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	<title>Das Blättchen &#187; Wolfgang Heise</title>
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		<title>Winterreise</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 20:14:40 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Jochen Mattern
Unter dem Datum des 21./22. April 1984 notiert der Lyriker und Dramatiker Volker Braun folgende Verse in sein Tagebuch:
“ACH DASS DIE LUFT SO RUHIG / ACH DASS DIE WELT SO LICHT / ALS NOCH DIE ST&#220;RME TOBTEN / WAR ICH SO ELEND NICHT”.
Zitiert wird der Schlu&#223; des Gedichtes Einsamkeit, das zur Winterreise geh&#246;rt, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Jochen Mattern</h3>
<p>Unter dem Datum des 21./22. April 1984 notiert der Lyriker und Dramatiker Volker Braun folgende Verse in sein Tagebuch:</p>
<p>“ACH DASS DIE LUFT SO RUHIG / ACH DASS DIE WELT SO LICHT / ALS NOCH DIE ST&#220;RME TOBTEN / WAR ICH SO ELEND NICHT”.</p>
<p>Zitiert wird der Schlu&#223; des Gedichtes <em>Einsamkeit</em>, das zur <em>Winterreise</em> geh&#246;rt, einem Zyklus aus insgesamt 24 Gedichten. Ihr Verfasser ist der heute nahezu vergessene Dichter Wilhelm M&#252;ller (1794-1827) aus dem sachsen-anhaltinischen Dessau. <em>Die</em> <em>Winterreise</em> entsteht vermutlich 1821/22. Unsterblichkeit erlangen die Verse durch die Vertonung Franz Schuberts.</p>
<p><em>Einsamkeit</em> ist ein Gedicht, das in Naturbildern eine Zeitenwende beklagt. Als Fall aus der bewegten in die stehende Zeit charakterisiert sie Volker Braun in einem Essay aus dem Jahr 1983 &#252;ber den Lyriker Arthur Rimbaud. Die nachrevolution&#228;re Wirklichkeit der DDR &#8211; der sogenannte real existierende Sozialismus &#8211; m&#252;ndet Anfang der achtziger Jahre in eine Phase allgemeinen Stillstands. Von einer „Finalit&#228;tskrise“ sprechen die Soziologen, vom Winter die Poeten. Vorbei ist die Zeit st&#252;rmischen Beginnens; der Aufbruch in die Utopie einer befreiten Gesellschaft geht in Stagnation &#252;ber. Das Leben erstarrt. Die Hoffnungen, die an den Aufbau einer neuen Gesellschaft gekn&#252;pft sind, erweisen sich als illusorisch. Indifferenz und Resignation sind nicht selten die Folge. Ein Tauwetter setzt erst viel sp&#228;ter ein. Es wird mit Glasnost und Perestroika frischen Wind in Politik und Gesellschaft bringen und die DDR schlie&#223;lich hinwegfegen.</p>
<p>Doch zum Zeitpunkt des Tagebucheintrags liegt der Reformfr&#252;hling noch in weiter Ferne. Vorerst herrscht ringsum Windstille; nirgends eine Regung, die auf Ver&#228;nderung schlie&#223;en lie&#223;e. Unter DDR-K&#252;nstlern bewirken die restaurativen Verh&#228;ltnisse das Gef&#252;hl von Isolation und Ohnmacht. Ein Zustand, an dem auch das lyrische Ich der <em>Winterreise</em> leidet. „Durch helles, frohes Leben,/ Einsam und ohne Gru&#223;“ zieht es seine Stra&#223;e hinaus in eine Winterlandschaft, die kalt und abweisend daliegt. Anders als in Goethes <em>Osterspaziergang</em> zum Beispiel spendet die Natur weder Trost noch Lebenskraft; sie ist nur mehr Sinnbild der Zerfallenheit des lyrischen Subjekts mit der Gesellschaft und einer Existenzkrise. Es zeugt denn auch von bitterer Ironie, wenn im Titel des Zyklus von einer Reise die Rede ist. Von Flucht beziehungsweise einem Ausbruch aus beengten Verh&#228;ltnissen zu sprechen, scheint dem Vorgang angemessener. Demnach bringen die <em>Winterreise</em>-Lieder weniger Resignation und Todeswunsch zum Ausdruck, wie das klassische Liedinterpretationen nahelegen, als vielmehr die Ablehnung der bestehenden Gesellschaft und ein Standhalten den schier &#252;berm&#228;chtigen Verh&#228;ltnissen gegen&#252;ber.</p>
<p>Ein solch politisches Textverst&#228;ndnis dominiert die Rezeption der <em>Winterreise</em> in der DDR. Sie macht den Liederzyklus zu einem bevorzugten Medium k&#252;nstlerischer Selbstverst&#228;ndigung im Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin. Die „Reise“, schreibt der Philosoph und &#196;sthetiker Wolfgang Heise, ger&#228;t zum Lebensweg eines „Aufbegehrenden“ und „Verzweifelten“, eines, „der sich nicht integriert in die Gesellschaft der Restaurationszeit, in ihre gefroren-erstarrte Welt”. Und Christa Wolf berichtet aus der R&#252;ckschau auf die DDR, da&#223; die Lieder der Schubertschen <em>Winterreise</em> auf gemeinsam mit Wolfgang Heise unternommenen Spazierg&#228;ngen der Anla&#223; waren, sich &#252;ber die restaurative Phase, die auf den Wiener Kongre&#223; 1815 in Deutschland folgt, auszutauschen und sich dar&#252;ber zu verst&#228;ndigen, „wie jede freiheitliche Regung erstickt wurde; wie ein unverbindlich-kitschiges Biedermeier als Lebensgef&#252;hl die bessere Gesellschaft &#252;berzog; <em>wie die Kunst, wollte sie ehrlich bleiben, tiefe Melancholie</em> <em>und Verzweiflung ausdr&#252;cken musste</em>, und sei es an einem scheinbar so politikfernen ‚Stoff’ wie der Trauer &#252;ber eine verlorene Liebe“. (Christa Wolf: “Winterreise”. Wolfgang Heise zum Gedenken, Sinn und Form 6/1995)</p>
<p>Auf einem dieser Spazierg&#228;nge, so Christa Wolf, habe ihr Begleiter sie mit einem Geschenk &#252;berrascht, und zwar mit einer Schallplatteneinspielung der <em>Winterreise</em>, und er habe ihr bedeutet, „da&#223; dieser Staat wie jeder Staat sei: ein Herrschaftsinstrument, und seine Ideologie wie alle Ideologie: falsches Bewu&#223;tsein”. Auf die Frage, was wir tun sollen, habe Wolfgang Heise erwidert: „anst&#228;ndig bleiben” und „wir sind die ersten nicht.”</p>
<p>Da&#223; die politische Lesart der <em>Winterreise</em> nach einer Neuvertonung des Gedichtzyklus verlangt, erscheint nur folgerichtig, zumal wenn man wei&#223;, da&#223; Franz Schubert in die originale Textgestalt erheblich eingegriffen und damit einem unpolitischen Verst&#228;ndnis der Lieder Vorschub geleistet hat. Reiner Bredemeyer (1929-1995), Komponist am Deutschen Theater und mit Volker Braun befreundet, vertont die 24 Gedichte neu und h&#228;lt sich dabei getreu an die Textvorlage. Seine Komposition der <em>Winterreise</em> erlebt 1985 die Urauff&#252;hrung.</p>
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