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	<title>Das Blättchen &#187; Wanderarbeiter</title>
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		<title>Wanderarbeiter</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Dec 2004 19:05:03 +0000</pubDate>
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Professor Wu Yuanliang vom Institut f&#252;r Philosophie der Chinesischen Akademie f&#252;r Sozialwissenschaften in Beijing benennt Chinas derzeit wichtigste Entwicklungsprobleme so: Erstens: China entwickele sich zur »Weltfabrik«, und diese rasante Entwicklung sei sowohl mit Vorteilen als auch mit Nachteilen f&#252;r das Land, vor allem die Landeskinder, verbunden. Die bildhafte Beschreibung Wu Yuanliangs daf&#252;r: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Gerd Kaiser, Guangzhou</h3>
<p>Professor Wu Yuanliang vom Institut f&#252;r Philosophie der Chinesischen Akademie f&#252;r Sozialwissenschaften in Beijing benennt Chinas derzeit wichtigste Entwicklungsprobleme so: Erstens: China entwickele sich zur »Weltfabrik«, und diese rasante Entwicklung sei sowohl mit Vorteilen als auch mit Nachteilen f&#252;r das Land, vor allem die Landeskinder, verbunden. Die bildhafte Beschreibung Wu Yuanliangs daf&#252;r: »Kapitalistische Elemente sind wie K&#228;se. Sie stinken, aber der K&#228;se schmeckt.« Zweitens: W&#228;hrend die Wirtschaft sich schnell entwickelt, bleibe das Sozialsystem weit zur&#252;ck. Das &#228;u&#223;ere sich in Ungleichheiten und auch in Ungerechtigkeiten. Gro&#223;e Teile der chinesischen Bev&#246;lkerung seien gezwungen, sie hinzunehmen. Die Folge: scharf konturierte soziale Gegens&#228;tze und Kontraste, mancherorts auch Konfrontationen. Drittens: Dem politischen System sei ein starkes Beharrungsverm&#246;gen eigen. Seine Haltung werde vor allem durch die Furcht vor politischen Unruhen bestimmt, die begr&#252;ndet sei. Deshalb habe bei den politischen Entscheidungstr&#228;gern das Beharren auf politischer Stabilit&#228;t den Vorrang vor allen anderen Problemen in China. Zu ihnen geh&#246;ren beispielsweise die starken Unterschiede zwischen der Entwicklung von Stadt und Land; zwischen den hochentwickelten Provinzen von Chinas Osten und den schwach- beziehungsweise unterentwickelten Westprovinzen.</p>
<p>Diese – hier nur auswahlweise sowie stark verk&#252;rzt und verallgemeinert referierten – wissenschaftlichen Standpunkte werden nicht in jedem Punkt von den Politikern geteilt, jedoch sowohl intern als auch &#246;ffentlich in China zur Sprache gebracht. Die Presse berichtet &#252;ber bestechliche Machthaber sowie &#252;ber Ma&#223;nahmen von Regierungsstellen und Gerichten, korrumpierte Staatsdiener oder Funktion&#228;re der KP Chinas zur Verantwortung zu ziehen beziehungsweise Wanderarbeitern zu ihrem Recht, das bedeutet oftmals zum von ihnen sauer verdienten zustehenden Lohn, zu verhelfen. Die interaktive Kommunikation zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft scheint zumindest partiell zu funktionieren. Allerdings werden auch gegenl&#228;ufige Entwicklungen sichtbar: da&#223; Regierungsbeh&#246;rden und Gerichte nicht immer konsequent daf&#252;r sorgen, da&#223; der Rechtsanspruch auch verwirklicht wird.</p>
<p>Professor Yu Yuixi, er forscht zur Geschichte der Arbeiterbewegung, sch&#228;tzt, da&#223; es derzeit – eine offizielle Statistik gibt es zu diesem Punkt nicht – ann&#228;hernd zehn Prozent Arbeitslose in China gebe. Regierungsseitig werde sich aber st&#228;rker um sie gek&#252;mmert als vor drei Jahrzehnten, bevor die Wirtschaftsreformen durch Deng Xiauping in Gang gesetzt und schrittweise verwirklicht wurden.</p>
<p>Ein spezielles chinesisches Problem sind die Wanderarbeiter. Ann&#228;hernd einhundert Millionen Menschen sind dieser Kategorie zuzuz&#228;hlen. (Derzeit lebt ein Viertel der Menschheit – 1,3 Milliarden Menschen – in China.) J&#228;hrlich kommen ann&#228;hernd dreizehn Millionen neue Wanderarbeiter zu dieser chinesischen Variante einer industriellen Reservearmee hinzu. Die Wanderarbeiter, vorwiegend vom Lande stammend, nehmen nicht zuletzt Arbeiten an, die auch f&#252;r chinesische Verh&#228;ltnisse nicht goldig sind. In der Landwirtschaft, im Bauwesen, wo immer es etwas zu verdienen gibt. Ein Teil ihres Lohnes geht f&#252;r den eigenen Unterhalt drauf, alles, was sie er&#252;brigen k&#246;nnen, schicken sie ihren zu Hause gebliebenen Familien. Daneben gibt es aber auch nicht wenige v&#246;llig entwurzelte Wanderarbeiter, die gemeinsam mit ihren Familien auf der Suche nach Lohn und Brot unterwegs sind.</p>
<p>F&#252;nf von ihnen begegnete ich auf der Milchviehfarm eines Bauern in Nordchina, der zugleich Sekret&#228;r der Parteiorganisation der KP Chinas im Dorf war. Die aus der Inneren Mongolei stammenden Wanderarbeiter verdienen 500 Yuan monatlich (ezwa f&#252;nfzig Euro), ihr Bauer 540 Yuan. Sein Hof verf&#252;gt bereits &#252;ber eine elektrische Melk- und eine K&#252;hlanlage, schwere Handarbeit auf dem Anwesen ist jedoch nach wie vor vonn&#246;ten.</p>
<p>In der s&#252;dchinesischen Provinz Guangzhou, wo ich mich ebenfalls aufhielt, waren gerade f&#252;nfundzwanzig Wanderarbeiter von ihren »Arbeitgebern« t&#228;tlich angegriffen worden, als sie den ihnen zustehenden Lohn einforderten. Diese Art Auseinandersetzung sei, so war zu erfahren, keine Seltenheit. Schamlos werde versucht, die labile soziale Lage der Wanderarbeiter beziehungsweise der Wanderarbeiterfamilien auszunutzen, sie zuerst auszupowern und dann davonzujagen. Die f&#252;nfundzwanzig in Rede stehenden Wanderarbeiter in der Provinz Guangzhou setzten sich zur Wehr und wandten sich auch an die Regierung. Premier Wen Jiahajo verlangte daraufhin von den regionalen Beh&#246;rden entschiedene Ma&#223;nahmen, um zu sichern, da&#223; zustehende L&#246;hne ohne Umschweife ausgezahlt werden. Die Rechtsprechung, so die Regierung, sei gefordert, ihrer Verantwortung nachzukommen. Sind doch die derzeitigen Schulden der »Arbeitgeber« immens: Sie betragen einhundert Milliarden Yuan, das sind umgerechnet zehn Milliarden Euro! Besonders hohe R&#252;ckst&#228;nde in den Lohnauszahlungen gibt es in den Provinzen von Chinas Nordosten und Nordwesten, in Xinjiang, Heilongjian und Uygur.</p>
<p>Da derzeit lediglich jeder f&#252;nfte Wanderarbeiter einen hieb- und stichfesten Arbeitsvertrag hat, f&#228;llt es achtzig Prozent von ihnen schwer, ihren Lohn einzuklagen. Dar&#252;ber hinaus sind Wanderarbeiter, im Unterschied beispielsweise zu Staatsangestellten, bisher generell nicht sozialversichert. He Bing, Funktion&#228;r des Gewerkschaftsverbandes, verlangte im Rahmen der &#246;ffentlichen Debatte um dieses Thema, die Rechte der Wanderarbeiter durch gesetzliche Regelungen zu st&#228;rken. Schlie&#223;lich sollen 300 Yuan k&#252;nftig der monatliche Mindestlohn sein.</p>
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