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	<title>Das Blättchen &#187; Armut</title>
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	<description>Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft</description>
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		<title>Was aus uns geworden ist</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Jul 2010 18:16:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Webmaster</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Heerke Hummel
Als vor 65 Jahren Deutschland in Tr&#252;mmern lag, waren wir im wahrsten Sinn des Wortes abgebrannt – materiell, auch seelisch. Das war die Folge falschen Glaubens der Deutschen, jedenfalls der meisten. „Nie wieder …!“, hie&#223; es nun. Aber wie, wohin denn weiter? Zur&#252;ck zum Vorgestern oder vorw&#228;rts ins Morgen? Beides wurde versucht, dieses [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Heerke Hummel</h3>
<p>Als vor 65 Jahren Deutschland in Tr&#252;mmern lag, waren wir im wahrsten Sinn des Wortes abgebrannt – materiell, auch seelisch. Das war die Folge falschen Glaubens der Deutschen, jedenfalls der meisten. „Nie wieder …!“, hie&#223; es nun. Aber wie, wohin denn weiter? Zur&#252;ck zum Vorgestern oder vorw&#228;rts ins Morgen? Beides wurde versucht, dieses von denen im Osten, jenes von denen im Westen. Angekommen sind wir alle gemeinsam im Heute. Die einen wollten die Gesellschaft ver&#228;ndern, die anderen nicht. Und was ist nun? Sie &#228;nderte sich von selbst und ganz anders als erwartet, ohne dass dies so recht gegriffen wird.<br />
Fu&#223;ball war, als der Deutschen Wege sich trennten, Sport. Heute bedeutet er Arbeit und (vor allem) Gesch&#228;ft. Zwischendurch war er (auch) Politik. Fu&#223;baller waren Sportler, nun sind sie Profis und als solche Profiteure. Wie das? Sie verdienen als Stars und Superstars – ebenso wie ihre Artgenossen im Show- und Mediengesch&#228;ft und anderswo – weit mehr als ihren guten und reichlichen Lebensunterhalt, viele sogar Unsummen. Diese werden investiert – in Unternehmen, vor allem aber in Aktien und Finanzpapiere aller Art. Als solche vermehren diese sich von selbst, ohne dass ihre Besitzer auch nur noch einen einzigen Muskel spielen lassen, einen einzigen Nerv anspannen m&#252;ssen.<br />
&#196;rzte waren – in der DDR sogar bis 1990 – Diener an der Gesundheit des Volkes. Geworden sind sie Akquisiteure der Pharmaindustrie und verschiedenster medizinischer Leistungstr&#228;ger – Gesch&#228;ftsleute eben. &#214;ffentlich wird im Fernsehen dar&#252;ber diskutiert, was den „Kunden“ als Privatpatienten, also der gro&#223;en Masse der Besserverdienenden, an Untersuchungen und Leistungen alles angedreht werden soll, ob notwendig oder nicht.<br />
Damals waren die meisten von uns arm, denn der Krieg hatte die Habe der Meisten vernichtet. Der Markt war ein Fass ohne Boden, auch am Notwendigsten war Mangel. Heute sind wir mehrheitlich wohlhabend, und der Markt quillt &#252;ber vom &#220;berfl&#252;ssigen. Auch das Sinnloseste wird erfunden und auf den Markt geworfen, um Besch&#228;ftigung zu sichern, Einkommen zu erm&#246;glichen.<br />
Nach dem Krieg waren wir K&#228;ufer auf der Suche nach Waren, heute f&#228;llt eine ganze Werbe-„Industrie“ von morgens bis zum Abend &#252;ber uns her, um uns Bed&#252;rfnisse zu suggerieren. Ihr Ausufern wird auch noch als Wirtschaftswachstum nicht nur angesehen, sondern sogar ausgewiesen.<br />
Zur „Industrie“ wurde auch das Bank- und Finanzwesen stilisiert. Denn w&#228;hrend seinerzeit die Sicherung des Lebensunterhalts uns besch&#228;ftigte, ist es heute der f&#252;r sicher gehaltene Unterhalt (und Vermehrung) unserer Ersparnisse durch Spekulation. Das Gesparte waren, als Deutschlands Staatlichkeit in zwei spiegelverkehrte Bilder zerfiel, Notgroschen. Nun sollen es die Existenzgrundlagen des Alters und auch noch der Enkel sein. Dass aber alles nur unverdauliches Papier ist, bedruckt mit (leeren) Versprechungen, wird aus Dummheit oder in betr&#252;gerischer Absicht &#252;bersehen bzw. verschwiegen; auch, dass zu deren Einl&#246;sung bzw. Verwandlung in Lebensnotwendiges Arbeit erforderlich sein wird &#8212; die unserer Enkel, der Opfer von uns Spielern und Spekulanten, die wir selbst staatliche Finanzpolitik zu einem Spiel nach der Methode „Versuch und Irrtum“ (Zitat Dr. W. Sch&#228;uble) werden lie&#223;en.<br />
Am „Neubeginn“ vor &#252;ber einem halben Jahrhundert zogen noch alle &#8212; und an einem Strick &#8211;, um die Karre Deutschland aus dem Dreck zu kriegen. Jetzt sind wir, auch staatlich wiedervereinigt, gespaltener, ungleicher denn je zuvor. Die einen d&#252;rfen arbeiten und ihrem Leben einen Sinn geben, die anderen nicht; die einen f&#252;r Westtarife, die anderen f&#252;r Osttarife. Die Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in Arme und Reiche, der wohlhabende Mittelstand wird dezimiert.<br />
Vor 60 Jahren waren wir eine Gesellschaft von – weitgehend – Privaten. Die meisten Zeitgenossen glauben auch heute noch an ihr privates Dasein: Als Unternehmer, Fabrikant, Kaufmann, Arzt, auch K&#252;nstler usw. Der Manager glaubt wenigstens, die Interessen privater Anteilseigner wahrzunehmen. Zwar ist wohl richtig, dass es jedermanns private Angelegenheit ist, welchen Beruf er w&#228;hlt und welchen Vertrag er unterschreibt. Doch was immer er dann tut, ist nicht mehr seine Privatsache, sondern von &#246;ffentlicher Bedeutung. Es unterliegt &#246;ffentlichem Recht. Er kann denken, was er will, aber weder sagen noch tun, bis hin zur Behandlung der eigenen Kinder. Das &#246;ffentliche Recht setzt &#252;berall und jedem Mitglied der Gesellschaft Normen und Grenzen f&#252;r sein Handeln und verleiht ihm insofern Kompetenzen bzw. begrenzt diese.<br />
Interessanterweise aber ist dies bisher wohl am wenigsten auf dem Gebiet des Umgangs mit und der Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum der Fall. Hier soll das Private der Angelegenheit, die weitestgehende Handlungsfreiheit der Akteure, m&#246;glichst nicht angetastet werden, obwohl gerade hier die gesellschaftliche Relevanz allen Tuns besonders gro&#223; ist und das Private auch der Sache wie der Bedeutung nach weitgehend abhanden gekommen ist. Denn Unternehmer wie Manager „arbeiten“ heute im Unterschied zu fr&#252;her in der Hauptsache mit geliehenem Geld bzw. mit Werten von Millionen Anteilseignern. So wurden sie – der Sache nach – zu Agenten der Gesellschaft. Und das Geld selbst ist seinem Wesen nach, da es keine bestimmte Ware (Edelmetall) mehr darstellt oder vertritt, zu einem Zertifikat auf Teilhabe an dem im &#246;konomischen Kreislauf befindlichen Gesamtreichtum der Gesellschaft geworden und insofern zu einer in h&#246;chstem Ma&#223;e &#246;ffentlichen Angelegenheit. Aber das Risiko, das alle Entscheidungen und Handlungen begleitet, tragen Unternehmer und Wirtschaftsbosse doch privat, meinen Sie? Nein, auch das tr&#228;gt die Gesellschaft &#252;ber Versicherungen aller Art. Selbst wenn solche Versicherung einmal (noch) nicht besteht, springt der Staat, also wieder die Gesellschaft, helfend ein, sobald, wie in der j&#252;ngsten Banken- und Finanzkrise oder bei „privat“ verursachten Umweltkatastrophen, das ganze &#246;konomisch-&#246;kologische System in Gefahr ger&#228;t zu kollabieren. Auch das kennzeichnet die neuen Bedingungen und Dimensionen unseres Seins.<br />
Wo das alles kodifiziert ist? Nirgends, glaube ich, und genau darin liegt das Problem dieser Gesellschaft. Denn sie hat ein veraltetes Selbstverst&#228;ndnis, begreift sich noch immer – wie ehemals &#8211; als eine Gesellschaft <em>privater</em> Unternehmer und „Ich-AGs“, von Einzelg&#228;ngern eben, obwohl sich die realen Existenzbedingungen l&#228;ngst gr&#252;ndlich ver&#228;ndert haben. „Erkenne dich selbst“, w&#252;rde wohl das Orakel von Delphi dem Gesetzgeber heute antworten, fragte er es, was er tun soll, um der chaotischen Lage im Lande und in der Welt Herr zu werden und eine solidarisch-&#246;kologisch orientierte &#214;konomie und Gesellschaft einer geregelten Freiheit <em>und</em> Verantwortung gegen&#252;ber dem Gesetz zu gestalten. Was hei&#223;en soll: Wir brauchen einen Wandel (auf welchem Wege auch immer) unseres geistigen, politischen und rechtlichen „&#220;berbaus“, damit dieser der ver&#228;nderten &#246;konomischen Basis gerecht wird, sie funktionabel macht. Marx und Engels w&#252;rden, k&#246;nnten sie sich heute &#228;u&#223;ern, von der Notwendigkeit einer Revolution sprechen.</p>
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		<title>Der Kurs der Egonauten</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Apr 2010 19:08:15 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Martin Nicklaus

„Unterm Strich z&#228;hl’ ich“, erz&#228;hlen Reklamemodels, die f&#252;r eine Branche werben, bei der die Umworbenen unter den Decknamen „Kunde“ lediglich in der Rolle der fetten Beute Existenzrecht genie&#223;en und, nach Verjubeln ihrer Geldanlagen als Steuerzahler erneut bluten d&#252;rfen.
Derart eingebunden ins gesellschaftliche Wirken als Angeschmierter bietet die flimmernde Fluchtindustrie die sch&#246;ne Phantasie, sich – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Martin Nicklaus</h3>
<p align="left">
<p align="left">„Unterm Strich z&#228;hl’ ich“, erz&#228;hlen Reklamemodels, die f&#252;r eine Branche werben, bei der die Umworbenen unter den Decknamen „Kunde“ lediglich in der Rolle der fetten Beute Existenzrecht genie&#223;en und, nach Verjubeln ihrer Geldanlagen als Steuerzahler erneut bluten d&#252;rfen.</p>
<p align="left">Derart eingebunden ins gesellschaftliche Wirken als Angeschmierter bietet die flimmernde Fluchtindustrie die sch&#246;ne Phantasie, sich –  wir wechseln die Werbung –  von <em>Pur</em> „Endlich ich“ bl&#246;dgesungen, mittels Bier den Rest zu geben. Besser ins Bild passen eigentlich Bands wie <em>Ichfunktion, Das Ich, Ich + Ich</em> oder der Solist Heinz Rudolf Kunze: „Ich seh’ mich auf der Stra&#223;e und bin begeistert &#8230; dann streichle ich mich sanft und schlie&#223;lich schlafe ich mit mir“, wiewohl man diesem Barden immerhin Ironie unterstellen kann.</p>
<p align="left">Zur Ikone der Ich-Konzentrierten avanciert unweigerlich Franz Beckenbauer, dessen erstem literarischen Wurf: „Einer wie ich“, bald das pointiertere Hauptwerk: „Ich“ folgte. Beckenbauer, bemerkt er bei Anderen geringsten Erscheinungen von Altruismus, zeigt aufrichtiges, tiefes Unverst&#228;ndnis dar&#252;ber, wie jemand, ohne expliziten Nutzen f&#252;r sich selbst handeln kann. Bei solcher Weltsicht gehen jeder Gemeinsinn, jede Solidarit&#228;t, das Verst&#228;ndnis f&#252;r den Sozialstaat sowie die Zahlung von Steuern verloren, weshalb der Kaiser fiskalisches Asyl in Sissis Heimat suchte. Andere deutsche Spitzenverdiener fanden Unterschlupf bei den Eidgenossen oder verstecken ihr Kapital in Liechtenstein oder Luxemburg. BlasenphiloSophist und Egomantiker Sloterdijk leistet, wohlgem&#228;stet durch Steuergelder, wortschwallend Fluchthilfe. Mit einem wenig inspirierten Traktat gegen den „kleptokratischen Staat“, fieberphantasiert er gar von einer „Revolution der gebenden Hand“, bei der „Transfermassengeber“ Zahlungen beim Finanzamt einstellen und nur noch  – die Dritte S&#228;ule des Islam l&#228;&#223;t gr&#252;&#223;en – nach Gutd&#252;nken Spenden verteilen.</p>
<p align="left">Diese von einem Sinn zur Realit&#228;t, mit ihrem Trend zur „Eigenverantwortung“, kaum gestreifte Vorstellung widerlegt bereits der Name Zumwinkel. Wie jener verzichten etliche Bundesb&#252;rger, ohne sich der M&#252;he einer Auswanderung zu unterziehen, auf die finanzierende Teilhabe an der Gemeinschaft. 30 bis 40 Milliarden, andere sch&#228;tzte 100 Milliarden Euro, gehen dem Bund j&#228;hrlich durch Hinterziehung von Steuern verloren. Im Vorteil sind dabei klar jene, denen die Abgaben nicht gleich vom Lohn einbehalten werden und deren Einkommen Steuerfluchthilfe f&#252;r Banken lukrativ macht. Mal abgesehen von den verschiedenen „Steuerminderungsmodellen“ die die Eigent&#252;mer von <em>Bertelsmann</em> oder <em>IKEA</em> nutzen.</p>
<p align="left">F&#252;r das dem Gemeinwesen vorenthaltene Geld bietet sich eine Spitzenanlagem&#246;glichkeit: Staatsanleihen. J&#228;hrlich zahlt Deutschland &#252;ber 40 Milliarden Schuldentilgung. Dieser Transferposten an die Wohlhabenden im Bundeshaushalt  von 2009 war gr&#246;&#223;er als der f&#252;r die Arbeitslosenhilfe. Entgegen aller Propaganda pl&#252;ndern Reiche den Staat. Seit Jahren l&#228;uft eine gravierende Umverteilung von unten nach oben. Krassestes Beispiel: Senkung des Spitzensteuersatzes, gegenfinanziert durch die gleichzeitige Senkung der Arbeitslosenhilfe. Multimilliard&#228;r Schlecker, ganz konzentriert auf eigenen Nutzen, entl&#228;&#223;t seine Mitarbeiter und stellt sie sp&#228;ter als Leiharbeiten mit so geringem Stundenlohn wieder ein, da&#223; dieser durch Steuermittel aufgestockt werden mu&#223;. Soziale Einrichtungen schlie&#223;en oder schrumpfen, ein Golfplatz bekommt Millionen, Banken Milliarden hinterhergeworfen.</p>
<p align="left">Nur wem in diesem Land das Geld fehlt, sich eine Partei zu kaufen oder wenigstens einen Politiker, l&#228;uft, ganz unabh&#228;ngig von seiner Leistungsbereitschaft, Gefahr, in den HartzIV-Topf zu fallen. Plumpe politische Ausrichtung auf den Niedriglohnsektor hat diesen krebsgeschw&#252;rartig wuchern und Lebensunterhalt sichernde Arbeitspl&#228;tze vernichten lassen. Auf sechs Suchende kommt ein Job, f&#252;nf Millionen davon fehlen. J&#228;hrlich steigt die Zahl der Armen, derzeit auf 11,5 Millionen. Arm geboren, arm geblieben. Reiche wurden bereits reich geboren gilt in Deutschland, mehr als in der restlichen entwickelten Welt. In der Verdr&#228;ngung dieser Wahrheiten, die dem Ich wenig zutr&#228;glich sind, weil sie die Abstiegsangst f&#246;rdern sowie die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben konterkariert, besteht die psychosoziale Hauptleistung der Millionen „Kunden“.</p>
<p align="left">Da soll kein Lafontaine daherkommen und all das zur Sprache bringen?! Dann jedenfalls sind die Reaktionen an Hysterie kaum zu &#252;berbieten. Warum k&#246;nnen sie ihn, bei seiner relativen Einflu&#223;losigkeit, nicht einfach links liegen lassen? Weil die allweil waltende Verdr&#228;ngung der Abstiegs&#228;ngste und auch die Feigheit gegen&#252;ber den steuergeldpl&#252;ndernden Bankster nicht gest&#246;rt werden darf.</p>
<p align="left">Zum Frustabbau dienen Hartz-IV-Empf&#228;nger als Bep&#246;blungsmasse: Faul, fett, bl&#246;d und nat&#252;rlich selber schuld. Spektakul&#228;r entlud sich diesbez&#252;glich der, unter anderem von einer Steuerfluchthilfe leistenden Bank geschmierte, Vorsitzende der <em>F&#246;rderer deutscher Plutokratie</em> (FDP), dabei nachweisend, von Geschichte, Ethik, Volkswirtschaft, Anstand und Rechnen gleichwenig zu verstehen. Man hatte die bildungsferne Schicht irgendwie in anderem Gewand erwartet. Ganz nebenbei stehen „diesem, unserem Land“ derzeit mit Merkel und Wellenreiter Guido zwei Kinderlose vor. Eine bei Machtmenschen viel zu wenig gew&#252;rdigte Form unsozialer Egozentrik. Parolen von Eigenverantwortung, Eigeninitiative, Selbstvorsorge, Wettbewerb, Sozialabbau und schlanker Staat fallen da, ungeachtet eigener Vollkaskomentalit&#228;t, nat&#252;rlich leichter.</p>
<p align="left">Armen-Bashing ist derzeit besonders en Vouge mit einem Schu&#223; Rassismus, der bei den Herren Sarrazin oder di Lorenzo von der <em>Zeit</em> nat&#252;rlich wirkt, wie die Aufarbeitung eines ins Unterbewu&#223;tsein verdr&#228;ngter Minderwertigkeitskomplexes hinsichtlich der Herkunft ihrer Vorfahren.</p>
<p align="left">Sie attackieren die Schwachen, beschweigen aber die wohlsituierten Staatspl&#252;nderer, huldigen so einer Art Herrenmenschentum. Solche rechtsgerichteten Bewegungen fu&#223;en traditionell auf radikalem Vorgehen gegen Wehrlose und Minorit&#228;ten, bei gleichzeitigem Kuschen gegen&#252;ber wahrhaft M&#228;chtigen, der Hochfinanz. Zur Bewegung nach rechts pa&#223;t Graf Nayhaus, seines Zeichens Bild-Kolumnist und, das sollte sich eigentlich ausschlie&#223;en, Bundesverdienstkreuztr&#228;ger 1. Klasse, Bemerkung: „Die Erziehung in der Napola hat mir sp&#228;ter in der freien Markwirtschaft geholfen, mich durchzusetzen.“ Was die Nazis ihren Z&#246;glinge auf der Eliteschule predigten, war eine Kombination aus Untertanengeist und Gro&#223;mannssucht, die sie glauben lie&#223;, die Gr&#246;&#223;ten zu sein. Sich durchsetzten, darin besteht das einzige Projekt der Ichmenschen. Genau deshalb setzen jene Egonauten, die durch ihre Macht, ihr Geld und ihre Dreistigkeit die Puppen tanzen lassen, sich wegen ihres Reichtums einen armen Staat leisten k&#246;nnen und durch keine Gewerkschaften, Betriebsr&#228;te, B&#252;rgerbewegungen, sozialen Parteien oder gar demokratische Willenskundgebungen bel&#228;stigt sehen wollen, mittels zahlloser medialer Huren und Mietprofessoren den Wahn vom Ich und damit den Kurs in eine kalte Welt durch. Und die Millionen „Kunden“ vorm Fernseher begreifen kaum, wie sie sich durch VerIchung selbst den Boden entziehen. Sie  hoffen statt dessen, von Ungemach verschont, mit einem superschicken Angebot der Bank auf den Hauptgewinn. Verloren geht derweil jeder Zusammenhalt, nicht weniger als soziale Kultur also, und so sind sie nicht die Herren ihrer Tage, sondern nur, und auch dazu gibt es einen Gesang: „Allein, allein. Allein, allein.“</p>
<p align="left">
<p align="left"><strong><br />
</strong></p>
<p align="left">
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		<title>Heimat Sozialstaat</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Feb 2010 16:33:53 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Heribert Prantl
In der Debatte &#252;ber Hartz IV wird so getan, als k&#246;nne man sich den Sozialstaat nicht mehr leisten. Das ist ein gef&#228;hrliches Gerede. Das Gegenteil ist richtig. Diese Gesellschaft kann es sich nicht leisten, sich den Sozialstaat nicht zu leisten. Er garantiert den inneren Frieden.
Die Geschichte von 60 Jahren Bundesrepublik lehrt: Nicht die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Heribert Prantl</h3>
<p>In der Debatte &#252;ber Hartz IV wird so getan, als k&#246;nne man sich den Sozialstaat nicht mehr leisten. Das ist ein gef&#228;hrliches Gerede. Das Gegenteil ist richtig. Diese Gesellschaft kann es sich nicht leisten, sich den Sozialstaat nicht zu leisten. Er garantiert den inneren Frieden.</p>
<p>Die Geschichte von 60 Jahren Bundesrepublik lehrt: Nicht die Polizei und nicht die Justiz waren jahrzehntelang Garanten des inneren Friedens; nicht Strafrechtsparagraphen und Sicherheitspakete haben f&#252;r innere Sicherheit gesorgt. Der Sozialstaat war das Fundament der Prosperit&#228;t, die Gesch&#228;ftsgrundlage f&#252;r gute Gesch&#228;fte; er verband politische Moral und &#246;konomischen Erfolg. Ein Sozialstaat ist ein Staat, der gesellschaftliche Risiken f&#252;r die der Einzelne nicht verantwortlich ist, nicht bei diesem abl&#228;dt.</p>
<p>Der Sozialstaat verteilt, weil es nicht immer Manna regnet, auch Belastungen &#8211; das hei&#223;t, auch er mu&#223; sparen, wenn die Mittel knapp werden. Aber dabei gilt, da&#223; der, der schon belastet ist, nicht auch noch das Gros der Belastungen tragen mu&#223;. Ein Sozialstaat gibt also nicht dem, der schon hat, und er nimmt nicht dem, der ohnehin wenig hat. Der Sozialstaat sagt nicht: F&#252;r dich die Schneeschaufel, und f&#252;r mich die Millionenspenden.</p>
<p>Eine moderne Sozialpolitik sorgt daf&#252;r, dass der Mensch B&#252;rger sein kann. Sie gibt ihm Grundsicherung und Grundsicherheit. Seine Freiheitsrechte, seine politischen Rechte brauchen ein Fundament, auf dem sie sich entfalten k&#246;nnen. Eine Demokratie, die auf Sozialpolitik keinen Wert mehr legt, gibt sich auf.</p>
<p>In der Pr&#228;ambel der schweizerischen Verfassung aus dem Jahr 1999 steht ein wunderbarer Satz: &#8220;Die St&#228;rke eines Volkes mi&#223;t sich am Wohl der Schwachen.&#8221; Das ist nicht nur ein wunderbarer, sondern auch ein mutiger Satz, weil diese St&#228;rke gern an ganz anderen Faktoren bemessen wird. Die einen messen die St&#228;rke am Bruttosozialprodukt und am Export&#252;berschu&#223;, die anderen reden dann vom starken Staat, wenn sie mehr Polizei, mehr Strafrecht und mehr Gef&#228;ngnis fordern. Zu wenige reden von der St&#228;rke des Staates, wenn es darum geht, menschenw&#252;rdige Mindestl&#246;hne durchzusetzen. Zu wenige reden vom starken Staat, wenn es darum geht, soziale Ungleichheit zu beheben, etwas gegen die Langzeitarbeitslosigkeit zu tun und die Sozial- und die Bildungspolitik miteinander zu verkn&#252;pfen.</p>
<p>Ein starker Staat ist der Staat, der Heimat ist auch f&#252;r die, die nicht mit dem silbernen L&#246;ffel auf die Welt gekommen sind, der Heimat ist f&#252;r die, denen es dreckig geht, weil sie arbeitslos sind. Ein solcher Staat hei&#223;t Sozialstaat. Er sorgt daf&#252;r, da&#223; Deutschland Heimat bleibt f&#252;r alle Altb&#252;rger und Heimat wird f&#252;r alle Neub&#252;rger. Das nennt man Integration, und das ist das Gegenteil von Ausgrenzung. Integration ist all das, was Heimat schafft. Die Zusammenfassung all dessen nennt man Sozialstaat.</p>
<p>Die St&#228;rke eines Volkes mi&#223;t sich am Wohl der Schwachen. Das gro&#223;e, das bedeutende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu Hartz IV war die Langfassung dieses kurzen wunderbaren Satzes. Das Gericht hat dem Sozialstaat eine packende Aufgabe zugeschrieben: Er mu&#223; Schicksalskorrektor sein f&#252;r die Armen und die relativ Armen dieser Gesellschaft, f&#252;r die Kinder zumal.</p>
<p>Das Gericht hat zu diesem Zweck ein neues Grundrecht formuliert: Das Grundrecht auf Gew&#228;hrleistung eines menschenw&#252;rdigen Existenzminimums. Es begr&#252;ndet eine Grundpflicht des Staates, dieses Minimum zu garantieren und zu konkretisieren. Es ist ein Grundrecht f&#252;r die Armen. Die Bedeutung dieses Urteils kann man gar nicht &#252;bersch&#228;tzen.</p>
<p>Die von Guido Westerwelle ausgel&#246;ste wilde Diskussion hat das nicht erfa&#223;t oder nicht erfassen wollen. Vielleicht war das Absicht. Vielleicht sollte diese Diskussion dieses Grundrecht f&#252;r die Armen einfach versch&#252;tten. Selten ist ein Urteil des h&#246;chsten Gerichts so mi&#223;achtet worden, so umgedreht und so mi&#223;braucht worden wie dieses Urteil in der durch Westerwelle ausgel&#246;sten Debatte.</p>
<p>Er hat Hartz-IV-Empf&#228;nger rundweg als Faulpelze beschimpft, die nach &#8220;anstrengungslosem Wohlstand&#8221; trachten. Wie bitte &#8211; Wohlstand? Den Beschimpften fehlen nicht nur Arbeit und gesellschaftliche Anerkennung, es fehlt ihnen die Kraft, sich zu wehren und sich zu organisieren, auch gegen solche politische und publizistische Verunglimpfung. Sicher: Es gibt Hartzer, die es sich in sozialer Verwahrlosung irgendwie eingerichtet haben und den Staat als Zapfanlage betrachten. Die schlechteste Reaktion darauf ist es, wenn der Unmut dar&#252;ber sich auf alle Hartz-IV-Empf&#228;nger ergie&#223;t.</p>
<p>Ein kleine Geschichte: In Bern lebte, es ist schon ein paar Jahrzehnte her, eine fromme Dame, Madame de Meuron. Sie wurde die &#8220;letzte Patrizierin&#8221; von Bern genannt. Als sie eines Morgens in die Kirche ging, hatte sich da auf ihren Stuhl ein Bauer verirrt. Sie wies ihn mit scharfen Worten zurecht: &#8220;Mein Herr, im Himmel sind wir dann alle gleich, aber hier unten mu&#223; Ordnung herrschen.&#8221;</p>
<p>Die Ordnung, die sich der Sozialstaat vorstellt, ist das nicht. Der Sozialstaat ersch&#246;pft sich nicht nur in der F&#252;rsorge f&#252;r die Benachteiligten, er zielt auch auf den Abbau der strukturellen Ursachen f&#252;r die Benachteiligungen. Solidarit&#228;t, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit &#8211; das sind die Schl&#252;sselw&#246;rter des Sozialstaats; sie sperren T&#252;ren auf.</p>
<p>Die Armut in Deutschland ist eine andere als die im 19. Jahrhundert; es gibt keine arme Klasse mehr, die sich k&#228;mpferisch zusammenschlie&#223;en k&#246;nnte. Den Armen von heute fehlt das Sprachrohr, das einst f&#252;r die Arbeiterklasse die Gewerkschaft war; ihnen fehlen der Stolz, das Selbstbewusstsein, das Zusammengeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl; jeder ist f&#252;r sich allein &#8211; relativ arm dran.</p>
<p>Armut hat heute so viele Gesichter: da ist der arbeitslose Akademiker; da ist der Gelegenheitsarbeiter und der wegrationalisierte Facharbeiter; da ist die alleinerziehende Mutter, die den Sprung ins Berufsleben nicht mehr schafft; da ist die Supermarkt-Kassiererin auf Stundenbasis; da sind die Langzeitarbeitslosen; da sind die schon immer Zukurzgekommenen am Rand der Gesellschaft; da sind die Einwandererkinder, die nicht aus dem Ghetto herauskommen. F&#252;r sie alle hat das Bundesverfassungsgericht sein Urteil geschrieben.</p>
<p>Es ist der Beitrag des h&#246;chsten deutschen Gerichts zum Auftakt des &#8220;Europ&#228;ischen Jahres gegen Armut und soziale Ausgrenzung&#8221;. Dieses EU-Jahr 2010 l&#228;uft hierzulande unter dem Motto: &#8220;Mit neuem Mut&#8221;. Die politische Diskussion nach dem Hartz-IV-Urteil hat das anscheinend in den falschen Hals bekommen. Auch der Mut der Bundesregierung besteht vor allem darin, Auswege zu suchen, um die Karlsruher Entscheidung zu konterkarieren und die Grundsicherung so kleinzurechnen, da&#223; man den Wohlhabenden Steuergeschenke machen kann.</p>
<p>Den Sozialstaat neu erfinden? Angesichts der Tonlage, in der das gesagt wird, kann man das als Drohung verstehen. Die letzte &#8220;Neuerfindung&#8221; des Sozialstaats durch Bundeskanzler Gerhard Schr&#246;der hat weder zum Besseren und Gerechteren, noch zu Kostenersparnissen gef&#252;hrt, sondern zu mehr Armut und viel Verdru&#223;. Der Sozialstaat mu&#223; nicht neu erfunden, er mu&#223;ordentlich gestaltet, berechnet und gut gepflegt werden.</p>
<p>Demokratie und Sozialstaat geh&#246;ren zusammen. Die B&#252;rger in einer Demokratie brauchen Ausbildung und Auskommen, sie brauchen eine leidlich gesicherte Existenz. Das Leben wird weiterhin ungerecht beginnen und es wird ungerecht enden. Da&#223; es dazwischen einigerma&#223;en gerecht zugeht, da&#223; also jeder seine Chance hat &#8211; daf&#252;r gibt es den Sozialstaat.</p>
<p><em>Erstver&#246;ffentlichung in der „S&#252;ddeutschen Zeitung“</em></p>
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		<title>F&#252;nf Jahre Hartz IV</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Jan 2010 09:13:47 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Christoph Butterwegge
 
Die sogenannten Hartz-Gesetze, vor allem das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene vierte als ihr unr&#252;hmlicher H&#246;hepunkt, sind Kernbestandteil eines Projekts zur Restrukturierung der Gesellschaft, das die ganze Architektur und die innere Konstruktionslogik des bisherigen Sozialstaates in Frage stellt. Es ging dabei nicht blo&#223; um Leistungsk&#252;rzungen in einem Schl&#252;sselbereich des sozialen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Christoph Butterwegge</h3>
<p><strong> </strong></p>
<p>Die sogenannten Hartz-Gesetze, vor allem das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene vierte als ihr unr&#252;hmlicher H&#246;hepunkt, sind Kernbestandteil eines Projekts zur Restrukturierung der Gesellschaft, das die ganze Architektur und die innere Konstruktionslogik des bisherigen Sozialstaates in Frage stellt. Es ging dabei nicht blo&#223; um Leistungsk&#252;rzungen in einem Schl&#252;sselbereich des sozialen Sicherungssystems, vielmehr um einen Paradigmawechsel, um eine gesellschaftliche Richtungsentscheidung. Die rot-gr&#252;ne, durch eine Mehrheit der damaligen Oppositionsparteien CDU/CSU und FDP im Bundesrat und die Kompromi&#223;bereitschaft der Regierungsparteien radikalisierte Arbeitsmarktreform hat unser Land so tiefgreifend ver&#228;ndert, da&#223; es kaum &#252;bertrieben erscheint, von der „Hartz-IV-Republik“ oder der „Hartz-IV-Gesellschaft“ zu sprechen.</p>
<p>Mit dem <em>Vierten Gesetz f&#252;r moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt</em> waren einschneidende &#196;nderungen im Arbeits- und Sozialrecht verbunden. Hartz IV markierte nicht blo&#223; eine historische Z&#228;sur f&#252;r die Entwicklung von Armut beziehungsweise Unterversorgung in Ost- und Westdeutschland, sondern es steht als Symbol f&#252;r die Transformation des Sozialstaates, f&#252;r seine Umwandlung in einen Minimalstaat, der Langzeitarbeitslose gem&#228;&#223; dem Motto „F&#246;rdern und fordern!“ zu „aktivieren“ vorgibt, sich aber aus der Verantwortung f&#252;r ihr Schicksal weitgehend verabschiedet.</p>
<p>Bundeskanzler Schr&#246;der erkl&#228;rte am 14. M&#228;rz 2003 in seiner ber&#252;hmt-ber&#252;chtigten Rede zur <em>Agenda 2010</em>, man m&#252;sse die Zust&#228;ndigkeiten und Leistungen f&#252;r Erwerbslose in einer Hand vereinigen, um die Chancen derjenigen zu erh&#246;hen, die nicht nur arbeiten k&#246;nnten, sondern auch wirklich wollten: „Das ist der Grund, warum wir die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenlegen werden, und zwar einheitlich auf einer H&#246;he – auch das gilt es auszusprechen –, die in der Regel dem Niveau der Sozialhilfe entsprechen wird.“</p>
<p>Was wegen des Zwittercharakters der Arbeitslosenhilfe (Alhi) – sie war durch Beitragszahlungen begr&#252;ndet und von der fr&#252;heren H&#246;he des Arbeitsentgelts ihres Beziehers abh&#228;ngig, jedoch steuerfinanziert und bed&#252;rftigkeitsgepr&#252;ft – h&#228;tte sinnvoll sein k&#246;nnen, um eine Politik der „Verschiebebahnh&#246;fe“ zwischen beiden Hilfesystemen zu beseitigen, f&#252;hrte allerdings nicht zu einer Grundsicherung auf h&#246;herem Niveau, sondern einer Schlechterstellung von sehr vielen Menschen sowie einer gleichfalls problematischen Aufspaltung der Sozialhilfeempf&#228;nger in erwerbsf&#228;hige, die Arbeitslosengeld (Alg) II beziehen, und nichterwerbsf&#228;hige, die Sozialgeld beziehungsweise -hilfe erhalten. Daraus wiederum erwuchsen neue Gefahren einer Stigmatisierung nach dem Grad der N&#252;tzlichkeit bzw. nach der &#246;konomischen Verwertbarkeit dieser Personen.</p>
<p>Einerseits zeitigte das Gesetzespaket negative Verteilungseffekte im untersten Einkommensbereich, andererseits wandelten sich durch Hartz IV auch die Struktur des Wohlfahrtsstaates (Abschied vom Prinzip der Lebensstandardsicherung), die politische Kultur und das soziale Klima der Bundesrepublik. Mit dem, was gewerkschaftliche Arbeitsloseninitiativen als „Verfolgungsbetreuung“ charakterisieren, wurde der Kontrolldruck auf (potenzielle) Leistungsbezieher/innen sp&#252;rbar erh&#246;ht sowie eine Verletzung der Privat- und Intimsph&#228;re durch „Sozialdetektive“ vorprogrammiert. Hartz IV hat also sehr viel mehr bewirkt, als gesetzlich zu verankern, da&#223; Millionen fr&#252;here und potenzielle Alhi-Empf&#228;nger seither weniger Geld erhalten.</p>
<p><em>Ausweitung des Niedriglohnsektors:</em></p>
<p>Durch die Umsetzung des im Vermittlungsausschu&#223; von Bundestag und -rat noch weiter radikalisierten Konzepts der Hartz-Kommission (Ausweitung nicht nur „haushaltsnaher“ Mini-Jobs sowie der Leih- beziehungsweise Zeitarbeit) hat der Niedriglohnsektor enorm an Bedeutung gewonnen. Den armen Erwerbslosen, die das Fehlen von oder die unzureichende H&#246;he der Entgeltersatzleistungen auf das Existenzminimum zur&#252;ckwirft, treten massenhaft erwerbst&#228;tige Arme zur Seite. L&#228;ngst reichen selbst viele Vollzeitarbeitsverh&#228;ltnisse (besonders in Ostdeutschland) nicht mehr aus, um „eine Familie zu ern&#228;hren“.</p>
<p>Hartz IV sollte nicht blo&#223; durch Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und Abschiebung der Langzeitarbeitslosen in die Wohlfahrt den Staatshaushalt entlasten, sondern auch durch Einsch&#252;chterung der Betroffenen mehr „Besch&#228;ftigungsanreize“ im Niedriglohnbereich schaffen. Man zwingt sie mit Hilfe von Leistungsk&#252;rzungen, sch&#228;rferen Zumutbarkeitsklauseln und Ma&#223;nahmen zur &#220;berpr&#252;fung der „Arbeitsbereitschaft“ (vor allem „1-Euro-Jobs“), fast jede Stelle anzunehmen und ihre Arbeitskraft zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die (noch) Besch&#228;ftigten und die Angst in den Belegschaften vermehrt. Da&#223; heute selbst das Essen von Frikadellen und die Einl&#246;sung von Pfandbons im Wert von 1,30 Euro als K&#252;ndigungsgr&#252;nde herhalten m&#252;ssen, zeigt zusammen mit der Bespitzelung von Frauen und M&#228;nnern von Betriebsr&#228;ten in gro&#223;en Konzernen, wie sich das Arbeitswelt ver&#228;ndert hat.</p>
<p><em>Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland:</em></p>
<p>Da die Zumutbarkeitsregelungen mit Hartz IV erneut versch&#228;rft und die Mobilit&#228;tsanforderungen gegen&#252;ber (Langzeit-)Arbeitslosen noch einmal erh&#246;ht wurden, haben sich die M&#246;glichkeiten f&#252;r Familien, ein geregeltes, nicht durch permanenten Zeitdruck, Stre&#223; und/oder r&#228;umliche Trennung von Eltern und Kindern beeintr&#228;chtigtes Leben zu f&#252;hren, weiter verschlechtert. Auf dem H&#246;hepunkt des zur&#252;ckliegenden Konjunkturaufschwungs, im M&#228;rz 2007, lebten nach Angaben der <em>Bundesagentur f&#252;r Arbeit</em> fast 1,929 Mio. Kinder unter 15 Jahren (von knapp 11,5 Mio. dieser Altersgruppe insgesamt) in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften, die landl&#228;ufig „Hartz-IV-Haushalte“ genannt werden.</p>
<p>Rechnet man die &#252;brigen Betroffenen – Kinder in Sozialhilfehaushalten, in Fl&#252;chtlingsfamilien, die nach dem <em>Asylbewerberleistungsgesetz</em> ein Drittel weniger als die Sozialhilfe erhalten, und von „Illegalen“, die gar keine Transferleistungen beantragen k&#246;nnen – hinzu und ber&#252;cksichtigt au&#223;erdem die „Dunkelziffer“ (also die Zahl jener eigentlich Anspruchsberechtigter, die aus Unwissenheit, Scham oder anderen Gr&#252;nden keinen Antrag auf Sozialhilfe beziehungsweise Arbeitslosengeld II stellen), leben etwa 2,8 Millionen Kinder auf oder unter dem Sozialhilfeniveau; das  betrifft mindestens jedes f&#252;nfte Kind dieses Alters. Versch&#228;rft wird das Problem durch erhebliche regionale Disparit&#228;ten (Ost-West- und Nord-S&#252;d-Gef&#228;lle). So lebten in G&#246;rlitz 44,1 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten, w&#228;hrend es im ausgesprochen wohlhabenden bayerischen Landkreis Starnberg nur 3,9 Prozent waren.</p>
<p>Hartz IV trug durch das Abdr&#228;ngen der Langzeitarbeitslosen samt ihren Familienangeh&#246;rigen in den F&#252;rsorgebereich dazu bei, da&#223; Kinderarmut „normal“ wurde, was sie schwerer skandalisierbar macht. Auf das Leben der Kinder, die zur „unteren Schicht“ geh&#246;ren, wirkte sich das Gesetzespaket wegen der katastrophalen Lage des Arbeitsmarktes in den &#246;stlichen Bundesl&#228;ndern besonders verheerend aus. Die finanzielle Lage von Familien mit Alhi-Empf&#228;ngern verschlechterte sich durch den &#220;bergang zum Alg II, was erhebliche materielle Einschr&#228;nkungen f&#252;r betroffene Kinder einschlo&#223;. Betroffen sind auch diejenigen Kinder, deren V&#228;ter aufgrund ihres gegen&#252;ber der Arbeitslosenhilfe niedrigeren Arbeitslosengeldes II keinen oder weniger Unterhalt zahlen (k&#246;nnen), denn die Unterhaltsvorschu&#223;kassen bei den Jugend&#228;mtern treten nur maximal 6 Jahre lang und auch nur bis zum 12. Lebensjahr des Kindes ein.</p>
<p>Nicht nur die materielle Situation, sondern auch die Position von Frauen und (alleinerziehenden) M&#252;ttern auf dem Arbeitsmarkt hat sich verschlechtert. Die sogenannten Mini- und Midi-Jobs &#252;bernehmen gr&#246;&#223;tenteils Frauen. „Haushaltsnahe Dienstleistungen“, die sie erbringen sollen, hei&#223;t im Wesentlichen, da&#223; ihnen Besserverdienende, denen daf&#252;r nach einem vor&#252;bergehenden Wegfall des  „Dienstm&#228;dchenprivilegs“ nun auch wieder Steuerverg&#252;nstigungen einger&#228;umt werden, geringe (Zu-)Verdienstm&#246;glichkeiten als Reinigungskraft oder Haush&#228;lterin bieten. Ist die „Mini-Jobberin“ mit einem sozialversicherungspflichtig Besch&#228;ftigten verheiratet, braucht sie wegen der kostenfreien Familienmitversicherung keine Krankenkassenbeitr&#228;ge zu entrichten. Um die vollen Leistungen der Rentenversicherung in Anspruch nehmen zu k&#246;nnen, mu&#223; eine (Putz-)Frau jedoch erg&#228;nzende Beitr&#228;ge zahlen. Selbst dann l&#228;&#223;t sich Altersarmut kaum vermeiden. Gleichzeitig vergr&#246;&#223;ert sich der Abstand zwischen den Altersrenten von M&#228;nnern und Frauen weiter zu Lasten der Letzteren.</p>
<p>Eine soziale Grundsicherung, wie sie das Arbeitslosengeld II laut Gesetzestext sein m&#246;chte, mu&#223; vor Armut sch&#252;tzen, damit sie diesen Namen verdient. Das kann man in Anbetracht der &#228;u&#223;erst niedrigen Regelleistungen beim Alg II allerdings nicht behaupten. Mehr qualifizierte Arbeitspl&#228;tze mit ausreichend hohen L&#246;hnen bzw. Geh&#228;ltern, ein dichtes Netz &#246;ffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen und Gemeinschaftsschulen bilden den Schl&#252;ssel zur Bek&#228;mpfung der Kinderarmut.</p>
<p><em>Professor Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&#228;t zu K&#246;ln. Zuletzt ist sein Buch „Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdr&#228;ngt wird“ (Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2009) erschienen.</em></p>
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