20. Jahrgang | Nummer 23 | 6. November 2017

Baltischer Dreiklang – Riga

von Alfons Markuske

Riga erlangte bleibend traurige Berühmtheit dadurch, dass die Deutschen gleich nach ihrem Überfall 1941 dort ein Ghetto einrichteten, in das sie 30.000 Juden aus der Stadt und ihrer Umgebung pferchten, und im Wald von Rumbula im gleichnamigen Rigaer Stadtteil Massenmorde begingen. Denen fielen schon 1941, an nur drei Tagen im November, etwa 26.000 Menschen durch Erschießungen zum Opfer. Den ausführenden deutschen SS-Einheiten ging dabei unter anderem – wie auch bei späteren Mordaktionen – eine einheimische Hilfstruppe, das sogenannte Kommando Arājs, zur Hand. Dessen Kommandeur, Viktors Arājs, konnte nach Kriegsende bis in die 70er Jahre unbehelligt in der Bundesrepublik leben.
Und in Rumbula wurde nach Jahrzehnten obrigkeitsseitig verordneten Vergessens und mancher Provisorien danach im Jahre 2002 doch noch eine Holocaust-Gedenkstätte eröffnet.

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Am Tag, für den wir eine Stadtführung in Riga gebucht hatten, schüttete es wie aus Eimern, und schon nach kurzer Zeit machte sich unangenehme Feuchte auch im Schuhwerk breit. Nichts half– der Rundgang musste in ein Café über dem Wasserspiegel verlegt werden und nahm seinen vorgesehenen Verlauf dann auf einem ausgebreiteten Stadtplan.
Glück im Pech: Rigas historischer Stadtkern ist recht überschaubar, und wir waren am Vortag früh genug eingetroffen, um – eingedenk der Wettervorhersage (Es gibt für moderne Kommunikations-Gadgets sehr wohl die eine oder andere sinnvolle Verwendung!) – den touristischen Parcours schon einmal eigenständig abzuschreiten. Im Wesentlichen trockenen Fußes.
Unser Hotel war so gelegen, dass besonders reizvolle Besichtigungsobjekte quasi vor der Haustür lagen. Im Falle Rigas war das die Alberta iela (Albertstraße), benannt nach dem Stadtgründer Bischof Albert und heute die Jugendstilperle der lettischen Hauptstadt.
In Riga waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts die wohlhabenden Kreise zahlreich, und sie waren finanziell in der Lage, à la mode zu bauen, respektive bauen zu lassen. Als der Jugendstil sich verbreitete und seiner Blüte zustrebte, fand er in Riga eine nachhaltige Gefolgschaft. Das Ergebnis ist noch heute in Gestalt von 800 Häusern mehr oder weniger deutlich präsent und an nicht wenigen davon zu bewundern, so man die ganze Stilrichtung nicht als bloß kunsthandwerklich, mit spürbarer Schnittmenge zum Edelkitsch abtut.
Die Alberta iela ist keine 200 Meter lang, reiht aber eine sorgsam restaurierte Stilikone an die andere – darunter mit den Hausnummern 2, 2a, 4, 6 und 8 gleich fünf in besonders opulenter Ausprägung von Bauingenieur und Architekt Michail Eisenstein.
Der jüdische Deutsch-Balte (1867–1920), der zum russisch-orthodoxen Glauben konvertiert war, was einer Karriere im zaristischen Russland – Eisenstein brachte es bis zum Titel „Wirklicher Staatsrat“ – gewiss nicht im Wege stand, hat in Riga insgesamt 28 Häuser gebaut. Sein Prunkstück steht nur wenige Fußminuten von der Alberta iela entfernt – in der Elizabetes iela (Elisabethstraße), das Haus mit der Nummer 10b. Zu weit größerem Ruhm als die Bauten des Vaters allerdings, der nur 54-jährig in Berlin verstarb und dessen Grabstätte sich auf dem Friedhof der Russisch-Orthodoxen Gemeinde Berlin-Tegel befindet, brachte es ein Werk seines Sohnes Sergej: „Panzerkreuzer Potjomkin“.
Auf unserem eigenständigen Rundgang entdeckten wir anschließend unter anderem:

  • das Schwarzhäupterhaus: Die Schwarzhäupter waren eine Bruderschaft junger lediger Kaufleute in diversen Hansestädten, die, da noch unverehelicht, zu den Gilden keinen Zutritt hatten. Das Haus gotischen Stils – es diente als Ort für Zusammenkünfte – wurde 1334 erstmals urkundlich erwähnt und weist eine Firsthöhe von stattlichen 27 Metern auf. Seine Giebelfassade wurde später nach dem Vorbild holländisch-flämischer Zunfthäuser mit Skulpturen und Reliefs reich verziert. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört – die Überreste wurden 1948 gesprengt –, zählt es nach dem Wiederaufbau von 1993 bis 1999 erneut zu Rigas Attraktionen.
  • die 1209 erstmals erwähnte Petrikirche unweit des Schwarzhäupterhauses: Diese große dreischiffige Backstein-Basilika war im Mittelalter die Pfarrkirche Rigas. Später wurde sie zum Zankapfel zwischen der Bürgerschaft und den Erzbischöfen um die Machtausübung in der Stadt. Das hatte Folgen. Ein zu Beginn des 15. Jahrhunderts begonnener Umbau musste aus politischen Gründen bis 1456 auf Eis gelegt werden. Erst 1473 war die Umgestaltung des Altarraums vollendet und die Errichtung des Turms gar erst 1491. Gleich zu Beginn des deutschen Überfalls im Zweiten Weltkrieg brannte die Kirche durch deutschen Artilleriebeschuss aus, und der Turm stürzte ein. Der Wiederaufbau begann 1973.
  • das im Stile einer mittelalterlichen Festung errichtete Katzenhaus: Sein Bau im Jahre 1909 soll folgenden Hintergrund gehabt haben: Ein begüterter Kaufmann war nicht in die Große Gilde der Kaufleute aufgenommen worden. Darüber geriet er in Zorn und ließ dieses prachtvolle Gebäude errichten – mit zwei aus Kupfer gegossenen, auf Turmspitzen hockenden Katzen; beide mit Buckel, aufgestelltem Schwanz und der Großen Gilde zugewandtem Allerwertesten. Das kam einer Blasphemie gleich …

Auch den altehrwürdigen Backsteindom Rigas – die größte Kirche des Baltikums, deren Grundstein einer nicht unumstrittenen Urkunde zufolge am 25. Juli 1211 gelegt worden sein soll, um einen zuvor niedergebrannten Holzbau zu ersetzen – umrundeten wir, ohne ihn jedoch zu betreten. Obzwar Atheisten, wollten wir einen laufenden Gottesdienst durch profanes Umherstreifen denn doch nicht stören.
Bei unserem Stadtrundgang im Café erfuhren wir, dass im Dom an diesem Tage um 12.00 Uhr ein halbstündiges Orgelkonzert stattfände. Man sollte rechtzeitig erscheinen, denn ein Obolus sei zu entrichten und der touristische Andrang in der Regel erheblich.
Davon sollten uns nun auch die geöffneten Himmelsschleusen nicht abhalten, zumal man ja ein Taxi ordern … Nein, konnte man nicht – weil: so lange Wartezeit, dass das Konzert inzwischen vorüber gewesen wäre. Also marschierten wir unverdrossen in den Regen. Und wurden vollauf (auch für das erst Tage später wieder wirklich trockene Schuhwerk) entschädigt: Das Konzert begann mit jener wuchtig-erhabenen und gewaltig erhebenden Toccata und Fuge in D-Moll BWV 565, von der manche Schlaulinge meinen, sie wäre das bekannteste von Bachs Werken, das er nicht selbst komponiert hätte. Toccata und Fuge ertönten in besonders vollem Diskant, was zum einen an der hervorragenden Akustik des Domes lag und zum anderen an der klanggewaltigen Orgel der deutschen Firma E. F. Walcker, Ludwigsburg, aus dem Jahre 1884. Sie sollte, worauf ihre Auftraggeber Wert legten, zur Zeit ihres Einbaus die größte der Welt sein, weswegen man die Firma Walcker beauftragte. Die hatte die bis dato größte für eine New Yorker Kirche gebaut. Der Rekord hatte zwar nur zwei Jahre Bestand, nicht so jedoch der Klang!
Der Konzertschluss um 12.30 Uhr fiel auf einen Zeitpunkt, zu dem der auf pawlowsche Weise konditionierte Deutsche in seinem üblichen Tagesablauf eine der Hauptmahlzeiten erwartet. Das lässt sich am Rigaer Dom selbst bei Starkregen gut bewältigen, denn in einem Gässchen direkt neben dem Trumm logiert eine Filiale der Bistro-Kette „Lido“, in der sich von einem reichlichen Buffet sehr wohlschmeckende einheimische Gerichte verzehren lassen. Und wem danach noch nach Kaffee und Süßkram ist – wenige Meter neben „Lido“ findet der die Bäckerei „Rigensis“ mit großem Café-Bereich. Auch dort hat der Gast die Qual der Wahl …

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Welche Besonderheiten Rigas wären noch erwähnenswert?
Vielleicht – dass es mit Nils Ušakovs einen Bürgermeister hat, der der russischen Minderheit entstammt und bereits zum dritten Mal wiedergewählt wurde.
Vielleicht – dass Skandale vom Ausmaß unseres hauptstädtischen Nichtflughafens BER kein deutsches Privileg sind: Riga hat sich in 14-jähriger, an Pleiten, Pech, Pannen und Korruptionsaffären überreicher Bauzeit eine Nationalbibliothek gegeben, deren Baukosten sich auf aberwitzige 300 Millionen Euro summierten. (Das Land hat auf seinen knapp 65.000 Quadratkilometern nicht einmal zwei Millionen Einwohner.)

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Wir verließen die lettische Hauptstadt zu einem Abstecher auf die Kurische Nehrung mit anschließender Weiterfahrt nach Litauen, unserem letzten Reiseziel.

Wird fortgesetzt.