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	<title>Das Blättchen</title>
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	<description>Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft</description>
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		<title>Arno Mohr zum Hundertsten</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Jul 2010 12:29:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Arno Mohr]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Hammer]]></category>

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		<description><![CDATA[von Klaus Hammer
Nicht die Dinge selbst, nicht deren Projektion auf  die Fl&#228;che waren das Thema der Arbeit des Zeichners Arno Mohr, sondern die Beziehung zu ihnen. Mit der sensiblen und gespannten Energie dieser  Beziehung mu&#223;te der Arbeitsprozess korrespondieren, um etwas von dem zu  vermitteln, was wir in unserem Erleben als wirklich empfinden.
Diese [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Klaus Hammer</h3>
<p>Nicht die Dinge selbst, nicht deren Projektion auf  die Fl&#228;che waren das Thema der Arbeit des Zeichners Arno Mohr, sondern die Beziehung zu ihnen. Mit der sensiblen und gespannten Energie dieser  Beziehung mu&#223;te der Arbeitsprozess korrespondieren, um etwas von dem zu  vermitteln, was wir in unserem Erleben als wirklich empfinden.</p>
<p>Diese Art von Beziehung stellte sich her durch Aufmerksamkeit und Zuwendung, durch Blicksch&#228;rfe und eigene  Betroffenheit, manchmal auch durch Zusammensto&#223;, aber nicht alles war so zu erobern. Es  waren vorrangig Orte und Situationen, die mit positiver Gef&#252;hlsbetonung erlebt wurden, an denen sich ein ausgesprochenes Interesse f&#252;r die sie  konstituierenden Elemente entz&#252;ndete. Bei Arno Mohr war das zun&#228;chst das Atelier, die  Werkstatt, wie er sagte: der Raum, die Dinge, der Arbeitstisch mit dem Blick aus  dem Fenster, die Zeichenwerkzeuge, das Mobiliar, dann die Wohnung, das  Innen-Au&#223;en und schlie&#223;lich die Wanderungen durch die Stadt, durch Berlin und seine  n&#228;here und weitere Umgebung. Zeichnung und Farbstudie entstanden erst sp&#228;ter  aus der Distanz, in Ruhe und ungest&#246;rt: Sie waren Zusammenfassung, Verdichtung.</p>
<p>Die Distanz, die man beispielsweise zu einer  menschlichen Figur einnehmen muss, um sie mit einem Blick als Ganzes wahrzunehmen,  f&#252;hrt zu relativ kleinen Ma&#223;en, lehrt uns Alberto Giacometti. So nimmt es nicht  Wunder, da&#223; die kleinen Arbeiten Arno Mohrs eine ganze Welt enthalten k&#246;nnen,  w&#228;hrend er im Gro&#223;format den Ausschnitt bevorzugt. In der N&#228;he wirkt das Detail,  in der Ferne das Ganze, zu gegenst&#228;ndlichen Restformen geronnen.</p>
<p>Viele hat er, der langj&#228;hrige Lehrer f&#252;r  Naturstudium und druckgrafische Techniken an der Kunsthochschule Berlin-Wei&#223;ensee und  Leiter der Grafik-Werkstatt (bis 1975), zeichnen und drucken, Ma&#223; halten gelehrt,  die heute selbst anerkannte K&#252;nstler sind. Und doch sagte er von sich:  „Meine Hochschule war und ist die Stra&#223;e“. Das spezifisch Berlinische ist f&#252;r  ihn, den am 29. Juli 1910 in Posen (heute Poznan) Geborenen, der aber schon nach  dem ersten Lebensjahr mit den Eltern in den Osten Berlins &#252;bersiedelte und –  abgesehen von der Soldatenzeit im Zweiten Weltkrieg, von Kriegsgefangenschaft und  Reisen &#8211; bis zu seinem Tode 2001 hier geblieben ist, ein bestimmender Wesenszug seiner Kunst: Er hat die Traditionslinie  von Chodowiecki &#252;ber Schadow, Hosemann, Menzel bis Liebermann und Zille fortgef&#252;hrt. Das Liebermann-Wort „Zeichnen hei&#223;t Fortlassen“ hat Mohr – besonders in den Lithografien – in eine ihm gem&#228;&#223;e Form umgesetzt. Ein  warmherziges Verh&#228;ltnis zum Leben, sensitiv, pointenreich, aber pathosfrei, verband  er mit der Knappheit und Pr&#228;gnanz der Form, dem gesch&#228;rften Blick f&#252;r das  menschlich Wesenhafte in Bewegung, Gestus und Haltung seiner Gestalten und f&#252;r das Fluidum des Milieus. In der fast spielerischen Ungezwungenheit, der scheinbar fl&#252;chtigen, mit leichter  Hand, oft als Bildstenogramme hingesetzten Zeichnung verbarg sich  ein hohes Ma&#223; st&#228;ndiger Lebensbeobachtung: „Ich habe mit den Augen mehr noch  gezeichnet als mit der Hand“. Das spannungsvolle, Raum, Licht und Farbe suggerierende Zueinander von gezeichneter und freier Fl&#228;che hatte noch  der 86j&#228;hrige K&#252;nstler mit Tafelbildern zu demonstrieren gewusst. Doch ein Monumentalist war er nie gewesen. Er blieb der gro&#223;e  Meister der kleinen Form.</p>
<p>Eine eigene Stellung nehmen die mit Feder, Kreide,  Kohle hingeschriebenen, auch als Litho gestalteten Portr&#228;tskizzen ihm  befreundeter Menschen, der Weigel, Brecht, Hanns Eisler, des Dresdner Zeichners  Wilhelm Rudolph ein, in denen er in oft fl&#252;chtiger Geste Wesentliches &#252;ber den Charakter auszusagen vermochte.  Immer wieder hat er t&#228;gliche Verrichtungen und das h&#228;usliche Umfeld der  Menschen ins Auge gefa&#223;t. „Berlinerisch finde ich es, in seinem Quadrat, in seinem  Bereich zu bleiben, von dem man etwas versteht“, war seine &#220;berzeugung. Sein Weg  f&#252;hrte ihn vom Arbeitsplatz und von der eigenen Wohnung zu den Berliner  Kneipen, Kaffeeh&#228;usern und Gartenlokalen an der Spree, vom S-Bahnhof Hackescher  Markt und der Weidendammer Br&#252;cke zur Oranienburger Stra&#223;e, Chausseestra&#223;e und  Unter den Linden, von der Friedhofsecke und dem kleinen Rummelplatz in  Alt-Berlin zur Museumsinsel mit ihren imponierenden Bauten. Er nahm den „einsamen Mann“  wie einen dunklen Punkt in der unendlichen Horizontale der Landschaft wahr, beobachtete aus der Ferne die „kleine Unterhaltung“ zweier Frauen,   winzigen Figuren mit einem nur angedeuteten Ambiente auf dem „leeren“ Blattwei&#223;, den Ausflugsdampfer auf dem  M&#252;ggelsee, die „Kiefern am See“, Weite und Kargheit der m&#228;rkischen Landschaft  demonstrierend. Er zeichnete aber keine menschenreiche Kneipen-, Stra&#223;en- oder  Rummelplatzszene, er w&#228;hlte einen „unscheinbaren“ Teilaspekt und f&#252;hrte ihn auf  &#252;berraschende Weise weiter.  Er komplettierte die Szene nicht zum Genrebild. Die Geschichten, die wir uns angesichts seiner Sujets erfinden, sind selbstverst&#228;ndlich immer falsch, denn diese  Sujets illustrieren keinen Sachverhalt, der sich auch in Worte fassen lie&#223;e.  Mohrs Bl&#228;tter sagen viel, aber sie erz&#228;hlen nicht. Die Tatsache, da&#223; diese  Zeichnungen in hohem Ma&#223;e die Phantasie anregen und zugleich Zeichnungen von hoher  Qualit&#228;t sind, macht ihre Besonderheit aus. Mit sparsamstem Strich vermochte er eine unverwechselbare Atmosph&#228;re  zu vermitteln. Aus dem fl&#228;chigen Wei&#223; des Blattes entstand andeutungsweise die K&#246;rperlichkeit der Figur. Angesichts dieser Arbeiten hat die Kritik von einer bis zum Letzten  genutzten &#214;konomie der Mittel gesprochen. Ein fragmentarischer Stil, eine  Minimalgeste nur.</p>
<p>Er hat mit Kohle und Kreide, Feder und Pinsel  gezeichnet, die aquarellartig lavierenden Techniken oder den Mehrfarbendruck  vollendet beherrscht. Als Meister druckgrafischer Techniken schnitt er ins Holz,  radierte er oder bearbeitete er den Lithostein. In der Lithografie, seinem  bevorzugten grafischen Ausdrucksmittel, nahm er die Tradition Munchs, Corinths,  Slevogts und der Kollwitz wieder auf und entwickelte sie zu hoher Meisterschaft,  einer Meisterschaft des Zeichnens und Druckens. Er machte die Lithografie  wieder volkst&#252;mlich.</p>
<p>Immer wieder hat er sich selbst gezeichnet.  Aufgerichtet, &#252;ber der Arbeit versunken, resignierend, aber nie sich aufgebend,  vergeistigt, das Gesicht wie entmaterialisiert. Rechenschaft &#252;ber sich selbst  ablegend, verschlossen, in sich gekehrt, verletzbar, Zweifel und  Selbstvergewisserung in einem.</p>
<p>Das stille Medium der Zeichnung und Grafik war ihm  wie auf den Leib geschrieben. Die Poesie der Szene kann nur in k&#252;nstlerischer  Form &#252;berleben, sie beruht auf der freien Erfindung der Formelemente und  dennoch auf ihrer klaren zeichnerischen Pr&#228;senz, fern jeder Voyeurperspektive. Die Formelemente haben die konstruktive Spannung eines Netzes, das jeden  noch so gewagten Salto mortale sichert. Eine Verzauberung durch Ma&#223;, Poesie und  neu bestimmtes Material. Ihr ins Offene tendierendes Experiment,  konzentriert  und ernsthaft gel&#246;st, vermittelt den Eindruck von Kostbarkeit, aber auch von Verletzlichkeit, ein gutes Lebensgef&#252;hl, ein Gef&#252;hl der Sch&#246;nheit, Lebensfreude und Harmonie, aber  auch f&#252;r die dunklen Seiten des Lebens. Zust&#228;nde von Dingen und Erscheinungen  in einem zugespitzten Stadium wechselseitiger Bedingtheit, poetische  Metaphern f&#252;r flie&#223;ende &#220;berg&#228;nge. Arbeiten an den Grenzen zunehmend verfliegender Gegenst&#228;ndlichkeit, deren Reste Verwandlung und Verzauberung, Traum und Sehnsucht suggerieren. Nicht nur die Sujets, die Bl&#228;tter selbst m&#252;ssen  beh&#252;tet werden.</p>
<p><em>Zum 100.Geburtstag des K&#252;nstlers wird in der  Galerie Eva Poll, Anna-Louisa-Karsch-Str. 9, Berlin-Mitte, Malerei und Grafik von  Mohr bis 31. Juli gezeigt. Mit ihm zusammen stellt seine einstige Sch&#252;lerin  Sabina Grzimek Skulpturen aus.</em></p>
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		<title>Gesellschaftliche Ordnung</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 19:51:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Erhard Crome]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensqualität]]></category>
		<category><![CDATA[Polizei]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsstaat]]></category>
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		<description><![CDATA[von Erhard Crome
Woran sieht man, da&#223; der Staat schw&#228;cher wird? In der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen entstanden mittlerweile ganze Bibliotheken voller B&#252;cher &#252;ber gescheiterte oder scheiternde Staaten (im Fachjargon: Failing States oder Failed  States). Dort gibt es dann keine Sozialsysteme mehr, keine &#246;ffentliche  Daseinsvorsorge. Der Staat k&#252;mmert sich nicht mehr um Schule [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Erhard Crome</h3>
<p>Woran sieht man, da&#223; der Staat schw&#228;cher wird? In der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen entstanden mittlerweile ganze Bibliotheken voller B&#252;cher &#252;ber gescheiterte oder scheiternde Staaten (im Fachjargon: <em>Failing States</em> oder <em>Failed  States</em>). Dort gibt es dann keine Sozialsysteme mehr, keine &#246;ffentliche  Daseinsvorsorge. Der Staat k&#252;mmert sich nicht mehr um Schule oder Universit&#228;t und auch  nicht mehr um das Gesundheitswesen. Schlie&#223;lich gibt es auch keine Sicherheit  des t&#228;glichen Lebens mehr, also keine korruptionsfreie Polizei, niemanden,  bei dem man Anzeige erstatten k&#246;nnte, wenn man von Mord und Totschlag, Raub oder Vergewaltigung betroffen ist. Der Westen benutzt dieses Ph&#228;nomen, das in  vielen L&#228;ndern der Welt erst durch die wirtschaftspolitischen Zwangsbedingungen enstand, die die Staaten des Westens nebst Weltbank und Internationalem W&#228;hrungsfonds oktroyiert haben, um sich zur milit&#228;rischen Intervention  zu erm&#228;chtigen.</p>
<p>Aber vollziehen sich solche Entwicklungen nur fernab, weit weg von hier? Und sind sie erst  feststellbar, wenn ihre Wirkungen bereits jenseits jeden Zweifels offensichtlich sind?  Oder sollte nicht eher nach den scheinbar unmerklichen Anf&#228;ngen geschaut  werden? Auf dem S-Bahnhof Pl&#228;nterwald gab es eine gro&#223;e, sch&#246;n gerade gewachsene  Tanne. Irgendwann, nach dem Jahreswechsel, war zu sehen, da&#223; die Spitze fehlte.  Jemand hatte den oberen Teil des Baumes abges&#228;gt und mitgenommen. Der hat sich bestimmt gut gemacht als Weihnachtsbaum in einer Wohnstube. War es ein Bed&#252;rftiger, der nur so zu einem sch&#246;nen Baum kommen konnte, oder eine  Wette Jugendlicher? Au&#223;er den Beteiligten wird das niemand mehr in Erfahrung  bringen k&#246;nnen. Fr&#252;her gab es einen Stationsvorsteher auch auf jedem S-Bahnhof  in Berlin. Den haben Herr Mehdorn und der Neoliberalismus bekanntlich  eingespart. Das Abfertigen der Z&#252;ge geht auch elektronisch, ohne Menschen, legten  sie fest, bzw. das mu&#223; der Fahrer selbst machen. Aber der Stationsvorsteher hatte  immer auch eine menschliche Funktion, neben der technischen: Er konnte  Sicherheit geben im Falle von Bel&#228;stigung oder krimineller &#220;bergriffe, man konnte  ihn nach dem n&#228;chsten Zug fragen, weil wieder mal einer ausgefallen war, oder  nach dem Weg. Heute fallen alle diese Funktionen weg. Die Reisende steht heute  abends oder am fr&#252;hen Morgen auf vielen Bahnh&#246;fen allein, blickt sich &#228;ngstlich  um, ob auch keine p&#246;belnden Rowdies oder Betrunkenen in der N&#228;he sind, und  &#252;berlegt, ob es immer noch eine gute Idee ist, mit &#246;ffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Die <em>Failing States</em> beginnen dort, wo B&#252;rger sich diese  Frage zu stellen gen&#246;tigt sehen.</p>
<p>Nun k&#246;nnte man nat&#252;rlich sagen: Alle haben ein Handy, sie k&#246;nnen die Polizei rufen. Die aber wird ja auch eingespart. Brandenburgs Innenminister Speer ist gerade dabei, eine  n&#228;chste „Polizeireform“ (die vorige ist acht oder zehn Jahre her) zu erdenken;  danach soll es dann bis zum Jahre 2020 1.900 Polizisten weniger geben und  insgesamt noch 7.000. Nur noch 16 Polizeiwachen in Brandenburg sollen „rund um die  Uhr“ besetzt sein. Jetzt sind es f&#252;nfzig. Wie lange also wird ein  Polizeiwagen brauchen, wenn von einem Bahnhof ein Notruf kommt? Und in welchem Ma&#223;e k&#246;nnen  Polizisten dann noch eingreifen?</p>
<p>Zu den aktuellen Tatvorg&#228;ngen geh&#246;rt das Stehlen von Kupferdraht von den Oberleitungen der Bahn. Der  Kupferpreis sei explodiert (angeblich ist wieder einmal der Chinese schuld), und da  mehrten sich eben diese Vorf&#228;lle, hei&#223;t es. Die T&#228;ter wissen, wie man den Strom ausschaltet, und stehlen dann flugs m&#246;glichst viele Meter Draht. Bei den zentralen Verbindungen der Deutschen Bahn wird man vielleicht die  technischen und polizeilichen Kontrollen verst&#228;rken und die h&#246;heren Kosten auf die Fahrpreise umschlagen. Bei einer kleinen Strecke dagegen im Osten  Brandenburgs, die von einem Heimatverein betrieben wird, wurde gerade zum dritten Mal  der Draht gestohlen. Die Polizei kommt, schon wegen ihrer eigenen  &#220;berlastung, kaum noch zur Protokollaufnahme. „Ist ja nichts passiert. Niemand ist zu Tode gekommen.“ Die Versicherung wird aber wohl nicht mehr zahlen. Das  bedeutet, der Heimatverein wird seine T&#228;tigkeit einstellen, die Kleinbahn, die gerade  f&#252;r Kinder und Touristen reizvoll war, wird nicht mehr fahren. Das ist ein  Verlust an „zivilgesellschaftlichem Engagement“, wie es immer so sch&#246;n hei&#223;t,  und ein Verlust an Lebensqualit&#228;t.</p>
<p>Das Problem liegt jedoch nicht nur in dem Moment der Gefahr oder des nichtverfolgten Verbrechens. Es geht  auch um das Rechtsbewu&#223;tsein in der &#214;ffentlichkeit. Mit gro&#223;em Aplomb wurde  gerade gefeiert, da&#223; Nichtraucheraktivisten in Bayern ein strenges Rauchverbot  per Volksentscheid erwirkt haben. Auch aus Berlin gab es Berichte, wie  Vereine militanter Nichtraucher gruppenweise abends durch Kneipen zogen, um den  Wirten wegen unerlaubten Rauchwesens mit Strafe zu drohen. Inzwischen wird aber  in Berlin, auch am hellerlichten Tage, auf den S-Bahnh&#246;fen offen und offensichtlich geraucht, obwohl es ein seit Jahren bestehendes  Rauchverbot gibt. Die B&#252;rger, die so forsch in Gruppen auftretend den Wirten  drohten, schauen hier weg, weil sie bef&#252;rchten, von den Rauchern, die meist eher  den arbeitenden „Unterschichten“, den Armen oder den „bildungsfernen  Schichten“ angeh&#246;ren, nicht nur gesagt zu bekommen: „Willste ’n paar auf’s Maul“,  sondern diese das gegebenenfalls auch tun. Es gibt aber weder einen Bahnbesch&#228;ftigten  (Stichwort wieder: der fehlende Stationsvorsteher) noch einen Polizisten, der sich  damit befa&#223;t. Kurzum, wir haben eine Regel: Niemand darf auf dem Bahnhof  rauchen, und wer dem zuwiderhandelt&#8230;, aber es gibt niemanden, der das durchsetzt.  Das aber ist das Ende der Rechtsstaatlichkeit. Sie beginnt im Kleinen. Beim  Rauchen. Und setzt sich im Gr&#246;&#223;eren fort, etwa der Steuerbeg&#252;nstigung der „h&#246;heren  St&#228;nde“.</p>
<p>Der Staat ist Machtinstrument der herrschenden Klassen, so lautet eine vielfach benutzte und zugleich verk&#252;rzte Begriffsbestimmung. Indem der b&#252;rgerliche Staat Existenz- und Entwicklungsbedingung der kapitalistischen Produktion ist, mu&#223; er  zugleich Tr&#228;ger und Durchsetzer einer Rechtsordnung sein, Steuerstaat, um gesellschaftliche Funktionen wahrnehmen zu k&#246;nnen, die sich nicht nur  aus der Kapitalverwertung ergeben, und Durchsetzer einer &#246;ffentlichen Ordnung,  die auf einem staatlichen Gewaltmonopol beruht. In seiner konkreten  Ausgestaltung ist der Staat auch Ausdruck von Klassenverh&#228;ltnissen, Klassenbewegungen und sozialer beziehungsweise politischer Auseinandersetzungen. Insofern handelt es sich  stets um einen Doppelcharakter: Der b&#252;rgerliche Staat ist Klassenstaat, indem  er das Interesse der Kapitalbesitzer realisiert, und er ist Staat aller B&#252;rger,  indem er Willk&#252;r und Gesetzlosigkeit unterbindet und ihnen politische sowie  soziale Rechte garantiert.</p>
<p>In diesem Sinne ist der Unterschied zwischen einer zaristischen Despotie, einer faschistischen Diktatur oder  einer b&#252;rgerlich-parlamentarischen Demokratie, die zugleich Rechtsstaat ist,  ein Unterschied aufs Ganze f&#252;r jeden B&#252;rger: Er hat verfassungsrechtlich  verankerte und staatlich realisierte Grundrechte, die einklagbar und zu  gew&#228;hrleisten sind, oder er hat sie nicht. In diesem Sinne war die sozialistische Arbeiterbewegung beziehungsweise die politische Linke historisch Verfechterin einer Rechtsordnung f&#252;r alle, weil diese stets auch die Verteidigung von  Menschen- und B&#252;rgerrechten einschlo&#223;, Vork&#228;mpferin des Wahlrechts und der  weitesten Garantie auch sozialer und kultureller Rechte. Der europ&#228;ische  Kommunismus hatte mit der von Marx und Engels kommenden Einheit des Kampfes um die  soziale Revolution und um garantierte, einklagbare politische Rechte gebrochen;  das Scheitern des Realsozialismus hat diese Einheit wieder auf die  Tagesordnung gesetzt.</p>
<p>Auch der sch&#228;rfste Kritiker eines b&#252;rgerlichen Staates, der die Kapitalinteressen beg&#252;nstigt, ruft nach  der Polizei eben dieses Staates, wenn er Opfer eines Raub&#252;berfalls geworden  ist. Insofern bleibt dieser Doppelcharakter konstitutiv. Auch von links mu&#223;  es ein Rechtsstaatskonzept geben. Und das ist mehr, als eine  sozialdemokratische Polizeireform zu erdulden. Es geht um einen „starken Staat“ f&#252;r alle  B&#252;rger, der die Gesetze und Regeln des t&#228;glichen Miteinanders auch durchsetzt,  und der stark genug ist, bei den Reichen die Steuern einzutreiben.</p>
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		<title>BEMERKUNGEN</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 17:06:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der blo&#223;gestellte Nutznie&#223;er
Ruhe, nur die Autos l&#228;rmen – Ruhe. Alte H&#228;user, sepiafarben  beleuchtet, anmutige Sch&#246;nheit: Dunkelheit. In einem kleinen Tal. Einst  schoben sich  Eismassen hier entlang, verschwanden, nachdem sie das Land  formten, geformt  hinterlie&#223;en: Ein Gl&#252;ck, es wird w&#228;rmer und  irgendwann stickig – dann wird von neuem  geformt.
Feinstaub [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der blo&#223;gestellte Nutznie&#223;er</strong></p>
<p>Ruhe, nur die Autos l&#228;rmen – Ruhe. Alte H&#228;user, sepiafarben  beleuchtet, anmutige Sch&#246;nheit: Dunkelheit. In einem kleinen Tal. Einst  schoben sich  Eismassen hier entlang, verschwanden, nachdem sie das Land  formten, geformt  hinterlie&#223;en: Ein Gl&#252;ck, es wird w&#228;rmer und  irgendwann stickig – dann wird von neuem  geformt.</p>
<p>Feinstaub liegt bereits in der Luft, f&#228;rbt das Sonnenlicht, das  bereits vergangen:  Ein Nutznie&#223;er der hei&#223;en Sch&#246;nheit k&#252;ndigt sich an,  steigt auf um  niederzugehen, schnell, unfa&#223;bar schnell – von keinem  beachtet. Die Bilder der letzten Sonnenfinsternis werden im Internet  betrachtet, heute Spektakel, fr&#252;her  ein Omen, etwas sollte geschehen,  nichts geschah, der Tag versank im Dunkel,  der Tag erstand wieder,  anmutige Stille – berechnet.</p>
<p>Im Ferienlager werden die Kinder bei einer Mondfinsternis aus den  Betten  geholt, eine Lappalie als Anla&#223; f&#252;r ein wenig Spektakel, die  Nacht wird dunkel,  was sie bereits ist. Alle starren nach oben, die  Erde schiebt sich zwischen  Sonne und Mond, dieser Gesteinshaufen soll  zeigen, was er ohne sie kann: verschwinden.</p>
<p>Wieder ein berechneter Moment. Was wenn der Mensch sich verrechnet,  die  Mondfinsternis ausbleibt? Vielleicht sind unsere Methoden nicht  perfekt. Vielleicht  irren wir – womit eigentlich?</p>
<p>Der Mond steht am Himmel, hat seine R&#246;te abgeworfen.</p>
<p style="text-align: right"><em>Paul</em></p>
<p><strong>R&#246;misches Telefonieren</strong></p>
<p>Weil die Welt immer un&#252;bersichtlicher wird, ist es gut, ein paar  Dinge zu wissen,  die ganz sicher sind. Dazu geh&#246;rt: Wasser ist na&#223;,  Pizza ist flach. Und am sichersten: Die R&#246;mer haben immer ein Telefon am  Ohr.</p>
<p>Wissen Sie warum in Rom ausklappbare Handys viel beliebter sind, als  in  Deutschland? Vielleicht liegt es daran, da&#223; sich der Homo sapiens  generell f&#252;r&#8217;s  Aufklappen begeistert – von Auster bis Pizzakarton –,  ganz sicher aber daran, da&#223;  man mit einem aufklappbaren Handy beim  Motorino-Fahren telefonieren kann: Man  setzt den Helm auf, w&#228;hlt die  Nummer eines Freundes, stopft das ausgeklappte Handy zwischen Ohr und  Helm – und f&#228;hrt los. Mit einem normalen Handy k&#246;nnen  Sie das vergessen  – das rutscht aus dem Helm.</p>
<p>Noch praktischer – der Squillo. Der Squillo, w&#246;rtlich &#252;bersetzt „das   Klingeln“, ist der geniale Weg der R&#246;mer, sich der ragazza, mama und  nonna mitzuteilen,  ohne etwas zu bezahlen. Ein Beispiel: Sagen wir –  Lara, die zauberhafte  Bedienung in meiner Espressobar, dem „Papagallo“,  will Barmann Dino mitteilen, da&#223;  sie sich versp&#228;tet: „Dino, ich komme  in einer Viertelstunde, Entschuldigung,  Lara“, schreibt sie in einer  SMS. Dino will kein Geld f&#252;r einen  „Kein-Problem-Ciao!“-Anruf ausgeben.  Deshalb greift er zum Handy, w&#228;hlt Laras Nummer, es klingelt –  und  dann legt Dino auf. Lara sieht das und wei&#223;: „Kein Problem.“ Dieses   Klingeln, das eine Botschaft in sich tr&#228;gt, die nur der Empf&#228;nger  interpretieren  kann, das ist der „Squillo“.</p>
<p>Die R&#246;mer haben das perfektioniert und machen Squilli den ganzen Tag.  Vor allem  Verliebte lassen es mehrmals t&#228;glich beim anderen  „anklingeln“. Mancher Geizhals  hat die Technik mit den Squilli derart  perfektioniert, da&#223; er gar nicht mehr zu telefonieren – Geld ausgeben –  braucht. Klingelt es bei mir einmal, ist  es ganz bestimmt mein Freund  Davide. Das hei&#223;t dann: „Ruf Du mich an! Ich will  sparen.“</p>
<p style="text-align: right"><em>Martin  Z&#246;ller</em></p>
<p><strong>Gewerkschaftliches</strong></p>
<p>Langsam wird das mit dem Klassenkampf richtig hei&#223;, und dieses mal  sogar Arm  gegen Reich. Zumindest die DGB-Gewerkschaften r&#252;sten auf,  schneiden gr&#246;&#223;ere  L&#246;cher f&#252;r dickere Bizepse in die Streik&#252;berzieher  und machen sich auf  Konkurrenz gefa&#223;t. Das ist eine neue Situation,  man mu&#223; gucken, wie sie damit  klarkommen.</p>
<p>Neulich ist in Vorbereitung der Revolution sogar die Tarifeinheit  gekippt worden und  – als ob das nicht schon schlimm genug w&#228;re – freuen  sich da auch noch welche.  Was das werden soll, wei&#223; der Geier. Und  nat&#252;rlich Andrea Nahles,  Generalsekret&#228;rin der SPD, denn die bef&#252;rchtet  den Einzug der Ellenbogengesellschaft in  die Betriebe. Au&#223;erdem macht  sie sich Sorgen um die Sozialpartnerschaft.</p>
<p>Heinrich Kolb von der FDP malt derweil gleich den Streikteufel an die  Wand und  will verhindern, da&#223; unser Land durch sachlich nicht  gerechtfertigte  Dauerstreiks unn&#246;tig Schaden nimmt. Patriotismus  schadet nie, und wenn es gleich ums  ganze Land geht, dr&#252;ckt wenigstens  das Gewissen den Lohn. Kurios nur, da&#223; er  annimmt, da&#223; irgendein Streik  sachlich gerechtfertigt w&#228;re, der l&#228;nger als 30  Minuten dauert.</p>
<p>Klaus Ernst von der Partei DIE LINKE unterst&#252;tzt derweil die Intrige  des DGB, denn  die sieht vor, da&#223; nur der Tarifvertrag der  mitgliederst&#228;rkeren Gewerkschaft  zur Geltung kommt. Wer Sozialpartner  ist, nennt das Initiative und bleibt  halt Kumpel.</p>
<p style="text-align: right"><em>Ines  Fritz</em></p>
<p><strong>Island</strong></p>
<p>Farben, Licht, Gewalt und Weite.<br />
See, in dem sich Berge, Schnee<br />
und Himmel spiegeln.<br />
Wolkenb&#228;nder,<br />
die auf Gletschern ruh’n,<br />
als seien sie der Schleier<br />
zu dem wei&#223;en Kleide.</p>
<p>Wer sah das Blau, das Grau<br />
so edel irgend aufgetragen,<br />
mit Gelb verschmelzend<br />
und von Rot ges&#228;umt?<br />
Zaghaftes Gr&#252;n<br />
in Schwarz hineingetupft,<br />
als w&#228;r’ es morgendlicher Tau?</p>
<p>Moorbirken stehen wie<br />
in Silber strahlend, wenn Sonne<br />
ihre St&#228;mme trifft.<br />
Wind und Wasser<br />
dr&#228;ngen ewig. –<br />
Lichtbraunes Land, getaucht<br />
in Sehnsucht und Melancholie.</p>
<p style="text-align: right"><em>Renate  Hoffmann</em></p>
<p><strong>Falsche F&#252;tterung</strong></p>
<p>Zum Zwecke der Erholung hielt ich mich mit der werten Frau einige  Tage an der  Ostsee auf. Nat&#252;rlich wurde den ganzen Tag &#252;ber kr&#228;ftig  kr&#228;ftiger Fisch gegessen und  der Abend bei vielen alkoholischen  Getr&#228;nken in der Abh&#228;ngdisco verbracht.  Am n&#228;chsten wonnigen Tag war es  dann mit der Erholung vorbei, denn all die herrlichen Getr&#228;nke und wohl  auch manch Fischhappen lie&#223;en mich v&#246;llig  fertig nur noch auf das  wogende Meer starren. Irgendwann sticht die Sonne und  der teuer  bezahlte Mageninhalt will nach drau&#223;en. Wohin damit, wenn noch  viele  tausend andere Urlauber neben einem liegen und keinen Platz machen. Also   ab ins Meer, bis zum Bauchnabel, damit einen keiner beobachtet; die  DLRG wird hoffentlich schlafen und die Holde ihren Krimi weiter lesen.  Nun denn:  Alles ordentlich laufen lassen. Man ist noch nicht ganz  fertig, da stellt sich  ein Problem ein: M&#246;wen umkreisen meinen Kopf und  streiten sich um die besten Brocken. Auf dem Weg an den Strand  betrachten sicherlich alle Urlauber  dieses Naturschauspiel. Die Antwort  auf die Frage meiner Holden, mit was ich  die M&#246;wen f&#252;ttern konnte,  bleibe ich schuldig.</p>
<p style="text-align: right"><em>Thomas  Behlert</em></p>
<p><strong>O-T&#246;ne</strong></p>
<p style="text-align: left">Es geht so  nicht weiter. Am Abend wei&#223; man manchmal bei uns nicht mehr, wer Freund   und Feind ist.</p>
<p style="text-align: right"><em>Angela  Merkel</em><br />
<em>Bundeskanzlerin (CDU), zum Dauerstreit in der Regierungskoalition</em></p>
<p style="text-align: center"><em>*<br />
</em></p>
<p>Die Leistungstr&#228;ger m&#252;ssen dazu beitragen, den Sozialstaat zu  finanzieren.</p>
<p style="text-align: right"><em>Sabine  Leutheusser-Schnarrenberger</em><br />
<em>Bundesjustizministerin (FDP)</em></p>
<p style="text-align: center"><em>* </em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Freiheit vor Gleichheit, Erwirtschaften vor Verteilen, Privat vor  Staat.<em> </em></p>
<p style="text-align: right"><em>Guido  Westerwelle</em><br />
<em>FDP-Chef</em></p>
<p style="text-align: center"><em>*<br />
</em></p>
<p style="text-align: left">Gott schuf  ihn, also la&#223;t ihn f&#252;r einen Menschen gelten.</p>
<p style="text-align: right"><em>William  Shakespeare</em><br />
<em>Der Kaufmann von Venedig</em></p>
<p style="text-align: center"><em>*<br />
</em></p>
<p>Ich bin dann mal weg.</p>
<p style="text-align: right"><em>J&#252;rgen  R&#252;ttgers</em><br />
<em>scheidender Ministerpr&#228;sident in Nordrhein-Westfalen (CDU)</em></p>
<p style="text-align: center"><em>*<br />
</em></p>
<p>Aufgabe mit imagin&#228;ren Gr&#246;&#223;en: 1 sozialdemokratische Partei hat 8  Jahre 0 Erfolge.  In wieviel Jahren merkt sie, da&#223; ihre Taktik verfehlt  ist?</p>
<p style="text-align: right"><em>Kurt  Tucholsky</em></p>
<p style="text-align: center"><em>*<br />
</em></p>
<p>F&#252;r mich steht die Frage, ob die Diktatur des Proletariats oder die  Diktatur des  Geldes schlimmer ist. Zu vermuten ist, die Diktatur des  Geldes ist schlimmer.  Sie dr&#252;ckt so niederschmetternd auf die  menschlichen Beziehungen. Man  spricht nur noch &#252;ber Geld.</p>
<p style="text-align: right"><em>Ursula  Karusseit</em><br />
<em>Schauspielerin</em></p>
<p style="text-align: center"><em>*<br />
</em></p>
<p>Ich denke, au&#223;erirdisches Leben gibt es im Universum ziemlich oft.  Intelligentes  Leben ist dagegen seltener. Manche sagen, da&#223; es bisher  noch nicht mal auf der  Erde aufgetaucht ist.</p>
<p style="text-align: right"><em>Stephen  Hawking</em><br />
<em>britischer Astrophysiker</em></p>
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		<title>ANTWORTEN</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 16:47:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antworten]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespräsident]]></category>
		<category><![CDATA[CDA]]></category>
		<category><![CDATA[Gerald Weiß]]></category>
		<category><![CDATA[Horst Köhler]]></category>
		<category><![CDATA[Joachim Kardinal Meißner]]></category>
		<category><![CDATA[Karl-Theodor zu Guttenberg]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Röttgen]]></category>

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		<description><![CDATA[Horst K&#246;hler, ehemaliger Bundespr&#228;sident – Sie tummelten sich schon einen Monat nach  ihrem R&#252;cktritt wieder unbefangen in der &#214;ffentlichkeit. In F&#252;ssen besuchten  Sie gemeinsam mit Ihrer Frau Eva den Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel und  dessen Gattin, die Ihnen die ersten Alpenrosen zeigen wollten. Zuvor besuchten  Sie einen Gottesdienst einer dortigen Evangelischen Gemeinde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Horst K&#246;hler</strong>,<strong> ehemaliger Bundespr&#228;sident –</strong> Sie tummelten sich schon einen Monat nach  ihrem R&#252;cktritt wieder unbefangen in der &#214;ffentlichkeit. In F&#252;ssen besuchten  Sie gemeinsam mit Ihrer Frau Eva den Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel und  dessen Gattin, die Ihnen die ersten Alpenrosen zeigen wollten. Zuvor besuchten  Sie einen Gottesdienst einer dortigen Evangelischen Gemeinde und plauderten beim anschlie&#223;enden Sommerfest &#252;ber zwei Stunden mit den Gemeindemitgliedern.  Sehr aufgekratzt und fr&#246;hlich seien Sie dabei gewesen, berichteten  Teilnehmer. Nur wiederholte Fragen nach den tats&#228;chlichen Gr&#252;nden Ihres R&#252;cktritts  h&#228;tten Sie nicht beantwortet. Recht so! Als ehemaliger Bankmanager wissen Sie  nat&#252;rlich, das bei Fragen, bei denen es ums Eingemachte geht, allemal gut beraten  ist, wer dem bekannten Motto folgt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.</p>
<p><strong>Joachim Kardinal Mei&#223;ner</strong><strong>,  Erzbischof von K&#246;ln – </strong>Sie zeigten sich jetzt, schon wenige Monate, nachdem das ganze Ausma&#223; der Verfehlungen offenkundig  geworden war, schockiert &#252;ber die Mi&#223;brauchsf&#228;lle in der katholischen Kirche, und meinten: „Noch im Januar h&#228;tte ich mich eher einsperren lassen, als  anzunehmen, da&#223; das alles wahr ist.“ Bei gleicher Gelegenheit erwiesen Sie sich  einmal mehr als gl&#252;hender Verfechter des Z&#246;libats, und endlich k&#246;nnen auch wir Ihre Position verstehen. „&#220;berzeugend gelebt“, so erl&#228;uterten Sie, „ist der  Z&#246;libat immer noch der schlagendste Gottesbeweis.“ Und w&#228;hrend wir noch erstaunt  die Luft anhielten, fuhren Sie fort: „Bei einem Z&#246;libat&#228;r mu&#223; man immer  sagen: Entweder ist der verr&#252;ckt, oder es gibt Gott.“ Die Abschaffung des Z&#246;libats k&#228;me  also quasi der Abschaffung Gottes gleich, und das w&#228;re von Ihnen nun wahrlich  zuviel erwartet.</p>
<p><strong>Gerald Wei&#223;</strong>,<strong> stellvertretender Vorsitzender der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) in der CDU –</strong> Sie fordern,  Beleidigungen unter Regierungskoalition&#228;ren – wahlweise als „Rumpelstilzchen“,  „Wilds&#228;ue“ oder „Gurkentruppe“ – sollten k&#252;nftig Geld kosten und brachten daf&#252;r  einen Strafkatalog ins Gespr&#228;ch: „Die B&#252;rger verlangen Anstandsregeln. Wenn  die dauerhaften Beleidigungen nicht aufh&#246;ren, k&#246;nnte zum Beispiel &#252;ber einen Ma&#223;nahmenkatalog nachgedacht werden.“ Das f&#228;nden wir ganz prima. Noch  besser f&#228;nden wir es allerdings, wenn Sie auch einen Bu&#223;geldkatalog f&#252;r die misslungenen Ma&#223;nahmen der diversen Rumpelstilzchen, Wilds&#228;ue und  Gurkentruppen im Regierungslager ins Auge fa&#223;ten. Spiegelbildlich k&#246;nnten f&#252;r das  Unterlassen bestimmter Ma&#223;nahmen – wie etwa Steuergeschenke an Hoteliers – Pr&#228;mien ausgelobt werden. Sie sehen – Ihre Anregungen er&#246;ffnen ein weites Feld.</p>
<p><strong>Karl-Theodor zu Guttenberg</strong>,<strong> Verteidigungsminister –</strong> Laut Umfragen sind Sie Deutschlands beliebtester Politiker. Seit Neuestem bewegen Sie h&#228;ufiger  per Fahrrad durch die Berliner Innenstadt – „eine rein sportliche  Bet&#228;tigung“, wie Sie &#228;u&#223;erten. Sorgen m&#252;ssen die B&#252;rger sich um ihren beliebtesten  Politiker trotzdem nicht, wie ein Sprecher Ihres Ministeriums deutlich machte: Sie  seien stets von Personensch&#252;tzern eskortiert. Der Sprecher warf auch gleich  noch einen Blick in die Zukunft: F&#252;r Eskorte w&#252;rde ebenfalls gesorgt, sollten  Sie demn&#228;chst auf Rollschuhe umsteigen. Der Sprecher sagte dar&#252;ber hinaus,  es sei Ihnen klar, da&#223; Sie mit Ihren Zweiradsolos „nicht das Weltklima“  retteten, zumal Ihnen ab und an die Dienstlimousine hinterher fahre. Da sind wir  nun aber doch besorgt: St&#246;&#223;t die „rein sportliche Bet&#228;tigung“ etwa schon an  physische Grenzen? Sie sind doch noch keine vierzig …</p>
<p><strong>Norbert R&#246;ttgen</strong><strong>,  Bundesumweltminister –</strong> DER SPIEGEL bescheinigte Ihnen, angesichts der derzeit schwachen Performance der Bundesregierung Selbstironie zu  beweisen. Als Sie im s&#228;chsischen Freiberg zur Er&#246;ffnung einer neuen Produktionsfabrik  der Solarworld AG antraten, mussten Sie sich zun&#228;chst Kritik anh&#246;ren. Der  Vertreter der schwarz-gelben s&#228;chsischen Landesregierung, Sven Morlok, (FDP),  beklagte Ihre „abrupte Absenkung der Solarf&#246;rderung“, die zum 1. Juli 2010 in Kraft  getreten ist. Bevor Sie zu einer Replik ansetzen durften, kam jedoch im Rahmenprogramm  ein Freiberger Kinderzirkus mit verschiedenen Balanceakten zum Einsatz. Dann traten Sie  – unter schwachem Beifall, wie DER SPIEGEL festhielt – ans Rednerpult und  h&#228;tten sich artig f&#252;r den „freundlichen Empfang“ bedankt, insbesondere daf&#252;r, da&#223;  die Anmoderation „keinen Bezug zwischen Kinderzirkus und Bundesregierung  hergestellt“ habe. War da wirklich nur Selbstironie im Spiel oder nicht viel mehr ein  Geist, der klar erfa&#223;t, was ist? Guter Kinderzirkus gilt schlie&#223;lich als h&#246;chst anspruchsvolle Sache, und die Beteiligten offenbaren nicht selten ein  Ma&#223; an Professionalit&#228;t, um das sie so mancher in der Welt der Erwachsenen nur beneiden kann.</p>
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		<title>Strahlend war die Zukunft</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 16:21:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Annerose Kirchner]]></category>
		<category><![CDATA[Kai Agthe]]></category>
		<category><![CDATA[Pechblende]]></category>
		<category><![CDATA[Uran]]></category>
		<category><![CDATA[Wismut]]></category>

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		<description><![CDATA[von Kai Agthe
Der Name „Wismut“ f&#252;r die Deutsch-Sowjetische Aktiengesellschaft diente allein der Tarnung. Denn  nicht das schwachradioaktive, f&#252;r Legierungen und in der Pharmazie ben&#246;tigte  Metall wurde hier, im Grenzraum von Th&#252;ringen und Sachsen, abgebaut, sondern Pechblende, aus dem hochradioaktives Uran f&#252;r sowjetische Atomwaffen und -kraftwerke gewonnen wurde. Die Wismut war, wie dem penibel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><span>von Kai Agthe</span></h3>
<p><span>Der Name „Wismut“ f&#252;r die Deutsch-Sowjetische Aktiengesellschaft diente allein der Tarnung. Denn  nicht das schwachradioaktive, f&#252;r Legierungen und in der Pharmazie ben&#246;tigte  Metall wurde hier, im Grenzraum von Th&#252;ringen und Sachsen, abgebaut, sondern Pechblende, aus dem hochradioaktives Uran f&#252;r sowjetische Atomwaffen und -kraftwerke gewonnen wurde. Die Wismut war, wie dem penibel  recherchierten Buch von Annerose Kirchner zu entnehmen ist, der weltweit drittgr&#246;&#223;te  Lieferant von Uran. Bis 1990 produzierte man etwa 231.000 Tonnen. Die Folgen f&#252;r die  Umwelt waren verheerend. Nach 1990 investierte die Bundesrepublik gut sechs  Milliarden Euro in die Sanierung der einstigen Uran-Abbaugebiete.</span></p>
<p><span>Das sind die historischen Fakten. Der Geraer Journalistin Annerose Kirchner geht es aber auch und vor allem um die menschliche Dimension dieses ebenso r&#252;cksichtslosen wie zerst&#246;rerischen Eingriffs in die Landschaft im Namen eines blindgl&#228;ubigen technischen  Fortschritts, der ein sinnloser R&#252;stungswettlauf war. Mit der Autorin fragt sich der  Leser, wie viele russische Atomsprengk&#246;pfe heute noch mit Wismut-Uran best&#252;ckt  sein m&#246;gen. Die Antwort darauf kennt vermutlich noch nicht einmal der  russische Verteidigungsminister.</span></p>
<p><span>Die gro&#223;e St&#228;rke Annerose Kirchners ist, th&#252;ringische Kulturgeschichte mit Hilfe der „oral history“ zu schreiben.  Im Buch „Der Rausspeller“ (1999) etwa hat sie Menschen befragt, die  seltene, vom Aussterben bedrohte Handwerksberufe aus&#252;ben. Auch in „Traumzeit an der  Geba“ (2005) hat sie sich Lebensgeschichten erz&#228;hlen lassen. Viele ihrer Gespr&#228;chspartner mu&#223;ten erst &#252;berzeugt werden, da&#223; das, was sie erlebt  (und erlitten) haben, mitteilenswert ist. So ist auch, was in diesem Buch  vorliegt, das Ergebnis von m&#252;hsamer Recherche und zahllosen Gespr&#228;chen mit  Menschen, in deren Leben der Moloch Wismut eingegriffen hat. Wie sehr dieses Thema  den Betroffenen auf der Seele lastet, machen nicht nur die Portr&#228;ts von  Annerose Kirchner deutlich, sondern auch der Umstand, da&#223; ihr Buch f&#252;r ein  unerwartet gro&#223;es Medienecho sorgte und bald auch ihr Telefon hei&#223; laufen lie&#223;:  Denn immer mehr vom Wismut-Raubbau betroffene Zeitgenossen melden sich und wollen  ihre Geschichte erz&#228;hlen.</span></p>
<p><span>Annerose Kirchner geht, sofern das angesichts der vielen Schicksale m&#246;glich ist, repr&#228;sentativ vor:  Einwohner von sechs Orten, die auf keiner Karte mehr zu finden sind, weil sie im  nimmersatten Einzugsbereich der Wismut lagen, hat sie befragt. Die nicht mehr  existierenden Flecken, die keine Weltgeschichte schrieben, aber bewegte Zeiten  erlebten, hie&#223;en Gessen, Schmirchau, Lichtenberg, Culmitzsch, Katzendorf und –  nomen est omen – Sorge. In letztgenanntem Dorf, von dessen einstigem Standort  allein noch die Kirche k&#252;ndet, wurde 1933 Johannes Weiser geboren. Er berichtet &#252;ber  das Leben vor und nach der Vertreibung. W&#228;hrend heute die Gerichte angerufen  werden k&#246;nnen, wenn ein Dorf einem Tagebau zum Opfer fallen soll, hatten die  Menschen in der DDR so gut wie keine Einspruchsm&#246;glichkeit, um sich gegen die am  gr&#252;nen Tisch beschlossene Abbaggerung ihrer Heimatorte zu wehren. Die  Abfindung, die Johannes Weisers Familie f&#252;r ihr Grundst&#252;ck erhielt, war im Grunde ein  Hohn. Und im Gegensatz zu heutigen Gepflogenheiten wurde f&#252;r die Menschen aus  Sorge auch kein neues Dorf gebaut: Sie mu&#223;ten sich auf eigene Faust eine neue  Bleibe suchen…</span></p>
<p><span>Das fatale Wismut-Erbe wurde gr&#246;&#223;tenteils getilgt, die damit verbundenen Traumata aber nicht. Annerose Kirchners  Buch f&#252;hrt uns einmal mehr und einf&#252;hlsam vor Augen, da&#223; gro&#223;e Geschichte vor  allem von den kleinen Leute geschrieben und durch Erz&#228;hlen bewahrt wird.</span></p>
<p><em><span>Annerose Kirchner: Spurlos verschwunden. D&#246;rfer in Th&#252;ringen – Opfer des Uranabbaus. Ch. Links Verlag, Berlin  2010. 203 Seiten, 14,90 Euro</span></em></p>
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		<title>Kurze Wanderung durch die Mark (II)</title>
		<link>http://das-blaettchen.de/kurze-wanderung-durch-die-mark-ii/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 16:18:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Borsig]]></category>
		<category><![CDATA[Erhard Weinholz]]></category>
		<category><![CDATA[Kreisauer Kreis]]></category>
		<category><![CDATA[Mark Brandenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Theodor Fontane]]></category>
		<category><![CDATA[Wandern]]></category>

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		<description><![CDATA[von  Erhard Weinholz
Wachow, ein paar Kilometer  nordwestlich des langgestreckten Beetzsees gelegen und Heimatort des Countertenors Jochen Kowalski, war das Ziel meines zweiten Wandertages. Er begann mit  angenehmen &#220;berraschungen: Der bef&#252;rchtete Wadenmuskelkater war ausgeblieben, auch  der R&#252;cken machte, obwohl ich einiges im Rucksack hatte, keine Beschwerden.  Und die Verk&#228;uferin beim B&#228;cker [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><span>von  Erhard Weinholz</span></h3>
<p><span>Wachow, ein paar Kilometer  nordwestlich des langgestreckten Beetzsees gelegen und Heimatort des Countertenors Jochen Kowalski, war das Ziel meines zweiten Wandertages. Er begann mit  angenehmen &#220;berraschungen: Der bef&#252;rchtete Wadenmuskelkater war ausgeblieben, auch  der R&#252;cken machte, obwohl ich einiges im Rucksack hatte, keine Beschwerden.  Und die Verk&#228;uferin beim B&#228;cker gleich neben dem Hotel packte mir, als ich meine Thermoskanne mit Kaffee f&#252;llen lie&#223; und erw&#228;hnte, ich sei auf  Wanderschaft, zu den zwei gekauften Geb&#228;ckst&#252;cken gleich die ganze T&#252;te voll.</span></p>
<p><span>Richtung  S&#252;dwesten lie&#223; ich dann Nauen auf der Deutschen Alleenstra&#223;e hinter mir. Der Name bezeichnet allerdings  eher eine Absicht, denn jung und d&#252;nn noch waren die B&#228;ume links und rechts des  Asphalts. Im Stra&#223;engraben leuchteten blaue Bl&#252;ten – es war die Kleine  Traubenhyazinthe, die da emporwuchs; „selten“, vermerkte mein <em>Taschenbuch der  heimischen Fr&#252;hjahrsblumen</em>. Sp&#228;ter sah ich noch ein ganzes Nest davon. Auf den  Feldern hingegen wuchs Raps, Raps und nochmals Raps.</span></p>
<p><span>In der  Ferne fiel mir ein steiler H&#252;gel auf. Bietet bestimmt gute Aussicht in diesem platten Land, dachte ich, und  erwog einen Abstecher – so viel Freiheit mu&#223; bei aller Routenplanung sein.  Eine Baumreihe f&#252;hrte dorthin, und wo eine Baumreihe ist, ist ja auch ein  Weg. Aber das war ein Irrtum. Waren etwa auch hier unter Obhut der Partei Schutzwaldstreifen gepflanzt worden? „Nastja h&#246;rte zu und dachte dabei  an Stalin. Er sorgte sich also um die Schutzwaldstreifen!“ (Xenia Lwowa,  Wald in der Steppe, Berlin 1951)</span></p>
<p><span>Nach einer l&#228;ngeren Strecke  Weges kam ich an die Bahnlinie Richtung Stendal. Gro&#223; Behnitz mit seinen sehenswerten Gutsanlagen, einen Stern haben sie mindestens verdient, lag zwar erst  hinter den Gleisen, doch ich bog schon davor ab. Die Karte verzeichnete einen  Bahnhof Behnitz, und zu einem Bahnhof geh&#246;rt doch wohl ein &#220;bergang. Dieser  Irrtum kostete mich eine gute halbe Stunde.</span></p>
<p><span>Das Behnitzer  Landgut war einst Eigentum der Familie Borsig gewesen; Albert, der Sohn des Firmengr&#252;nders, hatte es  1866 gekauft. Im Stil der Schinkelschule lie&#223; er gro&#223;e, solide  Wirtschaftsbauten und ein Schlo&#223; errichten. Das Gutsportal schm&#252;cken Skulpturen vom  Oranienburger Tor, das man damals abgerissen hatte. Alberts Enkel Ernst von Borsig  jr., der im Kreisauer Kreis am Widerstand gegen die Nazis beteiligt war, besa&#223;  dann als Letzter aus den Reihen der Familie das Gut. Im Zuge der Bodenreform  wurde es aufgeteilt. Schon 1947 war das Schlo&#223; abgebrannt. Die restlichen Anlagen verfielen erst nach der Wende, werden aber seit Jahren gr&#252;ndlich  rekonstruiert. Die Innenarbeiten sind noch immer nicht abgeschlossen. Eine etwas  gespenstische Atmosph&#228;re lag &#252;ber dem Anwesen, als ich unter dunklem Himmel &#252;ber den ger&#228;umigen Hof schlenderte: Weit und breit niemand zu sehen, und um die  Ecken pfiff der Wind. Schlie&#223;lich traf ich im Café zwei junge Frauen, die mich  auf die umf&#228;ngliche Ausstellung zur Gutsgeschichte im Obergescho&#223; des Hauses verwiesen. Auch ein Hotel gibt es auf dem Gel&#228;nde, ein Standesamt, einen  Tagungssaal, ein Kinderp&#228;dagogisches Zentrum. Ob all das den Ort wieder mit Leben  f&#252;llen wird, ist noch ungewi&#223;.</span></p>
<p><span>Auf Gro&#223; Behnitz folgte, in  einigem Abstand, Klein Behnitz. Einen Deutschen Bundespfennig, stark oxydiert und kaum  noch als M&#252;nze kenntlich, fand ich dort am Wegesrand. Ansonsten ist &#252;ber Klein  Behnitz nichts zu vermelden.</span></p>
<p><span>Hinter Klein-Behnitz, Wachow war  nicht mehr fern, kam die H&#252;rde des Tages: Um den Ort zu erreichen, konnte man den Riewendt-See s&#252;dlich umrunden, was einen betr&#228;chtlichen Umweg bedeutet  h&#228;tte, oder n&#246;rdlich davon durch den Wald wandern. Ich entschied mich f&#252;r den  Waldweg. Ob es der von den Kartenmachern empfohlene war, wei&#223; ich bis heute  nicht, auf alle F&#228;lle war er nicht einfach schlecht, wie auf der Karte  eingezeichnet, sondern sauschlecht. Lange Zeit bef&#252;rchtete ich zudem, er w&#252;rde irgendwo  im Gel&#228;nde enden, aber er f&#252;hrte mich doch ans Ziel. Das Hotel war diesmal  leicht zu finden; f&#252;r den Abend hatte ich Heinrich Seidel im Rucksack,  „Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande“. Der Titel schien mir  halbwegs passend f&#252;r mein Unternehmen zu sein.</span></p>
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		<title>Die Ortskrankenkasse</title>
		<link>http://das-blaettchen.de/die-ortskrankenkasse/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 16:14:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Kurt Tucholsky]]></category>
		<category><![CDATA[Ortskrankenkasse]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialversicherung]]></category>
		<category><![CDATA[Theobald Tiger]]></category>
		<category><![CDATA[Verwaltung]]></category>

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		<description><![CDATA[von Theobald Tiger
Ich komme in eine fremde Stadt
– Kasolz oder Ober-Crammin –
und nehme im Hotel ein Bad,
dann tu ich den Mantel anziehn
und gehe durch den fremden Ort
an L&#228;den und Kirchen vorbei
und gucke hier und da und dort
und seh eine Metzgerei,
das Postamt … eine Bilderschau …
und immer, in jeder Stadt,
steht ein gro&#223;er, pr&#228;chtiger, neuer Bau,
den man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Theobald Tiger</h3>
<p>Ich komme in eine fremde Stadt<br />
– Kasolz oder Ober-Crammin –<br />
und nehme im Hotel ein Bad,<br />
dann tu ich den Mantel anziehn<br />
und gehe durch den fremden Ort<br />
an L&#228;den und Kirchen vorbei<br />
und gucke hier und da und dort<br />
und seh eine Metzgerei,<br />
das Postamt … eine Bilderschau …<br />
und immer, in jeder Stadt,<br />
steht ein gro&#223;er, pr&#228;chtiger, neuer Bau,<br />
den man grade errichtet hat.<br />
Und dann frag ich. Und in jeder Stadt,<br />
die einen turnenden Schutzmann hat,<br />
sagt er auf, wie das brave Kind in der Klasse:<br />
„Das? ist die neue Ortskrankenkasse.“</p>
<p>So ein gro&#223;es Haus …! Sieh mal einer an …!<br />
Ein riesiger Kasten. Ja, wer so kann!<br />
Das tut jede Verwaltung, die auf sich h&#228;lt;<br />
die Herren haben wohl sehr viel Geld.<br />
Wenn zwei Deutsche im Hof n&#228;mlich Holz zerspalten,<br />
stehn drei andere herum, die das verwalten.<br />
Und ich seh an dem feuchten Neubau hinauf,<br />
und dies steigt vor meinem Auge auf:<br />
Korridore mit vielen T&#252;ren,<br />
die alle in kleine B&#252;rozimmer f&#252;hren.<br />
In den Zimmern ist nichts Besondres los …<br />
Und es gibt zweierlei Sorten von B&#252;ros:<br />
Solche, in denen die Buchhaltungsfritzen,<br />
die gew&#246;hnlichen Schreiber sitzen;<br />
die bebr&#252;ten Akten und f&#252;hren Listen.<br />
Das sind die gemeinen Papier-Infanteristen.<br />
Kino, Kollegenklatsch, etwas Sport …<br />
wie schnell das Klassenbewu&#223;tsein verdorrt!<br />
F&#252;r eine Handlungsvollmacht, f&#252;r einen Posten<br />
tun sie alles, wobei sie die Chefs nichts kosten.<br />
Und es haben die M&#228;dels in den Buchhalterein einen Wunsch:<br />
Hier raus und geheiratet sein!<br />
Und alle schreiben und schreiben und schreiben<br />
und m&#252;ssen ewig hinter den Pulten bleiben.<br />
Die schuften ihr ganzes Dasein vergebens.</p>
<p>Doch in den andern B&#252;ros<br />
hockt dick und gro&#223;<br />
das Ideal des Wirtschaftslebens:</p>
<p>Da sitzt der Mann an der Arbeitsstatt,<br />
der ein Sekretariat und ein Vorzimmer hat,<br />
(&#252;ber jenen, die an ihren Arbeitsst&#228;tten<br />
gern ein Sekretariat und ein Vorzimmer h&#228;tten).<br />
Hier wird der Deutsche erst richtig heiter:<br />
kein Mensch mehr – nur noch Abteilungsleiter.<br />
Hier regiert er und wirkt und macht und tut …<br />
Das Telefon klirrt, die Gehirnt&#228;tigkeit ruht –<br />
denn zwischen Arbeiten und Promenieren<br />
gibts noch ein Drittes: Organisieren.</p>
<p>Hier steigen auf die kolossalen<br />
Ressort-Stunks und die B&#252;ro-Kabalen<br />
zwischen wildgewordenen Angestellten,<br />
denn jeder will mehr als der andre gelten.<br />
Hier s&#228;gt eine Lokomobile Holz,<br />
mit dem sie geheizt wird.<br />
Und wieviel Stolz,<br />
wieviel Eitelkeit steckt in diesen Puppen!<br />
Sie meinen sich, und sie sprechen von Gruppen,<br />
von Verbandsinteressen und Gemeinschaftsideen<br />
und k&#246;nnen nicht bis zur T&#252;re sehn.<br />
H&#246;r zu, mein Kind:<br />
Diese Leute sind<br />
in gesch&#228;ftiger Faulheit und wackrer Routine<br />
der Leerlauf der deutschen Verwaltungsmaschine.</p>
<p>Es ist ein schwerer Krankheitsfall.<br />
Und das ist &#252;ber-, &#252;berall:<br />
Ob Ortskrankenkasse, ob Filzfabrik;<br />
ob Finanzamt, ob Hochschule f&#252;r Musik;<br />
ob Stadttheater, ob Magazin,<br />
ob Eisenh&#252;tte oder Farbindustrien:<br />
Stets sitzt auf jedem Unternehmen<br />
– neben jenen, die andern das  Brot wegnehmen –<br />
ein Ballon der Verwaltung, dick und breit,<br />
eine Allegorie der Nutzlosigkeit.<br />
Denn dieser ganze Verwaltungstrara<br />
ist nur um seiner selbst willen da.<br />
Sie glauben, dass sie in USA sind,<br />
und haben vergessen, wozu sie da sind.<br />
Kranke Proleten und deren Interessen …?<br />
Vor lauter Verwaltung total vergessen.<br />
Noch eine neue Kartothek,<br />
noch eine Quittung und noch ein Beleg –<br />
Ingenieure? ein Kumpel? ein Prolet?<br />
Ein Kerl, der an seinem Schraubstock steht?<br />
Mu&#223; sein. Das ist ja alles ganz richtig.<br />
Aber wichtig?<br />
Verwaltung ist wichtig.</p>
<p>F&#252;r die ist Geld da. F&#252;r die die neuen<br />
K&#228;sten, die wie die Festungen dr&#228;uen.<br />
Forts des Leerlaufs und Depots der Papiere.<br />
Drinnen Juristen … alte Offiziere …<br />
Steh am Schraubstock, du Ochse – la&#223; deine Maschinen<br />
laufen, du Tor – du wirst nichts verdienen.<br />
Verdienen tut der, der verwalten kann:<br />
der ist f&#252;r die Wirtschaft der richtige Mann.</p>
<p>Und so vegetieren die betrogenen Massen<br />
als Zwangsabonnenten von Ortskrankenkassen.</p>
<p><em>Die Weltb&#252;hne, 03.06.1930, Nr. 23</em></p>
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		<title>Robert Havemann: Marxistischer Dissident</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 16:05:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Fair-Schulz]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerrechtler]]></category>
		<category><![CDATA[KPD]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Havemann]]></category>
		<category><![CDATA[SED]]></category>

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		<description><![CDATA[von Axel Fair-Schulz
Ein Heiliger war er gewiss nicht und wollte es auch nicht sein. Robert Havemann war aber ein auβergew&#246;hnlich mutiger Antifaschist im NS-Staat und sp&#228;ter in der DDR ein marxistischer Dissident, der die “marxistisch-leninistische” Deutungshoheit der Parteioberen offen in Frage stellte. Dabei scheute Havemann keine pers&#246;nlichen Risiken, was ihn ein Todesurteil der Nazis und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Axel Fair-Schulz</h3>
<p>Ein Heiliger war er gewiss nicht und wollte es auch nicht sein. Robert Havemann war aber ein auβergew&#246;hnlich mutiger Antifaschist im NS-Staat und sp&#228;ter in der DDR ein marxistischer Dissident, der die “marxistisch-leninistische” Deutungshoheit der Parteioberen offen in Frage stellte. Dabei scheute Havemann keine pers&#246;nlichen Risiken, was ihn ein Todesurteil der Nazis und Berufsverbot sowie Hausarrest seitens derer einbrachte, die den sozialistischen Gesellschaftsentwurf zu einer Parteidiktatur verkommen lie&#223;en.</p>
<p>Geboren 1910 in einer bildungsb&#252;rgerlichen Familie entschied sich Robert Havemann 1932 f&#252;r die KPD, die er als die konsequenteste anti-nazistische deutsche Partei wahrnahm. Obgleich die KPD zu diesem Zeitpunkt bereits v&#246;llig stalinisiert war, legte er auf sein eigenes und unabh&#228;ngiges Denken groβen Wert. Havemann schloss sich n&#228;mlich zugleich der Widerstandsgruppe <em>Neu Beginnen</em> an, welche KPD- und SPD-Politiker zu gemeinsamem und koordiniertem Widerstand gegen den Nazismus und seine konservativen Helfershelfer zu motivieren suchte. Leider zerschellte dieses wichtige Unterfangen an der Engstirnigkeit und den ideologischen Scheuklappen beider miteinander rivalisierender Arbeiterparteien.</p>
<p>Neben seinen politischen Aktivit&#228;ten entwickelte sich Robert Havemann zu einem anerkannten Chemiker. Nach seinem Studium der Chemie promovierte er zum Dr. phil. und war seit 1937 wissenschaftlicher Assistent am Pharmakologischen Institut in Berlin. 1943 habilitiert sich Havemann an der Berliner Universit&#228;t. Neben seinen zahlreichen Patenten produzierte Havemann bis zu seiner Entlassung durch das SED-Regime zahlreiche akademische Publikationen. So waren es auch Havemanns wissenschaftliche Leistungen, die ihm zu NS-Zeiten das Leben retteten. Seine tiefe Verachtung des nazistischen Systems f&#252;hrte Havemann 1942 dazu, als Gr&#252;ndungsmitglied und schlieβlich Leiter der Widerstandsgruppe Europ&#228;ische Union aktiv zu werden. Die Gestapo verhaftete ihn, und das Todesurteil wegen Hochverrates folgte schnell. Allerdings gelang es Havemanns Freunden und Kollegen, mit dem Hinweis auf Havemanns „kriegswichtige Forschungen“ immer wieder, eine Aufschiebung der Hinrichtung zu erwirken, bis ihn dann die Rote Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreite. Diese lebensrettende Befreiung seitens der Roten Armee band Havemann nach eigener Auskunft an das stalinistische System, und er entwickelte sich zun&#228;chst zu einem gl&#252;henden Vertreter der im Nachkriegsdeutschland entstandenen DDR.</p>
<p>Mit seiner Vita als Widerstandsk&#228;mpfer und international anerkannter Wissenschaftler wurde Havemann zuerst Direktor der Restbest&#228;nde der Kaiser-Wilhelm-Institute in West-Berlin. Auf Grund seiner offensiv vorgetragenen kommunistischen &#220;berzeugungen dr&#228;ngten ihn jedoch konservative und restaurative Kr&#228;fte aus Amt und W&#252;rden. Havemann siedelte schlieβlich nach Ost-Berlin &#252;ber und wurde dort mit Ehren und akademischen Positionen honoriert – solange wie er sich der jeweils herrschenden Parteilinie anzupassen bereit war. Schmerzlich lernte Robert Havemann, Mitglied der DDR-Volkskammer, Dekan f&#252;r Studentenangelegenheiten und Professor an der Humboldt-Universit&#228;t, wie weit die humanistischen Ideale des Sozialismus und die Realit&#228;t in einem von einer stalinistischen Kaderpartei beherrschten Land auseinanderklafften. 1959 noch mit einem DDR-Nationapreis ausgezeichnet, fiel Havemann mit seinem Vortrag „Hat die Philosophie den modernen Naturwissenschaften bei der L&#246;sung ihrer Probleme geholfen?“ – gehalten 1962 in Leipzig – bei der „Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten“ endg&#252;ltig in Ungnade. Da er nicht bereit war, zu Kreuze zu kriechen, sondern seine Kritik der „marxistisch-leninistischen“ Staatsideologie sogar noch ausbaute, flog Havemann widerum aus Amt und W&#252;rden. Berufsverbot f&#252;r Andersdenkende gab es eben leider in beiden deutschen Staate. Die sich antifaschistisch nennende DDR-F&#252;hrung verf&#252;gte sogar, daβ der einstige Todeskandidat und Widerstandsk&#228;mpfer Robert Havemann von der Liste der antifaschistischen Widerstandsk&#228;mpfer gestrichen und er sowie seine Frau Katja unter Hausarrest gestellt wurden.</p>
<p>Versuche, Robert Havemann zu vereinnahmen und damit seine komplexen und oft zeitgebundenen Ansichten auf die eine oder andere Art zu reduzieren, gab und gibt es nicht wenige. Die einen meinten, in Robert Havemann haupts&#228;chlich den pro-westlichen Gegner des „SED-Staates“ und „B&#252;rgerrechtler“ zu sehen, und ignorierten oder relativierten dabei Havemanns marxistisches Selbstverst&#228;ndnis, w&#228;hrend andere Havemann im ideologischen Dienste von CIA und BND w&#228;hnten. Solche etwas infantilen Sichtweisen zirkulieren noch immer, wie Robert Allertz’ Schm&#228;hschrift „S&#228;nger und Souffleur: Biermann, Havemann und die DDR“ oder sowie zahlreiche Feuilletons des Mainstream-Bl&#228;tterwaldes unterstreichen.</p>
<p>Das zentrale geistige und philosophische Erlebnis im Leben Havemanns war der Marxismus, manchmal mechanistisch verengt und zeitweise sogar stalinistisch entstellt. Aber Havemann befreite sich immer wieder selbst vom Dogmatismus und begriff, daβ ein authentischer Marxismus nicht ein Sammelsurium ewiger Wahrheiten sein kann, sondern ein st&#228;ndiges Befragen und Hinterfragen der eigenen &#220;berzeugungen einschlieβen muss. Folgerichtig stand auch einer seiner Beitr&#228;ge f&#252;r DIE ZEIT unter der &#220;berschrift „Ja ich hatte Unrecht: Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde“.</p>
<p>Da er unter den repressive Umst&#228;nden der DDR weitgehend von den Diskussionen und Debatten kritischer Marxisten jenseits des „Eisernen Vorhangs“ isoliert arbeiten muβte, machte sich Havemann mehr als politisch-philosophischer Essayist einen Namen denn als systematisch denkender Philosoph. Sein wohl bekanntestes Buch ist „Dialektik ohne Dogma“, welches auf seinen Vorlesungen &#252;ber das Verh&#228;ltnis zwischen marxistischer Philosophie und den Naturwissenschaften beruht. Dem folgten andere, teils autobiographische, teils essayistische Arbeiten, wie „Fragen-Antworten-Fragen – aus der Biographie eines deutschen Marxisten“, „Ein deutscher Kommunist: R&#252;ckblick und Perspektiven aus der Isolation“ sowie „Morgen: Industriegesellschaft am Scheideweg“. Letzteres Buch thematisiert &#246;kologische Fragen innerhalb und auβerhalb des marxistischen Rahmens.</p>
<p>Robert Havemann war ein Humanist und B&#252;rgerrechtler, der die Diktatur des SED-Parteiapparates offen herausforderte. Diese fraglos richtige Feststellung beleuchtet aber nur eine Facette in seinem Denken und Handeln. Havemann k&#228;mpfte nicht nur um eine weltanschaulich offene und pluralistische Gesellschaft, sondern auch um ein sozial gerechtes und &#246;kologisch ausgeglichenes Gemeinwesen – eben um eine humanistisch-sozialistische Gesellschaft. Er verstand, daβ weder die SED-Diktatur noch neo-liberale “Sachzw&#228;nge” – vulgo der Gro&#223;angriff der Unternehmerinteressen auf demokratische Institutionen und Prozesse, mitgetragen von den neuen Blockparteien CDU-SPD-FDP-Gr&#252;ne – einer wirklichen Demokratie vertr&#228;glich sind. Ohne in idealistische Spekulationen abzugleiten, ist davon auszugehen, daβ Demokratie als wirkliche Volksherrschaft zuallerest eine Demokratie von Unten sein muβ – und damit eben nicht die Herrschaft einer Partei oder aber der Konzerne. Mit dieser Erkenntnis steht Havemann in der noblen Tradition von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.</p>
<p>Robert Havemann w&#252;rde sich an unserer heutigen Welt reiben. Neo-koloniale Kriege um Wirtschaftsinteressen – wie ein gewesener Bundespr&#228;sident unvorsichtigerweise ausgeplaudert hat – sowie die schamlose Ausbeutung von Menschen und Natur seitens der Herrschenden dieser Welt h&#228;tten Havemann sicher nicht nur angewidert, sondern zum aktiven Widerstand herausgefordert. Vielleicht w&#228;re er sogar erstaunt, wie sich fr&#252;here Weggef&#228;hrten und Freunde, genannt seien hier nur Wolf Biermann und Rainer Eppelmann, mit den jetzt herrschenden Verh&#228;ltnissen arrangierten oder aber vor ihnen geistig und intellektuell kapitulierten. Und damit stehen auch wir in der Pflicht, Robert Havemann nicht als zahnloses und harmloses Denkmal verstauben zu lassen, sondern uns an ihm produktiv zu reiben und damit seinen Geist und seine Haltung auf uns wirken zu sehen. Havemann war zu Lebzeiten den jeweils Herrschenden ein Dorn im Auge. Sand im Getriebe der die heutige Welt beherrschenden Gruppen und Klassen sollten in seinem Sinne auch wir sein. Also auf ins zweite Jahrhundert Robert Havemann!</p>
<p><em>Robert Havemanns Geburtstag j&#228;hrte sich am 11. M&#228;rz dieses Jahres zum 100. Mal. Von Axel Fair-Schulz erscheint demn&#228;chst eine Robert-Havemann-Biographie im Berliner Trafo Wissenschaftsverlag.</em></p>
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		<title>Abschweifung (&#252;ber produktive Arbeit)</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 15:59:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Eigentum]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Marx]]></category>
		<category><![CDATA[Verbrecher]]></category>
		<category><![CDATA[Weltmarkt]]></category>

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		<description><![CDATA[von Karl Marx
Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher produziert Verbrechen. Betrachtet man n&#228;her den Zusammenhang  dieses letztren Produktionszweigs mit dem Ganzen der Gesellschaft, so wird man  von vielen Vorurteilen zur&#252;ckkommen. Der Verbrecher produziert nicht nur Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht und damit auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Karl Marx</h3>
<p>Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher produziert Verbrechen. Betrachtet man n&#228;her den Zusammenhang  dieses letztren Produktionszweigs mit dem Ganzen der Gesellschaft, so wird man  von vielen Vorurteilen zur&#252;ckkommen. Der Verbrecher produziert nicht nur Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht und damit auch den Professor,  der Vorlesungen &#252;ber das Kriminalrecht h&#228;lt, und zudem das unvermeidliche Kompendium, worin dieser selbe Professor seine Vortr&#228;ge als ,,Ware&#8221; auf den allgemeinen Markt wirft. Damit tritt Vermehrung des  Nationalreichtums ein. Ganz abgesehn von dem Privatgenu&#223;, den, wie uns ein kompetenter Zeuge,  Prof. Roscher, [sagt,] das Manuskript des Kompendiums seinem Urheber selbst  gew&#228;hrt. (Fu&#223;note der Herausgeber: Der vorstehende Satz findet sich in der Handschrift  quer am Rande und ist von Marx zur Einf&#252;gung an diese Stelle bezeichnet.)</p>
<p>Der Verbrecher produziert ferner die ganze Polizei und Kriminaljustiz, Schergen, Richter, Henker, Geschworene  usw.; und alle diese verschiednen Gewerbszweige, die ebenso viele Kategorien  der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit bilden, entwickeln verschiedne F&#228;higkeiten des menschlichen Geistes, schaffen neue Bed&#252;rfnisse und neue  Weisen ihrer Befriedigung. Die Tortur allein hat zu den sinnreichsten  mechanischen Erfindungen Anla&#223; gegeben und in der Produktion ihrer Werkzeuge eine  Masse ehrsamer Handwerksleute besch&#228;ftigt.</p>
<p>Der Verbrecher produziert einen Eindruck, teils moralisch, teils tragisch, je nachdem, und leistet so  der Bewegung der moralischen und &#228;sthetischen Gef&#252;hle des Publikums einen ,,Dienst&#8221;. Er produziert nicht nur Kompendien &#252;ber das Kriminalrecht, nicht nur Strafgesetzb&#252;cher und damit Strafgesetzgeber, sondern auch  Kunst, sch&#246;ne Literatur, Romane und sogar Trag&#246;dien, wie nicht nur M&#252;llners ,,Schuld&#8221; und Schillers ,,R&#228;uber&#8221;, sondern selbst ,,&#214;dipus&#8221; und ,,Richard der Dritte&#8221; beweisen. Der Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicherheit des b&#252;rgerlichen Lebens. Er bewahrt es damit vor Stagnation und ruft jene unruhige Spannung und Beweglichkeit hervor,  ohne die selbst der Stachel der Konkurrenz abstumpfen w&#252;rde. Er gibt so den  produktiven Kr&#228;ften einen Sporn. W&#228;hrend das Verbrechen einen Teil der &#252;berz&#228;hligen Bev&#246;lkerung dem Arbeitsmarkt entzieht und damit die Konkurrenz unter den Arbeitern vermindert, zu einem gewissen Punkt den Fall des Arbeitslohns  unter das Minimum verhindert, absorbiert der Kampf gegen das Verbrechen einen  andern Teil derselben Bev&#246;lkerung. Der Verbrecher tritt so als eine jener  nat&#252;rlichen ,,Ausgleichungen&#8221; ein, die ein richtiges Niveau herstellen und eine  ganze Perspektive ,,n&#252;tzlicher&#8221; Besch&#228;ftigungszweige auftun.</p>
<p>Bis ins Detail k&#246;nnen die Einwirkungen des Verbrechers auf die Entwicklung der Produktivkraft nachgewiesen werden. W&#228;ren Schl&#246;sser je zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehn, wenn es keine Diebe g&#228;be? W&#228;re die Fabrikation von Banknoten zu  ihrer gegenw&#228;rtigen Vollendung gediehn, g&#228;be es keine … Falschm&#252;nzer? H&#228;tte  das Mikroskop seinen Weg in die gew&#246;hnliche kommerzielle Sph&#228;re gefunden  (siehe Babbage) ohne Betrug im Handel? Verdankt die praktische Chemie nicht  ebensoviel der Warenf&#228;lschung und dem Bestreben, sie aufzudecken, als dem ehrlichen Produktionseifer? Das Verbrechen, durch die stets neuen Mittel des  Angriffs auf das Eigentum, ruft stets neue Verteidigungsmittel ins Leben und wirkt  damit ganz so produktiv wie strikes auf die Erfindung von Maschinen. Und  verl&#228;&#223;t man die Sph&#228;re des Privatverbrechens: Ohne nationale Verbrechen, w&#228;re je der Weltmarkt entstanden? Ja, auch nur Nationen? Und ist der Baum der S&#252;nde  nicht zugleich der Baum der Erkenntnis seit Adams Zeiten her? Mandeville in  seiner ,,Fable of the Bees&#8221; (1705) hatte schon die Produktivit&#228;t aller  m&#246;glichen Berufsweisen usw. bewiesen und &#252;berhaupt die Tendenz dieses ganzen  Arguments:</p>
<p>&#8220;Das, was wir in dieser Welt das B&#246;se nennen, das moralische so gut wie das nat&#252;rliche, ist das gro&#223;e Prinzip, das uns zu sozialen Gesch&#246;pfen macht, die feste Basis, das  Leben und die St&#252;tze aller Gewerbe und Besch&#228;ftigungen ohne Ausnahme; hier haben  wir den wahren Ursprung aller K&#252;nste und Wissenschaften zu suchen; und in dem  Moment, da das B&#246;se aufh&#246;rte, m&#252;&#223;te die Gesellschaft verderben, wenn nicht gar  g&#228;nzlich untergehen.&#8221;</p>
<p>Nur war Mandeville nat&#252;rlich unendlich k&#252;hner und ehrlicher als die philisterhaften Apologeten der b&#252;rgerlichen Gesellschaft.</p>
<p><em>Quelle: Karl Marx, Abschweifung (&#252;ber produktive Arbeit), MEW 26.1, Dietz Verlag, Berlin 1965, S. 363 f.</em></p>
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		<item>
		<title>Von Chaos zu Chaos. 50 Jahre nach dem Jahr Afrikas</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 15:53:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Sabath</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blättchen]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Bernhard Spring]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Großbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonien]]></category>
		<category><![CDATA[Unabhängigkeit]]></category>

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		<description><![CDATA[von Bernhard Spring
Am Ende des Jahres 1960 hatte sich die Zahl  der Staaten auf dem schwarzen Kontinent verdreifacht. Frankreich, Gro&#223;britannien,  Belgien und Italien hatten zwischen dem 1. Januar und dem 28. November insgesamt 17  ihrer afrikanischen Kolonien in die Unabh&#228;ngigkeit entlassen, doch die jahrhundertealte Vergangenheit europ&#228;ischer Kolonisation st&#252;rzte die  jungen Staaten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Bernhard Spring</h3>
<p>Am Ende des Jahres 1960 hatte sich die Zahl  der Staaten auf dem schwarzen Kontinent verdreifacht. Frankreich, Gro&#223;britannien,  Belgien und Italien hatten zwischen dem 1. Januar und dem 28. November insgesamt 17  ihrer afrikanischen Kolonien in die Unabh&#228;ngigkeit entlassen, doch die jahrhundertealte Vergangenheit europ&#228;ischer Kolonisation st&#252;rzte die  jungen Staaten schnell in ein innen- wie au&#223;enpolitisches Chaos.</p>
<p>Die Urspr&#252;nge der afrikanischen  Unabh&#228;ngigkeitsbewegung reichen bis in das Jahr 1919 zur&#252;ck, als die H&#228;lfte der Erdoberfl&#228;che kolonialisiert worden war. Zur selben Zeit forderten die Abgeordneten  des 1. Panafrikanischen Kongresses in Paris die Freiheit f&#252;r ihre Heimatl&#228;nder  und erzielten den bescheidenen Erfolg, da&#223; der V&#246;lkerbund im selben Jahr  zumindest die Endlichkeit der Kolonien festlegte. Drei Jahre darauf wurde &#196;gypten  als erstes afrikanisches Land unabh&#228;ngig.</p>
<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich  verst&#228;rkt Aufl&#246;sungserscheinungen in den europ&#228;ischen Kolonialreichen bemerkbar,  da in ihnen eine gebildete, wirtschaftlich einflussreiche Siedlerschicht  politische Selbstbestimmung forderte. Zugleich regte sich auch in Europa die Kritik  am Kolonialismus und den blutigen Unterdr&#252;ckungskriegen, wenn auch nicht  nur aus humanit&#228;ren Gr&#252;nden: Afrika wurde zunehmend als unrentabel empfunden,  weshalb sich immer mehr Kolonialm&#228;chte aus ihren Dom&#228;nen zur&#252;ckzogen. Sie  hinterlie&#223;en in Afrika k&#252;nstliche Staatsgebilde ohne Nationalgef&#252;hl und politisches Bewu&#223;tsein. Die Herrschaft wurde h&#228;ufig von einer kleinen, europ&#228;ischen Oberschicht ausge&#252;bt, die ihre Interessen gegen die afrikanische Bev&#246;lkerungsmehrheit durchzusetzen versuchte. Die ethnischen, religi&#246;sen  und wirtschaftlichen Gegens&#228;tze der Vielv&#246;lkerstaaten f&#252;hrten zu  B&#252;rgerkriegen, Milit&#228;rputschen und Diktaturen, von denen fast jede ehemalige Kolonie in  der zweiten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts gepr&#228;gt wurde und auch heute noch  wird. So endeten erst 2007 und 2008 die B&#252;rgerkriege in der Elfenbeink&#252;ste und  dem Tschad. Der Konflikt im ehemals belgischen Kongo, der aufgrund seiner  Ausma&#223;e auch als „Afrikanischer Weltkrieg“ bezeichnet wird, lief offiziell 2003  aus, doch herrscht bis heute Unruhe in der gesamten zentralafrikanischen Region.</p>
<p>Und auch Europa ist immer wieder an den  Konflikten beteiligt, denn abh&#228;ngig von den M&#228;chtigen im Norden sind nicht nur deren  verbliebenen acht afrikanische Kolonien. Durch den Verbund des Commonwealth &#252;bt Gro&#223;britannien auf 15 L&#228;nder s&#252;dlich der Sahara Einflu&#223; aus, w&#228;hrend Frankreich &#252;ber die Kopplung der W&#228;hrung von 13 Staaten Afrikas an den  Franc beziehungsweise an den Euro wirtschaftliche und politische Interessen durchsetzen  kann. Hinzu kommen etwa 7.000 franz&#246;sische Soldaten, die nach wie vor in  Westafrika stationiert sind – eine verschwindende Anzahl bei mehr als einer  Milliarde Afrikanern, aber eine schlagkr&#228;ftige Truppe inmitten von schlecht  ausgebildeten S&#246;ldnerheeren. Nicht zu vergessen ist der immense und ebenso  undurchschaubare wirtschaftliche Einflu&#223; der Europ&#228;er, die das Exportwesen des schwarzen Kontinents dominieren. Auch die gigantische Auslandsverschuldung des  schwarzen Kontinents, die in Liberia derzeit bei 526,24 Prozent des  Bruttoinlandsproduktes liegt, ist ein politisches Druckmittel. Zuletzt entpuppen sich sogar die Vereinten Nationen mit ihren Unterorganisationen oft als Falle f&#252;r  Afrika, denn jede Hilfeleistung ist an Gegenleistungen gebunden und unterst&#252;tzt  indirekt die herrschende Elite in den einzelnen L&#228;ndern.</p>
<p>Das Ergebnis ist ern&#252;chternd. 50 Jahre nach  der Unabh&#228;ngigkeit regieren in Niger und der Zentralafrikanischen Republik Putschisten, die Elfenbeink&#252;ste und Nigeria k&#228;mpfen mit der  Landesspaltung, und in Gabun brannte nach einem Wahlbetrug im vergangenen Herbst das  franz&#246;sische Konsulat, w&#228;hrend &#252;ber Madagaskar internationale Sanktionen verh&#228;ngt  wurden. Somalia gar gilt als „gescheiterter Staat“, der v&#246;llig in Anarchie  versank. Die kargen Hoffnungsschimmer tr&#252;gen oft: Wenn etwa Mali den USA als Stabilisierungsfaktor in Westafrika gilt, dann nur, weil die Regierung  positiv gegen&#252;ber ausl&#228;ndischen Investoren eingestellt ist – Mali ist einer der  gr&#246;&#223;ten Goldexporteure Afrikas, weite &#214;lfelder wurden erst 2005 im Norden des  Landes entdeckt. Hinzu kommen reiche Vorkommen an Uran, Phosphat und Eisenerz, allesamt noch l&#228;ngst nicht erschlossen. Die wirtschaftliche Kolonisation  lohnt sich also weiter.</p>
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		<title>Zahnloser Tiger oder Kommission mit Bi&#223;?</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 08:58:13 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Uri Avnery, Tel Aviv
Ein Sieg ist ein Sieg. Ein gro&#223;er Sieg ist besser als ein kleiner, aber ein kleiner Sieg ist besser als eine Niederlage. In dieser Woche haben wir einen Sieg davongetragen.
Unmittelbar, nachdem die Turkel-Kommission aufgestellt war, um den Vorfall mit der Flotille zu untersuchen, reichte Gush Shalom dem Obersten Gerichtshof ein Gesuch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Uri Avnery, Tel Aviv</h3>
<p>Ein Sieg ist ein Sieg. Ein gro&#223;er Sieg ist besser als ein kleiner, aber ein kleiner Sieg ist besser als eine Niederlage. In dieser Woche haben wir einen Sieg davongetragen.</p>
<p>Unmittelbar, nachdem die Turkel-Kommission aufgestellt war, um den Vorfall mit der Flotille zu untersuchen, reichte Gush Shalom dem Obersten Gerichtshof ein Gesuch ein. Wir verlangten die Ernennung einer vollqualifizierten staatlichen Untersuchungskommission. Der Termin der Gerichtsanh&#246;rung war festgelegt. Aber am Nachmittag des Vortages rief das B&#252;ro des Justizministers unsere Anw&#228;ltin, Gabi Lasky, an und informierte sie &#252;ber eine Ver&#228;nderung: Der Ministerpr&#228;sident habe im letzten Augenblick entschieden, der Kommission mehr Vollmachten zu geben, und die Regierung sei dabei, die Ver&#228;nderung zu best&#228;tigen. Deshalb bat uns der Staatsanwalt, die Anh&#246;rung um zehn Tage zu verschieben. Keine einzige israelische Zeitung hatte ein Wort &#252;ber unser Gesuch gebracht – etwas Undenkbares, w&#228;re es die Initiative einer rechten Organisation gewesen. Aber nach der Terminverschiebung wurde es unm&#246;glich, dies l&#228;nger zu ignorieren: Fast alle Zeitungen wiesen darauf hin, da&#223; unser Antrag eine wichtige Rolle bei Netanyahus Entscheidung gespielt hatte.</p>
<p>Jacob Turkel und sein Freund Jacob Neeman, der Justizminister, der ihn ernannt hatte, waren zu der Schlu&#223;folgerung gekommen, da&#223; sie vor Gericht verlieren w&#252;rden. Deshalb verlangte Turkel, da&#223; die Anzahl der Kommissionsmitglieder als auch die der Vollmachten vergr&#246;&#223;ert werden sollte. Urspr&#252;nglich hatte Netanyahu nur drei nette Leute darum gebeten, festzustellen, da&#223; die Aktion der Regierung mit dem internationalen Gesetz nicht kollidierte – mehr nicht. Jetzt scheint es so, als w&#252;rde ihr das juristische Ansehen einer „Regierungsuntersuchungskommission“ gegeben, aber bestimmt nicht einer „Staatlichen Untersuchungskommission“. Zwischen beiden ist ein Riesenunterschied.</p>
<p>Die Institution, die „Staatliche Untersuchungskommission“ genannt wird, ist einzigartig israelisch. Sie gr&#252;ndet sich auf ein besonderes Gesetz, auf das wir alle stolz sein k&#246;nnen, und das wiederum hat einen interessanten historischen Hintergrund. In den 60ern wurde das Land von einer Kontroverse &#252;ber die Lavon-Aff&#228;re heimgesucht, bei der es um eine Reihe von Terrorangriffen ging, die von einem israelischen Spionagering in &#196;gypten ausgef&#252;hrt wurde. Die Operation mi&#223;lang; die Mitglieder des Ringes wurden gefangen genommen, zwei von ihnen wurden geh&#228;ngt. Die Frage kam auf: Wer hat den Befehl dazu gegeben? Der Verteidigungsminister Pinchas Lavon und der Chef des Armeegeheimdienstes Benjamin Gibli beschuldigten sich gegenseitig. (Sp&#228;ter fragte ich Yitzhak Rabin danach; er sagte mir: „Wenn man es mit zwei pathologischen L&#252;gnern zu tun hat, wie soll man das dann wissen?“)</p>
<p>David Ben-Gurion verlangte leidenschaftlich nach einer „Juristischen Untersuchungskommission“. Es wurde fast eine Obsession von ihm. Aber zu jener Zeit kannte das israelische Gesetz so etwas nicht. Die Emotionen gingen hoch, die Regierung st&#252;rzte, und der Anwalt der Laborpartei, Jacob Shimson Shapira, bezichtigte Ben-Gurion des Faschismus. Es scheint, da&#223; Shapira wegen dieser Beschuldigung von schlechtem Gewissen geplagt wurde und deshalb, als er sp&#228;ter Justizminister wurde, eine vorbildliche Gesetzesvorlage f&#252;r eine „Staatliche Untersuchungskommission“ ausarbeitete, die einem regul&#228;ren Gericht &#228;hnelte. Er schlug vor, da&#223; solch eine Kommission die Vollmacht habe, Zeugen vorzuladen, sie unter Eid zu nehmen (mit den &#252;blichen Strafen f&#252;r Meineid), sie im Kreuzverh&#246;r verh&#246;ren zu lassen, unter Strafandrohung Dokumente zu fordern etc.</p>
<p>Als Mitglied der Knesset in jener Zeit legte ich zwei Gesetzes&#228;nderungen vor, die mir wichtig erschienen. Das vorgeschlagene Gesetz besagte, da&#223; das Oberste Gericht die Mitglieder der Kommission ernennen, aber der Regierung die Entscheidung &#252;ber die Aufstellung der Kommission und ihren Zust&#228;ndigkeitsbereich &#252;berlassen solle. Ich behauptete, da&#223; dies Tor und T&#252;r f&#252;r politische Manipulationen &#246;ffnen w&#252;rde und schlug vor, dem Obersten Gerichtshof auch die Befugnis zur Aufstellung einer Kommission und zur Festlegung ihres Zust&#228;ndigkeitsbereichs zu &#252;bertragen. Meine vorgeschlagenen &#196;nderungen wurden abgelehnt. Die gegenw&#228;rtige Aff&#228;re zeigt, wie notwendig sie waren.</p>
<p>Das Gesetz liefert eine Alternative – die Ernennung einer „Regierungsuntersuchungskommission“, die einen weit geringeren Rang hat. Sie unterscheidet sich von einer „Staatlichen Kommission“ in einem &#228;u&#223;erst wichtigen Aspekt: Ihre Mitglieder werden nicht vom Pr&#228;sidenten des Obersten Gerichtes ernannt, sondern von der Regierung selbst. Das ist nat&#252;rlich ein gro&#223;er Unterschied. Jeder mit einem Grundverst&#228;ndnis f&#252;r Politik begreift, da&#223; derjenige, der die Mitglieder einer Kommission ernennt, schon im voraus deren Schlu&#223;folgerungen stark beeinflu&#223;t. Wenn ein Siedler von Kiryat-Arba als Chef einer Kommission &#252;ber die Legalit&#228;t der Siedlungen ernannt wird, werden wohl die Schlu&#223;folgerungen nicht ganz dieselben sein wie die einer Kommission, der ein Mitglied von Peace Now vorsteht. Das wurde in der Vergangenheit bewiesen. Nach dem Sabra- und Shatila-Massaker weigerte sich Ministerpr&#228;sident Menachem Begin anf&#228;nglich, eine Staatliche Untersuchungskommission zu ernennen. Doch unter dem starken Druck der israelischen &#214;ffentlichkeit wurde er gezwungen, es zu tun, und die Kommission hat Ariel Sharon als Verteidigungsminister entlassen. Ehud Olmert erinnerte sich daran und – weigerte sich nach dem 2.Libanonkrieg hartn&#228;ckig, eine Staatliche Kommission aufzustellen. Er stimmte nur einer „Regierungskommission“ zu, deren Mitglieder er selbst ernannte. Es &#252;berraschte nicht, da&#223; er fast unbeschadet davon kam.</p>
<p>Die Ernennung der Turkel-Kommission wurde von der israelischen &#214;ffentlichkeit mit unverhohlenem Zynismus begr&#252;&#223;t. Dieselben Medien, die fast einstimmig den Angriff auf die Flotille unterst&#252;tzten, waren jetzt bei ihrem Angriff auf den armen Turkel und seine Kommission vereint. Sie machten ihre Witze &#252;ber das fortgeschrittene Alter ihrer Mitglieder, von denen sich einer nur mit Hilfe eines philippinischen Helfers bewegen konnte. Alle Kommentatoren waren sich darin einig, da&#223; die Kommission nicht aufgestellt war, um die Aff&#228;re zu kl&#228;ren, sondern nur, um Pr&#228;sident Barack Obama zu helfen, die Ernennung einer internationalen Untersuchungskommission zu blockieren.</p>
<p>Alle stimmten darin &#252;berein, dies sei eine l&#228;cherliche, zahnlose Kommission, ihre Zusammensetzung sei mitleidserregend und der Aufgabenbereich marginal. Es scheint, als ob Richter Turkel selbst besch&#228;mt war. Nachdem er seine Ernennung zu Netanyahus Bedingungen angenommen hatte, drohte er wenig sp&#228;ter zur&#252;ckzutreten, wenn seine Vollmacht nicht vergr&#246;&#223;ert werde. Netanyahu gab nach. Trotzdem ist seine Entscheidung, die Vollmacht der Kommission zu vergr&#246;&#223;ern, damit sie in der Lage sei, Zeugen vorzuladen, weit von dem entfernt, was n&#246;tig ist. Die Kommission wird nicht in der Lage sein, zu untersuchen, wie und von wem die Verh&#228;ngung der Blockade &#252;ber den Gazastreifen entschieden wurde, wie beschlossen wurde, die Flotille anzugreifen, wie die Operation geplant und wie sie ausgef&#252;hrt wurde. Deshalb sehen wir keinen Grund, unsere Petition an den Obersten Gerichtshof – die Turkel-Kommission aufzul&#246;sen und eine offizielle Staatliche Untersuchungskommission zu ernennen – zur&#252;ckzuziehen. Um so weniger, als Turkel selbst eine Woche vor seiner Ernennung ebenfalls eine Staatliche Untersuchungskommission gefordert hatte.</p>
<p><em>Aus dem Englischen von Ellen Rohlfs; von der Redaktion gek&#252;rzt.</em></p>
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		<title>Paulus schrieb … (Hommage à Robert Gernhardt)</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 08:45:11 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Alfons Markuske
Eines der begnadetsten Dichter deutscher Zunge der zweiten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts Todestag, n&#228;mlich der Robert Gernhardts, der auch Maler, Schriftsteller, Zeichner und Karikaturist war, j&#228;hrte sich am 30. Juni zum vierten Male. Insofern war es nur folgerichtig, da&#223; wenige Tage sp&#228;ter, am 11. Juli, im Theater am Rand (http://www.theateramrand.de) einige der genialen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Alfons Markuske</h3>
<p>Eines der begnadetsten Dichter deutscher Zunge der zweiten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts Todestag, n&#228;mlich der Robert Gernhardts, der auch Maler, Schriftsteller, Zeichner und Karikaturist war, j&#228;hrte sich am 30. Juni zum vierten Male. Insofern war es nur folgerichtig, da&#223; wenige Tage sp&#228;ter, am 11. Juli, im Theater am Rand (<a href="http://www.theateramrand.de/">http://www.theateramrand.de</a>) einige der genialen Verse von Gernhardt zum Vortrag kamen.</p>
<p>Dem Dichter, so darf vermutet werden, h&#228;tte die Trinit&#228;t des Ereignisses gefallen – das Theater, das nahezu italienische Ambiente am 11. Juli und die Rezitation aus seinem Œvre.</p>
<p><em>Das Theater</em>, weil Gernhardt, seit er sein urspr&#252;ngliches Streben, ernsthafte Malerei zu seiner Profession zu machen, zugunsten seiner anderen Talente zur&#252;ckgestellt hatte, stets auch ein Erfinder und Genie&#223;er des Verbl&#252;ffenden, des Extravaganten und nicht zuletzt des Skurrilen war. Die Randlage des Theaters – im Oderbruch-D&#246;rfchen Zollbr&#252;cke, keine 300 Meter vom Ufer des m&#228;chtigen deutsch-polnischen Grenzflusses entfernt, – d&#252;rfte geographisch kaum zu toppen sein. &#196;hnliches gilt f&#252;r die Architektur des Hauses – „gequadert“ aus m&#228;chtigen Baumst&#228;mmen, rohen H&#246;lzern und anderen nat&#252;rlichen Baumaterialien sowie mit begr&#252;ntem Dach – und f&#252;r die kulinarischen Marginalien. Letztere kamen dieses Mal in Form frischer, tageszeitlich zum Fr&#252;hst&#252;ck sehr passender, noch warmer Brote daher, die w&#228;hrend der Vorstellung in einem unter der &#228;u&#223;eren Zuschauertrib&#252;ne gemauerten Steinofen gebacken worden waren.</p>
<p><em>Das Ambiente</em>, weil Gernhardt als Toscana-Liebhaber die laue, ja seidige Luft dieser &#252;ber 20 Grad warmen Nacht und das allm&#228;hliche Erblauen des Himmels und eine damit einhergehende leichte Morgenr&#246;te durch die hinter der Oder sacht aufgehende Sonne zu sch&#228;tzen gewu&#223;t h&#228;tte. Ein Teil der Zuschauer sa&#223; im Freien. Alle B&#252;hnenw&#228;nde des Theaters waren offen, die umliegende Landschaft war ins Spiel ebenso einbezogen wie der im Freien hinter der B&#252;hne liegende Schiffsk&#246;rper einer kleinen Fregatte oder Barkasse. (Das notwendige Wissen zur exakten Bestimmung des Typs ist einer Landratte wie mir leider nicht verg&#246;nnt.)</p>
<p><em>Die Rezitation</em>, weil es, um den Vortrag der in Rede stehenden Verse Gernhardts zum Genu&#223; zu runden, einer ad&#228;quaten Stimme bedarf. Theo Lingen mit seinem nasalen Timbre fiele mir da sofort ein. Der steht aber leider nicht mehr zur Verf&#252;gung. Doch das Bedauern dar&#252;ber verfl&#252;chtigt sich, wenn in Zollbr&#252;cke Thomas R&#252;hmann, einer der Gr&#252;nder und Protagonisten des Theaters, zu h&#246;ren ist. Das ist allerdings nicht der R&#252;hmann aus der Sachsenklinik, sondern einer, dessen Duktus und Modulation an den jungen Lingen erinnern. Selbst der nasale Touch fehlt nicht!</p>
<p>Die Vorstellung hatte in finsterer, wenn auch sternklarer Nacht begonnen – um 3.14 Uhr. Das Programm – „Fr&#252;hkonzert“ – betitelt, war ein eigenwilliges Potpourri und umfa&#223;te neben Akrobatik und Pantomime Musik, Gesang und Textvortr&#228;ge. Letztere waren vom Genre her &#252;berwiegend der Fraktion des gehobenen Nonsens zuzuordnen, wozu ernsthaft-lebensweise Einsprengsel einen ungew&#246;hnlichen Kontrast bildeten.</p>
<p>W&#228;hrend der erste Teil der Vorstellung noch der Hilfe dezent eingesetzter Scheinwerfer bedurfte, um ins Sichtbare ger&#252;ckt zu werden, kam fast unmerklich der Morgen. Polyphones Vogelgezwitscher hub an, und auf einem nahegelegenen Storchennest begannen vier schon fast ausgewachsene Jungv&#246;gel, die sich im Anschlu&#223; an die Vorstellung ohne Scheu begutachten lie&#223;en, vernehmlich zu klappern. All dies forderte die professionellen Mimen und Musiker in Sachen Lautst&#228;rke jedoch nicht ernsthaft. Das galt f&#252;r die in luftiger H&#246;he das Theaterareal – ger&#228;uschlos – kreuzenden diversen Graureiher schon ganz und gar.</p>
<p>In dieser Atmosph&#228;re – es mag gegen 4.20 Uhr gewesen sein – trat R&#252;hmann mit Gernhardt an die Rampe:</p>
<p>Paulus schrieb an die Komantschen:<br />
Erst kommt die Taufe, dann das Plantschen.</p>
<p>Die nachfolgendes Parts &#252;berlie&#223; er seinen Kollegen Ursula Karusseit und Jens-Uwe Bogadtke:</p>
<p>Paulus schrieb an die Apachen:<br />
Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.</p>
<p>Paulus schrieb den Irokesen:<br />
Euch schreib’ ich nichts, lernt erstmal lesen.</p>
<p>(Auch Karusseit und Bogadtke erwiesen sich stimmlich als hinreichend gernhardtesk, wobei das komische Talent der Karusseit zwar lange ein Geheimtipp war, aber – zum Verg&#252;ngen ihres Publikums – l&#228;ngst keiner mehr ist.)</p>
<p>Mehr Indianer-Verse hat der Meister meines Wissen – und ich darf mich seit vielen Jahren zu seinen bekennenden J&#252;ngern z&#228;hlen – gar nicht hinterlassen, und so hatte sich’s dann in dieser Nacht auch schon mit Gernhardt.</p>
<p>Thomas R&#252;hmann gab dem Publikum anschlie&#223;end eine ganzheitlich-&#246;kologisch-philosophische Sentenz des ber&#252;hmten Shawnee-H&#228;uptlings Tecumseh zu denken, die ich hier nicht zitieren kann, weil mir mitten in deren Vortrag –, wenn die fr&#252;he Stunde die Metapher nicht quasi verbieten w&#252;rde, m&#252;&#223;te ich sagen: aus heiterem Himmel – folgendes durch den Kopf scho&#223;:</p>
<p>Paulus schrieb an die Schoschonen:<br />
Ihr seid so wenig’, lasst euch klonen.</p>
<p>Als ob ein Radiosignal auf einen Empf&#228;nger gesto&#223;en w&#228;re. Und w&#228;hrend ich noch perplex in mich hineinhorchte, kamen stakkatoartig bereits die n&#228;chsten Durchsagen:</p>
<p>Paulus schrieb an die Athener:<br />
Helft euch selbst, sonst hilft euch keener.</p>
<p>Paulus schrieb an die Chinesen:<br />
Seid ihr mal blau statt gelb gewesen?</p>
<p>Paulus schrieb an die Bulgaren:<br />
Ihr stinkt nach Knoblauch, schon seit Jahren.</p>
<p>Auch der Rest der Theatervorstellung wurde noch einige Male gest&#246;rt – u.a. durch:</p>
<p>Paulus schrieb den Portugiesen:<br />
Bei Pollenflug ganz einfach niesen.</p>
<p>Paulus schrieb an die Franzosen:<br />
Bleibt &#246;fters keusch und in den Hosen.</p>
<p>Paulus schrieb den Kongolesen:<br />
Besucht mich mal, ich zahl’ die Spesen.</p>
<p>Paulus schrieb an die Rum&#228;nen:<br />
Euch will ich gar nicht mehr erw&#228;hnen.</p>
<p>Und als meine Frau und ich nach der Vorstellung noch zur Oder schlenderten, um vertr&#228;umt dem weiteren Verlauf des Sonnenaufgangs zu folgen und auf dem Deich etwas entlang zu schlendern, endeten die Eingaben noch keineswegs:</p>
<p>Paulus schrieb den Mamelucken:<br />
Waschen ist besser als blo&#223; jucken.</p>
<p>Paulus schrieb den Pakistani:<br />
Boss steht euch gut, doch auch Armani.</p>
<p>Paulus schrieb an die Helveten:<br />
Nicht nur das Geld, auch Gott anbeten!</p>
<p>Paulus schrieb den Monegassen:<br />
Spargel hilft beim Wasser lassen.</p>
<p>Bei der R&#252;ckfahrt &#252;berlie&#223; ich das Steuer meiner Frau und brauchte mich auch von daher gegen weitere Zug&#228;nge nicht zu wehren:</p>
<p>Paulus schrieb an die Osmanen:<br />
Reist mal nach Wien wie eure Ahnen!</p>
<p>Paulus schrieb an die Chilenen:<br />
Ihr seid die mit den S&#228;belbeenen.</p>
<p>Paulus schrieb an die Malteser:<br />
Malta bleibt klein und wird nicht gr&#246;&#223;er.</p>
<p>Paulus schrieb an die Spartaner:<br />
Lernt was Gescheit’s, werd’ Eisenbahner!</p>
<p>Paulus schrieb an die Karthager:<br />
Pfeifen seid ihr und Versager!</p>
<p>Paulus schrieb an die Hethiter:<br />
Wenn alle schwul sind, das ist bitter.</p>
<p>Bevor ich noch zu bef&#252;rchten begann, hier gerade Zeuge des Ausbruchs einer formidablen Macke in Gestalt eines mentalen Tinnitus zu werden, endete das Ganze so abrupt, wie es begonnen hatte. Um 6.55 Uhr, kurz vor dem Eintreffen an der h&#228;uslichen Pforte, tickerte es ein letztes Mal:</p>
<p>Paulus schrieb den Mohikanern:<br />
Ich konvertier’ zu euch Indianern!</p>
<p>P.S.: Der Mensch, obgleich vernunftbegabtes Wesen, neigt notorisch dazu, das Unerkl&#228;rliche erkl&#228;ren zu m&#252;ssen. Vielleicht war es also folgenderma&#223;en. Robert Gernhardt war dort oben, wo er jetzt weilt, einfach sehr fr&#252;h wach geworden – so gegen 3.30 Uhr. Da ist in Deutschland nicht wirklich etwas los. Umso mehr mu&#223; ihm das Theater am Rand ins Auge gestochen sein. <em>Da </em>war schon etwas los! Und dann kam er selbst auch noch zur Auff&#252;hrung. Das, machen wir uns nichts vor, schmeichelt jedem Dichter. „Aber bi&#223;chen wenig war’s schon“, mag Gernhardt gedacht und sich zum Trost vielleicht auf die Schulter geschlagen haben: „Eigentlich kein &#252;bler Einfall – dieses‚ Paulus schrieb …’!“ Und dann entrang sich ihm der Seufzer: „Warum blo&#223; hab’ ich die anderen Dinger damals eigentlich nicht auch noch aufgeschrieben?“</p>
<p>Was folgte, wird gew&#246;hnlich Zufall oder, bedeutungsschwangerer, Schicksal genannt – Gernhardts Blick fiel auf ein Individuum, das sich leichtsinnigerweise im Freien platziert hatte. „Ha“, zuckte der Dichter, „den kenn’ ich! Der hat so oberdespektierlich gewiehert, als ich am 12. Juli 2000 gegen 19 Uhr eine Ausstellung meines Karikaturistenkollegen Andreas Pr&#252;stel in der Landeszentrale f&#252;r politische Bildung in Potsdam er&#246;ffnet habe. Dem Typen wollte ich schon l&#228;ngst ’ne Retourkutsche verpassen.“ Und genau das ist dann passiert.</p>
<p>Bis 6.55 Uhr, als Gernhardt zuf&#228;llig auf die Uhr schaute, und dem Connaisseur ein „Oh mein Gott!“, entfuhr. „Wenn ich jetzt nicht losmache, ist das Fr&#252;hst&#252;cks-Manna wieder alle!“</p>
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		<title>Unter Umst&#228;nden eine Niederlage</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 08:39:01 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Holger Politt, Warschau
Polens neuer Pr&#228;sident hei&#223;t Bronisław Komorowski. Er galt bisher als treuer Parteisoldat auf der konservativen Ecke der PO-Partei, die seit 2007 mit Donald Tusk den Ministerpr&#228;sidenten stellt und stets &#252;ber Lech Kaczynski klagte, weil der ihr das Regieren im Stile unverbl&#252;mter Opposition schwermachte. Auch deshalb, so Tusk und die PO immer wieder, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Holger Politt, Warschau</h3>
<p>Polens neuer Pr&#228;sident hei&#223;t Bronisław Komorowski. Er galt bisher als treuer Parteisoldat auf der konservativen Ecke der PO-Partei, die seit 2007 mit Donald Tusk den Ministerpr&#228;sidenten stellt und stets &#252;ber Lech Kaczynski klagte, weil der ihr das Regieren im Stile unverbl&#252;mter Opposition schwermachte. Auch deshalb, so Tusk und die PO immer wieder, gel&#228;ngen l&#228;ngst f&#228;llige Reformen nicht, da nach Pr&#228;sidenteneinspruch wichtige Gesetzesinitiativen ins Parlament zur&#252;ckgelangten, wo dann eine Zweidrittelmehrheit gesucht werden mu&#223;te. Ein unertr&#228;glicher Zustand, so die Regierungspartei, der die einfache Mehrheitsregel in der parlamentarischen Demokratie au&#223;er Kraft setze.</p>
<p>In der Tat steht dem Pr&#228;sidenten bei unseren Nachbarn ein sogenanntes Veto-Recht zu, weshalb das direkt gew&#228;hlte Amt immer von besonderem politischem Gewicht war. Polens &#214;ffentlichkeit hat sich bereits seit langem an den diffizilen Streit zwischen den beiden obersten Machtzentren gew&#246;hnt. Ein Lied davon darf auch Leszek Miller singen, der als Regierungschef einer SLD-gef&#252;hrten Regierung in den Jahren 2001 bis 2004 so manchen harten Strau&#223; mit Aleksander Kwasniewski ausfechten mu&#223;te, obwohl sie beide aus dem gleichen linksdemokratischen Holz waren.</p>
<p>Als Tusk im Januar dieses Jahres die M&#246;glichkeit sah, an das Pr&#228;sidentenamt zu gelangen ohne selbst starten zu m&#252;ssen, denn die Umfragewerte gaben dem amtierenden Lech Kaczynski kaum noch Aussichten auf eine Wiederwahl, entschied er, Komorowski ins Rennen zu schicken. Er blieb bei dieser Entscheidung, als durch den pl&#246;tzlichen Unfalltod des Pr&#228;sidenten im April die Wahlen vorgezogen werden mu&#223;ten. Er sprach vor der Katastrophe h&#228;ufig davon, da&#223; das Amt ohnehin eher Staffage sei und er sich ganz auf die Regierungsarbeit konzentrieren wolle, denn da werde die entscheidende Musik f&#252;r das Land gespielt. So erkl&#228;rte er damals dem staunenden Volk seinen Verzicht und seinen Kandidaten.</p>
<p>Als aber nach der Katastrophe Jaroslaw Kaczynski seinem t&#246;dlich verungl&#252;ckten Zwillingsbruder ins Amt folgen wollte, &#228;nderte sich die Tonlage. Je mehr die Werte des umstrittenen Jaroslaw nach oben zeigten, desto wichtiger wurde in den &#196;u&#223;erungen des Ministerpr&#228;sidenten wiederum das Amt. Polen, so die Warnung Tusks, werde das Schicksal Griechenlands ereilen, wenn ein weiterer Kaczynski Pr&#228;sident werde. &#220;berhaupt drohe dem Land in einem solchen Falle die Katastrophe.</p>
<p>Tusk riskierte viel und wu&#223;te warum. Jetzt arbeitete er mit einem fast nicht zu &#252;bersehenen Veto. Ein weiterer Kaczynski komme f&#252;r die von ihm gef&#252;hrte Regierung nicht in Betracht. Komorowskis Wahlkampf wurde nahezu ausschlie&#223;lich auf eine latente Anti-Kaczynski-Stimmung aufgebaut, um die der Ministerpr&#228;sident wu&#223;te. Es drohe, so hie&#223; es, eine Neuauflage der IV. Republik, mit der das Kaczynski-Duo in den Jahren von 2005 bis 2007 das Land umkrempeln wollte. Es wurde vergessen hinzuzuf&#252;gen, da&#223; die beiden Ideenfinder dieses Schreckgespenstes recht prominent einst in den PO-Reihen zu finden waren – Jan Rokita und Pawel Spiewak. Im Kern ging es vor allem darum, die Verfassung zu &#228;ndern und ein Mehrheitswahlrecht nach britischem Vorbild einzuf&#252;hren, was die gr&#246;&#223;eren Parteien beg&#252;nstigt und die kleineren benachteiligt.</p>
<p>Zun&#228;chst glaubte Tusk noch lange, die Entscheidung werde bereits in der ersten Runde fallen, sein Kandidat die erforderlichen 50 Prozent bekommen. Nachdem die Schlu&#223;runde immer wahrscheinlicher wurde, &#228;nderte sich der Ton. Nicht Kaczynski, sondern Komorowski versprach den Menschen landauf, landab beinahe den Himmel auf Erden. Man brauche lediglich 500 Tage, um in Ruhe arbeiten zu k&#246;nnen, dann w&#252;rde man schon sehen. Es sein endlich Zeit f&#252;r das anstehende Reformwerk, mit dem Gesundheit, Bildung, Rente f&#252;r die Anforderungen des 21. Jahrhunderts fitt gemacht w&#252;rden. Was meint, es sei &#252;berall noch zuviel 20., gar 19. Jahrhundert drin, was aufh&#228;lt, bremst und &#252;berhaupt viel zu viel kostet. Und von den zu erwartenden finanziellen Entlastungen w&#252;rden schlie&#223;lich alle profitieren.</p>
<p>Vor f&#252;nf Jahren lag Tusk in der Schlu&#223;runde knapp vor Lech Kaczynski, mu&#223;te dann aber dem ein „solidarisches Polen“ verk&#252;ndenden Nationalkonservativen doch noch den Vortritt lassen. Entscheidend war das Wahlverhalten einer W&#228;hlergruppe, die mit 15 Prozent in Andrzej Lepper ihren Repr&#228;sentanten sah. Sie war l&#228;ndlich gepr&#228;gt und lie&#223; sich auf die „solidarische“ Seite locken. In &#228;hnlicher H&#246;he schnitt heuer Grzegorz Napieralski ab, der Parteichef der Linksdemokraten der SLD. Er bekam fast 14 Prozent und empfahl, zur Stichwahl zu gehen und einen der beiden konservativen Kandidaten zu w&#228;hlen. Wen, lie&#223; er offen. Am Wahltag aber entschieden sich zwei Drittel seiner W&#228;hler f&#252;r Komorowski, so da&#223; Kaczynski keine Aussicht mehr hatte, den R&#252;ckstand aus der ersten Runde wettzumachen.</p>
<p>Mit Komorowski im Amt verliert Tusk sein gl&#228;nzendes Alibi, denn Schuld an allem war immer der Pr&#228;sident. Der machte tats&#228;chlich &#252;berreichlich Gebrauch von seinem Veto-Recht, spielte damit der Opposition klar in die Hand. Jetzt aber r&#252;cken Parlament und wohl auch die gro&#223;en Gewerkschaftszentralen wieder st&#228;rker in den Mittelpunkt des Interesses. Denn unter den Parlamentsparteien haben PiS mit „Solidarnosc“ und die SLD mit der OPZZ die weitaus besten Gewerkschaftskontakte. Einen ersten Fingerzeig d&#252;rfte es im Herbst geben, auch dar&#252;ber, ob die im Fr&#252;hjahr und Fr&#252;hsommer 2010 sichtbar gewordenen Tendenzen erhalten bleiben. Und sp&#228;testens im Herbst 2011 gibt es die n&#228;chsten Parlamentswahlen.</p>
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		<title>Ein ehrenwerter Mann</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 08:30:07 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Bruno Overbeck]]></category>
		<category><![CDATA[Grundgesetz]]></category>
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		<category><![CDATA[Nikolaus Schneider]]></category>

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		<description><![CDATA[von Bruno Overbeck
Nikolaus Schneider, Pr&#228;ses der Evangelischen Kirche im Rheinland und derzeit Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, ist ein ehrenwerter Mann. Er ist freundlich. Er ist sympathisch. Er sorgt sich um soziale Gerechtigkeit. Er hat ein schweres Lebensschicksal: Seine Tochter ist an Krebs gestorben. Er k&#246;nnte den Ratsvorsitz, den er kommissarisch aus&#252;bt, auf Dauer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Bruno Overbeck</h3>
<p>Nikolaus Schneider, Pr&#228;ses der Evangelischen Kirche im Rheinland und derzeit Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, ist ein ehrenwerter Mann. Er ist freundlich. Er ist sympathisch. Er sorgt sich um soziale Gerechtigkeit. Er hat ein schweres Lebensschicksal: Seine Tochter ist an Krebs gestorben. Er k&#246;nnte den Ratsvorsitz, den er kommissarisch aus&#252;bt, auf Dauer &#252;bernehmen.</p>
<p>Nun hat Nikolaus Schneider in einer kircheninternen Zeitschrift (EKiR.<em>info 3</em> vom Juni 2010) den Leitartikel geschrieben. Das Verfassen eines Leitartikels setzt bekanntlich stilistisches Gesp&#252;r, vor allem aber gedankliche Klarheit voraus. Das sieht dann so aus: „Immer wieder bricht die Frage auf, ob Symbole des christlichen Glaubens im &#246;ffentlichen Raum in Erscheinung treten d&#252;rfen: Kreuze in Klassenzimmern, in Gerichtss&#228;len? Und grunds&#228;tzlicher wird gefragt, ob christlich-j&#252;dische Pr&#228;gungen des &#246;ffentlichen Lebens wie der Rhythmus von Arbeitstagen und Sonntagen nicht eine unzul&#228;ssige Einengung des Lebens von Menschen in einer pluralen Gesellschaft darstellen.“ Aha: des Lebens von Menschen also, nicht von Hunden, Mikroben oder Delphinen; das scheint wichtig zu sein. Bisher kannte ich nur j&#252;disch-christliche Pr&#228;gungen; das Judentum ist schlie&#223;lich &#228;lter und dem Christentum vorausgegangen. Christlich-j&#252;dische Traditionen sind wohl etwas anderes. Was nur? Das Gegenst&#252;ck vielleicht zu buddhistisch-j&#252;dischen oder muslimisch-j&#252;dischen? Immerhin geh&#246;rt der Sonntag dazu. Der wird ja von Juden auch so intensiv gefeiert. Wenigstens eines ist aber klar: das Kreuz ist Symbol des christlichen Glaubens. Das sollten wir uns merken.</p>
<p>„Bei der Beantwortung dieser Fragen ringen wir darum, wie wir die Trennung von Staat und Kirche verstehen sollen, die unser Grundgesetz vorschreibt.“ Wer ist wir? Die Kirche etwa? F&#252;r die Interpretation des Grundgesetzes ist das Bundesverfassungsgericht zust&#228;ndig, und das hat in dieser Sache schon eindeutige Urteile gef&#228;llt. Es braucht nicht mehr zu <em>ringen</em>. Wie denn &#252;berhaupt die Fragen anonym gestellt werden oder aufbrechen, hingegen wir f&#252;r die Antworten zust&#228;ndig sein sollen. Nein, umgekehrt ist es: Menschen haben die Frage gestellt, die Antwort ist vom Gericht gegeben. Jede weitere Antwort, die die Entscheidung des Gerichts ignorieren zu k&#246;nnen meint, ist unversch&#228;mt.</p>
<p>„Staat und Kirche sind einerseits deutlich getrennt, andererseits aber einander zugeordnet und in vielf&#228;ltigen Kooperationen miteinander verbunden. Damit wird zum Ausgleich gebracht, da&#223; die Kirche keine staatliche Gewalt aus&#252;bt und der Staat keine totalit&#228;ren Anspr&#252;che auf das Denken und den Glauben der Menschen hat.“ Inwiefern da zum Ausgleich gebracht wird und nicht zum Ausdruck, entzieht sich meinem beschr&#228;nkten Verstande. Wie auch immer: Es scheint ein gro&#223;er Fortschritt zu sein, da&#223; die Kirche keine staatliche Gewalt aus&#252;bt. In der Tat – gemessen an Innozenz III., der die weltlichen Herrscher als Lehenstr&#228;ger des Papstes betrachtete, ist es das. Vielleicht sollten wir auch in einer pluralen Gesellschaft Schneider f&#252;r seinen Verzicht auf staatliche Gewaltaus&#252;bung die F&#252;&#223;e k&#252;ssen.</p>
<p>Richtig zur Hochform l&#228;uft der Pr&#228;ses mit seinem Beispiel auf: „Das Kreuz im Gerichtssaal … erinnert die Vertreterinnen und Vertreter der Staatsgewalt daran, da&#223; sie zwischen den Menschen und ihren noch so schlimmen Taten unterscheiden m&#252;ssen. T&#228;ter sind f&#252;r ihre Taten verantwortlich, aber sie sind immer mehr als ihr Tun, sie verlieren durch ihre Tat ihr ‚Menschsein‘ nicht.“ Oh, welche Neuigkeit! Folgt das nicht schon aus dem ersten Artikel des Grundgesetzes? Immerhin: die politisch korrekte, inklusive Sprache hat Schneider gelernt …</p>
<p>„Deshalb d&#252;rfen keine endg&#252;ltigen Urteile gef&#228;llt werden, die Todesstrafe verbietet sich“ – sagt mir der Anblick eines Kreuzes! Richtig: da&#223; die Todesstrafe sich verbietet, lehrt mich jedes Hinrichtungs-Instrument – der Galgen, der Richtblock, der elektrische Stuhl. Man sollte Bilder davon in jedem Gerichtssaal anbringen, damit sich Richter, Staatsanw&#228;lte und Angeklagte richtig wohl f&#252;hlen. Wie nennt man solche P&#228;dagogik?</p>
<p>„Den vor Gericht Gestellten sagt das Kreuz, da&#223; sie jenseits allen menschlichen Beurteilens eine Zukunft als von Gott geliebte Menschen haben.“ Ich stelle mir den Muslim vor, des Ehrenmordes beschuldigt, bei dem der Anblick des Kreuzes diesen Gedanken ganz selbstverst&#228;ndlich ausl&#246;st. Ich stelle mir Atheisten vor, die nichts lieber tun m&#246;chten, als sich im Gerichtssaal &#252;ber die Liebe Gottes aufkl&#228;ren zu lassen (Wie und warum Gott seine Menschenliebe eigentlich gerade durch eine Kreuzigung beweisen mu&#223;te, dar&#252;ber gibt es in der rheinischen Kirche zur Zeit eine heftige Diskussion, an der auch Schneider beteiligt ist.) Ich stelle mir Gelegenheitsdiebe vor, Betr&#252;ger, Unfallfahrer, wie sie s&#228;mtlich vor R&#252;hrung weinen angesichts dieses An- und Ausblicks. Ich stelle mir Nikolaus Schneider vor, freudig erregt &#252;ber den Fund eines Beispiels, das sich so unmittelbar anbietet, das so unbezwingbar logisch ist und das die Lebenswirklichkeit so vollendet abbildet.</p>
<p>„Das Kreuz als Erinnerungszeichen an die bei Gott bewahrte Menschenw&#252;rde aller Frauen und M&#228;nner ist heilsam f&#252;r unser Leben als Einzelne und als Gesellschaft – &#252;ber die Zugeh&#246;rigkeit zu Konfessionen und Religionen hinaus. Deshalb braucht eine plurale Gesellschaft wertbesetzte Symbole wie das Kreuz – auch in &#246;ffentlichen R&#228;umen.“ Eben noch Symbol des christlichen Glaubens – nun Zeichen der Menschenw&#252;rde: Schneider wei&#223; offenbar selber nicht, was das Kreuz eigentlich ist. Ein Symbol ist etwas, in dem Wahrnehmbares und Nicht-Wahrnehmbares zusammenfallen; ein Zeichen ist ein wahrnehmbarer Hinweis; ein Zeichen ist kein Symbol und ein Symbol kein Zeichen. Das Wort wertbest&#228;ndig gibt es, wertbesetzt nicht; denn besetzt werden Pl&#228;tze oder L&#228;nder, aber nicht Symbole. Und welcher Wert es ist, der da besetzt haben soll: die Menschenw&#252;rde oder der christliche Glaube? Aber ist der ein Wert? Oder nicht viel mehr? … Das alles verstehe, wer will oder kann. Ich kann es nicht.</p>
<p>Nikolaus Schneider aber ist ein ehrenwerter Mann. Die Brillanz seines Stils verzaubert, der Schwung seiner Rhetorik rei&#223;t mit, die Klarheit seiner Gedanken &#252;berw&#228;ltigt. Unter Nikolaus Schneider geht der deutsche Protestantismus herrlichen Zeiten entgegen.</p>
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		<title>Freiheit?</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jul 2010 08:12:43 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Bundesarbeitsgericht]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerrechtler]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Heerke Hummel]]></category>
		<category><![CDATA[Joachim Gauck]]></category>

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		<description><![CDATA[von Heerke Hummel
Seitdem das Bundesarbeitsgericht (BAG) am 23. Juni mit einem Urteilsspruch die bisher bestehende Tarifeinheit aufgehoben hat, wonach in einem Betrieb entsprechend dem Prinzip „Ein Betrieb – eine Gewerkschaft“ nur ein mit der Gewerkschaft ausgehandelter Tarif g&#252;ltig sein kann, wird nun, wie Kommentatoren meinen, der Fall eintreten k&#246;nnen, da&#223; in ein und demselben Betrieb ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>von Heerke Hummel</h3>
<p>Seitdem das Bundesarbeitsgericht (BAG) am 23. Juni mit einem Urteilsspruch die bisher bestehende Tarifeinheit aufgehoben hat, wonach in einem Betrieb entsprechend dem Prinzip „Ein Betrieb – eine Gewerkschaft“ nur <em>ein</em> mit der Gewerkschaft ausgehandelter Tarif g&#252;ltig sein kann, wird nun, wie Kommentatoren meinen, der Fall eintreten k&#246;nnen, da&#223; in ein und demselben Betrieb ein Mitglied, sagen wir, einer DGB-Gewerkschaft beispielsweise 7,60 Euro pro Stunde erh&#228;lt, w&#228;hrend sich ein Mitglied zum Beispiel einer christlichen Gewerkschaft mit vielleicht 7,40 Euro zufrieden geben mu&#223;. Und der Arbeitsbeginn des Ersteren k&#246;nnte m&#246;glicherweise auf 8.00 Uhr festgelegt sein, der des Letzteren auf 7.30 Uhr. Ein wesentlicher Grund solcher Wende in der Rechtsprechung: „Man hat letztendlich sich dazu entschlossen, da&#223; die Koalitionsfreiheit an dieser Stelle der entscheidende Ma&#223;stab ist und da&#223; man durchaus eine Konkurrenz zwischen den verschiedenen Gewerkschaften auch im Betrieb haben kann“, vermutet man in IG Metall-Vorstandskreisen.</p>
<p>Da ist es wieder einmal, das magische Wort „Freiheit“. Freiheit um jeden Preis! Richtig? Nein! Denn immer gibt es auch eine Notwendigkeit, die der Freiheit Grenzen setzt. Und letztlich sind es dann die <em>Interessen </em>der Akteure, die Recht fordern oder setzen. Wessen und was f&#252;r Interessen also sind hier am Wirken? Klasseninteressen? Gruppeninteressen? Unternehmerinteressen? Solche von „Arbeitnehmern“?</p>
<p>Gewerkschaften sollten einst die Koalition der Arbeiterschaft zur wirksameren Wahrnehmung ihrer Interessen in der Auseinandersetzung mit den Unternehmern organisieren. Die Freiheit, sich zu koalieren, um durch Einigkeit stark zu sein, war – bei sinnvoller Nutzung – eine wichtige rechtliche Errungenschaft. Wird sie nun aber zur Zersplitterung gewerkschaftlicher Kampfkraft mi&#223;braucht, ob mit Absicht oder nicht und von wem auch immer, so ger&#228;t die positive Bedeutung des Begriffs Freiheit ins Zwielicht. Vielleicht w&#228;re es besser, vom „Recht auf …“ zu sprechen, um nicht von vornherein jede Einschr&#228;nkung als Freiheitsberaubung zu diffamieren.</p>
<p>Brachte etwa die Befreiung vom Faschismus den Deutschen 1945 <em>die</em> Freiheit? Es war die Befreiung von einer bestimmten, furchtbaren Gei&#223;el auf einem Irrweg. Wie frei und unfrei zugleich die Deutschen in Ost und West dann 40 und nun insgesamt 60 Jahre lang waren – je nach ihrer sozialen Herkunft und Stellung in der Gesellschaft, nach ihrer politischen Ausrichtung, dem konkreten Betrachtungsfeld undsoweiter – wissen wir aus eigener, mehr oder weniger langer Lebenserfahrung. Und 1989/90, als sich 17 Millionen Ostdeutsche selbst von der Bevormundung durch eine Parteiobrigkeit befreiten, um sich dann ins „Reich der Freiheit“ zu begeben, sich ihm anzuschlie&#223;en? Es waren wieder bestimmte Rechte, die gewonnen wurden, aber auch verloren gingen – je nachdem, von wem und wovon die Rede ist. Manch einer kam vom Regen in die Traufe.</p>
<p>Freiheit? Gar mehr Freiheit? Kann man das gewonnene Recht auf ungehinderte Ausreise mit dem verlorenen Rechtsanspruch auf Arbeit und auf Erwerb des Lebensunterhalts durch Arbeit vergleichen? Sind die freien, z&#252;gellosen Spekulationen und Finanztransaktionen von Bank- und Konzernmanagern weniger desastr&#246;s als es die G&#228;ngelei von Betriebs- und Kombinatsdirektoren durch eine zentrale Parteiadministration war? War es ein Freiheitsgewinn, da&#223; nach dem „Beitritt“ der DDR in den nun ostdeutschen L&#228;ndern Kinder pl&#246;tzlich im Umfeld der Schule zum Kiffen animiert, drogenabh&#228;ngig gemacht und in ihrer geistigen Reifung behindert werden konnten? Wer von solchen und anderen Problemen nicht betroffen wurde, sieht das alles gewiss weniger dramatisch als jemand, dem sie Existenz&#228;ngste bereiteten.</p>
<p>Nicht wenige B&#252;rgerrechtler der DDR sind heute entt&#228;uscht davon, was aus ihrem Sieg vor 20 Jahren geworden ist. Manche engagieren sich wieder, zum Beispiel bei der „Akademie auf Zeit Solidarische &#214;konomie“ f&#252;r eine neue „Wende“ (siehe „Das Bl&#228;ttchen“, Nr. 25/2008). Andere, die es durch Anpassung „geschafft“ haben, obenauf sind, lassen sich nun nachtr&#228;glich ganz allgemein zu Freiheitsk&#228;mpfern stilisieren, geschehen im j&#252;ngsten Wahlkampf um das Amt des Bundespr&#228;sidenten. Von „Freiheit und Verantwortung“ war da die Rede. Eine neue Freiheit? Zu Kampfeins&#228;tzen mit unz&#228;hligen zivilen Opfern in aller Welt, wo es angeblich um „unsere Interessen“ geht, wo Andersdenkende Widerstand leisten gegen Ausbeutung und das Eindringen unserer Glaubens- und Lebensweise – von Herrn Gauck als ehemaligem Rostocker Pfarrer und B&#252;rgerrechtler f&#252;r notwendig gehalten? Freiheit, Langzeitarbeitslosen ihren Lebenssinn zu nehmen und sie menschenunw&#252;rdig durchzuf&#252;ttern – von dem ehemaligen B&#252;rgerrechtler ebenfalls toleriert?</p>
<p>Und was hat das alles mit Verantwortung zu tun? Ich sehe &#252;berall nur von Egoismus getriebene Verantwortungslosigkeit, bestenfalls Appelle zu „verantwortlichem“ Handeln. Aber diesen zu folgen soll nat&#252;rlich immer der freien Entscheidung der Akteure &#252;berlassen sein, deren Freiheit nicht durch Gesetze zu beschr&#228;nken ist. Wie lange noch?</p>
<p>Freiheit, so wurde uns im Osten einmal gelehrt, sei Einsicht in die Notwendigkeit – eine nicht selten belachte Meinung. Ich halte sie auch heute f&#252;r richtig. Allerdings erfordert sie Mut zur Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegen&#252;ber. Die B&#252;rgerrechtler hatten ihn mit ihrer lauten Forderung nach Freiheit f&#252;r die Andersdenkenden. Bei vielen ist er leider nicht mehr zu erkennen.</p>
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