“. Er wurde ein strenger Lehrer, kritisierte ihre „Oberflächlichkeit“. Almas Familie fand ihn auch zu hässlich, was sie allerdings mit der Zeit anders sah: „Ich finde ihn nicht komisch – und nicht hässlich, denn die Intelligenz leuchtet ihm aus den Augen – ein solcher Mensch ist nie hässlich.“ Sie wurden ein Liebespaar, allerdings „machte sie sich einen Spaß daraus, Zemlinsky zu demütigen und zu quälen. Immer wieder hielt Alma ihm vor, er sei hässlich, sie dagegen könnte 10 andere haben“. Er litt sehr unter ihrem Hochmut.
Sie wiederum hatte wie bei den meisten späteren Beziehungen innere Konflikte: „Ich will ihn ja lieben, aber ich glaube, bei mir ists schon vorbei.“ Einer der Gründe, weshalb sie Vorbehalte gegen eine Ehe mit Zemlinsky hatte, war sein Jüdischsein, denn da müsste sie ja „kleine, degenerierte Judenkinder zur Welt bringen“. Zemlinsky hatte 1901 der Demütigungen genug, schrieb ihr mehrere deutliche Briefe: „Du bist sehr schön, und ich weiß, wie sehr ich diese Schönheit schätze. Und später? In zwanzig Jahren???“ Dann verlor er die Geduld mit ihrer Rücksichtslosigkeit und Oberflächlichkeit und schrieb: „Mir schwillt die Galle […] Kein warmes Wort, dumme Dinge über gelbes Bett und gelbes Hemd: Vergnügungen von Cocotten“! Das war ein hartes Wort aber enthielt einen Wahrheitskern – sie war schon damals kaum eine „ehrbare Dame“, was in ihrem „journal intime“ sehr deutlich zum Vorschein kam. Allerdings war sie sich dessen selbst bewusst, wie sie in ihrem Tagebuch schrieb: „Erst habe ich ihm den Kopf verdreht und dann kümmere ich mich nicht mehr um ihn. Er hat ja recht: ich bin ein ganz gemeines, oberflächliches, gefall- und herrschsüchtiges und egoistisches Weib!“
Nach dem Ende der Beziehung mit Zemlinsky begegnete die damals 19 Jahre jüngere Alma im Salon des illustren jüdischen Wiener Ehepaares Bertha (geb. Szeps, 1864 in Wien-1945 in Paris) und Emil Zuckerkandl (1849-1910) am 7. November 1901 im Palais Lieben-Auspitz, in dem das damalige tout Vienne verkehrte, dem Hofoperndirektor Gustav Mahler und seiner Schwester Justine. Zuckerkandls Schwester Sophie war mit Paul Clemenceau verheiratet, dem Bruder des späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau. Bertha war keine schöne Frau, dafür geistreich, große Kunstkennerin und selbst als Publizistin tätig. Ihr Mann, ein renommierter Anatomieprofessor, der wie Mahler herzkrank war, starb ein Jahr vor diesem.
Die Anfänge ihrer Bekanntschaft waren nicht romantisch, was sich aber sehr bald änderte. Alma warf Mahler an dem Abend vor, dass er ihren Kompositionslehrer Alexander von Zemlinsky unhöflich behandelt hätte, legte aber dabei einen musikalischen Sachverstand an den Tag, der Mahler beeindruckte. Er war bereit, einige ihrer Lieder zu sehen, was ihre Eitelkeit und auch ihre Sympathie für ihn weckte: „Ich muss sagen, er hat mir ungemein gefallen, allerdings furchtbar nervös. Wie ein Wilder fuhr er herum im Zimmer. Der Kerl besteht nur aus Sauerstoff. Man verbrennt sich, wenn man an ihn ankommt“, notierte sie in ihrem Tagebuch.
Fortsetzung folgt.