Zweifellos hat der Krieg in der Ukraine zu Verwirrung in vielen politischen Lagern geführt. Neue Übereinstimmungen unterschiedlicher politischer Richtungen in einzelnen Fragen, neue Gegensätze, Zerbrechen früherer Gewissheiten und vieles mehr sind bis heute unübersehbar. Nicht neu allerdings ist, dass es unterschiedliche Auffassungen nicht nur darüber gibt, was Pazifismus sei, sondern auch, ob eine pazifistische Haltung den aktuellen Problemen angemessen sein kann.
In seinem Beitrag „Hat der Pazifismus das Lager gewechselt?“ (Blättchen 22/2025 [1]) stellt Stephan Wohanka einen Satz Kants aus „Zum ewigen Frieden“ an den Beginn: „Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“ – Ihm fällt nicht auf, dass es einen Unterschied zwischen dem von Kant angesprochenen „ewigen Frieden“ und jenem im konkreten Krieg in der Ukraine, von dem er in der Folge hauptsächlich spricht, geben könnte. Und dass die von ihm als „klassische Friedensbewegung“ bezeichnete nichts Klassisches an sich hat, sondern nur die ist, an die er sich erinnert. Wir wollen nicht zu weit zurückgehen, aber es gab natürlich auch eine Friedensbewegung vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, und keine Friedensbewegung, die diesen Namen verdient, hat jemals darauf bestanden, dass sie zwar für Frieden sei, aber nur wenn er gerecht zustande käme und mit einem „gerechten“ Ergebnis. Hat es in der Vergangenheit jemals einen Friedensschluss gegeben, der in allem allen Seiten „gerecht“ geworden wäre? Kant zum Trotz?
Das gab es nie. Und Gegner der Beendigung von Kriegen machten unter den Friedensfreunden immer schon „merkwürdige Leute“ aus. Wohanka zählt zu diesen „im Wortsinn ‚des Merkens würdigen Leuten‘“ beispielsweise den mir unbekannten pazifistischen Influencer Ole Nymoen, der den Wehrdienst „vehement ablehnt“, was dem Autor offenbar nicht geheuer ist. Wäre es nicht an der Zeit, sich wenigstens nach Jahrzehnten mehr an andere „merkwürdige Leute“ zu erinnern, denen zwar damals ebenso wenig Kränze geflochten wurden, die aber gelegentlich heute wenigstens positiv erinnert werden? Die Zeugen Jehovas beispielsweise, die den Wehrdienst für NS-Deutschland (und nicht nur für dieses) ablehnten; oder, weil ich Österreicher bin, den Katholiken Franz Jägerstätter, der nicht grundsätzlich den Waffengebrauch ablehnte, aber sich weigerte, „für Hitler“ in den Krieg zu ziehen, der für seine Überzeugung starb und wenigstens nach Jahrzehnten päpstlich „seliggesprochen“ wurde. Es ist nicht gut, über solche Leute als „Merkwürdige“ zu reden, wie Wohanka den SPD-Politiker Ralf Stegner zitiert.
Es gab nicht nur nie einen „gerechten Frieden“ zwischen Staaten, sondern auch früher schon Rechte, Reaktionäre, auch Faschisten, die in bestimmten Konstellationen „für Frieden“ waren, weshalb der Titel „Hat der Pazifismus das Lager gewechselt?“ andere Antworten als die von Wohanka erfordert. Als Franzisco Franco in Spanien putschte und sich die Republik militärisch verteidigte, plädierte das Britische Weltreich „für Frieden“ und verweigerte der Republik seine Unterstützung. Zwei Jahre später war es wieder „für Frieden“ und ließ Hitler gewähren. Andererseits gab es linke Staatsführer, die – wie Lenin 1917 – für Frieden waren, der zwar für Russland nahezu ein Versailles war, aber das Morden beendete. (Übrigens trat die erste Ministerin der Welt, Alexandra Kollontai, aus der von Lenin geführten Regierung aus, weil sie diesen Friedensschluss für verfehlt hielt.)
Und auch die Friedensbewegungen der verschiedenen Länder umfassten immer schon Menschen, die nicht dasselbe meinten. Dass daher in neuen Lagen immer schon „neue Mischszenen entstanden, die bis heute fortwirken“, wie Wohanka in der aktuellen Lage überrascht entdeckt, ist nichts Neues. Neu ist nur immer wieder die Schwierigkeit, sich darin zu orientieren. Dass „der Pazifismus“, wie Wohanka schreibt, „keinen unmittelbaren Schutz gegen aggressive Gewalt“ biete, ist ein mir als Österreicher vertrautes Argument: Unsere Krieger wollen die Neutralität des Landes, die sie seit Jahrzehnten schon ziemlich ausgehöhlt haben, endgültig abschaffen und der NATO beitreten oder zumindest eine EU-NATO-Armee fördern mit eben diesem Argument: „Die Neutralität schützt uns nicht!“ – Dass dies für eine Kriegspartei umso mehr gilt, erlebt die Ukraine seit Jahren: Hat sie die Hinwendung zur EU und zur NATO und die Ablehnung eines neutralen Status „geschützt“? Jedenfalls nicht ihre Menschen.
Wohanka schließt verhängnisvoll: „Ein Frieden in der Ukraine muss der Kant‘schen Maxime entsprechen; wenn nicht, ist er der ‚Stoff‘ zum nächsten Krieg.“ – Tatsächlich würde der allgemeine Kant‘sche Satz, auf den Ukrainekrieg und fast jeden anderen angewandt, bedeuten: Zum ewigen Krieg.