19. Jahrgang | Nummer 6 | 14. März 2016

Vom Konzentrationslager zum Besserungsarbeitslager. Zur Geschichte des Lagersystems in der Sowjetunion 1919-1960

von Wladislaw Hedeler

Als Warlam Schalamow am 19. Februar 1929 verhaftet und am 13. April 1929 als „gesellschaftlich gefährliches Element“ zu drei Jahren verurteilt wurde, existierte in der Sowjetunion nur ein Lager auf dem Solowetzker Archipel. Hier erlebte der Häftling Schalamow das Ende der Vorgeschichte des sowjetischen Gulagsystems, die am 17. Mai 1919 mit dem Beschluss des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees über die Zwangsarbeitslager begann und mit dem vom Rat der Volkskommissare am 11. Juli 1929 zum Gesetz erhoben Politbürobeschluss vom 16. Mai 1929 „Über die Nutzung der Arbeit krimineller Häftlinge“ endete. Bis Ende der 1920er Jahre dienten die Haftorte in erster Linie der Isolation und erst in zweiter der Umerziehung der Häftlinge.
Mit dem ersten Fünfjahrplan änderte sich die Situation von Grund auf. Von nun an sollten die Gefangenen als Arbeitssklaven auf den „Großbaustellen des Kommunismus“ schuften. Am 5. April 1930 beriet das Politbüro des ZK der KPdSU(B) über den Arbeitseinsatz des verfügbaren „Kontingentes“. Zwei Tage später bestätigte der Rat der Volkskommissare „Die Richtlinien für Besserungsarbeitslager“. Die offizielle Bezeichnung der Haftorte als „Besserungsarbeitslager“ verdeutlichte unmissverständlich die gewandelte Strafpraxis, die nunmehr „Besserung durch Arbeit“ lautete. In diese Zeit fällt auch die Schaffung der Verwaltung Besserungsarbeitslager der OGPU, die bereits im Oktober 1930 zur Hauptverwaltung aufgewertet wurde. 1933 erschien ein Gesetz, das die Zwangsarbeit regelte und das bisher geltende vom 16. Oktober 1924 ablöste.
Im 1961 geschriebenen Antiroman „Wischera“ unterscheidet Warlam Schalamow zwischen der Lagerhaft vor und nach der so genannten Perekowka. Dieser Begriff steht für das „Umschmieden“ der Häftlinge und für den Beginn der Allmacht der Planwirtschaft im Gulag. Diese neue Lagererfahrung prägt das literarische Schaffen von Schalamow, der im Januar 1937 zum zweiten Mal verhaftet wurde. Mitte bis Ende der 1920er Jahre regierte in den Lagern der Zufall, alle Häftlinge waren gleich, die Gefängnisration heilig und unantastbar, es existierte eine Art patriarchalisch geprägte Gemeinschaft. Der Begriff Sek (sakljutschonny) war noch nicht im Umlauf.
Mit der Reorganisation des Lagersystems Anfang der 1930er Jahre setzte – so Schalamow rückblickend – die Perekowka ein, das Lagersystem wuchs und gewann an Kontur. Er hatte in seinen 20 Häftlingsjahren genug Erfahrungen sammeln können, um die Perekowka, das Umschmieden durch Arbeit, als Lüge zu entlarven. Umerziehung, Besserung durch Arbeit ist eine – an die Zwangsarbeit gebundene – Lüge. Arbeit macht NICHT frei, hob er immer wieder hervor. Denn an die Stelle der freiwilligen Arbeit trat die Zwangsarbeit, deren vorgegebene Ziele nur mit Betrug erreichbar waren. Es war die Geburtsstunde der Tufta, einer der drei tragenden Säulen des Gulag: Blat, Mat und Tufta. (Beziehungen, Flüche und Normbetrug.) Alle Beteiligten, von der Administration bis zu den Häftlingen, lebten, bei Strafe des Untergangs, nach diesem ungeschriebenen Gesetz. Jeder konnte vom Moloch erfasst und zermalmt werden. Egal, ob Mitarbeiter der Administration oder der Häftling, der eine Nummer, ein Sklave, war.
Die Diebe begriffen das als erste. Jetzt waren plötzlich nicht mehr alle Häftlinge gleich. Die Administration bediente sich der „Volksfreunde“ um die „Volksfeinde“ zu schikanieren. Hierarchische Strukturen bildeten sich heraus, eine Art Häftlingsgesellschaft, die an die Stelle der bis dahin dominierenden Leidensgemeinschaft trat. Von nun an galt die Zwangsarbeit als produktiver und damit „besser“ als freie, freiwillig geleistete Arbeit mit niedriger Produktivität. Auf jedes Nachlassen der Arbeitsleistung des „Kontingentes“ reagierte die Administration mit einer Verschärfung des Haftregimes. Mit der Arbeitsnorm wurde ein System der Leistungsentlohnung eingeführt. Der Mensch hörte auf, ein Mensch zu sein und wurde des Menschen Feind. Die Entfremdung von der Arbeit beschreibt Schalamow als das Leitmotiv der neuen Ordnung.

1919–1923

Bei den 1919 geschaffenen Lagern handelte es sich sowohl um Konzentrations- als auch Internierungslager. Zu den bekanntesten gehörte das von Mai 1920 bis 1923 existierende Kriegsgefangenenlager auf dem Solowetzker Archipel im Weißen Meer.
Anfangs schloss der zu Zwangsarbeit im Lager verurteilte Personenkreis nicht nur Häftlinge ein. Es konnten auch Gefängnisinsassen oder Freie sein, die sich im Lager zum Arbeitsdienst, der offiziell acht Stunden dauerte, einfinden mussten. Von Fall zu Fall war eine kasernierte Unterbringung möglich. Darüber hinaus wurden Vorformen der Arbeitsarmee bzw. der Strafbataillone getestet. Es waren paramilitärisch organisierte Einheiten, die zeitweilig in Lagern untergebracht wurden. In dieser Zeit waren auch die Freien Häftlingen gleichgestellt. Für Frauen und Minderjährige gab es spezielle Lager. Später wurden Männer und Frauen in unterschiedlichen Lagerabteilungen oder Baracken eines Lagers untergebracht.
Einem von der Abteilung Zwangsarbeit des NKWD der RSFSR 1920 vorgelegten Bericht über die seit dem 17. Mai 1919 geleistete Arbeit ist zu entnehmen, dass die Idee, ein Lagersystem zu schaffen, auf den Bürgerkrieg 1918 zurückgeht. Die sozial schädlichen, weißgardistischen und konterrevolutionären Elemente, hierzu zählten auch Geistliche, sollten in Lagern, die in allen Gouvernementzentren einzurichten waren, isoliert werden.

1923–1930

Stalins Weisung vom 13. Mai 1929, in Zukunft die Arbeit der zu mindestens drei Jahren verurteilten kriminellen Häftlinge zu nutzen, mündete am 16. Mai 1929 in den Beschluss des Politbüros „Über die Nutzung der Arbeit krimineller Häftlinge“ und am 11. Juli 1929 in den gleichnamigen Beschluss des Rates der Volkskommissare „Über die Nutzung der Arbeit krimineller Häftlinge“. Der Beschluss des Rates der Volkskommissare vom 7. Dezember 1929 legte fest, dass die Lager ihre Ausgaben durch eigene Einnahmen decken müssen. Neue Haftorte sollten in Sibirien, Fernost, in Kasachstan und in Mittelasien entstehen. Am 5. April 1930 stand das Thema der Ausnutzung der Arbeitskraft des Häftlingskontingentes erneut auf der Tagesordnung des Politbüros des ZK der KPdSU(B). Nach der Diskussion im Politbüro und im Rat der Volkskommissare fasste die Regierung der UdSSR am 7. April 1930 den Beschluss „Über die Bestätigung der Richtlinien für Besserungsarbeitslager“. Diese Lager sollten der Isolierung für die Gesellschaft gefährlicher Rechtsverletzer und ihrer „Umerziehung durch Gewöhnung an gesellschaftlich nützliche Arbeit“ dienen.

1930–1936

Das Wischlag, zu dessen Häftlingen Schalamow gehörte, ging aus dem Solowetzker Lager zur besonderen Verwendung hervor, anfangs war es ein Forstwirtschaftslager, die Häftlinge wurden aber auch beim Straßenbau und Fabrikbau eingesetzt. Von den 57.325 Häftlingen waren 10.843 wegen konterrevolutionärer Vergehen verurteilt. Hinzu kamen: Spionage, Bandenbildung, Falschmünzerei, Eigentumsdelikte, Militärvergehen, Mord, Amtsmissbrauch sowie „sozial schädliche“ und „sozial gefährliche Elemente“ (13.405).
Von 1930 bis 1935 existierten in der UdSSR 15 Gulags, in denen jeweils ca. 25.000 Häftlinge inhaftiert waren. Während die Zahl der in der Sowjetunion von 1932 bis 1936 bestehenden Lager konstant blieb, stieg sie während des Großen Terrors 1937/38 auf 48 an.

1937–1948

In den Jahren 1938 bis 1939 war Schalamow Häftling in Magadan, von 1940 bis 1953 auf der Kolyma, die Bergwerke und Lagerpunkte, die er beschreibt, gehörten zum Sewwostlag der Verwaltung Dalstroj. Ihr unterstanden 23 Lager mit 504 Lagerabteilungen.
Zwischen 1930 und 1960 mussten Millionen unschuldig verurteilter Häftlinge Zwangsarbeit leisten. In diesen 30 Jahren gab es in der UdSSR insgesamt 476 Besserungsarbeitslager. Über 270 davon existierten zwischen 1 und 5 Jahren. An 2. Stelle folgten 102 maximal 1 Jahr, an 3. Stelle 84, zwischen 5 und 10 Jahren bestehende Lager. Diese Rangfolge änderte sich – abgesehen von den Kriegsjahren 1941 bis 1945 nicht, als die maximal ein Jahr existierenden Lager auf Platz 1 aufrückten.
Im Dezember 1939 erließ die GULAG einen Befehl, der die Aufteilung der nach dem § 58 des Strafgesetzbuches Verurteilten auf die Gulags regelte. Als Mitglied rechtstrotzkistischer Organisationen, wegen Vaterlandsverrat nach § 58-1a und b, Spionage § 58-6; § 193-24 und Diversion § 58-9, wegen Terror nach § 58-8 oder als Führer faschistischer, Aufstandsparteien, nationalistischer Organisationen und antisowjetischer Parteien Verurteilte kamen in folgende Lager: Sewwostlag, Workutlag, Uchtishemlag, Norillag, Sewsheldorlag, Loktschimlag oder Ustwymlag.
Wer wegen Schädlingstätigkeit nach § 58-7; als „Überläufer“ § 59-10 und 84, als aktives Mitglied in konterrevolutionären, faschistischen, aufständischen oder nationalistischen Organisationen bzw. ehemaliges Mitglied von antisowjetischen politischen Parteien, als Leiter oder Organisator von Massenunruhen nach § 59-2a; wegen Banditentum § 59-3, § 59-3a, § 59-3b oder wegen bewaffnetem Überfall § 176 T. III, als Vorbestrafter oder wegen Fluchtversuch aus Lagern oder Gefängnissen verurteilt wurde, kam ins Siblag, Karlag, Saslag, Sewsheldorlag, Kraslag, Tomasinlag, Sewurallag, Iwdellag, Usollag, Unshlag, Wjatlag, Kargopollag, Oneglag oder Kulojlag.

Lager für Angehörige von Volksfeinden

Der Startschuss für den „Großen Terror“ gegen die sowjetische Bevölkerung fiel am 2. Juli 1937: Das Politbüro der Kommunistischen Partei der Bolschewiki fasste den Beschluss „Über die antisowjetischen Elemente“. Er wurde den Sekretären der Kreis- und Gebietskomitees sowie den Zentralkomitees der nationalen Kommunistischen Parteien per Telegramm zugestellt. „Ein Großteil der aus der Verbannung zurückkehrenden Kulaken und Schwerverbrecher“, hieß es im Telegramm, sind nach ihrer Ankunft als „Initiatoren von antisowjetischen Aktionen und Diversionshandlungen“ in Erscheinung getreten. Um dies in Zukunft zu unterbinden, sind innerhalb von fünf Tagen Listen der zu erschießenden und der zu verbannenden „feindlichen Elemente“ dem ZK der KPdSU(B) vorzulegen. Bereits am nächsten Tag, am 3. Juli 1937, erteilte das ZK die Weisung, wie mit den Frauen, Kindern und Eltern der Repressierten, d. h. den Angehörigen der zum Tode bzw. zu Zwangsarbeit verurteilten Männern umzugehen ist.
Regelungen, angefangen von der statistischen Erfassung der Familienangehörigen bis hin zur Einrichtung zusätzlicher Sonderlager, in die die Verhafteten für mindestens fünf bis acht Jahre zu verbringen waren, folgten. Am 5. Juli 1937 stimmte das Politbüro des ZK der KPdSU(B) dem Vorschlag des NKWD zu, neue Sonderlager in Sibirien und in Kasachstan einzurichten.
In einer ersten Hochrechnung war von maximal 7000 zu verhaftenden Ehefrauen von „Volksfeinden“ die Rede. Sie sollten auf drei „Besserungsarbeitslager“ verteilt werden. Zunächst entstand ein Sonderlager innerhalb des Temnikower Lagers, dann folgte ein Lager in der Nähe von Tomsk. In Kasachstan war ein Lager für ca. 3000 „Ehefrauen von Vaterlandsverrätern“ geplant.
Stalin, auf dessen Initiative das Prinzip der Sippenhaft in der UdSSR durchgesetzt wurde, ging von der Kollektivschuld der Verhafteten und ihrer Angehörigen aus. „Wir werden jeden dieser Feinde vernichten, sei er auch ein alter Bolschewik, wir werden seine Sippe, seine Familie komplett vernichten“, hob der Generalsekretär der KPdSU(B) in einem Toast während der Feier aus Anlass des 20. Jahrestages der Oktoberrevolution hervor. Damit knüpfte er an die Tradition der „Neutralisierung potentieller feindlicher Aktivitäten“ an, die seit 1922 Teil der sowjetischen Repressivpolitik war. Am 20. Juli 1934 wurde der Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR um einen Passus bezüglich der Bestrafung von „Familienmitgliedern von Volksfeinden“ erweitert.

1949–1953

Die nach 1945 einsetzende Wendung zur Friedenswirtschaft ging mit der Rückbesinnung auf die Zwangsarbeit einher. Die Zahl der Lager stieg von 79 im Jahr 1948 auf 166 im Jahr 1953. Die Arbeitsproduktivität war hier halb so groß wie in den Betrieben des zivilen Sektors. Die Bestandsdauer der Lager, in denen fast 10 Millionen Häftlinge Zwangsarbeit leisteten, korrespondierte nicht nur mit der Dauer der Baumaßnahmen auf den Baustellen des Landes, sondern auch mit dem verbreitetsten Strafmaß. Von 1953 bis 1956 wurden in der UdSSR fast zwei Drittel der Angeklagten zu Haftstrafen bis zehn Jahren verurteilt. Für 1953 wird die Zahl der Häftlinge mit 1.360.303 angegeben. Die bis zu 30 Jahre bestehenden Lagerkomplexe, von denen es 13 gab, stellten nicht nur Lebensmittel, Kohle und Nutzholz, sondern vor allem und in erster Linie die erforderlichen Arbeitskräfte für die Baustellen zur Verfügung.

Sonderlager 1948ff.

Bei den 1948 an der Kolyma, im Hohen Norden, in der Komi ASSR und im Gebiet um Karaganda neu eingerichteten Lagern für ca. 100.000 Häftlinge handelte es sich um so genannte Sonderlager mit verschärftem Haftregime. In den zuerst neun, dann zwölf Sonderlagern sollten vor allem jene schwere körperliche Arbeit leisten, die als Konterrevolutionäre oder Mitglieder antisowjetischer Organisationen und Gruppen verurteilt worden waren. 1949 belief sich ihre Zahl auf 160.000, Ende 1950 wurde sie auf 250.000 erhöht. Ein diesbezüglicher Beschluss des Ministerrates der UdSSR sah vor, dass sie nach Verbüßung ihrer Strafe zu Verbannung in entlegene Gebiete zu verurteilen waren.
Zu den Besonderheiten von Workuta gehört, dass es hier seit 1948 „Lager mit verschärftem Haftregime für besonders gefährliche Staatsverbrecher“ gab, d. h. Lager für politische Gefangene die als „Trotzkisten“, „Rechtsabweichler“, „Anarchisten“, „Terroristen“, „Spione“, „Diversanten“, „Menschewiki“, „Sozialrevolutionäre“, „Nationalisten“, „Weißemigranten“ oder Angehörige von „Verrätern an der Heimat“ verhaftet worden waren. Außerdem wurden „Kollaborateure“, d. h. Sowjetbürger aus den ehemals von der Wehrmacht besetzten Gebieten in diese Lager verbracht.
Es gab Lagerabteilungen für Russlanddeutsche, Lagerabteilungen für in deutsche Gefangenschaft geratene Rotarmisten und seit 1951 „Sonderlager für Kriegsverbrecher“. Letztere kamen auch aus der DDR, aus Bautzen, aus Waldheim und aus den Gefängnissen des NKWD in Deutschland.
Die Versorgung und Unterbringung „des Kontingentes“, wie die Häftlinge in der Amtssprache des NKWD und MWD genannt wurden, war hier schlechter als in „gewöhnlichen“ Gulags, die Arbeitsbedingungen härter und die Bewachung schärfer. Als besonders belastend empfanden die Häftlinge ihre völlige Isolierung von der Außenwelt.
Während und nach dem Krieg kamen neue Häftlingsgruppen in die Lager. Unter ihnen waren Soldaten und Offiziere der Roten Armee, als Kollaborateure und für im von der Wehrmacht besetzten Gebiet begangene Greueltaten verurteilte Häftlinge. Nach der Abschaffung der Todesstrafe fielen sie unter das für die Politischen geltende Haftregime. In einem Punkt unterschieden sich die Neuzugänge von den in den Jahren des „Großen Terrors“ verhafteten „konterrevolutionären Verbrechern“. Sie hatten in der Regel in der Armee gedient und wussten um die Vorzüge von militärischer Organisation und Disziplin.
Im Unterschied zu den schon im Lager befindlichen politischen Häftlingen waren sie anders sozialisiert und – was das Entscheidende ist – organisiert. Sie stellten die Rechtmäßigkeit ihrer Verurteilung generell in Frage und forderten – zunächst unter Hinweis auf die Absetzung des Innenministers Lawrenti Berija – Freiheit. Einen besseren Beweis ihrer Unschuld als die Verhaftung und darauf folgende Verurteilung des „feindlichen Agenten“ Berija konnte es ihrer Meinung nach nicht geben. Im Unterschied zu den zu kurzen Haftstrafen verurteilten Häftlingen erwarteten sie nichts von der für den Sommer 1953 einberufenen Sitzung des Obersten Sowjets. Sie hofften nicht auf Zugeständnisse, sondern erwarteten eine grundlegende Änderung der Verhältnisse.
1953, als in deutsche Kriegsgefangenschaft geratene Offiziere und Soldaten der Roten Armee sowie Kämpfer nationaler Unabhängigkeitsbewegungen aus der Ukraine und dem Baltikum das Gros der „Staatsverbrecher“ dieser Lager ausmachten, kam es in Workuta, Norilsk und Kingir zu Widerstandsaktionen.
Die Parteiführung befahl die brutale Niederschlagung der zu „Aufständen“ erklärten Streiks. 1954 versuchte sie der Lage Herr zu werden, indem sie die Sonderlager in die Gulags eingliedern ließ. Doch das in Auflösung befindliche Gulagsystem ließ sich nicht mehr reformieren. Den Anfang vom Ende des verhassten Lagersystems hatten die Häftlinge unwiderruflich eingeläutet.

1953–1960

Drei Wochen nach Stalins Tod erreichte den Kommandanten der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 27. März 1953. Der Beschluss sah vor, eine Million der über zweieinhalb Millionen Häftlinge aus den Besserungsarbeitslagern zu entlassen. Als „Konterrevolutionäre“ verurteilte Gefangene fielen nicht unter diese Amnestie Als sich jedoch Tausende Angehörige von Verhafteten sowie die Häftlinge selbst an die Justizorgane und Parteiinstanzen wandten, sah man sich genötigt, zu handeln. Am 4. Mai 1954 beschloss das Präsidium des ZK der KPdSU(B) die Einsetzung einer Kommission zur Revision der Fälle der wegen konterrevolutionärer Verbrechen Verurteilter. Der diesbezügliche Befehl des Generalstaatsanwaltes der UdSSR, des Justizministers und des Vorsitzenden des Komitees für Staatssicherheit, KGB, erschien am 19. Mai 1954. Am 19. September 1955 folgte ein Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR, der alle Bürgerinnen und Bürger, die während der Kriegsjahre mit den deutschen Okkupanten kollaboriert hatten, amnestierte. Wegen der Teilnahme an den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in der Ukraine oder dem Baltikum verurteilte politische Häftlinge blieben zunächst weiter in Haft.
Die Entlassung tausender Häftlinge führte zwangsläufig zur größten und über Jahre anhaltenden Umstrukturierung, an dessen Ende die Auflösung des Lagers stehen sollte. Doch dass es soweit kommen würde, ahnten 1953 weder die Gefangenen noch das Lagerpersonal. Die Entscheidung der sowjetischen Führung unter Nikita Chruschtschow, den Gulag als komplexes Lagersystem schrittweise aufzulösen, fiel am 31. Januar 1956.
Die anstehende Umorganisation des Lagers mündete das erste Mal in seiner Geschichte nicht in eine Expansion, sondern in eine drastische Reduzierung des Häftlingsbestandes und des Lagergebietes. Bei der Auflösung der einzelnen Lagerabteilungen fielen die Territorien und Einrichtungen gewöhnlich an die zuständigen Ministerien, denen die umliegenden Staatsgüter, Kohlegruben und Industriebetriebe usw. unterstanden. Die meisten Zivilangestellten verblieben in ihrer Funktion; Militärangehörige hingegen entließ oder versetzte man.

Aus: Wilfried F. Schoeller: Leben oder Schreiben. Der Erzähler Warlam Schalamow, Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2013, 254 Seiten, 24,90 Euro.
Übernahme mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlages.

Die Schreibweise des Originals wurde beibehalten.

(Dieser Beitrag steht aus rechtlichen Gründen nur bis zum 13.08.2018 zur Verfügung.)