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	<title>Das Blättchen &#187; Herbert Graf</title>
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	<description>Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft</description>
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		<title>Die Ulbricht-Legende</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Jan 2009 21:33:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Webmaster</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Herbert Graf]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Ulbricht]]></category>
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		<description><![CDATA[von Wolfgang Sabath
Als des Mannes 60. Geburtstag n&#228;her kam, wies der seine Untertanen (zwar &#252;blich, aber nichtsdestoweniger irrt&#252;mlich Genossinnen oder Genossen gehei&#223;en) an, den bevorstehenden Tag zu einem gro&#223;en Feiertag werden zu lassen. Und zwar zu einem Feiertag des ganzen Volkes. Damit auch alles sein en damals f&#252;r &#252;blich gehaltenen Gang gehe, &#252;bergab er – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Wolfgang Sabath</h3>
<p>Als des Mannes 60. Geburtstag n&#228;her kam, wies der seine Untertanen (zwar &#252;blich, aber nichtsdestoweniger irrt&#252;mlich Genossinnen oder Genossen gehei&#223;en) an, den bevorstehenden Tag zu einem gro&#223;en Feiertag werden zu lassen. Und zwar zu einem Feiertag des ganzen Volkes. Damit auch alles sein en damals f&#252;r &#252;blich gehaltenen Gang gehe, &#252;bergab er – sicher ist sicher – an seine Ehefrau jene Parteikommission, die &#252;ber die angestrebten Stra&#223;enumbenennungen, Denkm&#228;ler, Orden, Namensverleihungen und andere Zeremonien zu beraten und die eine, wie es in der F&#252;hrenden Partei der B&#252;rokratisch-Demokratischen Republik hie&#223;, Sekretariatsvorlage auszuarbeiten hatte. Chef dieses Sekretariats, das die Vorlage abzusegnen hatte, war – gewiefte Leser und Zeitkundler ahnen oder wissen es – nat&#252;rlich das Geburtstagskind himself.</p>
<p>Da&#223; dann alles ganz anders kam und der Gro&#223;geburtstag ausfiel, war nicht des Jubilars Verdienst – der &#220;bervater, das Vorbild in Moskau war inzwischen verstorben –, und auch das Volk verhielt sich unbotm&#228;&#223;ig. So schien es Einsichtigeren und Kl&#252;geren in seiner Umgebung zweckm&#228;&#223;ig, mit Nachdruck Bescheidenheit einzufordern und die sogenannte Sekretariatsvorlage zum 60. Geburtstag des Genossen Walter Ulbricht ins Archiv zu stecken. Wo sie heute – wenn das gewu&#223;t worden w&#228;re, h&#228;tte man sie vermutlich lieber geschreddert … – von jedermann eingesehen werden kann (in B&#252;chern ist dieser Vorgang inzwischen auch nachlesbar), aber nat&#252;rlich von vielen, die es anginge, nicht wird. Teils aus Desinteresse, teils, weil so ein Dokument heile Welten zu besch&#228;digen in der Lage ist. Oder weil Ansichten und Blickwinkel korrigiert werden w&#252;rden, die man nicht korrigiert sehen m&#246;chte. Da k&#246;nnen nat&#252;rlich Kuriosa nicht ausbleiben und zum Beispiel so aussehen:</p>
<p>»Im Urteil &#252;ber seine eigene Leistung blieb er zur&#252;ckhaltend, ja bescheiden.« Der bescheidene Walter Ulbricht. Selbst den Leipziger Ring und Berlins Prenzlauer Allee wollte er auf seinen Namen umbenennen lassen …</p>
<p>Bescheiden und zur&#252;ckhaltend – so steht es wortw&#246;rtlich in einer neuen Publikation &#252;ber jenen Mann zu lesen, der von seinen Mitgenossen gezwungen werden mu&#223;te, die Selbstorganisierung seiner Geburtstagsfestspiele aufzugeben: der bescheidene Genosse Walter Ulbricht. Aber offenbar mu&#223; sich der Verfasser einer neuen Ulbricht-Legende seiner Sache insofern nicht hundertprozentig sicher gewesen sein, als er einige Stellen weiter vermerkt: »Sein ausgepr&#228;gtes Selbstvertrauen lie&#223; Selbstzweifeln kaum Entfaltungsspielraum.« Was f&#252;r eine Sklavensprache, immer noch. Und doch wei&#223; jeder, der einst gelernt hatte, zwischen den Zeilen zu lesen und zwischen den Zeilen zu schreiben, wie dieser Satz nur gemeint sein kann.</p>
<p>Zugegeben, es ist eigentlich der Schnee von gestern. Wenn nicht gar von vorgestern. Und autobiographische Texte, wie der in Rede stehende (Herbert Graf: Mein Leben. Mein Chef Ulbricht. Meine Sicht der Dinge, edition ost) sto&#223;en zu allen Zeiten auf Widerspruch, und zwar immer dann, wenn Leser glauben (oder wissen!), da&#223; die Dinge sich anders verhielten, als im jeweiligen Buch dargestellt. Da das nicht zu &#228;ndern ist, sollte Gelassenheit gepflegt werden. Sollen sie sich doch im Politb&#252;rohimmel dar&#252;ber fetzen, ob Walter Ulbricht ein zur&#252;ckhaltender und bescheidener Genosse war, nur weil er so gern Bratkartoffeln oder Kartoffelsuppe a&#223;, oder ein Mann, der seit Anbeginn seiner politischen Laufbahn mit ausgepr&#228;gtem Machtinstinkt zu Werke ging. Was &#252;brigens bekanntlich kein Widerspruch sein mu&#223;. Es geht uns nichts (mehr) an, es ist nicht mehr von Belang.</p>
<p>Anders sollte mit einer anderen Passage des Textes umgegangen werden, in der der Autor »Stalinismus«-Vorw&#252;rfe an die Adresse Walter Ulbrichts ad absurdum f&#252;hrten m&#246;chte, indem er notiert: »Der fast z&#252;gellose Umgang mit den Stalinismus-Verdikt f&#228;llt leicht. Bekanntlich gibt es bisher keine wissenschaftlich begr&#252;ndete, durch nachpr&#252;fbare Kriterien gesicherte Definition des Begriffes ›Stalinismus‹.«</p>
<p>Sp&#228;testens hier h&#246;rt die Angelegenheit auf, kurios zu sein, hier bekommt sie quasiskandal&#246;se Z&#252;ge. Und zwar nicht, weil ein Autor eine Sicht auf die Geschichte bevorzugt, die l&#228;ngst durch die Faktenlage als widerlegt gelten sollte, das kommt t&#228;glich und st&#252;ndlich vor. Sondern weil er diese Behauptung als »Leseprobe« in einem Blatte publizierte, das sich seit 1989 verbal antistalinistisch zu geben bem&#252;ht und sich dem antistalinistischen Grundkonsens der ihr nahestehenden Partei verpflichtet f&#252;hlt.</p>
<p>Nat&#252;rlich soll – wir leben doch nicht mehr in der Ulbricht-Zeit! – der Mann seine Sicht &#246;ffentlich machen d&#252;rfen. Aber in gleicher Weise h&#228;tten die Herausgeber ihr vornehmes Schweigen zu diesem Unsinn brechen m&#252;ssen. Da&#223; sie es nicht taten, ist Skandal Nummer 2. N&#228;hme man ihr Schweigen zu der Ulbricht-Legende n&#228;mlich ernst, hie&#223;e das doch, die SED-PDS h&#228;tte sich bei ihrer Gr&#252;ndung auf einen Konsens in einer Sache geeinigt, von der man bis heute – wir folgen dem Buchautor – eigentlich gar nicht wei&#223;, was das ist: Stalinismus respektive Antistalinismus. Trotz der fast 200000 Treffer bei google.</p>
<p>Skandal Nummer 3 – hier mu&#223; ich vermuten – ist der Umstand, da&#223; die Nachfolgerin der SED-PDS beziehungsweise der PDS nat&#252;rlich nicht »stalinistisch« ist, aber die einstens sich als »gesunde Kr&#228;fte« geb&#228;rdenden Restbest&#228;nde von Konservativteilen der SED – und das war die Mehrheit! – als W&#228;hler ben&#246;tigt. Und sie wird – vor Wahlen allemal – einen Teufel tun, eine f&#252;r alle Teile nur schmerzhafte Debatte zu entfachen. Und die »gesunden Kr&#228;fte« wiederum brauchen den agilen, aber in ihren Augen durch und durch sozialdemokratisch versifften Parteiapparat.Kurzum: Es wird unter den Teppich gekehrt, was der Besen hergibt.</p>
<p>Das mag zum Teil auch an einer Art von »Bipolarit&#228;t« zumindest im Ostteil dieser Partei liegen. Denn wer sich – hier nur als Beispiel benutzt, das das Problem verdeutlichen soll – in dieser Partei mit Nostalgikern anlegt, landet – ob ihm das nun gef&#228;llt oder nicht – zwangsl&#228;ufig bei Berliner oder s&#228;chsischen Neoliberalissimos à la Lederer oder Weckesser; wer andererseits deren Ansichten und Handlungen nicht teilt, landet derzeit unvermeidlich auf dem Scho&#223; von Sarah Wagenknecht oder Lucy Redler. Ober eben bei einem Autor wie dem Ulbricht-Schw&#228;rmer Herbert Graf.</p>
<p>So ist die Lage. Was tun? Neu beginnen?</p>
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