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	<title>Das Blättchen &#187; Erhard Bahr</title>
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		<title>Deutschtum oder B&#228;renh&#228;uterei</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 18:52:34 +0000</pubDate>
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Deutschprachige Exilschriftsteller in Los Angeles zur Judenfrage  -
in seiner mehrb&#228;ndigen Geschichte Kaliforniens mit dem Titel „Americans and the California Dream” hat der amerikanische Historiker Kevin Starr in dem Band &#252;ber den zweiten Weltkrieg zwei Kapitel den deutschsprachigen Exilschrifstellern in Los Angeles gewidmet. Es handelte sich um eine Gruppe von drei&#223;ig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Ehrhard Bahr, Los Angeles</h3>
<p>Deutschprachige Exilschriftsteller in Los Angeles zur Judenfrage  -<br />
in seiner mehrb&#228;ndigen Geschichte Kaliforniens mit dem Titel „Americans and the California Dream” hat der amerikanische Historiker Kevin Starr in dem Band &#252;ber den zweiten Weltkrieg zwei Kapitel den deutschsprachigen Exilschrifstellern in Los Angeles gewidmet. Es handelte sich um eine Gruppe von drei&#223;ig bis vierzig namhaften Schriftsteller und Drehbuchautorenautoren, die zu den rund zehntausend Hitlerfl&#252;chtlingen geh&#246;rten, die in den drei&#223;iger und vierziger Jahren in S&#252;dkalifornien Zuflucht fanden. Rund 80  Prozent von ihnen waren j&#252;disch, 13 Prozent protestantisch und 7 Prozent katholisch.<br />
Die j&#252;dischen Fl&#252;chtlinge fanden einen Zusammenhalt im  „Jewish Club of 1933” und bildeten an der Westk&#252;ste die Leserschaft der New Yorker Zeitung „Aufbau”. Kevin Starr hat in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Verh&#228;ltnis von Christen und Juden gestellt, die sich im Exil in Los Angeles zusammengefunden hatten. Wie k&#246;nnte eine deutsch-j&#252;dische Kultur weiterbestehen, habe Lion Feuchtwanger gefragt. Was f&#252;r d&#228;monische Triebe lauerten in dem faustischen Zentrum der deutschen Seele, habe Thomas Mann gefragt. Und wie k&#246;nnten Christen und Juden nach Auschwitz wieder zueinanderfinden, habe Franz Werfel gefragt.<br />
Merkw&#252;rdigerweise hat Kevin Starr keine Quellenangaben f&#252;r diese Fragen vorgelegt, auf jeden Fall nicht f&#252;r Werfel und Feuchtwanger. F&#252;r Thomas Mann war die Frage leicht zu beantworten, da sie nicht nur im Zentrum seines „Doktor Faustus“, sondern 1945 auch im Zentrum seiner Rede &#252;ber „Deutschland und die Deutschen” stand. Er sprach damals davon, da&#223; “Deutschland buchst&#228;blich der Teufel holt“.<br />
Ein Grund daf&#252;r, da&#223; es keine expliziten Antworten von Feuchtwanger und Werfel gibt, ist wahrscheinlich die Tatsache, da&#223; die Exilschriftstellter sich nicht als Juden oder als Christen identifizierten. Falls sie in Opposition zueinander standen, gab es daf&#252;r andere Gr&#252;nde. Alfred D&#246;blin hegte einen nahezu pathologischen Ha&#223; auf Thomas Mann, wom&#246;glich aus Neid auf dessen Nobelpreis. Bertolt Brecht verachtete Mann wegen seiner politisch konservativen Einstellung und f&#252;hlte sich in seinen irreligi&#246;sen Gef&#252;hlen von D&#246;blins Bekehrung zum Katholizismus verletzt. Und Arnold Sch&#246;nberg stritt sich mit Thomas Mann um die unerlaubte Verwendung seines geistigen Eigentums, n&#228;mlich der Zw&#246;lftonmusik, im „Doktor Faustus“.<br />
Doch im &#252;brigen bestand eine berufliche Solidarit&#228;t unter den deutschsprachigen Exilschriftstellern, die Unterschiede in der religi&#246;sen und kulturellen Herkunft &#252;berbr&#252;ckte. Ein Beispiel daf&#252;r ist Thomas Manns Leserbrief an die “Neue Z&#252;rcher Zeitung” vom 3. Februar 1936, in dem er gegen einen Artikel des Literaturkritikers Eduard Korrodi protestierte, der behauptet hatte, da&#223; nur einige j&#252;dische Romanautoren Deutschland verlassen h&#228;tten, w&#228;hrend die Mehrheit der deutschen Lyriker und Dramatiker in Deutschland geblieben sei. Mann berichtigte diesen offensichtlichen Fehler und f&#252;hrte die Namen von f&#252;nfzehn nicht-j&#252;dischen Lyrikern und Dramatikern auf, die ins Exil gegangen waren. Mann z&#228;hlte die Komponente des J&#252;dischen zum wesentlichen Bestandteil der deutschen Literatur, ohne sie “w&#228;re Deutschtum nicht Deutschtum, sondern eine weltunbrauchbare B&#228;renh&#228;uterei“. Dieser Leserbrief hatte Thomas Manns Ausb&#252;rgerung im Dezember 1936 zur Folge, doch der Schriftsteller hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen tschechischen Pa&#223; erhalten.<br />
Juden und Christen unter den Exilschriftstellern brauchten nach 1945 nicht erneut zusammenzufinden. Als Berufsautoren und als Zeugen des V&#246;lkermords an den Juden in Europa bildeten sie eine gemeinsame Front. Um 1940 war es offensichtlich geworden, da&#223; der Antisemitismus zum Zentralprogramm der Nazipolitik geh&#246;rte, und da&#223; die Nazi-Regierung dieses Programm ohne R&#252;cksicht auf die internationale Kritik durchf&#252;hren w&#252;rde. Bei der Diskussion der europ&#228;ischen Krise konnte man sich nicht mehr auf den milit&#228;rischen Eroberungskrieg beschr&#228;nken, sondern mu&#223;te sich auch mit dem V&#246;lkermord an den europ&#228;ischen Juden befassen. Manche der Exilschriftsteller, wie zum Beispiel Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann und Franz Werfel, konnten sich nur im letzten Augenblick aus dem besetzten Frankreich retten. Zahlreiche Nachrichten von Selbstmord oder Auslieferung durch die Vichy-Regierung und Deportation nach Osteuropa drangen durch. Die tragische Geschichte von Walter Benjamins Selbstmord an der franz&#246;sisch-spanischen Grenze ersch&#252;tterte seine Freunde und Bekannten.<br />
Das Problem, das Kevin Starr aufgeworfen hatte, war eine Neuauflage der Diskussion zur Judenfrage, wie sie zum ersten Mal von Bruno Bauer und Karl Marx 1843/1844 formuliert worden war, diesmal unter den Bedingungen von 1933 bis 1945. Die indivduellen Reaktionen reichten von beredtem Schweigen bis zu &#246;ffentlichen Protesten und lassen sich zum Teil aus der Biografie und Karriere der einzelnen Schriftsteller erkl&#228;ren. Es seien hier Bertolt Brecht, Alfred D&#246;blin, Franz Werfel, Arnold Sch&#246;nberg, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann als Beispiele ausgew&#228;hlt. Mit Ausnahme von Brecht und Mann stammten alle aus j&#252;dischen Familien, doch einige waren aus der j&#252;dischen Gemeinde ausgetreten, wie zum Beispiel Werfel, oder waren konvertiert, wie D&#246;blin und Sch&#246;nberg. Mann und Brecht waren mit Frauen aus j&#252;dischen Familien verheiratet.<br />
Brechts Beitr&#228;ge zur Diskussion stammten zum gr&#246;&#223;ten Teil aus der Zeit seines Exils in D&#228;nemark w&#228;hrend der drei&#223;iger Jahre. Dazu geh&#246;ren „Die j&#252;dische Frau” aus dem Zyklus „Furcht und Elend des Dritten Reiches” und die „Ballade von der ‘Judenhure’ Marie Sanders“, die beide gegen die N&#252;rnberger Rassengesetze gerichtet waren. Mit Ausnahme von drei Gedichten zur Erinnerung an Walter Benjamin hat sich Brecht w&#228;hrend seines kalifornischen Exils selten zur Judenfrage ge&#228;u&#223;ert. Wie man seinem Drama „Die Rundk&#246;pfe und die Spitzk&#246;pfe” entnehmen kann, hielt Brecht den Antisemitismus f&#252;r eine Taktik der Nazi-Regierung, um von ihrer Strategie zur Zerschlagung der Arbeiterklasse abzulenken. Diese Auffassung entsprach der Politik der Komintern von 1933.<br />
Brecht hielt den Zionismus f&#252;r eine Art j&#252;dischen Faschismus, wie Walter Benjamin in seinen „Versuchen &#252;ber Brecht” feststellte. Doch diese Aussage stammt ebenfalls aus den drei&#223;iger Jahren. In den vierziger Jahren erw&#228;hnte Brecht die deutschen Konzentrationslager in dem Aufsatz  „The other Germany”, einem seiner wenigen Texte auf Englisch. Doch als H&#228;ftlinge erw&#228;hnte er keine Juden, sondern nur Vertreter des „Anderen Deutschlands”, Widerstandsk&#228;mpfer, die von Hitler zu „Kriegsgefangenen” in ihrem eigenen Lande gemacht worden seien. Brecht argumentierte, Hitler hielte ganze Armeen in den Konzentrationslagern gefangen, er nannte die Zahl von 200.000 und f&#252;gte hinzu, “mehr Deutsche,  als die Russen in Stalingrad gefangen genommen” h&#228;tten.<br />
Auf der anderen Seite dieses Spektrums von Aussagen befand sich die zionistische Position Arnold Sch&#246;nbergs. Nach seiner Entfernung aus der Preu&#223;ischen Akademie der K&#252;nste in Berlin war er in Paris offiziell zum Judentum rekonvertiert und befa&#223;te sich bereits 1933 eindringlich mit der Frage des &#220;berlebens der europ&#228;ischen Juden angesichts der drohenden Gefahr. Er entwarf ein Vier-Punkte-Programm zur Errettung der europ&#228;ischen Juden, das einzig dasteht in seiner Voraussicht des Holocaust. Das Programm lag 1938 auf Englisch vor und ist jetzt in einer deutschen R&#252;ck&#252;bersetzung zug&#228;nglich. Sch&#246;nberg sprach davon, da&#223; sieben Millionen emigrieren m&#252;&#223;ten: „Gibt es Raum in der Welt f&#252;r nahezu 7 000.000 Menschen? Sind sie zur Verdammnis verurteilt? Werden sie ausgel&#246;scht werden? Ausgehungert? Geschlachtet?” Sch&#246;nberg hielt den Kampf gegen den Antisemitismus f&#252;r aussichtslos und forderte dagegen die Gr&#252;ndung einer j&#252;dischen Einheitspartei, die Einstimmigkeit des Judentums und die Errichtung eines unabh&#228;ngigen j&#252;dischen Staates. Er erkl&#228;rte, da&#223; es nur einen Weg g&#228;be, „das Judentum zu retten: ein Land zu erhalten, in das die Juden emigrieren k&#246;nnen“. Sch&#246;nbergs Oratorium „A Survivor from Warsaw” von 1947 ist die tragische Antwort darauf, da&#223; damals niemand auf seine Warnung geh&#246;rt hatte.<br />
Adorno und Horkheimer waren von der Dringlichkeit der Judenfrage &#252;berzeugt. Im Antisemitismus sahen sie die Aufkl&#228;rung an ihre Grenzen gelangt und lieferten einen theoretisch hochentwickelten Beitrag &#252;ber „Elemente des Antisemitismus” in der „Dialektik der Aufkl&#228;rung” von 1947. Sie diskutierten dabei sieben Typen des Antisemitismus, den sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten weit verbreitet fanden. Einige der Argumente sind h&#246;chst aufschlu&#223;reich, wie zum Beispiel die Einsicht, da&#223; der Antisemitismus f&#252;r das Volk „ein Luxus” sei. Die Arisierung des j&#252;dischen Eigentums habe „den Massen im Dritten Reich kaum gr&#246;&#223;eren Segen gebracht als den Kosaken die armselige Beute, die sie aus den gebrandschatzten Judenvierteln mitschleppten“. Andere Argumente wirken dagegen &#252;berspitzt, wie zum Beispiel, da&#223; Juden eine „gr&#246;&#223;ere Affinit&#228;t zur Natur” bes&#228;&#223;en, und diese „Affinit&#228;t” sozusagen „ihr Lebenselement” sei. Oder da&#223; die Antisemiten die Juden um ihr „Gl&#252;ck ohne Macht” beneideten. Einige der vertretenen Ansichten sind offensichtlich falsch, wie zum Beispiel die Feststellung, da&#223; es „keine Antisemiten mehr” gebe.<br />
Dabei verschwiegen Adorno und Horkheimer, da&#223; die Ergebnisse ihres Forschungsprojekte &#252;ber Antisemitismus unter amerikanischen Arbeitern nicht ver&#246;ffentlicht wurden, weil sie zu negativ f&#252;r die Arbeiterkla&#223;e ausgefallen waren.<br />
Werfels und D&#246;blins Beitr&#228;ge zur Debatte &#252;ber die Judenfrage weisen eine andere Problematik auf. Werfel war 1929 aus der j&#252;dischen Gemeinde ausgetreten, um Alma Mahler zu heiraten. Einige seiner Romane w&#228;hrend der zwanziger und drei&#223;iger Jahre wie „Barbara oder die Fr&#246;mmigkeit” (1929) und „Der veruntreute Himmel” (1939) verherrlichten die katholische Volksfr&#246;mmigkeit der tschechischen Dienstboten. Als Werfel 1940 in Frankreich um seine Rettung bangen mu&#223;te, legte er ein Gel&#252;bde ab, da&#223; er einen Roman &#252;ber Bernadette Soubirous, die Heilige von Lourdes, schreiben w&#252;rde, wenn er sicher nach Amerika gelangen w&#252;rde. Er wolle „das Lied von Bernadette singen“, so gut er es k&#246;nne. Der Roman war ein kommerzieller Erfolg und wurde verfilmt. Jennifer Jones, die Darstellerin der Bernadette, erhielt einen Oscar, doch die Exilanten kritisierten Werfel, da&#223; er zur Zeit der Judenverfolgung einen Roman &#252;ber eine katholische Heilige geschrieben und ein privates Gel&#252;bde kommerziell ausgen&#252;tzt habe. Sein n&#228;chstes Werk, die Tragikom&#246;die „Jakubowski und der Oberst” &#252;ber einen antisemitischen polnischen Oberst, dem die Flucht nach England mit Hilfe eines j&#252;dischen Fl&#252;chtlings gelingt, hat trotz des Erfolges auf dem Theater und im Film ebenfalls Kritik wegen der stereotypen Figuren hervorgerufen. Die im Werk angelegte Komik beruhte zum Teil auf antisemitischen Klischees.<br />
Werfel hat sein Verh&#228;ltnis zum Christentum in einer Reihe von Aphorismen unter dem Titel „Zwischen Oben und Unten” dargestellt. Diese Aphorismen erkl&#228;ren seine Position als Jude, der an Christus glaubt. Die Juden sind nach Werfel „das unverw&#252;stliche Zeugnis” von Christus. Israel habe „durch Leid der Verfolgung und Zerstreuung” das Christentum auf Erden negativ bezeugt. Werfel erhebt die rhetorische Frage: „Was w&#228;re Israel ohne die Kirche? Und was w&#228;re die Kirche ohne Israel?” Beide bedingten einander. Israels sei „weiter die Perlmuschel, so wie Christus weiter die Perle” bleibe. Werfel kritisierte jedoch den Juden, der zum Taufbecken tritt, als Deserteur. Aus diesem Grunde konvertierte Werfel nicht, weil er die Taufe als einen Abfall nicht nur von Israels Mission, sondern auch von Christus betrachtete, denn er h&#228;tte damit in Willk&#252;r sein von der Geschichte auferlegtes Leiden unterbrochen. In diesem Zusammenhang beschuldigt er Israel sogar des Antisemitismus, denn es habe durch seine Wesensart und Seinsform diese S&#252;nde unter den Christen und Heiden hervorgerufen.<br />
Der Zionismus war f&#252;r Werfel eine Flucht vor dem Leben als Jude: „Man wird Hebr&#228;er, um nicht mehr Jude zu sein.” Trotz dieser Theologie, die eine Geschichte des Leidens f&#252;r das j&#252;dische Volk zu rechtfertigen suchte, hat Werfel 1945 nicht gez&#246;gert, das deutsche Volk f&#252;r den V&#246;lkermord an den Juden verantwortlich zu machen („Botschaft an das deutsche Volk”).<br />
In Werfels letztem Roman „Stern der Ungeborenen” von 1945, einem utopischen Reiseroman in das s&#252;dliche Kalifornien hunderttausend Jahre sp&#228;ter, sind die katholische Kirche und das Judentum die einzigen Institutionen der Vergangenheit, die &#252;berlebt haben. Das Gespr&#228;ch des Protagonisten mit dem Gro&#223;bischof scheint auf eine Entscheidung zu Gunsten des Christentum zu verweisen, doch der Dialog mit dem „Juden des Zeitalters” mit dem bezeichnenden Namen Saul Minjonman sollte weiterhin an die gegenseitige Bedingtheit erinnern.<br />
Alfred D&#246;blins Hauptwerk im Exil war der vierteilige Roman „November 1918,” der die Geschichte der Revolution in Berlin, die zum Scheitern verurteilt war, zum Thema hat. D&#246;blin schrieb den letzten Band in Los Angeles. Sein Titel „Karl und Rosa” verweist auf den Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg w&#228;hrend des Spartakus-Aufstands im Januar 1919. Die historische Handlung wird erg&#228;nzt um den fiktiven Lebenslauf des Gymnasiallehrer Friedrich Becker, dessen Erl&#246;sung von zentraler Bedeutung f&#252;r den Roman ist und D&#246;blins Bekehrung zum Katholizimus reflektiert. D&#246;blin und seine Frau hatten sich von der j&#252;dischen Gemeinde distanziert, doch auf seiner Polenreise 1925 hatte der Schriftsteller sich wieder mit seiner j&#252;dischen Herkunft identifiziert. Im Exil in Frankreich hatte er sich der Freiland-Bewegung angeschlossen, die sich f&#252;r die Emigration europ&#228;ischer Juden nach &#220;bersee einsetzte. Er schrieb eine Reihe von Artikeln f&#252;r die Freiland-Bewegung und ver&#246;ffentlichte zwei Schriften mit den Titeln „J&#252;dische Erneuerung” und „Flucht und Sammlung des Judenvolks“. Doch die traumatischen Erfahrungen seiner Flucht aus Frankreich bewirkten seine Bekehrung zum Katholizismus in Los Angeles. Er gab seine religi&#246;se Wendung anl&#228;&#223;lich seines 65. Geburtstags 1943 bekannt, doch hielt er seine Bekehrung geheim, weil er seine j&#252;dischen Freunde nicht entt&#228;uschen wollte.<br />
Wie entscheidend D&#246;blins Bekehrung f&#252;r seinen Roman war, l&#228;&#223;t sich nicht nur daran erkennen, da&#223; er buchst&#228;blich Engel und Teufel um die Seele seines fiktiven Protagonisten k&#228;mpfen l&#228;&#223;t, sondern besonders daran, da&#223; er die historische Rosa Luxemburg in eine christliche Heiligenfigur verwandelt, die bei D&#246;blin von ihrer j&#252;dischen Vergangenheit erl&#246;st wird. Es handelt sich um einen Konzeptionsbruch. Der urspr&#252;nglich historisch angelegte Roman der politischen Geschichte der Weimarer Republik wurde im letzten Band durch eine christliche Heilsgeschichte ersetzt.<br />
Im Vergleich dazu erscheint Lion Feuchtwanger als der vorbildliche j&#252;dische Autor, der seine Karriere 1925 mit „Jud S&#252;&#223;” begann, dem schon damals umstrittenen Roman &#252;ber einen Hofjuden, der 1738 nach einem antisemitischen Schauproze&#223; in W&#252;rttemberg hingerichtet wurde. Darauf folgten „Erfolg“, der erste Anti-Hitler-Roman in Deutschland von 1930, die Flavius Josephus-Trilogie &#252;ber den j&#252;dischen Historiker des r&#246;mischen Reiches (1932-1942) und die „Geschwister Oppenheim” (1933) &#252;ber die Anf&#228;nge der Judenverfolgung in Deutschland. Auf die Frage, ob er sich „als deutscher oder als j&#252;discher Schriftsteller f&#252;hle“, pflegte Feuchtwanger zu antworten, da&#223; er „nicht das eine noch das andere” sei. Er f&#252;hlte sich „als internationaler Schriftsteller.” Wahrscheinlich seien seine „Inhalte mehr j&#252;disch betont“, seine „Form mehr deutsch.” Er beendete seine Laufbahn mit zwei Romanen &#252;ber j&#252;dische Themen: „Die J&#252;din von Toledo” von 1955 und „Jefta und seine Tochter” von 1957. Unter den f&#252;nfzehn Romanen, die er schrieb, befa&#223;ten sich sieben mit ausschlie&#223;lich j&#252;discher Thematik. Obwohl man ihm ein kommunistisches Etikett anh&#228;ngen wollte wegen seines positiven Reiseberichts „Moskau 1937,” war er ein j&#252;discher Schriftsteller, der aus einer orthodoxen Familie stammte und seine j&#252;disch orthodoxe Bildung f&#252;r seine Romane fruchtbar machte.<br />
Thomas Mann ist vielleicht der schwierigste Fall unter den Exilschriftstellern in Los Angeles. Die Forschung hat in j&#252;ngster Zeit besonders auf die negativ gezeichneten j&#252;dischen Figuren in seinen Werken von „W&#228;lsungenblut” und „Tristan” bis zum „Doktor Faustus” hingewiesen und auf peinliche Aussagen in seinen Briefen und Tageb&#252;chern aufmerksam gemacht. Auf der anderen Seite hat Mann mit seinem Josephsroman, der 1943 in Los Angeles abgeschlossen wurde, zur j&#252;dischen Renaissance in der Literatur beigetragen. Ruth Kl&#252;ger hat dieses Werk als „gro&#223;artigen und begeisterten Tribut eines Nichtjuden an die j&#252;dischen Tradition” bezeichnet. Mann habe ein „Juden-Epos” geschaffen, indem er die Josephsgeschichte als ein „Menschheits-Epos” verstand.<br />
In seinen Rundfunksendungen nach Deutschland und in seinen &#246;ffentlichen Vortr&#228;gen in den Vereinigten Staaten wies Mann seit 1942 auf den<br />
V&#246;lkermord an den Juden hin. Da Thomas Mann als Wortf&#252;hrer der deutschsprachigen Exilanten galt, kam seinen Aussagen besonderes Gewicht zu. Als die Konzentrationslager befreit wurden, ver&#246;ffentlichte er am 12. Mai 1945 einen Artikel in der Zeitschrift „The Nation” unter dem Titel „The Camps,” in dem er erkl&#228;rte: „Offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt.” Wenige Tage sp&#228;ter wurde dieser Artikel von der amerikanischen Milit&#228;rregierung auch in Deutschland ver&#246;ffentlicht. Im M&#228;rz 1948, als die Vereinigten Staaten drohten, ihre Zustimmung zur Errichtung eines j&#252;dischen Staates zur&#252;ckzuziehen, setzte sich Mann vorbehaltlos f&#252;r die diplomatische Anerkennung Israels ein.<br />
Eine Debatte zur Judenfrage, wie Kevin Starr sie sich vorstellte, hat unter den deutschsprachigen Exilschriftstellern in Los Angeles nicht stattgefunden, doch aufgrund der zahlreichen Aussagen kann man sich ein repr&#228;sentatives Bild von der Vielfalt und Gegens&#228;tzlichkeit der Standpunkte machen. Auff&#228;llig ist dabei, wie stark die Aussagen von der Biografie der Autoren bestimmt sind, und da&#223; man nur bei wenigen einen eindeutigen Bruch mit der Vergangenheit feststellen kann. Die berufliche Solidarit&#228;t verhinderte eine &#246;ffentliche Debatte. Es gab zwar Kritik, aber diese konzentrierte sich auf literarische Fragen, wie zum Beispiel die Darstellung der Visionen der Bernadette in Werfels Roman. Au&#223;erdem lagen viele Texte noch nicht im Druck vor, wie zum Beispiel Brechts Gedichte oder D&#246;blins „November 1918“-Roman, der erst 1950 erschien. Der Hauptgrund liegt aber vielleicht darin, da&#223; die eigentliche Debatte um den Holocaust — das Wort wurde damals noch nicht verwendet — erst 1961 mit dem Eichmann-Proze&#223; und Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem” einsetzte und zwar mit internationaler Beteiligung.</p>
<p><em>Ehrhard Bahr, Distinguished Professor Emeritus of German Department of Germanic Languages, University of California, Los Angeles</em></p>
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