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	<title>Das Blättchen &#187; Gevattersmann</title>
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	<description>Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft</description>
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		<title>BEMERKUNGEN</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 18:50:44 +0000</pubDate>
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Die Stimmung im Kanzleramt war gedr&#252;ckt zu Beginn des neuen Jahres. Nicht etwa wegen der Krise oder bedrohlicher Arbeitslosenzahlen, diese Themen interessierten hier nur noch die Abteilung &#214;ffentlichkeitsarbeit. Nein, Weihnachten war’s. Schiefgelaufen! Komplett. Und zwar wegen der Geschenke. Was hatten sie sich nicht alles ausgemalt, was die Kanzlerin in den gro&#223;en Sack oder unter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ged&#228;mpfte Stimmung</strong></p>
<p>Die Stimmung im Kanzleramt war gedr&#252;ckt zu Beginn des neuen Jahres. Nicht etwa wegen der Krise oder bedrohlicher Arbeitslosenzahlen, diese Themen interessierten hier nur noch die Abteilung &#214;ffentlichkeitsarbeit. Nein, Weihnachten war’s. Schiefgelaufen! Komplett. Und zwar wegen der Geschenke. Was hatten sie sich nicht alles ausgemalt, was die Kanzlerin in den gro&#223;en Sack oder unter den Baum packen w&#252;rde. Geld vor allem, ja, Bargeld sollte es sein und zwar m&#246;glichst viel. Orden, Ehrenzeichen, Dienstwagen, goldene Kugelschreiber, die zu den goldenen F&#252;llern passten, die sie alle schon hatten. Und dann kamen nur so komische Computerausdrucke. Die Kanzlerin hatte in aller Stille Gutscheine f&#252;r ihre Minister gedruckt. Guido wusste noch nicht, was in seinem stand, er war auf Englisch. Ein Sprachkurs an der Volkshochschule war es, erfuhr man unter der Hand. Von Guttenberg verk&#252;ndete noch bevor er seinen eigenen, geschweige denn einen fremden Gutschein gesehen hatte, er halte das Vorgehen der Kanzlerin f&#252;r karitativ absolut angemessen. Etwas irritiert war er dann aber &#252;ber seinen Gutschein f&#252;r einen Korrekturroller, mit dem er Reden, Informationen und Stellungnahmen schnell und unauff&#228;llig korrigieren k&#246;nnte. „Wenigstens ein Benzingutschein“ h&#228;tte es sein k&#246;nnen“, maulte er. Sch&#228;uble bekam einen Gutschein f&#252;r ein Beratungsgespr&#228;ch bei der Schuldnerberatung, von der Leyen einen f&#252;r Kinderbetreuung w&#228;hrend eines Praktikums (unbezahlt) bei der ARGE, Kristina K&#246;hler einen f&#252;r ein blind Date oder einen Kochkurs, Ramsauer einen f&#252;r PKW-Maut, Schavan einen Bildungsgutschein, Aigner einen f&#252;r die Verbraucherberatung, Br&#252;derle einen f&#252;r ein Schwesterle oder auch ein Vetterle, mit dem er irgendeine Wirtschaft machen k&#246;nnte, Leutheusser-Schnarrenberger einen f&#252;r eine Namens&#228;nderung, Philipp R&#246;sler einen f&#252;r eine Kolloskopie, weil die Kanzlerin schon immer wissen wollte, was in dem Arsch wirklich vorgeht, R&#246;ttgers einen Emissionsgutschein, wen er emittiert, wird er erst sagen wenn er wei&#223;, was dieses Wort bedeutet, Niebels Gutschein muss sich erst entwickeln, de Maiziére erhielt einen Gutschein f&#252;r eine externe Festplatte mit ganz viel Speicher und Pofalla einen f&#252;r zweimal absoluten Bl&#246;dsinn quatschen, mit dem er wahrscheinlich keinen halben Tag hinkommen w&#252;rde. Angesichts dieser Geschenke kann man verstehen, dass das Kabinett mit ged&#228;mpfter Stimmung aus den Feiertagen kam. Aber alles w&#228;re nur halb so schlimm gewesen, h&#228;tte die Kanzlerin nicht alle Gutscheine auch noch unter Finanzierungsvorbehalt gestellt.</p>
<p>Ihr eigener sehnlichster Wunsch war aber auch nicht erf&#252;llt worden: Eine Wellness-Woche. In der Akademie der Wissenschaften der DDR. So wie fr&#252;her!</p>
<p style="text-align: right;"><em>Ove Lieh</em></p>
<p><strong>Unvollzogener Einsatz</strong></p>
<p>Eine Gedenktafel an der Wand, einen Menschen ehrend, der hier am 15. April 1841 „die philosophische Doktorw&#252;rde” erhielt.</p>
<p>Ein Mensch in Uniform samt Kamera betritt mit einem zweiten die R&#228;umlichkeit. Sie sondieren das Terrain, Blaulicht: „Was ist hier los?”</p>
<p>„Nur ein Krankenwagen.”</p>
<p>„Ich frage wegen der Kamera!”</p>
<p>„Wir haben halt unsere Kamera dabei.”</p>
<p>Gespr&#228;ch beendet.</p>
<p>Durch den Eingang kommen weitere Uniformierte, einer schwingt grinsend Plastikb&#228;nder, die bei fachm&#228;nnischer Handhabung so wunderbar schmerzen. Die &#252;blichen Spr&#252;che: „Dann gibt’s …“ und „dann wird …“ Nichts zu reden, das Geb&#228;ude besch&#252;tzen vor Demonstranten, Umst&#252;rzlern, Radikalen etc. pp.</p>
<p>Den Beamten f&#228;llt eine Tasche auf: „Ist das Ihre?”</p>
<p>Nein, die meine nicht.</p>
<p>Vier M&#228;nner machen sich dr&#252;ber her, ziehen Kleidungsst&#252;ck um Kleidungsst&#252;ck hervor, inspizieren Beutel, grinsend, wissend nichts Relevantes zu suchen, nichts Relevantes finden zu werden.</p>
<p>Die Besitzerin kommt um die Ecke, schaut verdutzt: „Das ist meine Tasche.”</p>
<p>Sie wird gescholten, von ehrlichen und unehrlichen Menschen, gar von Bomben ist die Rede: Diese Tasche war eine ehrliche Nichtbombe.</p>
<p>Besch&#228;mt packt die Frau ihre Sachen wieder ein.</p>
<p>Die Spannung steigt, die Spr&#252;che fliegen, Funkger&#228;te dr&#246;hnen, drei gehen auf die R&#252;ckseite, zwei vor die T&#252;r, einer pinkeln.</p>
<p>Der Kameramann bleibt am Fenster zur&#252;ck, Blaulicht, wenige Demonstranten ziehen durch K&#228;lte und Schnee, das zu sch&#252;tzende Geb&#228;ude nicht achtend, wieder Blaulicht: „Einsatz Ende.“</p>
<p>Gefasst verlassen die am Vollzug verhinderten Beamten das Feld.</p>
<p>Zur&#252;ck bleiben die Gedenktafeln f&#252;r Professoren und Studenten, die von einer gro&#223;en zum Teil unbequemen Vergangenheit zeugen, einer tr&#228;umte sogar von einer klassenlosen Gesellschaft.</p>
<p>Besinnliche Stille schwebt durch den befriedeten Raum.</p>
<p style="text-align: right;"><em>Paul</em></p>
<p style="text-align: left;"><strong>Hinz und Kunz, Kunz und Hinz</strong></p>
<p>Hinz und Kunz</p>
<p>Hinz<br />
Was doch die Gro&#223;en alles essen!<br />
Gar Vogelnester; eins zehn Taler wert.<br />
Kunz<br />
Was? Nester? Hab’ ich doch geh&#246;rt,<br />
Da&#223; manche Land und Leute fressen.<br />
Hinz<br />
Kann sein! kann sein, Gevattersmann!<br />
Bei Nestern fangen die denn an.</p>
<p>*</p>
<p>Kunz und Hinz</p>
<p>Kunz<br />
Hinz, wei&#223;t du, wer das Pulver hat erfunden?<br />
Der leid`ge b&#246;se Geist.<br />
Hinz<br />
Wer hat dir, Kunz, das aufgebunden?<br />
Ein Pfaffe war`s, der Berthold hei&#223;t.<br />
Kunz<br />
Sei drum! So ward mir doch nichts aufgebunden.<br />
Denn sieh! Pfaff` oder b&#246;ser Geist<br />
Ist Maus wie Mutter, wie man`s hei&#223;t.</p>
<p style="text-align: right;"><em>Gotthold Ephraim Lessing</em></p>
<p><strong>Du Jane, ich Goethe</strong></p>
<p>Noch vor kurzem war v&#246;llig klar, was das Wort &#8220;zeitgleich&#8221; im Deutschen bedeutet: n&#228;mlich &#8220;genauso schnell&#8221; oder &#8220;genauso lange dauernd&#8221;. Doch neuerdings verwenden immer mehr Leute das Wort &#8220;zeitgleich&#8221; exakt in der Bedeutung, die bisher mit dem Wort „gleichzeitig&#8221; zum Ausdruck gebracht worden ist. Man k&#246;nnte versucht sein, hierin nur ein weiteres Indiz f&#252;r die von Kulturpessimisten beklagte Verlotterung der deutschen Sprache zu sehen. Heute k&#246;nnen allerdings die allermeisten Linguisten mit Sprachverfalls-Prophezeiungen nichts mehr anfangen, und sie halten jede Kritik am allt&#228;glichen Sprachgebrauch von vornherein f&#252;r verfehlt, weil sie willk&#252;rlich vorgehen und keine wissenschaftliche Grundlage haben w&#252;rde. Genauso sieht es auch der israelische Linguist Guy Deutscher, der gegenw&#228;rtig an der Universit&#228;t Leiden lehrt. Nach seiner Auffassung wird jede Sprache unaufh&#246;rlich umgebaut &#8211; wobei immer wieder einige Teile zerst&#246;rt werden, andere Teile hingegen erweitert oder vollst&#228;ndig erneuert werden. Diesem permanenten Wandel liegen laut Deutscher drei Triebkr&#228;fte zugrunde. Erstens gibt es die &#246;konomische Neigung, beim Sprechen m&#246;glichst wenig Zeit und Energie aufzuwenden &#8211; weshalb &#252;berm&#228;&#223;ig komplexe grammatische Formen fr&#252;her oder sp&#228;ter simplifizierten weichen m&#252;ssen. Zweitens haben alle Sprechenden das Bed&#252;rfnis nach einer geordneten Sprache, und diese Ordnung bringen sie selbst hervor, indem sie zwischen sprachlichen Elementen Analogiebeziehungen herstellen. Und drittens gibt es die Neigung der Sprechenden, die Wirkung ihrer Worte durch sprachliche Extravaganzen und Innovationen zu verst&#228;rken &#8211; so dass den sprach&#246;konomisch bedingten Schlampereien und Vergr&#246;berungen von Anfang an entgegengearbeitet wird.</p>
<p>Gest&#252;tzt auf diese Grundannahmen erkl&#228;rt Guy Deutscher anhand einer ungeheuren Menge von Fallbeispielen, wie und warum sich Sprachen st&#228;ndig wandeln. Dar&#252;ber hinaus rekonstruiert er wesentliche Etappen der Grammatik-Geschichte von der Antike bis heute. Und er stellt Mutma&#223;ungen &#252;ber Ursprung und Evolution des menschlichen Sprachverm&#246;gens an.</p>
<p>Etwas kommt bei Deutscher allerdings zu kurz: der Umstand, da&#223; immer auch um Macht, Prestige und Anerkennung gek&#228;mpft wird, wenn gesprochen wird. Aus diesem Grund ist Sprachkritik nach wie vor unerl&#228;&#223;lich. Aber was Deutscher hier schreibt, geh&#246;rt zum Originellsten und Aufschlu&#223;reichsten, was in den letzten Jahren &#252;ber das Ph&#228;nomen Sprache geschrieben worden ist.</p>
<p align="right"><em>Frank Ufen</em></p>
<p><em>Guy Deutscher, Du Jane, ich Goethe. Eine Geschichte der Sprache, C.H. Beck, M&#252;nchen, 382 Seiten, 24,90 Euro</em></p>
<p><strong>Traumst&#228;dte mit Strom und Wasser</strong></p>
<p>Mein neues Zuhause liegt im <em>English Village</em>, im englischen Dorf, eines der unz&#228;hligen Neubauviertel, die im nordirakischen Erbil derzeit wie Pilze aus dem Boden wachsen. W&#228;hrend <em>Dream City</em>, das amerikanische Dorf, die <em>New Zealand City</em> oder wie sie sonst alle hei&#223;en noch mehr einer Baustelle gleichen, ist das <em>English Village</em> bis auf einige H&#228;user fast fertig. Wie Stadtvillen sehen die eng aneinander stehenden Geb&#228;ude aus. Innen sind sie ger&#228;umig, nach oben offen, einst&#246;ckig. Ein von der Hitze des Herbstes ausgebrannter Rasen zieht sich wie ein Handtuch um jede Villa. Eine englische Baufirma war hier federf&#252;hrend und hat dem Ensemble einen Vorstadtcharakter gegeben. Doch mit der gewohnten britischen Vorstadtidylle hat das <em>British Village</em> in Erbil nicht viel gemein. Hinter der Umz&#228;unung wachsen wilde M&#252;llkippen, die ein vermehrtes Fliegen- und M&#252;ckenaufkommen hervorbringen. Es gibt keine Einkaufsm&#246;glichkeiten im Dorf, nicht einmal ein Pub. Trotzdem zieht es immer Menschen hierher, denn der ausschlaggebende Punkt hier zu wohnen, ist ein in Europa zur Selbstverst&#228;ndlichkeit gewordenes Ph&#228;nomen: Es gibt 24 Stunden Strom und ausreichend Wasser.</p>
<p>Wer in den letzten Jahren im Irak gelebt hat, wei&#223; dies zu sch&#228;tzen. Mehrere Stunden werden t&#228;glich nur damit verbracht, Generatoren in Gang zu halten, das zuweilen rare Diesel auf dem Schwarzmarkt zu besorgen, Ersatzteile f&#252;r die verschlei&#223;ten Maschinen zu beschaffen und jemanden aufzutreiben, der den Generator zum f&#252;nfundzwanzigsten Mal repariert, bevor man sich einen neuen leistet. Nirgendwo im Irak gibt es derzeit eine l&#252;ckenlose Stromversorgung. Mit Wasser sieht es nicht besser aus. Erbil, die Hauptstadt der drei nord&#246;stlichen Provinzen, die schlechthin als Irak-Kurdistan gelten und weitgehende Autonomie genie&#223;en, ist seit dem Sturz Saddam Husseins um fast das Doppelte gewachsen. Heute wohnen hier 1,3 Millionen Menschen. Der rasante Zuzug vor allem aus dem vom Terror geplagten Bagdad und den an die Hauptstadt angrenzenden Provinzen, hat die Stadtplaner vor schier unl&#246;sbare Probleme gestellt. Strom und Wasser wurden aufgeteilt und in einigen Vierteln so knapp, da&#223; eine Welle des Protestes &#252;ber die Stadtv&#228;ter hereinbrach. Inzwischen ist ein neuer, privater Stromerzeuger aufgetreten und ans Netz gegangen. Doch die technischen Voraussetzungen f&#252;r die alten Stadtviertel m&#252;ssen erst noch geschaffen werden, um die Zufuhr zu gew&#228;hrleisten. F&#252;r die neu entstehenden „Traumst&#228;dte“ ist dies schneller wahr zu machen.</p>
<p style="text-align: right;"><em>Birgit Svensson, Erbil</em></p>
<p><strong>Wirsing</strong></p>
<p>Wenn man das Fernsehprogramm aufmerksam verfolgt, kann man den ausgefallensten Berufen begegnen. In einem Magazinbeitrag des MDR-Fernsehens wurde vor einiger Zeit ein „Bockwindm&#252;hlenm&#252;ller“ vorgestellt. Um zu erforschen, worum es sich handelt, nehmen wir den Begriff auseinander und schlagen den Bock in den Wind. Dann bleibt ein M&#252;hlenm&#252;ller &#252;brig. Und das ist ein alter Handwerksberuf aus der Zeit, als es noch Schuhschuster, Geb&#228;ckb&#228;cker und Fleischfleischer gab. Aber der Bock hat auch damals vorrangig Mist gemacht.</p>
<p>In einem Filmbericht des NDR-Fernsehens sah man einen Herrn in mittleren Jahren, dessen Profession „Krankengymnasiast“ war. Da er augenscheinlich der Schulzeit bereits entwachsen, stellt sich die Frage: Geht er zum Gymnasium, um vielleicht so wie ein Schulpsychologe kranke Gymnasiasten zu heilen? Oder war er ein w&#228;hrend der Schulpflicht stets kranker Gymnasiast, der jetzt doch noch das Abitur nachholt? Wenn dem &#228;lteren Herrn auf der Schulbank seine Sitzfl&#228;che Schmerzen bereitet, kann er sich vielleicht mit einem Gymnastiker beraten.</p>
<p style="text-align: right;"><em>Fabian &#196;rmel</em></p>
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