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Vorschlag zum Thema von Hajo Jasper: Wenn schon nicht die Namen, so sollte doch die Parteizugehörigkeit und/oder das Wahlverhalten jener Steuerbetrüger genannt werden, die nun, da sie ohnehin aufzufliegen drohen, sich selbst anzeigen, um gnädig unterm Tegen wegzukommen.
Wetten, daß es lauter gelb-schwarze Leistungsträger sind?
Zu Zeiten der Französischen Revolution hätte es in solchen Fällen wohl geheißen “A la lanterne!” – wie Wolf Biermann das Ausbleiben dieser Forderung nach der Wende bedauert hat. So rachsüchtig sind wir geläuterten Bürger des 21. Jahrhunderts freilich nicht mehr – aber Spießruten sollten jene, die Marktwirtschaft und Demokratie so auf den Hund gebracht haben, allemal laufen müssen.
Kay
Das Kind im Brunnen
Ein Kind ist in den Brunnen gefallen. Fünf, die das bemerken, bauen sich am Rand der Zisterne auf und schauen gebannt in die Tiefe. Daß das Kind gerade am Ertrinken ist, so ihre übereinstimmende Auffassung, hat Ursachen, über die jetzt und ein für alle mal – und zwar Tacheles (!) – geredet und entschieden werden müsse. Das verlange nach einer Analyse der ursächlichen Umstände für das Desaster, dem Abwägen von Alternativen und nach einer gesetzes- und verfassungskonformen Beschlußfassung.
Da die Berechtigung dieser Überlegungen absolut plausibel und daher unstrittig, ist die Leidenschaft, mit der die Analyse nun vorgenommen wird, beträchtlich. Schließlich geht es um ein Menschenleben; um viele mehr sogar noch, würde sich nichts an den Rahmenbedingungen ändern! Wer also – wird scharf die Frage gestellt – trägt die Schuld daran, daß der Brunnen nicht so eingezäunt war, wie es zur Verhinderung dieses Dramas hätte sein müssen? Wer ist zur Verantwortung zu ziehen: lokal, kommunal, gesamtstaatlich, global? Wie hätten Elternhaus, Schule, und vor allem die Kinder selbst, aufgeklärt werden müssen über die Gefahren, die im Leben auf sie lauern? Wie wäre eine auf nachhaltige Sicherheit bedachte Lösung vorzubereiten, beschlussfähig zu machen und durch eine konsequente Umsetzung zu realisieren gewesen, auf daß Unglücke wie dieses sich nie mehr wiederholen könnten?
Die Debatte über all das am Brunnenrand ist leidenschaftlich, und man gerät in Anbetracht der dramatischen Lage mehr und mehr zu einem parteiübergreifenden Konsens. Zum Glück sind Feder und Papier zur Hand; der nach weniger als zwei Stunden gefasste Gemeinwille wird festgehalten, redigiert und in seiner endgültigen Form von allen Unfallzeugen ratifiziert.
„Und wenn wir das Kind erstmal retten?“ fragt plötzlich ein Hinzugetretener. Die derweil zur Arbeitsgemeinschaft „Gegen ungeschützte Brunnen“ konstituierten Fünf lassen ihn tolerant gewähren. Erst nachdem das Kind glücklich geborgen und in letzter Minute sogar hatte wiederbelebt werden können, sagen sie ihm auf den Kopf zu, wie verächtlich sie seinen konzeptionslosen Aktionismus finden.
P.S. diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten zum Beispiel mit der derzeitigen Debatte über Schnee-, Eis- und Müllberäumung in der deutschen Hauptstadt (Werbeformel: be berlin!) sind rein zufällig.
Parteitags-Lobbyismus aus Insider-Sicht
von H. Klein am 26. Februar 2010
Quelle: http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2010/02/parteitags-lobbyismus-aus-insider-sicht/
Und Westerwelle hat doch Recht –
Politprostitution und -dekadenz
Was ist Prostitution? Menschenhandel, seine Haut zu Markte tragen, das ist Prostitution, seinen Körper verkaufen müssen. Im Allgemeinen sind es Frauen, oft Männer, die das tun, oft gezwungen, oft auch Kinder, und häufig gibt es mehrere Zwischenhändler, die an ihr verdienen, die Zuhälter, und über Dinge wie Kinderprostitution, wollen wir hier gar nicht reden. Sondern von Politik und Wirtschaft.
Es ist die tägliche Politprostitution, die (alt?)-römisch anmutende Politdekadenz, Westerwelle hat Recht, nur drei Finger zeigen zurück auf ihn, seine Partei, deren Klientel, das gesamte Politsystem, die Wirtschaft, den Staat, wie er einerseits als ein Zuhälter, andererseits als Nutte fungiert.
Menschenhandel an sich sollte verboten sein, und anderes ist es nicht, und es gehören immer zwei dazu, einen, der sich anbietet, einen, der die, nennen wir sie nett „Dienstleistung“ kauft, das fängt damit an, daß das Baby vom Kindchenschema lebt und hört in der Wirtschaft nicht auf.
Ganz schlimm aber wird es, wenn Politik sich prostituiert, käuflich wird. Wenn Politiker ein Wahlversprechen geben und dafür gewählt werden, gehört es ebenso dazu, wie, wenn dafür Geld genommen wird, es ist immer ein Geben und Nehmen, und nur selten sind anschließend beide Partner zufrieden. Wird dafür im politischen aber Geld angenommen, in der Wirtschaft, so nennt man das Bestechung und es ist doch nur und nichts anderes Prostitution, von der Prostitutionselite politisch korrekt bezeichnet, anders, wie ihr genehm, formuliert.
Politprostitution, politische Verhandlungen, Koalitionsverhandlungen, Ausschüsse unter Ausschluß der Öffentlichkeit, bis spät in die Nacht, nichts als das, was die Edelnutte nicht auch tun würde, bevor sie sich verkauft…
Parteienfinanzierung, wie sie heute üblich ist, nichts als Prostitution und schiere Zuhälterei, Punktum, ob den Akteuren das nun passt, oder nicht, wer in die Politik geht, prostituiert sich in irgendeiner Form, bewusst oder unbewusst. Basta. Der eine bezahlt in Naturalien, in Reisen oder mit anderen Annehmlichkeiten, mit seiner Stimme, der andere stimmt zu, erfüllt unbewußte oder bewußte Erwartungen, meist bewußt, gesteuert, Forderungen, Leistung und Gegenleistung.
Jede Partei ist irgendein mehr oder weniger leichtes Mädchen, gut, eher eine Edelnutte, denn billig ist es nicht, bis Forderungen irgendwann in Form und Gesetz gegossen werden, von gut bezahlten Anwälten, und weil niemand alle Berufe erlernt haben kann, undurchsichtig, wenn es an Einzelinteressen geht, wie das zum Beispiel im Gesundheitswesen, bei der Waffenindustrie ect. üblich ist.
Zur Prostituierten wird nun der Zuhälter zwischengeschaltet, der Lobbyist, der, der die Nutte für die Wirtschaft darstellt und sich und den Körper des Unternehmens bei der Politik zu verkaufen hat. Ein sich prostituierender Doppelagent quasi, der von beiden Seiten an die jeweilig andere berichtet, je nachdem, wer gerade besser zahlt…
Aber ein einziger Zuhälter reicht nicht, ein zweiter wird fällig, der Anwalt des Lobbyisten, der, der ihm die fertigen Gesetzestexte liefert, was kein Politiker je könnte. Die Politnutte nimmt es dankbar an, ansonsten wäre sie nicht in der Lage, ihr Tagesgeschäft, von dem sie ja lebt, zu erfüllen, und bei großen Forderungen ist mit dem parlamentarisch verabschiedeten Gesetzestext der Aufsichtsratsposten für die älter werdende Prostituierte, die nun auch unattraktiver wird (weil nicht gewählt, aber stimmberechtigt), verbunden.
Derweil braucht die zahlende Zuhälter-Klientel etwas, um sich vor der Staatsfinanzierung zu drücken, Gesetze zu ihren Gunsten mit vielen undichten Stellen oder ganzen Schlaglöchern, Steuergesetze, die niemand durchschaut, steuerberatende Zuhälter, Banken, die sich nach oben und unten prostituieren, die, die an beiden Seiten verdienen.
Geld reicht aber oft nicht aus, schließlich sind Wahlkämpfe teuer, jeder im System will gewählt, wieder gewählt werden. Parteienkapitalwachstum wie im Dschungel. Wird eine Partei zu gierig, ein Politiker, dann gibt es die Aufstockung, dann verkauft man seine PolitikerInnen für Einzelgespräche, wie im Falle Rüttgers geschehen.
Wer das System von Gebern und Nehmern einmal genauer analysiert, der stellt fest, Westerwelle hat hat doch Recht, wenn er von altrömischer Dekadenz spricht. Jeder Mensch braucht Vorbilder, und Vorbilder sind es nicht, die diesen Staat regieren, ihn präsentieren. Jeder kehre vor seiner eigenen Haustür, speziell die FDP, die sich prostituiert, wann immer sie kann, und die zum Brutus wird, wann immer möglich.
Jawohl, Deutschland versinkt im Chaos altrömischer Dekadenz, und das fängt bei der Macht des Kapitals der Reichen an und endet nicht bei Rüttgers und in den Parteien. Das beginnt bei der Gesetzgebung, die Diebstahl schärfer bestraft als Mord und endet nicht beim Steuergesetz. Wer diese Dekadenz abschaffen will und es ehrlich meint, der hält nicht unflätige Reden gegen schwächere, der arbeitet für sein Geld, und setzt sich genau für diese ein, verteidigt sie, das wäre sozial. Der schafft schlagartig alle Steuerlöcher ab und einen einheitlichen Steuersatz für alles an. Wer das nicht will, der ist eine verlogene Prostituierte, die dem nächsten besserzahlenden Freier den Allerwertesten zur Begutachtung ins Gesicht schiebt, nur weil er seinen eigenen Vorteil sucht und eigene Privilegien verbessern oder erhalten will!
Und ja, Wechselwähler sind auch Nutten, aber diese haben wenigstens keine solchen Zuhälter sondern wenigstens noch etwas Hoffnung auf Besserung, während Nichtwähler oft die Hoffnung bereits verloren haben und das Beste aus dem Großpuff Deutschland und seinen diversen Zuhältern und Nutten zu machen wissen.
Und die Hartz4-Empfänger? Das sind die, die ganz unten gelandet sind, die Kinder vom Bahnhof Zoo, die niemand mehr will, die Ausgestoßenen, das sind die, die ihre Körper nun auf dem Straßenpuff an jeden zu jedem Preis verkaufen müssen, weil sie endlich von den Zuhältern durch Wohlstandsdrogen so abhängig gemacht wurden, daß sie jeden Lidl-, Aldi- und haste nicht gesehen Schwanz mit Minimalentlohnung lutschen müssen –
jeden Job ertragen müssen, den dieser angebliche Sozialstaat ihnen noch läßt, nur, damit sie nicht ganz auf dem Abfallhaufen der reichen Politklientel landen, die derweil mit dem Maserati in der Suppenküche nach dem rechten schaut.
Und unter diesen unwürdigen Bettlern sind auch immer öfter die eigenen Großeltern, die noch leben, die wenigen alten Menschen, die ihnen ihre Reichtümer und ihren Wohlstand vererbten, die, die es ihnen ermöglichten zu protzen ohne zu klotzen, ohne zu erarbeiten zu schwelgen, dieses Wohlstandsniveau, auf dem sie hocken, welches sie ihren eigenen Eltern, Kindern und Enkeln nicht gönnen wollen, wenn diese es ihnen nachtun, und ebenso wie all die Westerwelles nur abzukassieren gelernt haben.
Prostitution bis zum Erbrechen verfeinert, denn ohne sie wäre das heutige Politgeschäft unmöglich. Wer ehrlich ist gibt das zu und krempelt endlich die eigenen Ärmel hoch, schraubt eigene Vorteile und die der Klientel herunter, passt an Realitäten an, wirft über Bord und baut ein System, das den Namen verdient, allerdings ist da unvereinbar mit Amt und Würden und kostet. Und bezahlen, das wissen wir, wollen solche wie Westerwelle und Konsorten nie. Dumm geboren und nichts dazu gelernt, außer, einem, nämlich dem, wie man sich prostituiert und das System dahinter gleich mit.
Na dann Prost, unten Wasser, oben Champagner, dann wird die Wirtschaft schon wachsen und die römische Dekadenz der Mächtigen in alle Ewigkeit blühen, und es ist nichts anderes, was solche dunklen Gesellen, wie jene an der Macht wirklich wollen, denn sonst würden sie ein Stück von ihrer Macht loslassen und Bürgerbegehren, Volksentscheide ect. viel öfter genehmigen und nicht dauerhaft der wahren Demokratie Steine in den Weg legen, und sie würden auch viel öfter ihre Ämter niederlegen.
Aber so ist das, den Anstand zur Einsicht, für das Volk und zu seinem und nicht ausschließlich zum eigenen Wohl zu handeln, der geht bei Machtinteressen zuerst flöten, wie Westerwelles verbale Ausscheidungen und Rüttgers Haut-Verkäufer in seiner Partei beweisen.
In der Wirtschaft und beim Kapital hört er sowieso komplett auf, der Anstand, das sieht man, wenn ein Fahrer ein Autorennen einer sterbenden Mutter vorzieht oder wenn Madame im Pelz um Volksgeld wimmert, damit sie den Pudelpool heizen kann, oder, wenn bei der Obdachlosenhilfe der Chef im Maserati vorfährt, wenn ein Politiker auf die einprügelt, denen er sein Einkommen verdankt. Wenn Arbeitsplätze ob schierer Gier ins “Kinderarbeitende” Ausland verlegt werden und wenn der Mindestlohn von 1 Euro noch vom Steuerzahler finanziert werden muss.
Und nun darf Westerwelle gerne beantworten ob ein Geldwinkel oder ein Hartzmüller dem Sozialstaat mehr schadet.
Der Steuerhinterzieher jedenfalls geht bei Selbstanzeige straffrei aus, und feiert das beim Luxusurlaub auf der eigenen Jacht mit Politfreunden während der Hartzer leidet, über Generationen, weil man seinen Kindern die gleiche Bildung verwehrt, in Sippenhaft und auf Niedrigstniveau ausgebeutet und beschimpft und ohne Lobby.
©denise-a. langner-urso
http://menschenzeitung.de/?p=3096
Zu “Fit für die Volksgemeinschaft” von Wolfgang Brauer
Na, hab ich mir gedacht, so’n Titel? Da will mir doch einer den schönen ollen Film vermiesen!?
Und macht er auch. Nach Strich und Faden.
Aber recht hat er…
Ich habe nur die alte, zwar schon restaurierte, aber noch nicht ergänzte, Fassung gesehen, und das schon vor einigen Jahren; die Erinnerung ist also nicht ganz frisch. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist einfach nur blöd, das stimmt. Die Bilder fand ich mächtig gewaltig. Doch, im großen ganzen schon…
“Die Ästhetik von det Janze lappt schon bißken int Braune”, fand mein damaliger Mitkucker. Und er hatte nicht den Sepia-Ton der Aufnahmen gemeint.
Wir haben das dann, bei der anschließenden Nachbesprechung in einer Kneipe, zügig verdrängt, und uns mehr auf “für die damalige Zeit echt scharf” und “was hätten die noch alles machen können, wenn nicht der Anstreicher gekommen wäre” geeinigt.
Wolfgang Brauer hat das sehr schön seziert und herauspräpariert, was uns eher vom Gefühl her gestört hatte.
Aber einmal gesehen haben sollte man ihn schon, obwohl… Also, wenn ich es recht bedenke, dann war der Film für seine Zeit, was Matrix und Avatar für heute sind. Und die muß man ja auch nicht gesehen haben, findet
Martin Franke
Noch eine kurze Erwiderung auf den Kommentar von Uwe Stelbrink vom 20. Februar 2010 um 19:01 Uhr (Thema: Attac und Gesellschaftstheorie):
Lieber Uwe Stelbrink, danke für die interessanten Ergänzungen. Wir liegen mit unseren Auffassungen m.E. gar nicht weit auseinander. Eines muss ich jedoch klar stellen: Ich möchte keineswegs jedwede Gesellschaftstheorie durch eine Auflistung von “Veränderungsnotwendigkeiten” ersetzen. Dennoch müssen die zunächst formuliert sein, um die Ziele zu fixieren. Dann bedarf es einer Theorie, die lebbare und ökonomisch tragfähige gesellschaftliche Strukturen aufzeigt. Diese zu entwickeln obliegt der kommenden Generation. Klar ist, dass die gegenwärtige, globalisierte und stark fragmentierte Welt dafür wenig Handlungsspielräume eröffnet. Das Seiende überrollt die progressiven Denker geradezu. Wie es gelingen könnte, die Globalisierung vor allem in ihrer ökonomischen Komponente zurückzudrehen, um zur regionalen Produktion und Dienstleistung zurückzufinden, weiß ich derzeit auch nicht. das geht nur über massive internationale Interventionen – die es wiederum nur dann geben wird, wenn die Not größer wird (leider). Darüber, dass es auf Dauer unmöglich ist, unsere Produkte und Dienstleistungen mit denen zu vergleichen, die bei gleicher Qualität in Niedriglohnländern erzeugt werden und welche Auswirkungen Billigimporte auf die mittelständische Industrie in westlichen Industrieländern generieren, habe ich in meinem Buch ausführlich diskutiert. Wir müssen das heutige zerstörerische Wachstum und den Exportwahnsinn der großen Kapitalgesellschaften zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung ausbremsen. Das gelingt nur über neue Gesellschaftsentwürfe, gepaart mit außerparlamentarischen Massenbewegungen.
Zweifellos kann man auch an bestimmten Verhaltensweisen bei Bürgerbewegungen Kritik üben. Niemand ist ohne Fehler. Doch man sollte die positiven Wirkungen – vor allem die Impulse auf die Politik voranstellen. Ich wünsche mir eine enge Zusammenarbeit auch mit den Theoretikern. Sie haben einige von ihnen benannt. Und ich setze große Hoffnungen auf das von der Linken in Berlin initiierte, parteiübergreifende “Thinktank”-Denkfabrik (”Crossover-Institut” u.a.), dessen Gründungsaufruf 170 auf Veränderung bedachte Leute unterzeichnet haben.
Zur Person von Sven Giegold kann ich nur soviel sagen. Der Mann hat viel für Attac getan. Ihn jetzt als “bequemen” Grünen abzustempeln, halte ich für ungerecht. immerhin macht er bei der Denkfabrik mit und wird dort auch seinen Beitrag leisten. Die Attac-Arbeit ist schwer, weil sie zumeist nebenberuflich abläuft. Giegold hat bei attac längst einen Nachfolger gefunden, der seine Arbeit weiterführt. Lastenverteilung und Ablösung müssen immer zulässig bleiben – denn die Freude an der Sache darf nicht zerstört werden.
Schöne Grüße!
Dr. Ulrich Scharfenorth
http://www.stoerfall-zukunft.de
Mit Genehmigung des Autors aus dem „Neuen Deutschland“ vom 18.02.2010
Lieber Ulrich Scharfenorth,
Ihre Begeisterung für attac, dem ich einige Jahre angehörte, kann ich so nicht nachvollziehen. Das hat einmal etwas mit inhaltlichen Fragen zu tun und zum anderen mit persönlichen Erfahrungen (die ich mit einigen anderen teile).
Inhaltlich – um es hier in einer Replik nicht auszuweiten: attac verwechselt Kritik am Neoliberalismus mit Kapitalismuskritik, und das konsequent, weshalb die “Handlungsanweisungen” von attac immer auf die Wiederherstellung des guten alten Sozialstaats BRD hinaus laufen. Der aber ist passé, weil die Voraussetzungen dafür – eine funktionierende Verwertung – passé sind.
Erfahrungen: Neben vielem guten Willen habe ich vor allem Aktionismus und eine ausgeprägte, bis ins Persönliche gehende Theoriefeindlichkeit erlebt, die wiederum Ursache für siehe oben ist.
Ulrich Scharfenorth: “Hier kann ich mich nur fragen: Wer, bitte sehr, geht der Finanzkrise kritischer und zielstrebiger auf den Grund als … Attac?”
Na z.B. die Wertkritik, z.B. Robert Kurz “Das Weltkapital”. Oder siehe auch: http://www.exit-online.org, nur so als Beispiel…
Lieber Uwe Stelbrink, eine ausführliche Stellungnahme zu Ihrer Kritik ist in diesem Rahmen kaum möglich. Dennoch ein paar kurze Einwürfe:
1) Nach meinem Kenntnisstand und nach Hinweisen von Thomas Eberhard-Köster arbeiten bei Attac sowohl Menschen, die den Kapitalismus reformieren als auch solche, die ihn beseitigen wollen. Davon, dass der “gute alte Sozialstaat BRD” revitalisiert werden soll und nicht mehr … kann deshalb m.E. keine Rede sein. Vielmehr ist die künftige gesellschaftliche Struktur offen. Ich persönlich glaube, dass auch in Zukunft Staat und Gesellschaft ein Abbild des Menschen (mit all seinen guten und schlechten Eigenschaften) sein müssen und werden. Da ich das “real sozialistische Experiment” mit erlebt habe, glaube ich nicht mehr an (sozialistische/kommunistische) Wunder mit “edlen” selbstlosen Protagonisten an den Schalthebeln/der Macht. Wohl aber an katastrophengesteuerte Regulierung, die schlimmste Auswüchse des heutigen Neoliberalismus hinwegfegen wird (dazu mein Buch).
Ich halte die Idee zu Attac deshalb für besonders wichtig, weil m.E. nur außerparlamentarische Bürgerinitiativen etwas bewegen können. Sektirische Grüppchen (alle miteinander zerstritten) und ein paar tausend Gysi-Anhänger können niemals das Potential entwickeln, das für eine substanzielle Veränderung der Welt (ich spreche vom Ziel einer nachhaltigen EINEN WELT) nötig ist. Vielmehr muss man die Veränderungsnotwendigkeiten formulieren und dann schnittmengengemäß all die Leute (”Die Linke”, linke Kräfte in der SPD, bei den Grünen, in den Gewerkschaften etc.) sammeln, die der Hauptrichtung folgen wollen. Die müssen dann zu Zehn- und Hunderttausenden, unterstützt von kommenden Krisen, Druck machen.
Der Weg über die sog. reine (marxistische oder “nachmarxistische”) Lehre – mit den stets folgenden Ausgrenzungen der Abweichler – führt, das lehrt die Geschichte, in eine Sackgasse (Marginalisierung). Alle Säuberungen in der ehem. Sowjetunion/in den anderen soz. Ländern haben gezeigt, dass auch unter Kommunisten Eitelkeit und Machtbesessenheit dominierten. Da sich der Mensch auch in Zukunft nicht grundlegend verändern wird, bleibt es vermutlich bei diesen Mustern. Gut möglich, dass unter diesen Vorzeichen und Gegebenheiten eine dauerhafte Ablösung des Kapitalismus nicht möglich wird – so gern wir ihn auch loswerden möchten.
2) Ihre Quellen-Hinweise sind interessant. Ich habe Sie zumindest im Ansatz studiert. Theoretisches Rüstzeug ist – vor allem für die Diskussion – wichtig. Wenn Attac-Aktivisten hier “schlampen” oder nicht vertiefen wollen, ist das unverantwortlich. Ich persönlich glaube nicht, das solche Mängel vom Führungkreis mitgetragen/akzeptiert werden.
Meine Quellenhinweise fielen der Kürzung zum Opfer: „Wie kann eine neue Weltordnung aussehen? – Wege in eine nachhaltige Politik“ (Prof. Harald Müller), „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt“, „Neue Werte für die Wirtschaft“ (Christian Felber) sowie der „Atlas der Globalisierung“ („LE MONDE diplomatique“/“taz“).
Leider fehlt jeweils die Kritik des politischen Gegners und die Auseinandersetzung mit der Kritik an der Kritik.
http://www.stoerfall-zukunft.de
Lieber Ulrich Scharfenorth, das war ja auch keine „Kritik“ meinerseits, sondern bestenfalls eine „kritische Randbemerkung“ – allgemeine Glückwunschschreiben zum attac-Geburtstag kamen aus aller Herren Windrichtung; und da hatte ich in Ihrem Artikel einfach ein wenig kritische Distanz vermisst.
Nun machen Sie freilich einen inhaltlichen Bogen auf, der zwar auch attac betrifft, aber doch viel weiter reicht. Das können wir hier gar nicht austragen – aber vielleicht finden Sie Zeit, Ihre These (oder Befürchtung?) der „katastrophengesteuerten Regulierung“ für´s „Blättchen“ aufzubereiten; ich werde mich bemühen, am Beispiel (!) attac einige meiner kritischen Positionen genauer zu fassen.
Hier dagegen will ich auf einige Punkte Ihre Antwort eingehen, vor allem, um Missverständnissen vorzubeugen:
- Ich teile Ihre Auffassung, dass nur soziale Bewegungen, die sich selbst bewusst außerhalb des offiziellen Politikbetriebes stellen, in der Lage sind, grundlegende Änderungen an den bestehenden Verhältnissen oder sogar deren Überwindung in Gang zu setzen. Der von Ihnen genutzte und freilich gängige Begriff der „außerparlamentarischen Bewegungen“ verweist schon auf ein gravierendes Problem, denn er impliziert einen, wenn auch tendenziell kritischen, Bezug auf den parlamentarischen Betrieb, von dem man sich die Erfüllung der eigenen Forderungen erhofft. Ihr Verweis auf den „Sympathisanten“ Sven Giegold, dem dann das Hemd des Politikbetriebes der Grünen offensichtlich doch näher war als der Rock einer beschwerlich basisorientierten Organisation wie attac belegt das auf eine Weise, der ein gewisses „Gschmäckle“ nicht abgeht.
Ich könnte Ihnen einfach mit Marx Recht geben, dass „jeder Schritt wirklicher Bewegung … wichtiger (ist) als ein Dutzend Programme“, halte es aber für unverantwortlich, wenn in „außerparlamentarischen Bewegungen“ Ziele formuliert werden, die eine grundlegende Änderung gesellschaftlicher Verhältnisse versprechen, obwohl die angebotenen Lösungen oder „Handlungsanweisungen“ ohne Überwindung eben dieser bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nicht umsetzbar sind und dann meist in mehr oder weniger faulen Kompromissen innerhalb des Systems enden. Unverantwortlich vor allem deshalb, weil damit kritisches Potential verschlissen wird – das Auf und Ab vieler mittlerweile nur noch historischen Bewegungen belegt das.
- Ich kann Ihren Pessimismus – wenn das der richtige Begriff dafür ist, Sie werden wahrscheinlich eher von Realismus sprechen wollen – dass eine „dauerhafte Ablösung des Kapitalismus“ nicht möglich sein könnte, durchaus verstehen.
Die Erwartung in zukünftige Entwicklungen auf eine „katastrophengesteuerte Regulierung“ zu reduzieren wäre aber gleichbedeutend mit einem Vorabverzicht auf jegliche Möglichkeit einer Überwindung des Kapitalismus. Dann kann sich auch der Kampf sozialer Bewegungen „vernünftigerweise“ nur noch gegen die „schlimmsten Auswüchse“ und auf „Verbesserungen“ des Bestehenden richten. Das ist aber schon die Praxis, die aus Sicht der von den Segnungen des Kapitalismus besonders hart Gebeutelten nachvollziehbar ist.
Ich nehme dann den gleichen Pessimismus in Anspruch und halte das Entstehen einer neuen sozialen Bewegung, die über die warenproduzierende Gesellschaft dauerhaft hinaus will, immerhin noch für möglich.
- Ich habe das „real-sozialistische Experiment“, das ich heute begrifflich anders fasse, auch miterlebt, aber schon damals weder an sozialistische/kommunistische „Wunder“ und „edle“ Protagonisten an den Schalthebeln der Macht geglaubt. Ich teile auch Ihre Auffassung, dass „sektiererische Grüppchen… und ein paar tausend Gysi-Anhänger … niemals das Potential entwickeln (können), das für eine substantielle Veränderung der Welt… nötig ist.“
Sie wollen über die Formulierung von Veränderungsnotwendigkeiten (was Sie ja offensichtlich auch in Ihrem Buch tun – ich konnte bisher leider nur die Auszüge auf Ihrer Website zur Kenntnis nehmen) Schnittmengen erzeugen, die „all die Leute sammeln, die der Hauptrichtung folgen wollen“ und hoffen dabei, „unterstützt von kommenden Krisen“ auf Hunderttausende.
Zumindest von der „Hauptrichtung“ sollte es doch aber eine begründete Vorstellung geben. Zur Konkretisierung dieser Vorstellung kann in der Tat kein „Weg über die sog. reine (marxistische oder “nachmarxistische”) Lehre“ führen. Ohne eine offene, gleichwohl radikal kritische und gern auch „nachmarxistische“ Theorie wird sie aber auch nicht zu haben sein.
Ich habe beim Lesen Ihrer Texte ein wenig das Gefühl, dass Sie dabei sind, jedwede Gesellschaftstheorie durch eine ingenieurtechnische – Sie verzeihen den Bezug – Auflistung von „Veränderungsnotwendigkeiten“ ersetzen zu wollen. Da aber beharre ich dann nochmal auf meinem Pessimismus, was die Erfolgsaussichten solcher Herangehensweise betrifft.
Oder habe ich Sie einfach falsch verstanden?
Ein Lese-Tip
„Blättchen“-Leser, die in unserer neuesten Ausgabe (Nr. 3/2010) den XXL-Beitrag “Glaube, weil du kein Tier bist“ von Joanna Podgórska, Warschau, über Religion in polnischen Schulen gelesen haben (Nachdruck aus der „Polityka“), machen wir auf den untenstehenden Beitrag aus der heutigen Zeitung „Neues Deutschland“ aufmerksam.
Die Redaktion
Klare Antwort
Friedrich Küppersbusch in der Taz vom 15.02.2010
Gesteigerter Komfort
Die neue BLÄTTCHEN-Website erscheint mir gut handhabbar, aber da das Bessere noch stets der Feind des Guten war, hätte ich trotzdem zwei Wünsche.
Da ich nicht gern am Bildschirm lese, drucke ich mir aus, was mich interessiert. Das ist ist auch schon mal die komplette Ausgabe. Die ließe sich natürlich besser ausdrucken, wenn es eine entsprechende Funktion auf der Website gäbe oder man sich die komplette Ausgabe wenigstens als PDF downloaden könnte.
Und zum zweiten: Natürlich kann man sich merken, dass DAS BLÄTTCHEN alle 14 Tage erscheint. Aber mit Merkposten dieser Art ist es so eine Sache. Schöner wär’s, man könnte auf der Website seine Mail-Anschrift hinterlegen und bekäme bei Erscheinen der aktuellen Ausgabe jeweils eine automatische Nachricht.
Herzliche Grüße,
Wolfgang Schwarz
Lieber Herr Schwarz,
danke für Ihre Anmerkungen. Wir freuen uns immer über Kritik an dieser Seite.
Die Newsletter-Funktion ist sinnvoll und in Arbeit. Früher sorgten der Postbote oder der Zeitschriftenhändler dafür, dass sich die Leser den Erscheinungstag nicht merken mussten. Das müssen wir jetzt anders lösen.
Eine Druckfunktion für die einzelnen Artikel ist bereits integriert. Ein pdf-Dokument für das ganze Heft zu erstellen, setzte ein druckfertiges Layout voraus und ist nicht ganz so einfach. Ich hoffe, dass uns das eines Tages glücken wird, vielleicht auch mit Hilfe der Leser. Und dann hätten wir ja schon fast wieder ein gedrucktes Heft…
Ist´s so (R)recht?
Ein deutscher Steuersünder kann sich nach seiner Enttarnung berechtigte Hoffnungen auf Entschädigung durch die von Datenklau betroffene Bank machen. Entsprechend eines Urteils des Landgerichtes Vaduz muß die Liechtensteiner LGT Treuhand einem Immobilienhändler aus Bad Homburg 7,3 Millionen Euro zahlen.
Der Betroffene, so die Urteilsbegründung, habe keine Zeit für eine Selbstanklage gehabt, da der Kläger zu spät über den Datendiebstahl informiert worden sei. Hätte er sich rechtzeitig selbst angezeigt, wäre ihm eine Bewährungsauflage – einer Buße anstelle einer Freiheitsstrafe – von 7,3 Millionen Euro erspart geblieben. Für diesen Betrag müsse nun die 2002 vom Datendiebstahl betroffen gewesene LGT Treuhand des Liechtensteiner Fürstenhauses aufkommen, da es sich bei der Bewährungsauflage um einen ersatzfähigen Schaden gehandelt habe…
Das folgende Zitat aus Joseph Hellers Roman „Endzeit“ ist im Blättchen – wenn auch in einem jeweils andere juristischen Kontext – schon mehrfach zum Einsatz gekommen. Es hilft nichts, die Aussage des dort agierenden Jurastudenten muß ein weiteres Mal herhalten, denn ein treffenderes gibt es, zumal in dieser Kürze, kaum:
In diesem Sinne,
Helge Jürgs
Liebe Angelika Leitzke – ich bin weitgehend d´accord mit dem, was Sie ausführen. Nur bitte korrekt bleiben, auch und grade in einer Polemik.
Die Ausssage, daß man einst seine Uhr nach der Bahn auch bei eisigen Winterverhältnisses stellen konnte, ist leider schlichtweg albern. Ich weiß nicht, ob Sie vor 50 Jahren schon Bahn gefahren sind – sofern ja, wüßte ich gern, auf welchen Strecken Sie diese ultimative Erfahrung gemacht haben. Dort, wo ich seinerzeit auf Gleiseswegen der Deutschen Reichsbahn unterwegs war – und dies war bis in die endsiebziger Jahre mangels eigenen PKWs sehr häufig der Fall – konnte von jenem paradiesischen Zustand, den Sie erinnern, in Wintern leider nicht die Rede sein, in heftigen schon gar nicht.
Mit freundlichen Grüßen,
Herbert Hanisch
Zum aktuellen Beitrag von Jörn Schütrumpf:
Ja. Diese Auseinandersetzung ist wohl nötiger denn je, wollen wir den Gedanken an eine (gar geschlossene) Linke nicht begraben – und uns gleich mit. Es ist an der Zeit, diverse Wolkenkuckucksheime zu verlassen, sich mit der Vergangenheit und den eigenen Positionen (nicht zu sagen: Dogmata) kritisch auseinanderzusetzen und dann einen Schritt nach vorn zu wagen.
Um es deutlich auszusprechen: wir benötigen eine “neue, geschlossene Linke”, wenn man so will, die “Volksfront”. Dafür müssen wir alle, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten unsere Vergangenheit bewältigen und Grenzen einreißen, damit wir wieder aufeinander zugehen können.
Bei uns läuft das im Kleinen schon …
Solidarische Grüße
Frank Benedikt
Alles Theater?
Diese Frage kam mir in den Sinn, als ich am Ende von Schütts Buch „Glücklich. Beschädigt“ in seiner Biographie las: „1969 bis 1973 Studium der Theaterwissenschaften an der Theaterhochschule ‚Hans Otto‘ in Leipzig. Während dieser Zeit halbjähriges Praktikum am Landestheater Halle (Saale), Dramaturgie- und Regieassistenzen in Magdeburg und Gera.“ Dies alles beste Voraussetzungen für sein späteres Mitwirken an der Selbstinszenierung des „Staatstheaters DDR“ als Zentralratsmitglied des Jugendverbandes FDJ sowie als Chefredakteur von deren Sprachrohr „Junge Welt“? Oder Grundlage für seine Nach-Wende-Rolle als erbarmungsloser (Selbst-) Kritiker dieser versunkenen Bühne? Welchem Schütt dürfen wir glauben? Da wir doch offenbar aufs Glauben angewiesen sind! Dem ersten oder dem zweiten Sch.? Denn der gleiche ist er ja nicht mehr, wenn auch derselbe! Oder kann es sein, dass er ehrlich war und ist, man ihm also auch fürderhin vertrauen darf? Wie aber wäre dann ein so abrupter Sinneswandel, wie der Autor ihn uns schildert, zu erklären?
Schütt selbst analysiert seine Vergangenheit akribisch, beleuchtet sie in vielen Aspekten, blickt zurück auf viel Dienstliches und Persönliches, zieht auch Dritte heran, auf diese Weise „sein“ Problem verallgemeinernd, denn er war ja kein Einzelfall, fragt sich vorwurfsvoll nach dem Wieso und Warum, findet aber eigentlich keine, jedenfalls keine eindeutige Antwort. Eine solche gibt es wohl auch nicht. Denn eine Unmenge von Faktoren, Umständen bestimmt menschliches Denken und Handeln. Sie liegen in uns und außer uns. Wollen wir was wir denken, oder denken wir was wir wollen? – Eine Frage, die schon Schopenhauer beschäftigte und an der sich die Hirnforschung noch immer abarbeitet! Und egal, wie sie zu beantworten ist – welchen Sinn machen „Schuld“-Vorwürfe? Jeder Mensch ist ein Individuum, ausgestattet mit einer einmaligen Gesamtheit von genetischen Anlagen, durchbrechenden Eigenschaften und Charakterzügen, Erfahrungen, Kenntnissen, Lebensumständen, Arbeitsbedingungen, körperlichen und geistigen Fähigkeiten. All das bestimmt, was er wann denkt, will, tut, sagt, auch schreibt. Darüber urteilen, gar verurteilen? Ich kann es nicht und will es nicht. Ich lachte und lache noch über manches, was Menschen einst taten oder heute tun. Vieles ist mir gleichgültig, einiges ärgert mich, kann mich auch wütend machen. Die Welt – für mich als Zuschauer ein Theater! Aber niemand ist darin eben nur Zuschauer, alles ist – oft toternste, bittere – Wirklichkeit, mal zum Lachen, meist zum Weinen.
Was H.-D. Schütt anbelangt, so erbaue ich mich an dem „neuen“ Schütt, an Sprache und Inhalt so vieler seiner Beiträge und Werke, die zu schreiben und zu veröffentlichen er nun die veränderten Lebensumstände – viele nennen es Freiheit – nutzt. Und viele von diesen Vielen mögen das – „zurecht“ – ganz anders sehen, denn sie haben, jeder auf seine Weise, die Vergangenheit anders erlebt und durchlebt, andere Erfahrungen gemacht, vielleicht auch persönliche mit Schütt. Bei mir entdeckte ich nach der Lektüre seines nun vorgelegten Buches auch Dankbarkeit für mein, anderen Umständen entsprungenes Glück, nicht wie er solche Last der Vergangenheit tragen zu müssen. Auch stellte sich mir schließlich die Frage, ob nach dem nächsten großen, schon zu erwartenden Werte- und Meinungsumbruch je einer von den nun Tonangebenden in des Wortes mehrfacher Bedeutung eine so ehrliche, erbarmungslose Abrechnung mit seinem derzeitigen Denken und Tun vornehmen wird.
Als jemand, der selbst mal in das Räderwerk der unseligen Informationspolitik in der DDR verstrickt war, bin ich H.-D. Schütt dankbar für seine so gnadenlose Ehrlichkeit bei der Betrachtung jener Zeiten. Glaubwürdige Neuanfänge sind, denke ich, anders auch nicht zu haben. Allerdings treibt mich auch der Gedanke Heerke Hummels um, ob und wann man wohl von einem der heute medial Tonangebenden eine solch ehrliche Abrechnung mit seinem eigenen Tun und Lassen hören oder lesen kann. Mögen die Verfehlungen (moralischer und/oder handwerklicher Natur) heute in manchem andersartig sein als die seinerzeitigen: Grund zu kritischer Selbsteinkehr hätten nicht nur die Kollegen vom Boulevard; beileibe nicht…
Ich freue mich über die Wiederauferstehung des Blättchens. Doch leider komme ich nicht ran..
1) Die Woche beginnt mit einem Gruß von Wolfgang Sabath und dem Verweis auf Heft 2. Aber zu finden ist davon nichts.
2) Ich klicke auf http://das-blaettchen.de/ und freue mich auf Heft 2, kann es aber nicht öffnen. Ob es einen geheimen Zugang hat? Ob es neben der Additionsaufgabe noch eine weitere Hürde gibt?
Wo findet ein dummer Mensch die erforderliche Aufklärung?
Für sachdienliche (auch für Ältere) Hinweise wäre ich dankbar, zumal ich durch neugiermachende Häppchen schon angefüttert wurde.
Herzlichst Jochen Gutte
Mit der Maus über das Inhaltsverzeichnis fahren und den/die Artikel der Wahl anklicken, müsste eigentlich funktionieren?
Betrifft: Blättchen 2/2010
Notizen zur Selbstwahrnehmung, zu Rechts, zu Links und zu Schütrumpf:
Daß mensch sich selbst – bei allerbestem Willen – kaum hinlänglich wahrnehmen kann, ist physiologisch bedingt. Allein auf unser Sensorium gestützt, hören wir nie, wie uns andere hören. Wie andre uns sehen, sehen wir nur spiegelverkehrt.
Jandl: “manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum.”
Schütrumpf: “Oder die Linke stirbt aus, zu Recht.”
Rennert (Texter im 1990er Wahlkampfteam der PDS): “Das Herz auf dem rechten Fleck – links von der Mitte”.
Schütrumpf: “Alle am Tisch wissen: Heute ist es alles andere als selbstverständlich, daß Künstler ihre politische Gesinnung zu erkennen geben, geschweige denn sich engagieren, egal ob in Polen oder in Deutschland.”
Rennert: Alle?
Lieber Martin Nicklaus,
wir beglückwünschen Ihre Frau und Sie zur Vergrößerung Ihrer Familie. Sie sind, Herr Nicklaus, eben nicht nur ein sehr verläßlicher “Blättchen”-Autor.
Die Redaktion
Liebe Redaktion,
da leider keine Möglichkeit zu bestehen scheint, auf Antworten zu antworten, muß ich mir quasi selber antworten ;-)
Daß kein Geld da ist, ist ein altes und leidiges Problem, welches die meisten von uns, die schon mal sich an solchen oder ähnlichen Projekten versucht haben, nur zu genau kennen. Einen Etat für Werbung gibt es nicht, ohne Werbung aber kommen wiederum nicht genug Leser, bei zu wenig Lesern hat man nicht genug Einnahmen, womit wiederum kein Geld für Werbung da ist … Ein Teufelskreis. Ich will mal schauen, ob ich da nicht etwas tun kann … ;-)
Daß das “Blättchen” schon länger im Netz beheimatet ist, war mir – wie seine generelle Existenz – bis vor kurzem unbekannt, was mir zeigt, daß es doch leider einen sehr niedrigen Bekanntheitsgrad im Internet haben dürfte, was sich auch an der geringen Zahl der Backlinks und dem Pagerank 3 erweist. Da sollte imho was geschehen, denn Konzept und Autoren hier verdienen mehr Leser. Einsamkeit macht nämlich nicht immer stark ;-)
Da ich es beim letzten Kommentar leider zu erwähnen vergessen habe: Das spartanische, an’s historische Vorbild gemahnende, Layout gefällt mir ausgezeichnet und macht das Lesen zu einem Vergnügen.
“Das Blättchen” hat jedenfalls schon mal einen neuen Leser gewonnen (gar mehrere, wenn ich mir meine Freunde so anhöre) und es werden hoffentlich noch viele folgen.
Herzliche Grüße
Frank Benedikt
Doch, doch: Einfach nochmal auf Antworten über der Antwort (oder den Antworten) klicken und schon kann man auf die Antwort (oder die Antworten) … antworten.
Wolfgang Schäuble „macht Ernst im Kampf gegen die Schwarzarbeit“ (Bild). 200 neue Fahnder will er einstellen, um das Anwachsen der Schattenwirtschaft – 2009 laut Experten 253 Milliarden Euro betragend – zu stoppen. Das ist natürlich wirklich eine Menge Holz und freilich auch nicht zu billigen. Schade nur, daß Schäuble seine Offensive nicht an jener Front ansetzt, die Schwarzarbeit – zumindest maßgeblich – hervorbringt. Leser, die erraten, worum es sich dabei handeln könnte, können einen Arbeitsplatz gewinnen!
Helge Jürgs
Liebe “Blättchen”-Macher, meinen Glückwunsch zur ersten Netzausgabe! Möge diesem kleinen, aber sehr ambitionierten Projekt, das in der Tradition eines großen Namens steht, ein langes und produktives Leben beschieden sein.
Einen leisen Vorwurf muß ich den Herausgebern aber machen: Warum erfahre bspw. ich erst jetzt und durch Zufall von der Existenz des “Blättchens” und warum kommt die online-Ausgabe erst jetzt, während ich den “Ossietzky” schon seit Jahren kenne und lese?
Nun, ich habe es natürlich in unsere Linkliste aufgenommen und werde auch ein paar befreundete BloggerInnen darauf hinweisen ;-)
Beste Grüße
Frank Benedikt
Lieber Frank Benedikt,
das war und ist eben jenes Kreuz, das wir seit 12 Jahren tragen: Kein Geld! Und damit auch (nahezu) keine Möglichkeit, z.B. annoncieren zu können. Und so blieb und bleibt es denn bei eher zufälligem Wohlwollen von interessierten Kollegen, von unserer Existenz irgendeine Kunde zu geben. Solange aber Mitteilungen auf Medienseiten wie die vom vielzähligen Besuch am Grab der Fernsehmoderatorin Schürmann u.v.a.m. vorrangigen Mitteilungswert besitzen, bleibt unsereins halt medial im Regen stehen. Macht aber nichts: Auch Einsamkeit kann stark machen…
Die Redaktion
P.S. Übrigens hatte das Blättchen auch bisher eine Webseite, sogar unter dieser gleichen Adresse. Dort erschien das Heft zeitversetzt.
Auch wenn intern längst übermittelt: Das bereits vielfach geäußerte Lob für die Gestaltung unserer neuen Webseite ist natürlich auch ganz auf unserer Seite, und dies möchten wir angelegentlich der Notiz von Frank Bitterlich nun sehr gern öffentlich machen.
Und vor allem „Roß du Reiter“ nennen: die Gebrüder Stefan (Greifswald) und Axel Kalhorn (Angermünde). Chapeau!!!
Und noch etwas gehört hier mitgeteilt: Wiewohl die völlige Neugestaltung eines solchen Webauftritts allemal eine mühevolle Angelegenheit ist, haben beide dies ebenso ehrenamtlich geleistet wie sämtliche Autoren dies seit Jahr und Tag tun, die Redakteure sowieso.
Wohl dem, der solche Freunde hat!
Sagen für
Das Blättchen
Wolfgang Sabath & Heinz Jakubowski
Viele journalistischen Online-Portale haben sich scheinbar von Gestaltern aus dem Umfeld des Chaos-Computer-Clubs zu entsprechend chaotischen Layouts überreden lassen. Ein Musterbeispiel einer solchen optischen Fehlentwicklung ist zum Beispiel der neue Druck- und der Internetauftritt der Wochenzeitung FREITAG. Deren Neueigentümern gelang es planmäßig, der Zeitungsästhetik der einstigen Freitag-Vorgänger „Sonntag“ und „Volkszeitung“ völlig den Garaus zu machen. Ästhetik ist altmodisch.
Gerade auch darum fällt mir nun bei Ihrem neuen Online-„Blättchen“ die so gelungene, die ruhige, die schöne Gestaltung auf: sauber, dezent, klar, übersichtlich, lese(r)freundlich.
Da ist Ihnen zu Ihren Gestaltern, die Sie im Impressum etwas „verstecken“, nur zu gratulieren.
Frank Bitterlich
Danke für die Blumen!
Allerdings halte ich die Druckausgabe des Freitags für gut layoutet. Aber zum Glück lässt sich über Geschmack schlecht streiten.
@ Redaktion
Wer so lange nicht warten will, kann ja schon immer mal hier reinschauen:
http://www.blogsgesang.de/2010/01/23/lafontaines-botschaft-nur-staerke-erlaubt-mitgestaltung/
Ankündigung:
In “Blättchen” 2/2010 (1. Februar):
Jörn Schütrumpf:
Verweigerte Selbstwahrnehmung
Nikita Specht:
Zur SPD (zurück)?
Die Quo-vadis-Frage in Bezug auf die Linkspartei stellt sich je beileibe nicht nur für Sebastian Prinz. Schaut man sich die Geschichte des Kommunismus an* haben wir es heute mit nahezu dem gleichen Dilemma zu tun wie die seinerzeitigen Sozialdemokraten vor knapp 100 Jahren: Fundamentalopposition oder Reformismus, wobei ich letzteren nicht als pejorativen Kampfbegriff verstanden haben möchte.
Die Alternative der heutigen Linke ist ebenso offenkundig: Als Fundamentalisten bleiben sie auf unabsehbare Zeit Sektierer. Als Quasi-Sozialdemokraten erfüllen sie hingen die Aufgabe einer wirklichen Opposition nicht: Hoc Rhodos, hic salta – nun denn!
Wie auch immer erinnert mich das an geniale Sätze von Karl Kraus, geschrieben in seiner „Fackel“ vor 90 Jahren:
*In diesem Zusammenhang durchaus zu empfehlen:
David Priestland, Weltgeschichte des Kommunismus, Von der Französischen Revolution bis heute, Siedler 2009, ISBN 978-3-88680-708-6, 782 Seiten, 32 Euro
Gehört:
Der Politikwissenschaftler Sebastian Prinz kommentierte am 22.01.2010 im Deutschland Radio Kultur die Vorgänge in der Linkspartei:
http://www.tagesspiegel.de/medien-news/Das-Blaettchen-Weltbuehne-Carl-von-Ossietzky;art15532,3006640
Habe mich lange Zeit an der gedruckten Ausgabe erfeut und nun die virtuelle erstmalig vor Augen.
In der Hoffnung, daß die inhaltliche Qualität so bleibt wie sie war, soll es doch nun gelingen, weitere Kreise interessierter und kritischer Zeitgenossen zu erreichen. Dem wird zum Glück auch das Layout des neuen Blättchens nicht entgegenstehen – so angenehm klar strukturiert und farblich sachlich zurückhaltend.
Meine Empfehlung
Ein Freund machte mich heute auf das Blättchen aufmerksam. Ich werde es nun sicher öfter lesen. Vor allem hat mich der Gedanke von Andre Brie angesprochen, dass es – in meinen Worten – nur noch Geschwätz ist, von bürgerlich, Bürgertum oder bürgerlichem Lager zu sprechen. Deutschland mutiert zu einer neuartigen Feudalgesellschaft – mit allen negativen Kennzeichen, aber ohne die im alten Feudalismus positive Seite der (unbeabsichtigten) Nebenwirkung: Kunst und Kultur auf hohem Niveau.
Dem virtuellen “Blättchen” nach dem gelungenen Start weiteres gutes Gelingen. Man weiß ja: Wer erst einmal im Web ist, kann daraus kaum wieder vertrieben werden. Immer bleibt irgendein Blättchen erhalten – für alle Ewigkeit. Und dieses gewiss mit Recht. Auch darum:
http://www.blogsgesang.de/2010/01/19/das-blaettchen-als-blogroll/
Jürgen Rennert, dem treuen Blättchenleser gut bekannt, hat heute in weitrundig adressierter ePost empfohlen, das Blättchen mit Lesezeichen der Zugänglichkeit zu sichern. (Hier sofort passiert.) Zu DDR-Zeiten las ich gern immer mal die Weltbühne. Das Blättchen sah ich nun auch gelegentlich gern an, aber eine starke Bremse war immer die Angst vor nicht gelesenem “noch mehr Papier”. Online ist für mich die ideale Erscheinung des “Blättchen”!
Sehr gern las ich schon eine Reihe der Kommentare – hervorragendes Podium mich verschieden ansprechender Gedanken!
Danke den Blättchen-Machern in seinen Inhalten und in so schöner Gestaltung, danke allen “Kommentatoren” bzw. Parallel-Autoren.
Martin Conradi, Berlin-Moabit
Sehr geehrte Blättchenmacher,
erst, wenn man etwas Liebgewonnenes nicht mehr hat, weiß man’s recht zu schätzen… Ich freue mich mit Euch, daß es gelungen ist, das Blättchen wieder ins Leben zurückzurufen. Es hat gefehlt, mutig und eigenwillig, wie es stets war. In diesem Sinne möchte ich allen mit Wolfgang Sabath an der Spitze, die dafür gesorgt haben, für die damit verbundene Arbeit danken…
Das Blättchen wird gebraucht. Die Zukunft wird noch Fragen aufwerfen, die uns der breiteste Mainstream nicht beantworten wird. Da sind Eure Anregungen wichtig, um auf eigene Art weiterdenken zu können.
Behaltet Euren journalistischen Optimismus und dazu eine heitere Gelassenheit!
In alter Verbundenheit
Jochen Gutte
Dank an die Redakteure für die Publikation der Tucholsky-Dokumente – sehr eindrücklich und erschütternd …
Herzlich
Jayne-Ann Igel
Liebe Herren und Damen,
lieber Herr Sabath, lieber Herr Jakubowski,
liebe Leser und Leserinnen,
ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und freu mich sehr, in der ersten Onlineausgabe vertreten zu sein.
Das Blättchen so online zu sehen, die Liga der außergewöhnlichen Autoren, und ich dazwischen, dazu die Möglichkeit, in Tucholskys Nachlaß zu stöbern, dabei zu sein, das alles haut mich um. Zudem ist der Onlineauftritt großartig gelungen. Er entschädigt (fast) für den Verlust der Druckausgabe. Manchmal muß man neue Wege gehen und Sie haben bewiesen, dass das Blättchen inhaltlich durch die Onlineausgabe nicht an Qualität verloren hat. Ich bin hocherfreut.
Liebe Grüße
Ihre
Ines Fritz
Ende letzten Jahres machte mich ein Bekannter auf ein Interview der Neuen Zürcher Zeitung mit Peter Sloterdijk unter der Überschrift «Wir lebten in einer Frivolitätsepoche» aufmerksam. Das lag zwar schon ein Jahr zurück, aber die Kommentare von Lesern zu diesem Interview reichten bis in den Dezember 2009. Also wollte auch ich noch meine Meinung sagen – zu der Bemerkung von P. S.
Von der Online-Redaktion der NZZ bekam ich folgende Antwort:
Weil mein Beitrag von der NZZ bis heute nicht ins Netz gestellt wurde, will ich ihn hier öffentlich zur Kenntnis geben:
Heerke Hummel
Zum Gedenken an Günter Wirth (7.12.1929-5.12.2009)
Drei Tage vor seinem Tod schrieb mir Günter Wirth in seinem nun letzten Brief, er wolle mit den Zeilen über seinen sich verschlechternden Gesundheitszustand wenigstens ein Signal senden. Zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag ist er verstorben. Der Geburtstagsartikel ist zum Gedenkartikel geworden. Ihm dürfte der Hinweis auf den Herrnhuter Lehrtext für seinen Sterbetag recht sein: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir” (Hebräerbrief 13,14). Requiescat in pace! Unser Mitgefühl der Familie.
Jens Langer, Rostock
Lieber Dr. Langer,
seit vielen Monaten liegt auf meinem Schreibtisch ein nunmehr zehn Jahre altes suhrkamp-taschenbuch “Der andere Geist von Potsdam”. Es ist ein Text, der es dem Leser nicht leicht macht, dem ich dadurch immer wieder Anregungen verdanke. Es ist ein Text von Günter Wirth. Wirth durfte ich Ende der 1970er Jahre im Kulturbund kennenlernen. Er war für mich ein großer Gewinn. Der ANDERE GEIST, den er selbst so hervorragend vertrat, ist wohl nötiger denn je – um so schmerzlicher, Wirths Stimme künftig vermissen zu müssen.
Dass Barack Obama in Kürze weitere 30.000 Soldaten nach Afghanistan schicken will, steht nicht nur in krassem Widerspruch zur anstehenden Nobelpreis-Verleihung an ihn. Es markiert auch eine bodenlose Ignoranz, die nur durch seine „Gefangenheit“ im US-amerikanischen Establishment erklärt werden kann. Auch diese Aufstockung der Truppe auf dann fast 100.000 Mann wird die Probleme am Hindukusch nicht lösen – nicht einmal von der „Manpower“ her.
Ich folge sehr ungern makabren Schätzungen. Eine ist dennoch nicht uninteressant. Die amerikanische Rand Corporation hat 2002 ermittelt, dass für »robuste Friedenssicherung und Staatenbildung« 11,5 Soldaten pro 1.000 Einwohner erforderlich sind. Das ergebe für Afghanistan eine Truppenstärke von 365.000 Soldaten. Die schier unüberbrückbare Differenz von 265.000 beschreibt demnach schon das „zahlenmäßige“ Dilemma. Ganz zu schweigen von den unerträglichen ethisch-moralischen Aspekten des Einsatzes.
Wenn Obama die Vergleiche mit dem Vietnam-Krieg heute strikt zurückweist, wirkt das wie ein dummes Abwehrmanöver. Die ISAF-Aktion unterscheidet sich vom damaligen Vorgehen der USA nur dadurch, dass diesmal verbündete Truppen auf Basis eines UNO-Mandats „mitspielen“. Doch die rekrutierten Willigen spielen von ihrem Potential her („Manpower“+Technologie) keine wikliche Rolle. Und die Voraussetzungen für ein UN-Mandat entpuppen sich immer mehr als widersinnig.
Barbara Tuchmann hat ihrem Buch „Die Torheit der Regierenden“ Ursachen und Verlauf des Vietnamkrieges ausführlich analysiert. Sie kommt dabei zu Schlussfolgerungen, die auch auf Afghanistan direkt anwendbar sind. Hiernach benennt sie drei Gründe für das damalige Fiasko: Dem Regierenden, der mit seiner Politik auf Irrwege geraten ist, sagt sie, falle es leichter, weiter zu gehen als umzukehren. Zudem veranlasse die so genannte „kognitive Dissonanz“ untergeordnete Politiker – und dann auch den Präsidenten selbst – „psychisch schmerzhafte Probleme“ zu unterdrücken, wegzuinterpretieren, zu verwässern und zu zerreden. Obwohl Kennedy die schwierige, ja aussichtslose Lage erkannte, handelte er wider besseres Wissen, und keiner seiner Ratgeber fiel ihm in die Zügel. Drittes Motiv sei ein persönlicher Vorteil gewesen. Kennedy hoffte auf eine zweite Amtszeit – die ihm in einer Sphäre des Kalten Krieges als „Rückzugspräsident“ nie zuteil geworden wäre.
Und an andere Stelle vermerkt die Autorin: „Eine Politik, die ’an den aus dem Land selbst erwachsenen nationalen Zielsetzungen vorbeigeht oder sich gegen sie richtet’ , sei ’von vornherein zu Scheitern verurteilt’. Es ist eine niederschmetternde Tatsache, dass die Amerikaner während der langen Torheit in Vietnam immer wieder das Ergebnis vorausgesagt und dann ohne Rücksicht auf ihre eigenen Vorhersagen gehandelt haben.“
Barack Obama ist dabei, die gleichen Fehler zu machen wie einst Kennedy. Sein, dem eigenen Wollen entgegen gesetztes Engagement wirkt zudem grotesk. Dass er mit seinem Vorstoß auch Druck auf die Verbündeten ausübt, macht die Sache doppelt schwierig. Auch Deutschland dürfte damit in den Sog des Verhängnisses gezogen werden – mit Folgen, die absehbar sind.
Der Afghanistan-Kenner Peter Scholl-Latour hat die Gesamtlage erst vor ein paar Tagen treffend formuliert: „Selbst in Nato-Kreisen behauptet ja längst niemand mehr, dass wir in Afghanistan für die Demokratie kämpfen. Die wären schon hoch zufrieden mit einem einigermaßen stabilen Regime in Kabul und einem Staat, der sich allein verwalten kann.“ […] „Es ist eine Torheit des Westens zu glauben, dass sich unsere Form des demokratischen Zusammenlebens ohne weiteres auf andere Kulturen übertragen lässt“ […] „Auch die Behauptung, dass die Demokratie eine Art Vorbedingung für Wohlstand ist, stimmt ja nicht“ […] „Man sieht eigentlich nirgendwo in der dritten Welt und den Schwellenländern, dass sich unser Rezept durchgesetzt hätte“ („Rheinische Post“, 2. Dezember 2009). Bereits vorher hatte Scholl-Latour mehrere Male darauf verwiesen, dass der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen sei. Heute rät er zu Gesprächen mit den gemäßigten Taliban und den Saudis. Nur so sei ein „geordneter“ Rückzug der ISAF noch möglich.
Ulrich Scharfenorth, Ratingen
Ich habe mir ein kleines Spiel erfunden, wie der ältere, aber leicht besoffenen Herr schaue ich mir die Online-Zeitungen an, was die Damen u. Herren Journalisten so schreiben tun. Und dann beginnt das Spiel: Ist der Artikel arg meinstreamhaft oder strafbar oberflächlich, versuche ich die dort ignorierten Zusammenhänge zu hinterfragen. Die Redaktionen haben hierfür recht ideenreich Abwehrmechanismen entwickelt, die es dann zu überwinden gilt, herrlich. Neuestens geht mir die Berichterstattung über Demjanjuk gegen den Strich u. platziere den nachfolgenden Kommentar, den Spiegel-Online seinen Administrator abweisen ließ.
„Saubere Endlösung“
So soll es geschehen, nach Jahrzehnten schuldbewußten Asche-aufs-Haupt-Streuens in der Weltöffentlichkeit mit innerem Grollen kann jetzt unsere Gesellschaft zeigen, daß sie aus der Vergangenheit am besten gelernt hat, die Polen z. B. wollen einfach ihre Schuld nicht eingestehen, u. gleichzeitig einen grandiosen Schlußakkord posaunen, denn das Ende der biologischen Lösung ist erreicht. Das vernebelt das bisherige „Versagen“, war es das wirklich, u. wird im Weltgedächtnis bleiben, die deutsche Justiz ist gegenüber Unrecht unerbittlich u. die Welt kann daran wieder mal genesen. Da, wo welsche Gerichte in den USA u. Israel in Humanitätsduselei den Schwanz einzogen, wird die gerechte Hand der deutschen Justiz triumphieren, Unmenschen(wie einst Untermenschen) keine Gnade zu kommen lassen. Denn diese waren die eigentlichen Verbrecher, halb verhungert aus Kriegsgefangenenlagern oder als Mörder aus Zuchthäusern geholt u. vor die Wahl gestellt, selbst an die Wand oder mitgemacht, wählten viele die egoistische Variante, nur ums erbärmliche Überleben, pfui. Kein Erbarmen mit diesen Kreaturen! Die deutsche Justiz wird sauber gewaschen neu erstehen u. lästige Fragen nach ihrer Rolle bis heute erübrigen sich. Wozu auch die Geschichte aufrühren, die ist, wie zu jeder Zeit, Vergangenheit, Gott sei Dank. Was soll auch die Frage, wieso die deutsche Justiz von den ca. 200.000 Kriegsverbrechern aus den alliierten Fahndungslisten jahrzehntelang niemanden fand, geschweige denn anklagte u. schon gar nicht verurteilte. Es bringt heute auch nichts, nach der Verhinderungsrolle der zuständigen Staatsanwaltschaft (war es die Dortmunder?) zu fragen, die wohl das grandiose „Scheitern“ von Strafverfolgungen planmäßig verursachte, Schnee von gestern. War ja auch kein Wunder, wenn ganze Netzwerke von Gestapoleuten u. NS-Juristen dort das Sagen hatten. Hatten die sich etwa eingeschlichen oder selbst eingestellt? Naja, sowas passiert eben, hat aber auf die heutige Generation der dortigen Polizisten u. Staatsjuristen keinen Einfluß. Diese wurden von den „alten Kämpfern“, die Punkt Stunde null astreine Demokraten wurden, nur ausgesucht, ausgebildet, gehirngewaschen u. nach Afterkriech-Aspekten gefördert, die ansonsten unbeeinflußt völlig demokratisch gewachsen die Alten ablösten. Es war ja schlicht unmöglich, den Vorgesetzten der Demjanjuks, die argwöhnisch deren Handeln immer auch mit einem Strick in der Hand motivierten, niedere Beweggründe nachzuweisen, bei dem Befehlsnotstand. Waren ja auch im Grunde unschuldig im Gegensatz zu diesen Untieren, das ist gerichtsnotorisch, siehe Freisprüche für die Befehlsgeber der Demjanjuks. Daß heute in Dortmund ganze Stadtteile von Neonazis beherrscht werden, die Andersdenkende unter wohlwollendem Wegschauen der Staatsmacht bis zur Unerträglichkeit drangsalieren, hat mit dieser Geschichte nichts zu tun, diese Parallelen sind reiner Zufall. Wie die ganze Bundesrepublik seit ihrer Gründung, ja schon vorher, ein Ausbund an Demokratie ist, entgegen anders lautenden Gerüchten über unzählige Nazis an Schaltstellen, die dort weitermachten, wo sie 1945 aufgehört hatten, Verfolgte der Nazizeit auch weiterhin zu drangsalieren, ist die Justiz auch heute die lauterste demokratische Einrichtung, die jetzt endlich die Vergangenheitsbewältigung an den wahren Schuldigen vollendet. Fragen nach der geistigen Struktur in der Justiz wie der gesamten Staatsmacht wären da völlig fehl am Platz. Wer ist eigentlich perfider, die alten Juristen, die nach 1945 Ihresgleichen Verbrechen absicherten, oder die nachfolgende Generation, die diese Rolle vertuscht u. wo ordnen sich die Journalisten ein, die da nichts hinterfragen? Halleluja!
Selbstverständlich ist es nicht “mein stream”, sondern “main Strom” oder so. Sorry!
WIRSING
In der Hoffnung, daß Herr Fabian Ärmel im künftigen BLÄTTCHEN-Online seine Rubrik “Wirsing” weiterführen wird, erlaube ich mir, ihm vorab etwas ins Handwerk zu pfuschen, indem ich untenstehende Angelegenheit zur Kenntnis gebe:
Professor Dr. Joachim Sauer, Arbeitsgebiet Quantenchemie, privat “First Husband”, ließ dieser Tage während einer Podiumdiskussion in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften seine ab- und Zuhörer wissen, daß an der Akademie der Wissenschaften der DDR, der früheren Wirkungsstätte der Frau Gemahlin, Dr. Angelika Merkel, ein Drittel der Mitarbeiter nicht gearbeitet, ein weiteres Drittel das eigentlich leistungsfähige letzte Drittel von der Arbeit abgehalten habe.
Leider gab er keine Antwort auf die Frage, welchem Drittel die nunmehrige Familie Merkel-Sauer zuzuordnen gewesen war. Sie wird doch nicht etwa durch exzellente Forschungsergebnisse die DDR gestärkt haben?
Gerd Kaiser
Liebe Bettina,
bis Mitte dieses Jahres konnte man das, denn bis dahin erschien das Blättchen als zweiwöchentliches Oktavheft.
Ab Januar 2010 wird es nun online herausgegeben. Ob nur zwischenzeitlich oder dauerhaft, wird sich zeigen und nicht zuletzt vom Interesse der Leser abhängen.
Muß letzterer nunmehr auch auf den sinnlichen Genuß eines Druckwerkes verzichten, spart er somit allerdings auch Geld; der Bezug von Blättchen-online ist kostenlos.
Mit freundlichen Grüßen,
Die Redaktion
kann man das blättchen auch abonnieren?
Horst Thoren, dem leitenden Redakteur der Rheinischen Post (RP) wird bescheinigt, dass er sein Blatt im Laufe der zurückliegenden Monate flott aufgezogen und erfolgreich vermarktet hat. Dem äußeren Anschein nach ist das richtig: die Zeitung liest sich. Freilich nur dann, wenn man den Inhalten – zumindest im Wesentlichen – folgen möchte. Hier aber liegt der Kackpunkt. Die größte überregionale Rhein-Ruhr-Zeitung ist bis heute alles andere als eine objektiv berichtende Gazette, stattdessen aber ein fulminantes Sprachrohr des Konservatismus geworden. Gut, mögen Sie sagen, daran gibt es nichts auszusetzen. Der Leser kann schließlich wählen. Leider ist das in NRW kaum der Fall, denn echte Gegengewichte sind rar.
Als ich am letzten Montag die Politik-Seite der RP aufschlug, glaubte ich mich tatsächlich in der BILD-Zeitung. Im Beitrag zum 7. Reformkongress der NRW-CDU nämlich gab es eine Passage zu Heiner Geißler, die einem die Schuhe auszieht. Dem verdienstvollen Querdenker wurde im Untertitel vorgeworfen, er habe die Tagung genutzt, um wie ein Jungkommunist über den Kapitalismus herzuziehen. NRW-Ministerin Christa Thoben sei nicht nur entgeistert gewesen, sie habe auch vermerkt, dass man Leute wie Geisler nicht hätte einladen dürfen.
Ähnliches ist man eigentlich nur aus erzkonservativen Ecken der USA gewohnt. Wie heißt es dort so schön: Seid ihr nicht für uns, dann seid ihr Kommunisten. Politische Gegner aller Couleur werden damit auf einen Begriff genagelt, den kaum jemand im Land richtig definiert hat. Wohlauf RP, wohlauf, Frau Thoben, sie wandeln in diesen Fußstapfen. Die Demokratie lässt grüßen!
Auf der gleichen Seite wird genüsslich das Gerücht kolportiert, dass Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht mehr verbinde als reine politische Arbeit. Christa Müller habe Ihren Mann aus eben diesem Grunde vor die Wahl gestellt, entweder die Kandidatur Wagenknechts zum Bundestag zu verhindern oder selbst zu verzichten. Nun gut, da hat man der Linken mal wieder gut eins verpletten können – ganz gleich, ob die Dinge wahr oder gelogen sind. Beim Leser gräbt`s sich ein.
Nimmt man hinzu, dass die RP ihre Leser fast pausenlos mit der Schweinegrippe volldröhnt und den Hype um den armen Robert Enke bis spatentief unter die Erde begleitet, dann wird schnell klar, wie hier Auflage gemacht wird. Praktisch nirgendwo erfährt der Leser, dass die schweinegrippebedingten Todesfälle im Vergleich zur Influenza-Mortalität marginal sind. Dennoch wird “Schwein für Schwein” nachgegraben und Angst gesät – als ob es eine stillschweigende Panderix-Marketing-Vereinbarung mit der Bundesregierung gäbe. Auch bei Enke sind die Dimensionen total verzogen, denn sein Fall steht in krassem Kontrast zu den Afghanistan-Opfern, die zunehmend unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden. Unser Glück ist, dass sich Fachleute und Politiker heute mehr als gestern um das Thema “Depressionen” kümmern. Fragt sich, ob das anhält – oder auch nur ein schnelles Tagesgeschäft bleibt.
http://www.stoerfall-zukunft.de
Als ich eben hier auf der Blättchen-Website in den „neuen Texten“ die „Antworten“ las und mich insbesondere an der „Antwort“ delektierte,die dem Einzelhandelskaufmann Ramelow zugedacht war, meinte ich, einen neuen Artikel Albrecht Müllers von der Internetplattform NachDenkSeiten hier ins „forum“ stellen zu sollen. Man mag ja über DIE LINKE oder über Lafontaine denken wie man mag, was derzeit bei denen abgeht, ist einfach nur widerlich. Aber vielleicht kann es auch gar nicht anders sein in einer Gruppierung, die Worte wie „Sozialismus“ oder – weniger dramatisch – „Gemeineigentum“ und dergleichen zum Beispiel durch die Kampfziele „mitregieren“ und „Haushaltskonsolidierung“ ersetzt haben.
Frank Bitterlich
Schönes Zitat, Freund Bitterlich, es belegt nahezu lehrbuchhaft seinen inneren Gehalt u., daß R. aus dem Osten kommen muß, egal, was er angibt. Nur ist daraus leider seine körperliche Größe nicht ersichtlich, schade. Er ist ein heißer Anwärter für die FS-Kategorie “Die Größten Deutschen”. Die Zeit ist reif, dorthin Nachwuchs einzubringen, der den Zeitgeist besser widerspiegelt als die verstaubten Goethe, Kant, Schiller. Eine neue Generation, Leistungsträger eben, ist gefragt, die der Dieter Bohlen, Guido Knopp, Lothar Mattheus, Dirk Niebel, Lilly Schönauer. Abrundend steht schon Peter Sloterdijk in der Disziplin “Geistige Größe” bereit, dem könnte Rindermann den Platz streitig machen. Wäre als Hilfsmaßstab die körperliche Größe sinnvoll, das müßte noch zu prüfen sein. Oder, wir machen neue Kategorien auf: einer für “Denken” u. einer für “Quasi-Denken”. Ne, auch keine Lösung, so würden nur neue Fragen aufgeworfen u. kein rundes Bild geschaffen werden.
Dr. Jochen Reinert †
Jochen Reinert ist tot. Wie bereits zuvor bei der „Weltbühne“, hat er Zeit der zwölfjährigen Existenz des gedruckten Blättchens unser Heft mit seinen kenntnisreichen und anregenden Texten bereichert.
Als langjährigem Korrespondenten in Indien und länger noch in Skandinavien galt diesen geopolitischen Räumen sein besonderes Interesse, ja, seine Liebe und Leidenschaft.
Jochens Texte haben dafür ebenso Zeugnis abgelegt wie für seine Nähe zu den Granden der „Weltbühne“ – Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky, um deren Andenken er sich forschend und publizierend besonders verdient gemacht hat.
Für all das danken wir Jochen.
Wir sind sehr traurig.
Die Redaktion
Nachtrag zum gestrigen Sedanstag,denn die untenstehende Erkenntnis muß einfach noch unter die Leute!:
Der Sozialforscher Heiner Rindermann in der August-Nummer (723/ 2009) der “Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken MERKUR”
Da möchte man ja glatt drauflos kalauern: “Rindermann statt Rinderwahn!”
Der Mauerfall nach fortgeschriebener Überlieferung ins Jahr 2030
***
Der Oberst zum Adjutanten:
“Am 9. November jährt sich der Mauerfall, etwas, was nicht alle Tage passiert. Die Männer sollen im Drillich auf dem Kasernenhof stehen und sich über das seltene Schauspiel informieren. Ich werde es ihnen erklären.
Falls es regnet, werde ich nicht draußen erklären, dann sollen sie in die Sporthalle gehen.“
Adjutant zum Hauptmann:
“Befehl vom Oberst: Morgen früh um neun ist ein Mauerfall. Wenn es regnet, kann man er vom Kasernenhof aus nicht sehen, dann findet er im Drillich in der Sporthalle statt. Etwas, was nicht alle Tage passiert. Der Oberst wird’s erklären, weil das Schauspiel selten ist.“
Hauptmann zum Leutnant:
“Schauspiel vom Oberst morgen früh neun Uhr im Drillich. Einweihung des Mauerfalls in der Sporthalle. Der Oberst wird erklären, warum es
regnet. Sehr selten so was!“
Leutnant zum Feldwebel:
“Seltener Schauspiel-Befehl: Morgen um neun wird der Oberst im Drillich die Mauer fällen, wie es alle Tage passiert in der Sporthalle, wenn ein schöner Tag ist. Wenn’s regnet: Kasernenhof!“
Feldwebel zum Unteroffizier:
“Morgen um neun Verfinsterung des Oberst im Drillich wegen der Mauer. Wenn es in der Sporthalle regnet, was nicht alle Tage passiert, antreten
auf’m Kasernenhof!
(frei nach Peter Frankenfeld)
Diese kleine Humoreske Tucholskys ist 1907 (übrigens anonym)in der Zeitschrift Ulk erschienen.
G.N.
Hübscher Text. Leioder ist nicht ganz klar, ob nun von Tucholsky (wie ich vermute) oder doch von Holger Netz. Erbitte Aufklärung…
Holger
Dem Blättchen habe ich über die Jahre mehrfach die Neu- oder Wiederentdeckung von Tucholsky-Texten danken können. Nun will ich auch mal ein kleines beisteuern und grüße im Vertrauen auf die angekündigte Online-Ausgabe des Heftes ab Januar.
Ihr Gerald Netz
Wiewohl sich das Blättchen rezensorisch auf Sachbücher beschränkt,kann es folgende Veranstaltung und mehr noch das dort vorgestellte Buch nur wärmstens empfehlen.
Die Redaktion
***
Donnerstag, 12. Nov 2009 20 Uhr
Kathrin Gerlof
„Alle Zeit“
Lesung und Gespräch
Kathrin Gerlof erzählt die traurig-schöne Geschichte von fünf Frauen, die einander sehr viel näher stehen, als sie glauben. Ein berührender Roman über das Altwerden und Neugeborensein, über Liebe, Verlust und neugewonnenes Vertrauen.
Veranstaltungsort: Kavalierhaus
Breite Straße 45, 13187 Berlin
Eintritt: 4 €
Gemeinschaftsveranstaltung mit der Caritas-Klinik „Maria Heimsuchung“
Voranmeldungen erbeten
BUCHHANDLUNG BEI SAAVEDRA
Breite Straße 2a, 13 18 7 Berlin
Fon 030 – 47 48 21 56
Email: kontakt@saavedrabuch.de
http://www.saavedrabuch.de
Lieber Herr “Liebermann”,
nicht nur zum Verständnis dieses einen Ihnen angeführten Aspekts empfehle ich ein schmales Büchlein mit dem Titel “Postdemokratie”.
Autor Colin Crouch belegt darin ziemlich plausibel, daß wir eh auf dem Weg zurück sind in Zeiten der Vordemokratie.
(Erschienen 2008 bei edition suhrkamp)
Rüdiger Becker
Vorwärts ins 19. Jahrhundert!
Die Sozialgesetzgebung bzw. Sozialgesetze waren ein Versuch des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck, auf die – im Zuge der Industrialisierung entstandene – soziale Not der Arbeiterschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert zu reagieren.
Bismarck hatte die politische Sprengkraft der extremen sozialen Gegensätze erkannt und wollte dem entgegenwirken, nicht zuletzt, um der sozialistischen Bewegung den Nährboden zu entziehen. Es galt, der noch jungen Nation zu beweisen, dass der Staat mehr zu bieten hatte, als die politischen Vertretungen der Arbeiterschaft wie SDAP (Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei) und ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein)(ab 1875 gemeinsam als SAD (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands), Umbenennung im Jahre 1890 in SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands)) und sie auf diese Weise fest an die Regierung zu binden. Außerdem machte auch das repressive Sozialistengesetz einen Ausgleich notwendig (Politik mit „Zuckerbrot und Peitsche“).
Langfristige Absicht Bismarcks war, die Autorität der Regierung gegen das erstarkende Proletariat abzusichern.
Im Zuge der Sozialgesetze führte Otto von Bismarck 1883 die Krankenversicherung und 1884 die Unfallversicherung ein. Zunächst waren nur Arbeiter zwangsversichert. Beide Gesetze machten die Schaffung von Krankenkassen wie z. B. die AOK und Berufsgenossenschaften unabdingbar, um den Arbeiter bei einer möglichen Arbeitsunfähigkeit vor großer Not zu bewahren. Die Beiträge zur Krankenversicherung wurden zu 1/3 von den Arbeitgebern und zu 2/3 von den Arbeitnehmern getragen, die Unfallversicherung hingegen finanzierte der Arbeitgeber komplett. Bei der später eingeführten Rentenversicherung standen die Einzahlungen dann im Verhältnis 50:50.
1885-1913 Beiträge der Arbeitgeber: 6.670.413.000 Mark;
Beiträge der Versicherten: 5.949.365.000 Mark;
Beiträge des Staates: 806.643.000 Mark;
Entschädigungen wurden gezahlt: 10.818.740.000 Mark
Quelle: Wikipedia
Mit schönen Grüßen, Max Liebermann
Liebe Kritiker unseres derzeitigen Internetauftritts!
Wir lernen doch und “üben” noch – und deshalb bitten wir um etwas Geduld und um etwas Nachsicht. Es kann alles nur besser werden, und irgendwann wird es dann sehr gut sein …
Wolfgang Sabath & Heinz Jakubowski
Ich sehe ja ein, daß die derzeitige Präsentation noch provisorisch ist. Aber kann man sie nicht trotzdem sauberer anbieten als bisher. Und wenns nur um solche Dinge wie Abstände zwischen den Texten oder den Überschriften zu den Texten oder die einheitliche Kursivierung von nachgestellten Verlagsangaben bei Rezensionen geht. Das macht doch keine große Mühe, findet der ansonsten Blättchentreue
Olaf
Zwar fehlt mir das gedruckte Heft nach wie vor, aber dennoch chön, dass es weitergeht, wenn auch – wenn ich das richtig sehe – zunächst nur provisorisch.
Wenn Euch ab Januar eine richtig gute Homepage gelingt, bin ich guter Hoffnung, daß Euch sehr viele der bisherigen Abonnenten treu bleiben werden.
Beste Wünsche also für Wolfgang Sabath und die Autoren,
Kay
Nach den Wahlen
Demokratie oder das, was man damit bezeichnet, könnte ganz angenehm sein, wären da nicht die Wahlen, besonders die letzten, vermutlich auch die nächsten. Dabei hielt ich eisern meinen Entschluß durch, niemanden zu wählen u. das war anstrengend. Was müssen erst die durchlitten haben, die ihre Stimmen schön brav verteilten oder auch nicht. Die Belastung hält aber noch weiter an: war es richtig, wie jetzt weiter bzw. beim nächsten Mal blubbert öfters in meine Gedankengänge. Als ob das nicht genug sein, fiel mir noch dank meiner chaotischen Lesegewohnheiten das Buch von Wolfgang Herles: „Das Saumagensyndrom“, 1994, in die Hände. Danach war es mit meiner Rentnerbeschaulichkeit endgültig vorbei, die letzte leise Hoffnung, meine Bedenken seien Hirngespinste, hat dieser Kerl ungerührt restlos zerschmettert. Dabei schreibt er ganz gut, ziemlich exakte Beobachtungen u. Wertungen der Politiklandschaft liefert er. Gut, ein bißchen viel soziologische Theorieansätze holt er zu Hilfe, so nach dem Motto des vorsichtigen Journalisten aus besserem Hause: viel hilft viel oder besser zu viel als zu wenig u. je renommierter die Theoretiker, desto unangreifbarer werde ich. Und so richtig scharf geht er trotz fataler u. beunruhigender, fundamentaler Fehlentwicklungen des politischen Systems, die er sehr präzise beschreibt, u. das schon 1993, mit der herrschenden Politikerklasse nicht ins Gericht. Eigentlich übt er genau genommen den Verständigen, die Verhältnisse, sie sind eben so. Sei es ihm nachgesehen, ein bisher wohlbehüteter u. gutbezahlter Journalist taugt eben nicht zum Revoluzzer. Aber er hat bemerkenswerten Ein- u. Überblick zu den Vorgängen in den Parteien, Regierung u. Parlamenten, seine Analysen würde ich brillant nennen. Zu einem Credo jedoch brauche ich ihn nicht, wir leben eben auf verschiedenen Planeten. Damit geht er auch recht vorsichtig um, verständlich, siehe oben, u. auch ungefährlicher ist es so. Nach der Lektüre habe ich keine Zweifel: Die jetzt in der Politik handelnden Organisationen u. Personen sind nicht willens u. in der Lage, eine analytisch bestimmte Richtungsänderung zu bewirken, die dringend notwendig wäre. So, wie die Strukturen objektiv wirken, kann nur eine permanente Verschlechterung der Situation, sprich Demokratiedemontage, erfolgen. Interessanter Weise benutzt Herles häufig Begriffe der Lehensbeziehungen, Oligarchien oder Privilegien, wenn er die Beziehungen in den Parteien, die voll auch in Regierung u. Parlamente durchschlagen, auf den Punkt bringt, bekanntlich übliche Herrschaftskategorien aus dem Feudalismus. Er mutmaßt hier eine vorherrschende Tendenz, mit Demokratie nicht gerade kompatibel, seit damals dynamisch zunehmend täglich jedermann beobachtbar, sehr glaubhaft. Sachfragen spielen in der Politik eine Nebenrolle, den herangezogenen Politiker mangelt es regelmäßig an Sachkenntnis, ganz zu schweigen vom Intellekt. Dumpe Gemüter, die als „Generalisten“ einzig die Machtkampftastatur virtuos spielen können, sind gefragt u. dominieren. Inzwischen haben die Zumutungen die Erträglichkeitsgrenze überschritten. Gäbe es doch die gesetzliche Institution des personenbezogenen Fernsehübertragungsverbot oder zumindest eine Vorankündigungspflicht aus Verbraucherschutzgründen für Schießbudenfiguren a la Westerwelle, Roth, Niebel, Pofalla, Scholz, wenn es sein muß, eingeschränkt nur für Herzkranke wie mich. Diese Typen haben die ganze Gesellschaft grundgesetzwidrig unter die undemokratischen Parteienstrukturen gezwungen u. setzen dieses in strategischen Bereichen außer Kraft. Wahlen sind zu reinen Shows verkommen, Reden u. Parteiprogramme wurden jeglichen Inhalts beraubt. Das Wahlsystem wird durch Abbau der Politikauswahlmöglichkeiten pervertiert, das fragwürdige Koalitionssystem u. die 5%-Klausel sichern den Machterhalt zumindest einer Partei, unabhängig vom Wahlergebnis. Als Wähler soll ich gezwungen sein, vorgegebene Übel durch Stimmabgabe nachträglich abzusegnen. Dafür machen die Medien, die ja auch grundgesetzwidrig von den Parteien okkupiert wurden, unisono gewaltigen Druck: Nichtwählen ist antidemokratisch! Scheibenkleister! Änderung muß her, die kann nur von außen kommen, wegen mir wieder APO, nur reifer. Die Gesellschaft hat sich verändert seit APO-Zeiten selig, es gibt inzwischen eine Vielzahl von Vereinigungen u. Initiativen, Keimzellen der mündigen Bürger. Und es gibt erprobte Kommunikationstechniken, die unübersehbaren Widerstand der Gesellschaft sichtbar machen können. Es ist an der Zeit, die Bürgerbewegungen der auslaufenden DDR in die jetzige Republik zu bringen, sie hat es verdammt nötig. Ich habe bei der letzten Wahl die Probe gemacht:
[Schade! Hier sollte der Handyschnappschuß meines Wahlscheines her, klappt nicht. Also: Wahlschein, zweimal mit orangenem Marker diagonal ungültig gemacht]
Zugegeben, sehr spektakulär sieht das noch nicht aus. Es fehlt irgendein gemeinsames Zeichen, von jedermann zeichenbar, wird sich aber ganz gewiß finden. Welche Möglichkeiten bieten sich da! Herrlich! Hunderttausend so abgegebene Stimmen brächten einiges in Bewegung, da bin ich mir sicher. Die erste Etappe wäre mit einer, zeitweilig begrabenen, Verfassungsdiskussion bewältigt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Hallo,
ich lese am 5. 11. um 20 Uhr im Cafe Tasso, Frankfurter Allee 11, Eintritt frei, um Spende wird gebeten,
am 12. 11. im Café Boheme,Winsstr. 12, 10405 Berlin, 20 Uhr, Eintritt frei,
und am
17. 11. im Nachbarschaftstreff Schmargendorf, Sylter Straße 12/Ecke Zopotter Straße, Bus 249, 186, 19 Uhr, 5,– Euro, ermäßigt 3,– Euro
aus meinem Buch “Schon vorbei” (vielleicht auch noch andere Texte) und würde mich freuen, wenn Sie bei einer der Lesungen vorbeikommen würden.
Grüße von Erhard Weinholz.
Textprobe:
Abschied von der Insel
Ein Verlust ist anzuzeigen, eine schwer zu beschreibende, aber dennoch spürbare Art von Freiheitsberaubung: das Verschwinden des alten Stralau. Der Name der zum Bezirk Friedrichshain gehörenden Spreehalbinsel ist in Berlin sicher allbekannt, die Örtlichkeit selbst aber wohl nur wenigen. Den meisten, mir ging es lange Zeit nicht anders, zerfällt die Großstadt in eine Reihe gesonderter Orte des Wohnens, Arbeitens, Einkaufens, der Erholung. Was dazwischen liegt, sind Wege, der Rest bleibt unbeachtet.
In diesem Falle zu Recht, mag man sagen. Denn was ist, was war, muß es jetzt schon fast heißen, bemerkenswert an diesem alten Stralau, das nicht einmal das ganz alte mehr ist? Architektonisch fast nichts. Das Fischerdorf, der Villenvorort, die beide auf ihre Art reizvoll gewesen sein mögen, waren seit Ende des letzten Jahrhunderts allmählich verdrängt worden von Mietshäusern, Bürogebäuden und Fabriken. So war hier die gleiche Mischung von Wohnen und Gewerbe entstanden wie anderswo in der Stadt. Nur war, was sich in Zentrumsnähe zusammendrängte und übereinandertürmte, hier auf die Fläche verteilt und mit viel Grün durchmischt. An Stralaus Vorzeit erinnerten schließlich allein noch die Kirche und ein Denkmal auf der Parzelle des längst schon verschwundenen Fischerhauses, worin der Student Marx 1837 einige Monate logiert hatte.
So abgelegen wie damals ist der Ort schon seit langem nicht mehr; er ist, nur ein paar S-Bahnstationen vom Alex entfernt, von den Bahnhöfen Treptower Park und Ostkreuz zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen. Dennoch hatte ich, wann immer ich in den achtziger Jahren den Tunnel durch den Ringbahndamm passiert und den Lärm der sechsspurigen Stralauer Allee hinter mir gelassen hatte, auf einmal das Gefühl, fernab vom Zentrum zu sein. In einer Gegend zudem, die der vielzitierte Fortschritt kaum berührt zu haben schien: Schlaglöcher, rostige Zäune, langsam zerbröckelnder Putz. Kaum ein Auto war zu sehen, selten nur ein Fußgänger. Im HO-Kramladen Alt-Stralau Nr. 70 fand ich manchmal Dinge, Kapern etwa, die anderswo gerade ausverkauft waren. Wäre ich in irgendeinem Winkel auf eine Losung wie “Deutsche an einen Tisch ” gestoßen, es hätte mich nicht gewundert. Doch gearbeitet wurde auch hier: Hin und wieder war aus der Engelhardt-Brauerei Flaschenklirren zu hören, aus der Glashütte dumpfes Krachen. Ein Vormittagsspaziergang mitten in der Woche hatte so auch etwas vom Genuß des Schuleschwänzens an sich. Weit hinten hingen, mein Inselgefühl noch verstärkend, als Zeichen einer moderneren Welt die Dampfwolken des Kraftwerks Klingenberg am Himmel.
In den ersten Jahren nach der Währungsunion mußten die meisten Stralauer Betriebe schließen. Ihre Überbleibsel waren nun Treuhand-Eigentum, aber das war mir egal: Ich drang in ihr Gelände ein, stöberte in funktionslos gewordenen Baracken herum, eignete mir zumindest betrachtend an, was ich zuvor nur dem Namen nach besessen hatte, und verwirklichte so auf nicht ganz zulässige Weise einen schäbigen Rest der großen Idee des Volkseigentums. Als materielle Ausbeute blieb mir eine Schüssel mit blauem Rand und dem Firmenzeichen der Deutschen Binnenreederei; ich nutze sie beim Kartoffelschälen.
Der Holländer Constant, der Situationistischen Internationale angehörend, hatte 1966 in seinem “New-Babylon”-Text von der Suche nach dem Illegalen in der funktionalen Stadt gesprochen, nach dem Abenteuer, das in letzten Teilen der Altstadt ein kümmerliches Dasein friste. Solche Orte seien Sammelpunkt all derjenigen, die sich von der utilitaristischen Gesellschaft absondern oder von ihr abgewiesen werden, ein Reservoir kreativer Triebe und damit ein Vorgriff auf die künftige Stadt des freien und kreativen Menschen. Stralau hätte solch ein Ort werden können: eine der immer wieder nicht nur von außen, sondern auch durch Selbstvermarktung bedrohten und daher zum Vagabundieren genötigten Lokalitäten möglichst zwanglosen Denkens und Handelns, wie sie sich einst in Mitte im Tacheles oder im kurzlebigen LomoDepot geboten hatten. Der unvollkommene, sogar marode Zustand der Gegend wäre dafür kein Hindernis gewesen. Im Gegenteil, er hätte als Einladung zu eigener Gestaltung verstanden werden können.
Ich war auch nicht der einzige, der Stralau in diesem Sinne für sich entdeckt hatte. Etliche Fabrikhallen wurden einige Zeit für Rockkkonzerte genutzt. In die Hüttenhäuser, einst als Unterkunft für Glashüttenarbeiter errichtet, zogen Ende 1994 BesetzerInnen ein. Auf eine noch weit weniger gesicherte Existenzweise stieß ich im Herbst ‘96 am Rande des Glashütten-Geländes: Hier, am Fuße der Halbinsel, mit Blick auf die Rummelsburger Bucht, hatte sich in einer dünnwandigen Laube ein – so vermute ich – Obdachloser eingerichtet. Neben seiner Behausung war allerlei Alteisen aufgehäuft, verbogene Rohre, rostige Fahrradrahmen, Bettgestelle; was er damit vorhatte, war nicht zu erkennen.
Zu der Zeit begannen bereits andere, erheblich stärkere Kräfte, das Schicksal Stralaus zu bestimmen. Im Sommer ‘92 war vom Senat die Entwicklungsträgergesellschaft Rummelsburger Bucht (ERB) gegründet worden, deren Planungsraum außer Stralau das angrenzende Areal am Bahnhof Ostkreuz und das unwirtliche Gelände nördlich der Bucht umfaßt, auf dem sich zu DDR-Zeiten Kasernen und das Untersuchungsgefängnis Rummelsburg befunden hatten. Das gesamte Gebiet, das ihr lediglich als „fehlgenutzte Fläche“ galt, sollte völlig umgestaltet werden. Im Februar ‘93 wurde in der Presse ein erster Entwurf veröffentlicht, der noch mit den Berliner Olympiaplänen verknüpft war: Die neuen Stralauer Wohnanlagen sollten Teil des zukünftigen Olympischen Dorfes sein.
Berlins Olympiabewerbung scheiterte jedoch, und von einem Baubeginn war vorerst nichts zu sehen. Vielleicht, so dachte ich damals, würde auch Stralau zu jenen Teilen der Stadt gehören, die, wie es bei Constant heißt, allen Säuberungsversuchen der Utilitaristen und Funktionalisten entwischt zu sein scheinen. Doch das erwies sich als ein Irrtum.
Der Standort Rummelsburger Bucht ist ja in der Tat ideal: zentrumsnah gelegen, verkehrsgünstig und obendrein am Wasser. In der S-Bahn-nahen Hälfte Stralaus wird einer der Wohnschwerpunkte des Entwicklungsgebietes liegen. Man will dort nicht einmal tabula rasa machen: Einige denkmalgeschützte oder gut erhaltene Wohn- und Gewerbebauten, so der markante Palmkernspeicher am Stralauer Nordufer, bleiben erhalten, und die geplante Bebauung greift mit ihrer Zeilenstruktur die alte Stralauer Flurstücksteilung als Zitat auf.
Die Obdachlosen-Laube ist inzwischen verschwunden. Die Hüttenhäuser waren zuvor schon, im April ‘96, geräumt worden. 1997 wurden die ersten Stralauer Neubauten fertig, teils Fünf-, teils Sechsgeschosser. Es sieht alles ganz hübsch aus und durchaus nicht monoton, aber trotz mancher architektonischen Zitate kaum anders als in all den anderen neuen Wohngebieten in und um Berlin, im Kirchsteigfeld, an der Havelspitze oder in Karow-Nord. Zwar könnte ich, etwa auf dem geplanten Uferweg, auch in Zukunft in dieser Gegend spazierengehen. Ich weiß nur nicht, was ich dort noch zu suchen hätte.
Landung zwischen den Stühlen
“Unser Platz ist immer zwischen den Stühlen.” Jörn Schütrumpf, Verleger des Weltbühne-Nachfolgers Das Blättchen, wurde zwölf Jahre lang nicht müde, diesen Tucholsky-Satz zu wiederholen. Solange behauptete sich die kleine ziegelrote Publikation mit dem alten Weltbühne-Format in der linksintellektuellen Nische des vereinten Deutschland, in der auch Zeitungen wie etwa Der Freitag zu finden sind.
Jetzt haben die Blättchen-Macher die Erfahrung machen müssen, dass der Versuch, zwischen den Stühlen Platz zu nehmen, eine harte Bodenlandung nicht ausschließt. Nummer 20, 12. Jahrgang, datiert vom 28. September, präsentiert sich als letzte Printausgabe ihrem Leserkreis. “Die Marktgesetze konnten nicht einmal wir außer Kraft setzen”, gestehen die Macher ihren Lesern und fügen “nach zwölf Jahren freudvollen Tuns” melancholisch hinzu: “Wir hoffen, dass Sie unser Heft häufiger mit Gewinn lasen und Sie demzufolge seine Einstellung zumindest ebenso bedauern wie wir selbst.”
Davon ist mit einiger Sicherheit auszugehen. Eine kleine Gemeinde von zuletzt noch knapp 600 Abonnenten und einer etwa doppelt so großen Anzahl von Kioskkäufern genoss das intellektuelle Niveau und empfand manches kulturelle Vergnügen an den Betrachtungen zu Zeitthemen, Inland wie Ausland, dazu Buch- und Theaterrezensionen und Marginalien für den eiligen Konsumenten im Schlussteil. Ostblick auf die Welt, polemisch mitunter, aber keine Spielereien mit den Ost-West-Klischees und jede Zeile konsequent jenseits parteipolitischer Auseinandersetzungen.
An Autoren hat es dem Blättchen nie gefehlt. “Weniger gestandene Journalisten, eher Fachleute mit wissenschaftlichem Hintergrund, die viel herumgekommen sind, ausgestattet mit leichter Feder, ohne den krampfhaften Ehrgeiz, mit einer aktuellen publizistischen Arbeit vor ihrer Kollegenschaft bestehen zu wollen”, rühmt der Historiker Schütrumpf. Mancher junge Autor fand beim Blättchen eine Startrampe, wo er sich erproben konnte für den Weg in die Tageszeitung oder die wissenschaftliche Publizistik. “Undruckbares kam natürlich auch”, erinnert sich Schütrumpf. “In so einer Nische melden sich gern ganz normale Genies, die glauben, sie hätten die Weltformel gefunden.”
Finanziell auskommen mussten sie beim Blättchen all die Jahre ohne bezahlte Anzeigen und ohne Zuschüsse. Ein gutes Stück Idealismus schrieb immer mit. Am Anfang hatten sie fast tausend Abonnenten. Manch einer, der eher eine orthodoxe sozialistische Weltanschauung bedient haben wollte, sprang enttäuscht ab. Aus der Generation der vierzig- bis sechzigjährigen Intellektuellen, der eigentlichen Zielgruppe, wuchs ihnen mangels Werbung zu wenig Leserschaft zu. Aus plusminus Null wurde allmählich ein Minusgeschäft, die Schmerzgrenze war jetzt erreicht.
Eckhard Spoo, Herausgeber des anderen, ebenfalls vor zwölf Jahren gegründeten Weltbühne-Nachfolgers namens Ossietzky, bedauert das Ende des Blättchens, obgleich es anfangs so schien, als stünden sich da in der linken Nische zwei Konkurrenten im Wege. Für sein in Berlin redigiertes und in Hannover editiertes Blatt hatte er 1997 den größeren Teil ehemaliger Weltbühne-Autoren binden und wohl auch den besseren Ost-West-Mix finden können, von Daniela Dahn bis Otto Köhler, von Kittner bis Kusche. Das Blättchen hat für Spoo in der letzten Ausgabe eine kostenlose halbe Anzeigenseite eingeräumt. So darf er vielleicht auf den einen oder anderen Abo-Wechsler hoffen.
Was den Blättchen-Redakteuren Wolfgang Sabath und Heinz Jakubowski bleibt, ist die Internet-Plattform, die sie “fröhlicher denn je” (Schütrumpf) zu betreiben versprechen. Der Verleger selbst will sich auf den Karl Dietz Verlag und auf eigene Buch-, CD- und Ausstellungsprojekte konzentrieren.
”
Berliner Zeitung”, 1. Oktober 2009
Nachruf auf “Das Blättchen”
Nachdem die Weltbühne 1993 totgemacht worden war, gab es im real unvereint gebliebenen Deutschland einige Unverbesserliche, die ein Nachfolgeblatt kreieren wollten. Sie fanden, wie so häufig in diesem Lande, nicht zueinander. Es war schon ein Glück, daß sie, weil beide zu einer Wochenschrift nicht in der Lage, sich auf ein alternierendes Erscheinen einigten, so daß jene, die beide abonnierten, in unbedachten Augenblicken davon träumen konnten, es gäbe sie noch, die eine Wochenschrift, in der einen Woche als Blättchen erscheinend und in der andern als Ossietzky.
Aber wie viele von jenen, die es sich finanziell hätten leisten können, hatten beide abonnie rt? Die Idee allein schon schien den meisten völlig abwegig, wurde doch der eine Nachfolger von einem »Westjournalisten« gemacht und der andere von einem »Osthistoriker«. Gar für beide zu schreiben galt Außenstehenden – aber nicht nur diesen – nahezu als Sakrileg, das nur besonders dickfellige Autoren wie der Schreiber dieser Zeilen begingen.
Dabei ergänzten sich die beiden Nachfolger in mannigfacher Weise. Wer an scharfer Kritik an den Zuständen in der alten wie der neuen Bundesrepublik interessiert war, griff lieber zumOssietzky (das Blättchen war da viel zu zahm). Wer dagegen Kritisches zur Geschichte des Sozialismus und der kommunistischen Bewegung lesen wollte, fand das eher im Blättchen. In beiden Fällen schlug sich letztlich doch die Sozialisation der »Macher« nieder, die in guter alter Weltbühne-Manier lieber das eigene Nest beschmutzten als das »fremde«. Wer Berichte über das »neue« Osteuropa lesen wollte, fand dazu mehr und besseres im Blättchen, wen das »alte« Westeuropa mehr interessierte, wurde eher im Ossietzky fündig. Unter den besprochenen Büchern fand sich selten etwas aus den berüchtigten »Bestseller-Listen«, allerdings auch kaum eins, das in beiden eine Rezension erhielt. Bemerkenswert – und eine weitere Belohnung für jene, die sich den Luxus leisten konnten (und wollten), beide Hefte im Wechsel zu lesen.
So ließe sich noch manches miteinander vergleichen. Nunmehr nur noch zum Nutzen desOssietzky, denn das Blättchen stirbt. Am 28. September ist seine letzte Nummer erschienen, weil die sozialen Folgen der andauernden Wirtschaftskrise die Zahl der Abonnenten so stark schrumpfen ließen, daß die Verleger dieses Zuschußgeschäft nicht mehr weiter betreiben konnten. Der Vorgang selbst ist nicht neu, schon gar nicht in der ohnehin ausgedünnten linken Presselandschaft, und in jedem Einzelfall, aber in diesem ganz besonders zu bedauern. Bleibt zu hoffen, daß die Leserinnen und Leser des Blättchens ihren Weg zum Ossietzkyfinden. Vielleicht auch einige der Autorinnen und Autoren.
Thomas Kuczynski
Wie Das Blättchen in seinem letzten Heft mitteilt, plant es für Januar 2010 eine online-Ausgabe.
Aus “Ossietzky”
Dreimal messen …
Dreimal müsse man messen, ehe man einmal schneidet, sagt eine Handwerkerregel. Das gilt auch für ambitioniertes Bauen, zumal in Berlin. Hier zeigen sich alle Architekten und öffentlichen Bauherren seit den Zeiten Andreas Schlüters immer wieder vom komplizierten Baugrund und anderen planerischen Mißlichkeiten überrascht. Was hat das mit der neulich hier im „forum“ von Angelika Leitzke so trefflich problematisierten Wowereitschen Kunsthalle zu tun? Sie soll auf kompliziertem Baugrund am Humboldt-Hafen gleich gegenüber vom Hamburger Bahnhof entstehen, der kein Bahnhof mehr ist, sondern ein Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Geplante Kosten: 30 Millionen Euro. Und sie soll „ausschließlich zeitgenössischer, auch international ausgerichteter Gegenwartskunst in Berlin“ dienen. Dafür gibt es einen ab dem Jahr der Fertigstellung anvisierten Jahreszuschuss in Höhe vier Millionen Euro. Damit haben wir das Problembündel beisammen.
„Berlin braucht eine Kunsthalle!“ So steht es in fetten Buchstaben über einer dem Abgeordnetenhaus vorliegenden „Konzeption“. Warum dies so ist, erschließt sich auch bei wiederholter Lektüre nicht so richtig. „Zeitgenössische auch international ausgerichtete Gegenwartskunst“ (was immer das ist) stellen in Berlin aus: der Hamburger Bahnhof (13.000 m² Ausstellungsfläche), die Neue Nationalgalerie am Potsdamer Platz (4.900 m²), die Akademie der Künste am Hanseatenweg (2.000 m² plus 540 m² am Pariser Platz), der NBK (764 m²), die NGBK (450 m²), die Berlinische Galerie (4.100 m²) , der Kunst-Werke e.V. in der Auguststraße (2.000 m²), das Zehlendorfer Haus am Waldsee (400 m² plus 10.000 m² Plastik-Garten). Das ist mehr Ausstellungspotential als der von Angelika Leitzke zitierte „private Schuhkarton“ auf der Schloßfreiheit. Die LANDES-KUNSTHALLE soll 2.000 m² Ausstellungsfläche haben. Eine Besonderheit hat sie im Vergleich zu den letzten drei landesgeförderten Instituten meiner Aufzählung: Die haben allesamt keinen Ausstellungsetat. Was könnten sie leisten, wären sie „auskömmlich“ ausgestattet? Nicht erwähnt habe ich die immer zahlreicher werdenden privaten Angebote, nicht erwähnt habe ich die darbenden kommunalen Galerien. Nicht erwähnt habe ich das Stadtmuseum, das sich – anders als zu Zeiten Leistikows – sehr wohl zeitgenössischer Kunst widmet. Das spricht nicht gegen die Idee einer Kunsthalle.
Nur: Solange die öffentliche Hand ihre bestehenden Kunstinstitute mit einem ähnlichen Aufgabenprofil darben lässt, sollte sie kein neues installieren.
Übrigens dürfte keine Landeseinrichtung in der Lage sein, gegen eine in unmittelbarer Nähe liegende Einrichtung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wie dem Hamburger Bahnhof (dessen Ausbau das Land Berlin finanziert hatte …) mit omnipotenten Sammlern im Hintergrund zu bestehen. Die Stiftung spielt Champions League… Es bleibt bei genauerer Prüfung der Argumente der Hinweis, hier gelte es mit Hilfe der Kunst ein unterentwickeltes Stadtquartier attraktiver zu machen. Die Gegend ist tatsächlich ein öder Acker. Letztens fand dort das bei manchem beliebte „Sandfigurenfestival“ statt. Ursprünglich sahen Klaus Wowereits Planungen vor, hier einen privaten Investor zu platzieren. Dieser sollte Baurecht für was auch immer erhalten. Einzige Bedingung: Er hätte eine „möglichst hochkarätige Sammlung“ dort in einem Privatmuseum unterbringen müssen und dem Land Berlin eine Kunsthalle bauen. Im selben Gebäude sinnigerweise. Die Kunsthallenidee sollte also mitnichten einzig der Kunst dienen. Sie war als Köder für Baulustige am sandigen Humboldthafen-Ufer gedacht. Mit Kunst hatte das wenig zu tun. Zudem erwies sich die Liste generöser Investoren als zu kurz. Genau genommen wars nur einer, dem kam wohl auch noch die Finanzkrise dazwischen. Die Sache platzte. Daraufhin entschloß sich der Senat, selber zu bauen. Für die besagten 30 Millionen Euro hart am Wasser. Auf wundersame Weise entspricht diese Summe genau der, die für die lange überfällige Erweiterung des Berliner Bauhaus-Archivs in die Finanzplanung des Landes eingestellt werden sollte. Es ist schon ein Bubenstück, im Bauhaus-Jahr 2009 die weltweit einzigartige Berliner Sammlung zugunsten einer sandigen Vision weiter in die Kisten verbannen zu wollen.
Es gibt übrigens einen Gegenvorschlag zum Wowereit-Standort: Die Blumengroßmarkthalle an der südlichen Friedrichstraße. Favorisiert wird diese Idee von der Grünen-Kulturpolitikerin Ströver. Es geht um die Aufhübschung eines darniederliegenden Stadtquartiers, allerdings mit einem Grünen-Bürgermeister. Das gab es schon einmal. Als der Kreuzberger Bürgermeister und spätere Bausenator Peter Strieder (SPD) das Luxus-Immobilienquartier einer ehemaligen Brauerei am Kreuzberg „qualifizieren“ wollte, setzte der damalige Senat Himmel und Hölle in Bewegung, um die Berlinische Galerie in die noch auf Jahrzehnte nassen Brauereikeller zu setzen. Zum Glück für die Galerie ging der Investor pleite. Die Blumengroßmarkthalle soll zudem vom Jüdischen Museum genutzt werden. Das wäre erst einmal zu vertreiben und dies machte richtig gute Presse für Berlin.
Christina Weiss, Kulturstaatsministerin im Kabinett Schröder (SPD), beschrieb einmal das „Defizit“ Berliner Kulturpolitik ganz knapp: Es müsse „mehr Glanz in die Hütte“. Dem diente auch das Kunsthallenprojekt. Am 12. Oktober beschloss der Kulturausschuß des Abgeordnetenhauses, dem Senat quasi eine zweijährige Ideenentwicklungsphase für die Kunsthalle einzuräumen. Dann erst wolle man über Bau oder Nichtbau entscheiden. Vielleicht reift in dieser Zeit der Gedanke, dass es besser wäre, erst einmal die bestehenden Potentiale für die Kunst und die Künstler intensiver zu nutzen.
Einen Twitterkanal abonniert, würde man vielleicht auf deutsch sagen, aber das trifft es nicht so richtig. tatsächlich gibt es in der Netzwelt Dinge, die man schwer übersetzen kann, ohne unscharf zu werden. Nicht-Übersetzen darf meines Erachtens ein Stilmittel sein.
Twitter bitte ich selbst zu googlen bzw. nachzuschlagen.
Aber Herr Bitterlich: Sind Sie wirklich noch nie einem account gefollowt?
Was für ein verpfuschtes Leben!
Im bowing me bis auf weiteres smpathiesfull,
Christoph
Wer den letzten Satz des ansonsten bedenkens- und lesenswerten und intelligenten untenstehenden Beitrages verstanden hat, tue das bitte hier im “Blättchen”-forum kund.
Frank Bitterlich, altmodisch bis zum Gehtnichtmehr
Am Sonnabend vor der Wahl werde ich noch einmal unsicher. Es geht ja um nichts. Warum eigentlich nicht die Piraten? Sie sind neu, sie sind noch nicht korrumpiert, sie sind netzaffin, demokratisch, grundrechtsbewußt, international und kommen aus Schweden. Sie haben schicke Buttons. Und tonnenweise Twitter-Accounts. Und machen diesen maritimen Long-John-Silver-Wahlkampf. He, wieviele Piratenbücher habe ich als Junge verschlungen? Warum eigentlich nicht?
Ich mag keine Ego-Shooter und ich halte sie auch nicht für ungefährlich. Aber davon sollte man seine Wahlentscheidung vielleicht nicht abhängig machen. Ich kenne auch nette Leute, die Ego-Shooter spielen. Und wahrscheinlich gibt es auch Piraten, die andere Sachen spielen oder gar nichts, weil sie immerzu Foren und Blogs vollschreiben oder Wikis programmieren.
Bin ich zu alt? Am Wahlstand der Piraten werde ich konsequent gesiezt, als ich in den orangenen Faltblättern krame. Ich klappere mal die Kandidatenlisten und Vorstände ab. Klar, die meisten lassen ihre Wäsche noch zuhause waschen, aber es gibt auch ein paar Ältere. Ein bisschen wenig Frauen sind dabei, aber ich bin auch keine Frau. Das kann man ihnen schlecht vorwerfen.
Ich lese das Wahlprogramm. Den Teil mit den Urheberrechten verstehe ich nicht. Musik habe ich mir immer gekauft, auch als ich fast kein Geld hatte. Bücher auch. Und es gibt (leider völlig unterfinanzierte) Bibliotheken. Aber den Rest kann ich gut lesen. Ja, es gibt Kriminalität und natürlich gibt es auch im Internet Kriminalität. Und niemand behauptet, dass Kriminalität nicht verfolgt werden soll. Das Programm mutet beinahe schon anachronistisch an ob seiner Rechtsstaatlichkeit.
Aber es ist mir viel zu kurz. Was ist mit der Krise? Was ist mit dem Krieg? Welche Wirtschaftsordnung wollen die Piraten? Welche Sozialordnung? Welches Menschenbild haben sie? Nachher sitzen die im Bundestag mit meiner Stimme und sind auf einmal so eine Art Retro-FDP!
Es ist richtig: Der Mensch hat einen Anspruch auf Schutz vor dem Staat. Aber es ist auch richtig: Er hat auch einen Anspruch auf Schutz durch den Staat. Der Mensch ist nicht nur Individuum. Er ist auch ein soziales Wesen. Sehr richtig: Der Mensch braucht Information und deshalb Zugang zu Informationen. Er braucht aber auch Wasser, Nahrung, Kleidung, Wohnung, Heizung, Energie, Krankenbehandlung, Sicherheit, Verkehr. Wie soll das organisiert werden? Wer soll das organisieren? Der Markt oder der Staat? Oder der regulierte Markt? Das Infrastrukturkapitel lese ich mit Wohlwollen. Ich hoffe, es kommt ein Kapitel über die Dinge hinzu, die man früher Daseinsvorsorge nannte. Früher, bevor die Leute mit dem Agenda-Sprech kamen.
Ich habe dann doch nicht die Piratenpartei gewählt. Aber ihren Twitter-Account gefollowt, immerhin.
Berliner Dauerbrenner
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der seit seiner zweiten Legislaturperiode auch das Amt des Kultursenators bekleidet, hat in seinen Richtlinien für seine Regierungspolitik eine kommunale Kunsthalle gefordert, um Platz für die zeitgenössische Kunst aus Berlin zu schaffen. Diese sei zwar international präsent, erblicke aber in ihrer Heimatstadt gar nicht oder nur sporadisch in Museen, Kunstvereinen, Galerien oder auf Messen das Licht der Öffentlichkeit.
Seit 1994 die Staatliche Kunsthalle an der Budapester Straße Nähe des Bahnhofs Zoo, 1977 eröffnet, geschlossen wurde, gibt es also an der Spree keinen Ort mehr, der sich systematisch der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Berliner Kunst widmet. Zwar hat seit Herbst 2008 der privatfinanzierte Schuhkarton auf dem Schlossplatz, genannt “Temporäre Kunsthalle”, diese Funktion teilweise übernommen, doch soll er ab 2010 dem Bau des Humboldt-Forums weichen. Damit stünde Berlin wieder vor der Frage: wohin mit einem kommunalen Kunsttempel und wer finanziert ihn? Schließlich haben Wowereit und sein Kulturstaatssekretär André Schmitz ihn 2006 als eines der obersten Ziele ihrer Kulturpolitik versprochen.
Interessanterweise hatte Berlin schon vor 100 Jahren genau dasselbe Problem: So ist einem von Curt Glaser verfaßten Beitrag, der im Mai 1910 in der Berliner Monatszeitschrift “Kunst und Künstler” erschien, zu entnehmen, daß zwar Berlin eine Nationalgalerie und ein Märkisches Museum hätte, doch keinen Ort, um zeitgenössische Berliner Künstler adäquat präsentieren zu können. Denn wäre die Nationalgalerie bereits zu überfüllt, um noch weitere Kunst aufzunehmen, so das Märkische Museum zu sehr Kolonialwarenschau, um Werken von Lokalgrößen wie Liebermann, Leistikow & Co. eine angemessene Dauerbleibe zu garantieren.
Damals ging es Curt Glaser nur um zwei Ölbilder und eine Gouache von Walter Leistikow, der, heute fast vergessen, zu Kaiser Wilhelms Zeiten ein wichtiger Kulturmann der Preußenmetropole war. Diese hatte zwar die Leistikows angekauft, sich aber keinerlei Gedanken darüber gemacht, wo sie unterbringen zu wären.. Zwar sparten damals die Stadtväter Geld für einen städtischen Kunstfonds, um jedoch, so Curt Glaser, am Ende nicht eine Kunsthalle, sondern einen Märchenbrunnen zu errichten – der 1913 tatsächlich eingeweiht wurde. Von dessen Ästhetik zehren die Bewohner des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg immerhin heute noch, doch die kommunale Kunsthalle fehlt nach wie vor – nachdem die Nazis sie zwar in Nähe des Roten Rathauses planten, sich ihre Architekturvisionen aber dann in Bombenrauch auflösten.
Wir dürfen also gespannt sein, was das Jahr 2010 bringt: vielleicht eine Kunsthalle am Standort Kreuzberger Blumengroßmarkthalle, Heizkraftwerk Mitte oder Postfuhramt? Oder eine zur Minigalerie umfunktionierte Toilette im à la Schlüter rekonstruierten Stadtschloss? Oder ein praktikabel zusammenklappbares luftiges Kunstzelt, das sich je nach Lust und Laune der Stadtobersten an jedem beliebigen Ort aufstellen lässt? Wie heißt es doch so schön in Wowereits sündhaft teuren Werbekampagne für die deutsche Hauptstadt:
“be open, be free, be Berlin”.
Der Arzt und Gott
von Gerd Kaiser
Marek Edelman, 1922 geboren im belorussischen Gomel, hat es nicht leicht gehabt, und er hat es sich nicht leicht gemacht. Sein Leben lang, das sich am 2. Oktober 2009 in Warschau vollendete, stand er auf eigenen Füßen und kämpfte, wie er mir einmal sagte, „für das Wichtigste im Leben – das Leben, ein menschenwürdiges, aufrechtes und gerechtes Leben“.
Seine Mutter verstarb 1934, sein Vater noch früher. Da war ihr Junge bereits Mitglied im Socjalistischen Kinder-Farband, der Kinderorganisation des Allgemejnen Jidischen Arbejter-Bundes (Bund), der Partei jüdischer Sozialisten Polens, Litauens und Rußlands.
Der junge Marek Edelman wehrte sich bereits in den frühen antifaschistischen Abwehrkämpfen der Jugendorganisation Cukunft gegen nationalistische Übergriffe der Falanga und der Endecja. Die Cukunft nahm 1939 ohne Säumen den Kampf auf Leben und Tod gegen deutsche Herrenmenschen auf, die Polen nahezu sechs Jahre unter ihrem Stiefel hielten. 1942 sorgte Edelman mit Gleichgesinnten dafür, daß sozialistische, kommunistische und zionistische Jugendorganisationen gemeinsam in der Jüdischen Kampforganisation ZOB (Zydowska Organizacja Bojowa) den Kampf aufnahmen. Edelman, er starb als der letzter der fünf Kampfkommandanten des Warschauer Gettoaufstandes von 1943, kämpfte auch im darauffolgenden Jahr im Warschauer Aufstand. Auch hier gemeinsam mit Aufständischen der kommunistischen Armia Ludowa (AL), weil die Armia Krajowa (AK), die Landesarmee, ihm und seinen jüdischen Mitstreitern nicht hatte garantieren können, daß sie nicht Opfer von Angriffen aus den Reihen der Antisemiten unter polnischer Flagge werden würden. Kämpfend überlebte er.
Nach dem Medizinstudium war Lodz bis an ans Lebensende Stätte seines Wirkens. Tausende Tode hätte er sterben können, er rettete Tausenden das Leben. Als erster führte er in Polen als Herzchirurg neue Operationsmethoden ein, die Liste seiner wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen beläuft sich auf hundert.
Im Frühjahr 2001 hatte ich das Glück (redete er doch nicht mit jedem, und schon gar nicht mit jedem Deutschen …), Gast in seinem bescheidenen zweistöckigen Haus am Rande der abgewrackten Industriestadt Lodz zu sein. Wir sprachen über seine Lebenserfahrungen und auch über sein Verhältnis zu Deutschen, Drei Persönlichkeiten nannte er, derer er sich, ihres ehrlichen Verhältnisses zu deutscher Schuld und Verantwortung wegen, achtungsvoll erinnerte. An Willi Brandt, den sozialdemokratischen Kanzler, der 1937 als Emigrant in einem Jugendlokal der Cukunft in Warschau eine Bleibe auf der Reise nach Skandinavien gefunden und – ein Bett war nicht vorhanden – auf einem Tisch hartes Nachtlager fand, weil er 1970, „außerhalb des offiziellen Programms“, vor dem Denkmal der Warschauer Gettokämpfer niedergekniet war; Hans Koschnick, den Bremer Sozialdemokraten, „den einzigen deutschen Sozialdemokraten, mit dem ich befreundet bin“, und „die Sozialistin, selbst wenn dieser Begriff durch die Sowjets so diffamiert worden ist“, Rita Süßmuth, die Katholikin, CDU-Bundesstagsabgeordnete und erste gesamtdeutsche Bundestagspräsidentin.
Alle drei außergewöhnliche Zeitgenossen, wie auch er. Ab 1976 hielt Marek Edelman im Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) und in den 80er Jahren in der Solidarnosc seinen Kopf hin. Wie auch Tadeusz Mazowiecki, („der erste Premier der richtigen, der alten Solidarnosc“) gehörte er zu jenen Politikern, die sich nicht verbogen, und die sich später an- und auch weggeekelt zurückzogen. Edelman war Sejmabgeordneter nur bis 1994.
Das Feilschen deutscher Politiker und Unternehmer um die Zwangsarbeiterentschädigungen empfand er, wie er mir sagte, „als empörend“ und „die andauernden Verschiebungen der Zahlungen an die wenigen Überlebenden auf den St. Nimmerleinstag abscheulich. Ich selbst will von den Deutschen nichts. Ich habe meine Rechnungen im Kampf aufgemacht, ich habe mit den Mördern abgerechnet.“
Und er schenkte ihnen nichts, bis zu seinem letzten Atemzug: „Hört auf, die Deutschen zu bemitleiden, ihnen geschieht kein Leid.“ Und: „Der Nationalismus ist fruchtbar, noch immer. Besonders in Deutschland. Bis vor kurzem war die Politik dieses Staatswesens auf Nationalismus begründet …. Es geht nicht um Buße, sie haben für eine historische Schuld zu bezahlen, so lange, bis aus der deutschen Mentalität das Verlangen nach Herrenmenschentum verschwunden ist … Ihre Mentalität geht mich nichts an, weil sie sich freuten, als meinesgleichen erschlagen wurde.“ Diese Ansichten Edelmans fanden in der deutschen Presse kaum Widerhall, man überging sie hochmütig. Dieser Edelman ward nicht gemocht.
In einem ausführlichen Interview mit Krzysztof Burnetko und Jaroslaw Makowski für die 2003 noch liberale katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ sagte er (es war sozusagen sein letztes Wort zu diesem Thema): „Ich ziehe mir ihre Schuhe, die Schuhe von Henkersknechten nicht an … Nur Gott allein ist so gerecht, daß er sogar Henkersknechte beweint. Und ich bin nicht Gott.“
Und weil er nicht Gott, sondern Mensch war, war sein letztes Buch, das kurz vor seinem Tode in Warschau erschienen ist, ein Buch über die Liebe: „Es war einmal eine Liebe im Getto“. Dem Buch ist ein Gedicht des gemeinsamen Freundes Wiktor Woroszylski beigegeben: „Der Arzt und Gott“. Es endet mit der Strophe:
Und beide
Der Arzt wie auch Gott
Weinen um die junge Frau
Für die alle Möglichkeiten der Rettung
Sich erschöpft hatten.
(Berlin, den 5. Oktober 2009)
Habs grad durch Zufall im Feuilleton der Berliner Zeitung gelesen. Schade für den Nachfolger der Weltbühne!
Freue mich aber ehrlich gesagt sehr auf eine online-Ausgabe! Ihr solltet einen Newsletter oder einen RSS-Feed einrichten, damit man mitbekommt, wenn es los geht.
Alles Gute!
Wenn’s auf moderne Weise via Internet weitergehen kann, soll mich’s von Herzen freuen, doch Ihr habt ja weiterhin Unkosten… – Das macht das geschenkte Abo-Geld doch nicht wett!
Dennoch zeigt sich auch hier: Die Hoffnung…, na ihr wißt schon!
Schön, daß die Stammleser und -schreiber geblieben sind!
So ist der Mensch, verehrter Günther Drommer, der Sie im letzten, hoppla, mindestens zwei Bedeutungen sind getroffen, Blättchen Ihr Wahldilemma ausbreiteten. Ich hatte im Blättchen-Forum (28.08.) ähnliche Gedanken, soweit liegen wir da nicht auseinander, aber ich kam zur genau entgegengesetzten Schlußfolgerung. Ist ja eigenartig, wer hat dies nur so eingerichtet? Diesem Phänomen begegne ich seit Jahren u. es verblüfft mich immer wieder. Spinne ich oder der, frage ich dann, löse aber das Rätsel meist mit der Erkenntnis: wohl beide. Natürlich sehe ich mit Sorge die rechtsextremen Tendenzen, glaube aber andererseits nicht, daß diese eine unmittelbare Umsturzgefahr beinhalten. Die Analogie zu 1930-33 drängt sich scheinbar auf, ist aber tatsächlich nicht vorhanden. Da ist den Manipulatoren das offizielle Geschichtsmärchen hilfreich, die Nazidiktatur sei auf den Straßen erschaffen worden. Der Naziterror war die Voraussetzung u. Begründung, die „Machtergreifung“ war ein Staatsstreich des Großbürgertums, im Staatsapparat subversiv vorbereitet u. durchgeführt. Diese Gefahr sehe ich zur Zeit nicht, von der Straße weg kann man keine Regierung stürzen u. eine neue etablieren, das gelingt sehr selten. Entweder ist der Staat schon vollständig unterwandert, wie in Deutschland, oder die Regierung ist absolut handlungsunfähig, wie in Rußland. Ich habe den nicht unbegründeten Verdacht, hier einer latenten Erpressung der etablierten Parteien ausgesetzt zu sein. Wählt uns, sonst kommt der schwarze Mann. Seht uns den Sozialabbau, die Umsetzung von Banken- u. Konzernstrategien, die vorrangige Sicherung unserer Privatinteressen mit der uns gegebenen Gesetzesgestaltung nach. Ja, wir zerstören dabei auch die sogenannte Demokratie, es geht leider nicht anders, das müßt ihr verstehen. Geht trotzdem schön brav zur Wahl, wir sorgen dafür, daß ihr nur unter unserer Wenigkeit wählen könnt, denn nicht wählen nützt den Extremen. Wir, die einen Neofeudalismus der Finanz- u. Parteienoligarchie Stück für Stück aufbauen, werfen euch anderenfalls vor, ihr zerstört mit eurer Politikverdrossenheit die Demokratie, wie 1933. Der Popanz ist mir zu offensichtlich, ich mache da nicht mit. Ich stärke die Partei der Nichtwähler, die den Wahlzettel aus Protest unmißverständlich ungültig abgibt. Vielleicht gelingt es in naher Zukunft, daraus eine Bewegung des Widerstandes gegen die Erpressung zu formen.
Schön zu lesen, daß Sie es mit einer on-line-Existenz versuchen wollen.
Und schön auch, wenn Ove Lieh seine Bereitschaft mitteilt, auch daran mitwirken zu wollen. Darf man das bei den meisten Stammautoren des Blättchens auch hoffen?
Einige wären mir z.B. durchaus wichtig.
Hoffnungsvolle Grüße und beste Wünsche,
B. Trautz
Liebe Leute,
also, daß auch ich kein Geld zurück möchte, versteht sich von selbst,
ebenso, daß ich dabei bin, wenn es mit dem Blättchen online weitergeht, soweit es meine Kraft neben dem Broterwerb erlaubt.
Aber, Sie können mit mir rechnen.
Ove Lieh
Geschätzte Freunde des Blättchens,
danke für Ihre freundlichen Worte zum nun Vergangenen unseres Daseins. Der so vielfach geäußerte Wunsch nach einer Fortführung des Blättchens in einer Online-Variante hat uns veranlaßt, diesen Versuch nun doch unternehmen zu wollen.
Bis auf weiteres geht es auf der Homepage – für Freunde der deutschen Sprache: Wohnungsseite – unter http://www.Das-Blaettchen.de weiter.
Für Januar 2010 ist ein Blättchen-online in der Verantwortung von
Wolfgang Sabath vorgesehen.
Bis dahin wird unsere bisherige Homepage ständig ergänzt.
Wir freuen uns, wenn Ihr Interesse am Blättchen auch bei dieser Erscheinungsweise erhalten bliebe – zumal Sie diese nichts kosten würde.
Danke also nochmal für Ihre Zuneigung, die wir so gut zurückgeben wollen, wie wir dies können – gewiß unvollkommen, aber unabhängig, und ganz sicher weiterhin zwischen den Stühlen sitzend….
Die Redaktion
Sehr geehrte Damen und Herren Verleger und Autoren,
nun halte ich die vorletzte Ausgabe des “Blättchen” in der Hand.
Lassen Sie mich einfach nur sagen,daß es mir unendlich schwerfällt in Zukunft auf meine Lektüre zu verzichten.
“Das Blättchen” und zuvor “Die Weltbühne”, die ich seit 1978 abonnierte, wurden mehr und mehr wichtig als notwendige Informationsergänzung im der jeweiligen medialen “Käseglocke”.
Was habe ich nun für Alternativen??
Jedenfalls danke ich Ihnen allen für Ihre schwierige und wertvolle Arbeit und wünsche Ihnen Gesundheit und Erfüllung.
Ich bin sehr traurig.
Mit freundlichen Grüßen
Jörg Schulz
Es ist immer die alten Freunde zu verlieren. Die WELTBÜHNE abonierte ich nach meine Adresse in Moskau. Und war sehr zufrieden.
Nach dem ich nach Deutschland umgesiedelete, wusste ich nicht, um das Existieren von Blättchen. Zufällig habe ich ES entdeckt. So bekam ich zurück den klugen, interessanten, vielseitigen Freund. Für einige Jahren sogar! Und schon wieder Abschied… Herzlichst wünsche ich das Wohlergehen allen Blättchenschöpfern! Aber die Hoffnung stirbt als Letzte. Die Hoffnung ist jetzt – online “Seitchen”.
Halleluja!
Na bitte, geht doch! Es ist kein Zweckoptimismus, der mich zu hoffen veranlaßt, es gibt immer eine Lösung, siehe hier. Gratulation, lieber Wolfgang Sabath, zur erfreulichen Mehrarbeit ohne Lohn, aber es muß sein, Sie verstehen das sicherlich. Nun können wir Schritt für Schritt gemeinsam (?) die Rückzugsposition befestigen u. Voraussetzungen zum Angriff schaffen. Ich frage nach „gemeinsam“, warum wollt Ihr immer alles allein tragen, das schafft Ihr nicht, das bisherige Geschehen zeigt es. Der mannhafte Einzelkämpferfeldzug der Vergangenheit, auch wenn Ihr derer dreien ward, engt naturgemäß die Flexibilität ein u. kann nicht gewonnen werden.
Nun, der erste Schritt ist getan, Blättchen-online wird weiterleben. Kann mir aber denken, auch nicht so ganz ohne Kosten, wie alles, wie ich als Ökonom erfahren mußte. Also, müssen die Kostenquellen neu erschlossen u. künftige Strukturen angelegt werden. Meine Vorschläge gehen in folgende Richtungen, die sicher ausbaufähig wären:
1. Öffnung des „Freundeskreises der Weltbühne/des Blättchens“, ordentliche Gründung, wenn nicht schon vorhanden, Gewinnung der Leser dafür
2. Mitgliedsbeitrag in Höhe des bisherigen Abonnements für das Blättchen, vielleicht auch höher, wenn es die Kalkulation erfordert
3. Begleichung der laufenden Kosten des Blättchen-online daraus u. Begleichung eventuell vorhandener Verbindlichkeiten aus den Überschüssen
4. Gründung einer Stiftung der „Freunde der Weltbühne/des Blättchens“, Schaffung eines Fonds zur Wiederherausgabe des Blättchens, gespeist von den Beiträgen u. Spenden
So müßte es doch gehen, mein Obulus ist hiermit versprochen, mögen andere folgen, ich bin gespannt.
Liebe Herausgeber, Redaktion und Autoren,
vielen Dank für die fast zwölf Jahrgänge des “Blättchens”.
Ich hatte das Blättchen, seit 1963 in all den Jahren abonniert und natürlich auch mit Interesse gelesen, in denen es herausgekommen ist. Die meisten Hefte habe ich noch. Ich habe es gern gelesen und es hat mir geholfen, die Welt ein wenig besser zu verstehen.
Auf die Rückerstattung der restlichen Abo-Gebühren verzichte ich natürlich.
Ich würde mich freuen, wenn “Das Blättchen” wieder erscheinen könnte und werde natürlich die Internetausgabe zwischenzeitlich nutzen. Eine Preiserhöhung würde mich nicht schrecken, damit Kosten und Aufwand auch ausgeglichen werden.
Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für die Zukunft aller bisher Beteiligten.
Steffen Spenke
Liebe Freunde und Leser!
Das wird nun nach zwölf Jahren freudvollen Tuns von Autoren, Lesern, Redaktion und Verlag die letzte Printausgabe sein, die Marktgesetze konnten nicht einmal wir außer Kraft setzen … Wir hoffen sehr, daß Sie unser Heft immer
mit Gewinn lasen und Sie demzufolge seine Einstellung zumindest so bedauern wie wir selbst.
Doch neigen wir nicht zum Trübsalblasen, man kann nicht alles haben, und man kann die zwölf »Blättchen«-Jahre auch so sehen, wie es unser Autor Henryk Goldberg, Erfurt, tat, der die Nachricht vom Hinscheiden des geliebten Periodikums per E-Mail folgendermaßen kommentierte:
In diesem Sinne bedanken wir uns für Ihre andauernde und gelegentlich heftige
Zuneigung und dauerhafte Mitarbeit, ohne die wir nichts und nicht gewesen wären, was wir waren: ein rotes Heft zwischen den Stühlen.
Heinz Jakubowski, Wolfgang Sabath, Jörn Schütrumpf
Liebe Kollegen,
vielen Dank für fast zwölf Jahrgänge des “Blättchens”. Ich habe alle Hefte aufgehoben. In ihnen stecken starkes Engagement, viel Mühe und Sorgfalt von Autoren und Redakteuren. Ich kann das beurteilen.
Hiermit verzichte ich auf Rückerstattung der Abo-Gebühren für den Rest des Jahres.
Freundlich grüßt
Eckart Spoo