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	<title>Das Blättchen &#187; Arbeiterbewegung</title>
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	<description>Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft</description>
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		<title>Verweigerte Selbstwahrnehmung</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 19:17:15 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Arbeiterbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[von J&#246;rn Sch&#252;trumpf
„Damals war es selbstverst&#228;ndlich, da&#223; K&#252;nstler links waren.“ Die junge Kunsthistorikerin sagt das ganz ruhig, sie spricht vom Polen der drei&#223;iger Jahre – sie redet &#252;ber &#252;ber Stern, Lewicki, Stawinski, Winnicki, Waniek, die Gro&#223;en unter den Bildenden K&#252;nstlern, unter Piłsudski gejagt und ge&#228;chtet. Wir sitzen in der Geburtsstadt Rosa Luxemburgs, in Zamosc, diskutieren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von J&#246;rn Sch&#252;trumpf</h3>
<p>„Damals war es selbstverst&#228;ndlich, da&#223; K&#252;nstler links waren.“ Die junge Kunsthistorikerin sagt das ganz ruhig, sie spricht vom Polen der drei&#223;iger Jahre – sie redet &#252;ber &#252;ber Stern, Lewicki, Stawinski, Winnicki, Waniek, die Gro&#223;en unter den Bildenden K&#252;nstlern, unter Piłsudski gejagt und ge&#228;chtet. Wir sitzen in der Geburtsstadt Rosa Luxemburgs, in Zamosc, diskutieren &#252;ber die verfemte Tochter der Stadt und – nat&#252;rlich – &#252;ber den Zustand der Linken. Alle am Tisch wissen: Heute ist es alles andere als selbstverst&#228;ndlich, da&#223; K&#252;nstler ihre politische Gesinnung zu erkennen geben, geschweige denn sich engagieren, egal ob in Polen oder in Deutschland.</p>
<p>Zu gutgepflegten Ritualen der Linken &#252;berall auf der Welt geh&#246;rt, Klage zu f&#252;hren &#252;ber die Unwilligkeit der Gesellschaft, der Linken zuzuh&#246;ren. In diesem Punkt ist es v&#246;llig gleichg&#252;ltig, wo auf der Farbskala links der Mitte sich die Klagenden einsortieren; die Rede geht immer gleich: Schuld seien die Medien, die Bildungseinrichtungen, die herrschenden Eliten. Die Gebetsm&#252;hle dreht sich nicht enden wollend. Sie ist l&#228;ngst, von der Linken ignoriert, zu deren heimlichem Symbol geworden …</p>
<p>Als ob zu Zeiten eines Bebels und einer Luxemburg sowie ihrer unmittelbaren Nachfolger die Medien geringer reaktion&#228;r, die Bildungseinrichtungen anspruchsvoller, die herrschenden Eliten weniger machtbewu&#223;t gewesen w&#228;ren. Und trotzdem standen viele K&#252;nstler links, und es gab eine Bewegung unter den Arbeitenden. Sie h&#246;rten sie den Linken zu – und manchmal sogar auf sie.</p>
<p>Was nicht immer gl&#252;cklich ausging. 1914 landete die europ&#228;ische Arbeiterschaft unter der F&#252;hrung der Sozialdemokratie ihrer L&#228;nder auf der Schlachtbank. 1921 lie&#223;en Lenin und Trotzki die &#8220;Vorhut der Arbeiterklasse&#8221;, so Lenin zuvor &#252;ber die Kronst&#228;dter Arbeiter und Matrosen, im eigenen Blut ers&#228;ufen. Wenige Tage sp&#228;ter schickte die <em>Kommunistische Internationale</em> mitteldeutsche Arbeiter in einen sinnlosen und opferreichen Aufstand. 1928 wurde die SPD an die Regierungsspitze gew&#228;hlt und wu&#223;te damit nichts anderes anzufangen, als ihre W&#228;hler zu verraten (Gerhard Schr&#246;der handelte nicht ohne Vorbild, wenngleich diese Zeichen der Geschichte nicht begreifend). Ab 1928 folgten immer mehr Arbeitslose und Arbeiter der KPD-F&#252;hrung, die den Kampf gegen die Sozialdemokratie dem Kampf gegen die Nazis vorzog &#8211; bis in die Katastrophe des 30. Januar hinein.</p>
<p>Hinterher gab es in Deutschland f&#252;r zw&#246;lf Jahre keine Arbeiterbewegung mehr, statt dessen aber einen neuen Weltkrieg. Als Nazideutschland 1939 Polen &#252;berfiel, brauchten sich Gestapo und SD – anders als in den Staaten, die anschlie&#223;end &#252;berrannt wurden – nicht mit den Kommunisten besch&#228;ftigen. Deren F&#252;hrung hatte Stalin ein Jahr zuvor – &#252;ber dreitausend polnische Exilanten an der Zahl – hinmorden und deren Partei aufl&#246;sen lassen. Als nach 1945 eine echte Mitbestimmung der Arbeiterschaft mit H&#228;nden zu greifen war, bremste die SPD-F&#252;hrung Viktor Agartz und andere Linke aus – w&#228;hrend im Osten die Stalinisten Sozialdemokraten einsperrten und im Westen Sozialdemokraten der neuerlichen Kommunistenverfolgung nicht nur heimlich Beifall zollten.</p>
<p>Wollen wir auch noch &#252;ber die glorreiche Geschichte des »real existierenden Sozialismus« reden? 1953 die Arbeiter in Mitteldeutschland – dort wurde blutig gek&#228;mpft. 1956 Poznań, 1956 Budapest, 1970 die polnischen Hafenst&#228;dte, 1980 Solidarnosc, 1989 Massenflucht der Arbeiterschaft und friedliche Revolution – immer waren es Arbeiter, die den Verrat durch die sogenannte Linke nicht mehr ertrugen.</p>
<p>Und schon h&#246;re ich das Stimmengewirr: Das? Das waren die anderen, das waren nicht wir, mit der »wirklichen Linken« hat das alles nichts zu tun.</p>
<p>Solange diese Haltung fortexistiert, kann man nur w&#252;nschen, da&#223; die Linke – von der linken Sozialdemokratie bis zu den Anarchisten – auch k&#252;nftig unerh&#246;rt bleibt. Entweder nehmen wir, egal wo wir in der Linken stehen, die Geschichte der Linken als Ganzes an, mit allen Irrsinnigkeiten und Verbrechen, misten den Augiasstall bis auf den Grund aus und &#252;berlegen dann in Demut, ob wir noch das Recht haben, der Gesellschaft Vorschl&#228;ge zu machen – und zwar ohne alle Avantgardeanma&#223;ungen und Oberlehrerhaftigkeiten. Oder die Linke stirbt aus, zu Recht.</p>
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