Auf dem berühmten Foto aus dem Jahre 1932, das Carl v. Ossietzky mit seinen Freunden vor der Haftanstalt in Berlin-Tegel zeigt, steht er unmittelbar neben Ossietzky, der Rechtsanwalt Dr. Alfred Apfel. Sein Name ist eng mit der Geschichte der Weltbühne verbunden, für die er in der Weimarer Republik mehrere Jahre als ihr Rechtsberater, Prozeßvertreter und Publizist wirkte. Ja, es waren gerade die Prozesse gegen Herausgeber und Mitarbeiter dieses Blattes, die ihn als Rechtsanwalt besonders bekannt machten. Aufsehen erregte seinerzeit vor allem sein Auftreten vor Gericht in den politischen Verfahren gegen Carl v. Ossietzky, gegen Berthold Jacob und gegen Friedrich Wolf.
Alfred Apfel wurde am 12. März 1882 in Düren (Rheinland) geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft, der obligatorischen Referendarzeit und seiner Promotion in Rostock erfolgte die Einberufung zum Militärdienst. Am ersten Weltkrieg nahm er als Offizier teil. Ab 1916 war er zunächst Rechtsberater in der Wirtschaft. Zwei Jahre später erhielt er seine Zulassung als Rechtsanwalt und Notar in Berlin. Nicht nur als Rechtsbeistand der Weltbühne erlangte er Bedeutung. Der parteilose Jurist zählte auch zu dem Kreis von Rechtsanwälten, die im Auftrage der „Roten Hilfe Deutschlands“ (RHD), jener überparteilichen proletarischen Solidaritätsorganisation für die Unterstützung der Opfer der Klassenjustiz, in einer Vielzahl von Prozessen tätig wurden. Die engagiertesten Rechtsanwälte unter ihnen verbanden ihren juristischen mit dem politischen Kampf, indem sie sowohl die vielfältigen Aktionen der „Roten Hilfe“ förderten als auch die Tätigkeit der ihr verbundenen politischen Parteien und Massenorganisationen unterstützten, wenn sie für die Bewahrung und den Ausbau der demokratischen Errungenschaften der Novemberrevolution kämpften.
So beschränkte auch Alfred Apfel sein Engagement nicht auf Prozeßvertretungen vor Gericht. Seinen Namen findet man z. B. im Zusammenhang mit der Kampagne der RHD zur Befreiung von Max Hoelz unter einem mit Felix Halle (Leiter der Juristischen Zentralstelle der Reichstags- und Preußischen Landtagsfraktion der KPD) verfaßten Wiederaufnahmeantrag des Verfahrens vor dem Reichsgericht, in der Liste der Ausschußmitglieder zur öffentlichen Untersuchung der Vorgänge am 1. Mai 1929, dem sogenannten Blutmai, oder als Verfasser des Nachwortes einer Broschüre mit dem Titel „Abtreibung oder Verhütung“, für die Friedrich Wolf die Einleitung schrieb und Käthe Kollwitz den Umschlag gestaltete. Im übrigen verfaßte er zu diesem Büchlein auch in der Weltbühne einen Artikel gegen die Verbots- und Zensurbestrebungen in der Weimarer Republik unter dem Titel: „Justiz fürs Museum“.
Neben seiner beruflichen Tätigkeit leistete Alfred Apfel innerhalb verschiedener jüdischer Organisationen eine umfangreiche Arbeit. Er gründete bereits 1909 den Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, der es unter seiner Leitung bis 1922 auf immerhin 41 000 Mitglieder brachte. Zugleich war er bis zu diesem Zeitpunkt Hauptvorstandsmitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sowie Mitglied der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, deren Vorsitz er ab 1926 innehatte. Im Auftrag der zionistischen Weltorganisation war er in den Jahren von 1926 bis 1930 mehrmals als Organisator politischer Kampagnen im europäischen Ausland unterwegs. 1931 soll Apfel auch Mitglied der SAPD geworden sein, einen Beleg dafür habe ich aber nicht finden können. Apfels internationale Aktivitäten richteten sich in Anbetracht der allgemeinen Verschärfung der Klassenjustiz in den imperialistischen Staaten auch auf die rechtspolitische Arbeit. So setzte er sich nachdrücklich für die Gründung einer Internationalen Juristischen Vereinigung ein, um ein breites Bündnis progressiver Rechtsanwälte zu schaffen. Die im Dezember 1929 auf einer Konferenz in Berlin ins Leben gerufene Vereinigung bot nach seinen Worten der internationalen Anwaltschaft ein weithin sichtbares Forum, von dem aus „sie über Ländergrenzen hinaus gegen jedes offensichtliche Unrecht die Unterstützung der Juristen und der öffentlichen Meinung des ganzen Volkes anrufen kann“.
Bis zur Errichtung der faschistischen Diktatur half der Rechtsanwalt Apfel einer Vielzahl von Opfern der Klassenjustiz, in einer Zeit, als die Zahl der politischen Gefangenen rapide anstieg, so daß es der Juristischen Abteilung beim Zentralvorstand der RHD immer schwerer wurde, ihren umfassenden Rechtsbeistand aufrechtzuerhalten. Zudem wurden allmählich aus den Verteidigern selbst Verfolgte.
1933 wird Alfred Apfel verhaftet und in das Zuchthaus Sonnenburg gesperrt, wohin man auch Carl v. Ossietzky brachte. Nach seiner Entlassung am 10. März 1933 gelang ihm die Flucht nach Paris. Dort angelangt, setzte er seinen antifaschistischen Kampf fort. Unablässig bemühte er sich vor allem um die Mobilisierung der Öffentlichkeit für die Freilassung seines Freundes Ossietzky aus dem Konzentrationslager. Als die französische Sektion des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller am 21. April 1934 die erste öffentliche Kundgebung für dessen Freilassung veranstaltete, gehörte Alfred Apfel gemeinsam mit den Schriftstellern Egon Erwin Kisch und Gustav Regler zu ihren Sprechern.
Kaum bekannt ist die Veröffentlichung seines im Exil geschriebenen und 1934 in französischer Sprache in Paris erschienenen Buches „Hinter den Kulissen der deutschen Justiz“, das ein Jahr später auch in London verlegt wurde. In seinem Vorwort schrieb der Autor: „Ich habe Wert darauf gelegt, an Hand des Berichtes über politische Prozesse, die meine Laufbahn begleitet haben, nachzuweisen, wie die deutsche Justiz die Demokratie erdolcht und dem Hitlerismus den Weg eröffnet hat. … Diese Arbeit hat zum Ziel, alle Anhänger liberaler Ideen zu ermutigen, die politische Justiz ihrer Länder ernsthaft zu kontrollieren. … Dieser Bericht wird dem Leser erlauben, für sich zu entscheiden, ob der heutige Nazismus der Endpunkt einer logischen Entwicklung ist, die ihren Anfang unter dem Kaiserreich genommen hat, oder aber die Konsequenz der Schwäche deutscher Republikaner und des Abtrünnigwerdens der Justiz.“
Im Juni 1940 fuhr Alfred Apfel nach Marseille, um mit einem nach langen Bemühungen erhaltenen Visum in die USA auszureisen. Doch am 19. oder 20. Juni starb er, gerade 58 Jahre alt. Sein Leben lang hatte er sich mit außerordentlichem Engagement, geboren aus politischer und religiöser Überzeugung, in den Dienst der Verteidigung demokratischer Zustände in der Weimarer Republik gestellt und sich im Bündnis mit anderen fortschrittlichen Juristen, Politikern und Künstlern beispielgebend für politisch Verfolgte eingesetzt.
Übernahme mit freundlicher Zustimmung des Autors.
PS des Autors für die vorliegende Sonderausgabe: Jan und Ursula Gehlsen haben im Jahre 2013 Alfred Apfels Buch „Hinter den Kulissen der deutschen Justiz. Erinnerungen eines deutschen Rechtsanwalts 1882-1933“ (Berliner Wissenschaftsverlag) aus dem Französischen und Englischen ins Deutsche rückübertragen.