Geschichten aus der Unterwelt

von Bettina Müller

In den 1920er Jahren war das Interesse der Berliner an Verbrechen aller Art sehr stark. Die Tageszeitungen bedienten diese Gier nach Sensationen nur zu bereitwillig, Zeugenaussagen vor Gericht wurden wortwörtlich abgedruckt, manchmal sogar Tatortfotos preisgegeben. Fotografen, allen voran Erich Salomon und Leo Rosenthal, nahmen heimlich ihre Kamera mit in den Gerichtssaal, um unter abenteuerlichen Bedingungen Zeugen, Angeklagte und das Saalpublikum abzulichten. In Absprache mit der Berliner Kriminalpolizei durften die Namen der ermittelnden Beamten in der Presse genannt werden, die so zu einiger Berühmtheit gelangten, wie zum Beispiel die Kriminalkommissare Ernst Gennat, Ludwig Werneburg und Otto Trettin.

Die Berliner Verbrecherwelt – Diebe, Hehler, Zuhälter und Schieber – war bis dahin ein wenig bekanntes Universum gewesen, in das die Leser nun einen Einblick erhielten. Diese „geschlossene Gesellschaft“, die doch gar nicht so weit weg schien, ließ sie fasziniert erschaudern, weil hinter jeder bürgerlichen Mietshausfassade das Verbrechen lauern konnte, das jedoch bei dieser Verbrecherkategorie selten in Mord oder Totschlag mündete. Wie so oft bestätigten auch damals Ausnahmen die Regel.

Am 3. Juni 1920 wurde der 48-jährige Teppichhändler Alfred Neißer um neun Uhr morgens in seiner Wohnung in der Berliner Steglitzstraße 34 tot aufgefunden. Er war nach heftigem Kampf erwürgt worden. Wie die Kriminalpolizei feststellte, entkamen der oder die Täter mit Schmuck, Bargeld und wertvollen Teppichen.

Neißer, angeblich ein ehrbarer Kaufmann, hatte sich seinen Lebensunterhalt seit dem Ersten Weltkrieg vor allem mit dem Verkauf von Hehlerware verdient. Er stammte ursprünglich aus Krakau, wo er am 16. Mai 1872 als Sohn des Kaufmanns Paul Neißer und dessen Ehefrau Julie geborene Weißstein zur Welt kam. Der Teppichhändler und sein Bruder, Dr. phil. Justin Adolf Neißer, Studienrat am Berliner Friedrichs-Realgymnasium, gehörten einer weit verzweigten Familie an, die einige Wissenschaftler hervorbrachte, darunter den damals sehr bekannten Breslauer Dermatologen und Sozialhygieniker Albert Neißer (1855–1916), der ein Cousin des Teppichhändlers war.

Kommissar Otto Trettin von der Berliner Mordkommission leitete die Ermittlungen und konnte bald mehrere dringend Tatverdächtige festnehmen. Der Kopf der Verbrecherbande war eine Frau: Helene Spanier führte seit geraumer Zeit eine Pension in der Güntzelstraße 34, in der es aber alles andere als seriös zuging. Verbrechertypen gingen dort ein und aus, das anfangs harmlose Etablissement war mittlerweile zu einem der ungezählten Treffpunkte der Unterwelt geworden. Dort war man unter sich und die „verständnisvolle“ Pensionsinhaberin verzichtete natürlich auch auf die vorschriftsmäßige behördliche Anmeldung ihrer „Gäste“. Die „geschlossene Gesellschaft“, das war eine Parallelwelt mit eigenen Spielregeln, die dem ehrbaren Bürger verborgen blieb.

Die Presse entschloss sich daraufhin zu einem Schritt, zu dem sie Anregung und Zustimmung der Berliner Polizei erhalten haben muss. Zum allerersten Mal wurde offen und ausführlich „in das unheimliche Treiben des Berliner Verbrechertums hineingeleuchtet“, wie die Berliner Volkszeitung am 23. Juni 1920 schrieb. Details wurden preisgegeben, Verbrechernamen und Adressen ihrer Unterschlupfe genannt. Ziel dieses Wandels in der Berichterstattung war – neben dem überhaupt nicht unerwünschten Nervenkitzel –, die Leser auf neue Verbrechertypen und deren Nester aufmerksam zu machen, die sich sehr oft hinter unscheinbaren Fassaden von Berliner Kneipen und Pensionen verbargen.

So erfuhr der Leser, dessen Gespür für kriminelle Strukturen zudem geschärft werden sollte, Details aus dem Leben einer sehr aktiven Berliner Verbrecherbande, deren Mitglieder mit ihren Taten Polizei und Gerichte über Jahre hinweg beschäftigen sollten.

Der Prozess gegen die drei Hauptangeklagten Helene Spanier, Gustav Passarge und Harry Selzer zog sich fast drei Jahre hin. Wichtige Zeugen erschienen nicht, zudem erkrankte Helene Spanier in der Untersuchungshaft. Im Gerichtssaal belastete „Matrosen-Willy“, wie Passarge von seinen Kumpanen genannt wurde, schließlich Helene Spanier als die treibende Kraft für die Tötung des Teppichhändlers.

Im Januar 1923 fällte das Moabiter Schwurgericht II endlich das Urteil: Die drei Angeklagten wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit schuldig gesprochen. „Matrosen-Willy“ erhielt eine Zuchthausstrafe von fünf Jahren, er verstarb nur 14 Tage später an Tuberkulose. Harry Selzer saß fünf Jahre hinter Gittern, Helene Spanier drei Jahre. Sie hatte sich zudem auf gerichtliche Anordnung einer medizinischen Überprüfung ihres Geisteszustands unterziehen müssen. Der Geheime Medizinalrat Hoffmann diagnostizierte sie als „schwernervöse neurasthenisch-hysterische Person“, bei der der umstrittene Paragraf 51 des Reichsstrafgesetzbuchs (RStGB), der über die Zurechnungsfähigkeit von Angeklagten entschied, jedoch nicht zur Anwendung kommen könne. Geboren 1888 in Dirschau im ehemaligen westpreußischen Kreis Marienwerder als uneheliche Tochter der Maria Rowalski, soll in ihrer Familie eine gewisse Disposition zu einer nicht näher spezifizierten Nervenkrankheit bestanden haben. Vor Gericht und auch während der Verhöre zeigte sich Helene Spanier in der Regel uneinsichtig, auch wenn man ihr nachweisen konnte, dass sie ganz offensichtlich log. In der Regel folgten dem wüste Schimpftiraden, die sie auch vor Gericht wiederholte. In die kriminalistischen Annalen ging sie ein als „Verbrecherin, wie es in Berlin keine zweite gibt“, oder auch als „die Frau, die Verbrechen organisiert“.

Die Berichterstattung der Tageszeitungen löste auch bei anderen den Trend aus, tief in diese Welt einzutauchen und darüber zu schreiben. Am konsequentesten betrieb das unter anderem der Schriftsteller Leo Heller (1876–1941), der zahlreiche Bücher über Begegnungen mit Verbrechern und wahre Geschichten aus der Berliner Unterwelt verfasste.

Spätestens 1933 waren ausführliche Berichte über ungeklärte Verbrechen in der Presse unerwünscht, weil sie die Autorität der neuen Machthaber unterminierten. Die hatten „Berufsverbrechern“ schon längst den Kampf angesagt, die nun Gefahr liefen, im Konzentrationslager zu enden. Es ist daher möglich, dass Helene Spanier, die evangelischer Konfession war, aber einen jüdischen Mann geheiratet hatte, dieses Schicksal erleiden musste.